Drei Monate Aufstand

Ein anarchistisches Kollektiv in Hongkong bewertet die Erfolge und Grenzen der Revolte

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i n t e r v j u o

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Tres meses de insurrección

Un colectivo anarquista de Hong Kong evalúa los logros y los límites de la revuelta

Three Months of Insurrection

An Anarchist Collective in Hong Kong Appraises the Achievements and Limits of the Revolt

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無政府主義群體檢討運動中的成就和局限


Timeline + Interview

In der folgenden Zeitleiste und dem nachfolgenden Interview gibt ein anarchistisches Kollektiv in Hongkong einen umfangreichen Überblick über den monatelangen Aufstand. Es sichtet seine Erfolge, steckt seine Grenzen ab, feiert die inspirierenden Momente gegenseitiger Hilfe und kritisiert die bisherigen Wege, die über den Rahmen hinauszugehen und die auf dem Appell an die Autoritäten und der Empörung der Bürger beruhen. Dies ist eine Fortsetzung des Interviews, das wir im Juni mit derselben Gruppe veröffentlicht haben.

Der Kampf in Hongkong hat sich auf internationaler Ebene polarisiert. Einige Verschwörungstheoretiker sind entschlossen, jede Form von Protest gegen die chinesische Regierung lediglich als Machenschaften des US-Außenministeriums zu verstehen, so als ob es für Demonstranten unmöglich wäre, ihre eigene Agenda jenseits der staatlichen Aufsicht zu entfalten. Andere feuern die Bewegung an, ohne sich um die nationalistischen und neoliberalen Mythen zu kümmern, die immer noch in ihr herrschen.

Die Ereignisse in Hongkong zeigen, wie eine Bewegung die Legitimität einer Regierung und ihrer Gesetze und Polizisten aktiv ablehnen kann, während sie aber weiterhin ein naives Vertrauen in andere Regierungen, andere Gesetze und andere Polizisten hat. Solange dieser Glaube in irgendeiner Form erhalten bleibt, muss sich der Zyklus wiederholen. Die letzten Monate des Aufstands in Hongkong können uns jedoch helfen, uns vorzustellen, wie ein weltweiter Kampf gegen alle Formen des Kapitalismus, des Nationalismus und des Staates aussehen könnte – und uns dabei helfen, die Hindernisse zu identifizieren, die für die Entstehung eines solchen Kampfes noch bestehen.

Graffiti an der Wand des Hauptsitzes der Bank of China im Zentrum von Hongkong. 
Aus einer Reihe von Fotos von kjbb, ttbb, hybb von tclc.

Zeitleiste der Ereignisse

Eine detailliertere Zeitleiste finden Sie hier. Wenn Sie bereits mit den Ereignissen der letzten drei Monate vertraut sind, fahren Sie direkt mit dem folgenden Interview fort.

Juni 2019

Im Frühjahr 2019 legte die Regierung von Hongkong einen Gesetzentwurf vor, der die Auslieferung von Menschen aus Hongkong in andere Länder, einschließlich des chinesischen Festlandes, ermöglicht.

Am 9. Juni fand eine massive friedliche Demonstration gegen das Auslieferungsgesetz statt, an der Millionen von Menschen teilnahmen. In der folgenden Woche schlugen einige Leute im Online-Forum LIHKG vor, dass die Bewegung wirtschaftliche Protesttaktiken anwenden sollte – zum Beispiel den umfassenden Abzug von Bargeld von Sparkonten und Generalstreiks. Dies wurde erst viel später im sichtbaren Maßstab verwirklicht.

Am 12. Juni, als im Legislativrat eine Sitzung zum Auslieferungsgesetz geplant war, stießen Demonstranten und Polizei am Regierungshauptquartier und dem CITIC Tower zusammen. Die Sitzung wurde vertagt. Die Polizei feuerte über 150 Tränengaskanister und Gummigeschosse auf Demonstranten ab und verletzte viele Menschen. Sie verhafteten fünf Personen und beschuldigten sie des Aufruhrs.

Obwohl die Regierung am 15. Juni bekannt gab, dass das Auslieferungsgesetz ausgesetzt werden soll, kam einen Tag später ein Demonstrant ums Leben. In seinem letzten Willen forderte er die „vollständige Rücknahme des Auslieferungsgesetzes, die Rücknahme der Anklage wegen Aufruhrs, die bedingungslose Freilassung verletzter Studenten; den Rücktritt von Carrie Lam.“ Von diesem Zeitpunkt an zählten die meisten seiner Forderungen zu denen des Kampfes. Am folgenden Tag, dem 16. Juni, nahmen zwei Millionen Menschen an Straßenprotesten teil.

Ende Juni bis 1. Juli

Am 21. Juni begannen die Demonstranten mit den ersten Guerilla-Aktionen, indem sie vom Regierungssitz zum Polizeipräsidium, zum Revenue Tower und zum Immigration Tower im angrenzenden Distrikt zogen, die Eingänge blockierten und die jeweiligen Departements vorübergehend schlossen. Einige gingen am nächsten Tag, dem 22. Juni, zum Revenue Tower zurück, um sich bei den Angestellten für die Unannehmlichkeiten zu entschuldigen.

Eine globale Crowdfundingwerbekampagne, in der die Staats- und Regierungschefs der G20 aufgefordert wurden, am 26. Juni auf die Hongkong-Krise zu reagieren, hatte keine erkennbaren Erfolge. Zwei weitere Demonstranten begingen Ende des Monats Selbstmord. Die Verzweiflung nahm zu und führte bei vielen zu dem Vorhaben, den Kampf am kommenden 1. Juli als eine „Endgame“ – Situation zu betrachten.

An diesem Tag, dem 1. Juli, stürmten Demonstranten das Gebäude des Legislative Council (LegCo). Einige pazifistische Demonstranten äußerten privat Bedenken hinsichtlich dieser Aktion, entschieden sich jedoch letztendlich dafür, diejenigen, die sich daran beteiligten, nicht zu verurteilen. Vier Demonstranten, die in die Ratskammern eindrangen, weigerten sich, als die Bereitschaftspolizei eintraf, den Ort zu verlassen. Ein Dutzend Demonstranten eilten zurück, um sie zu „retten“. Von diesem Zeitpunkt an gab es „keine Spaltung“ der Resolutionen nach Fraktionen (不 割 蓆) mehr und man wollte „gemeinsam kommen (zur Demonstration kommen) und gehen (um der Bereitschaftspolizei zu entkommen)“ (齊 上 齊 落). Das wurde als kollektives Ethos des Kampfes anerkannt.

Graffiti-Spruch: „Die Revolution wird einer noch schöneren Form der Liebe Platz machen.“ Aus einer Reihe von Fotos von kjbb, ttbb, hybb von tclc.

Anfang Juli: Der Konflikt breitet sich aus

Während der Umbrella-Bewegung von 2014 hatten Demonstranten den Lennon-Wall erfunden. Das ist ein spontanes und nicht autorisiertes öffentliches Schwarzes Brett, mit dem „gewissenhafte Bürger […] friedlich bei der Regierung um Wiedergutmachung bitten“ können. Im Juni 2019 hatte dieses Modell seine streng pazifistischen Ursprünge überschritten, um die Funktionen der Informationsverbreitung und der Koordinierung der Strategie zu übernehmen. Am 30. Juni zerstörte die Polizei die Lennon-Mauer, die Demonstranten im Regierungssitz errichtet hatten. Als Reaktion darauf tauchten Lennon Walls in allen wichtigen Bezirken auf, die rund um die Uhr besetzt und bewacht waren.

Obwohl am 1. Juli niemand festgenommen wurde, befürchteten viele Menschen, dass es später zu Repressalien der Polizei kommen würde. Einige flohen in andere Länder. Die Situation zwang alle im Kampf, sich auswendig zu merken, was sie sagen – und nicht sagen sollten -, wenn sie von der Polizei festgenommen wurden. Der Satz „Ich habe das Recht zu schweigen“ (我 冇 野 講) wurde zu einem beliebten Mem, und die Wiederholung dieses Mantras wurde verwendet, um Beiträge im LIHKG-Forum zu korrigieren.

Am 7. Juli fand die erste Kundgebung außerhalb der Gebiete des Hauptprotestes von Hongkong Island statt. Slogans und Flugblätter richteten sich an die Touristen auf dem Festland, die das Gebiet frequentierten. Die Proteste breiteten sich in den folgenden Wochen auf eine Vielzahl anderer Distrikte aus, insbesondere am 14. Juli auf Shatin. Menschen aus der Nachbarschaft zeigten ihre Unterstützung, indem sie den Demonstranten Schwimmbretter aus den Fenstern warfen, um sie als Schutzschilde zu verwenden, und sie beschimpften die Polizei, wenn sie ihre Wohnsiedlungen betraten. Die Polizei stürmte zum ersten Mal ein Einkaufszentrum und ließ den Boden der Shatin New Town Mall blutig zurück. Der Zug nach Shatin wurde auf Befehl der Polizei aufgelöst, und es bildeten sich daraufhin Fahrgemeinschaften, um die Flucht der Demonstranten zu erleichtern.

Am 17. Juli, nach einigen schweren Zusammenstößen, marschierten Tausende von Senioren, um den jungen Demonstranten ihre Solidarität zu zeigen, und erklärten, sie seien keine konservativen Gauner wie so viele ihrer apathischen und unpolitischen Generation, die junge Leute „wertlosen Abfall“ nennen.

21. Juli

Bei einem Marsch zum Liaison Office Of The Central People’s Government – dem offiziellen PR-Outlet der Kommunistischen Partei Chinas in Hongkong – wurde das nationale Emblem Chinas mit einer dicken Schicht Tinte beschmiert. Zum ersten Mal sangen die Menschen massenhaft den Slogan „Hongkong wird in die Ära der Revolution zurückversetzt“ (光復 香港 時代 革命). Die Polizei feuerte ohne vorherige Ankündigung Tränengas, Gummigeschosse und Schwammgranaten [1] ab.

Gleichzeitig griffen die mit weißem Hemd bekleideten Triaden [2] am Bahnhof Yuen Long den Demonstrationszug und Zivilisten an. Einige glauben, dass der pro-pekinger Legislativrat Junius Ho hinter diesem Angriff steckt. Die Angriffe fanden mit Unterstützung der Polizei statt, indem sie untätig daneben standen. Nur wenige der Täter wurden festgenommen und keiner angeklagt. Dieser Vorfall erregte große Wut in der Bevölkerung gegen die Polizei.

Graffiti-Schrift: „Am Anfang gab es keine Polizei.“ Aus einer Reihe von Fotos von kjbb, ttbb, hybb von tclc.

Ende Juli bis Anfang August: Escalation

Zum ersten Mal in der öffentlichen Wahrnehmung weigerte sich die Polizei, eine Genehmigung für die Demonstration zu erteilen, die am 27. Juli, eine Woche nach der Triadenattacke, in Yuen Long stattfinden sollte. Trotzdem gingen Tausende trotzig auf die Straße. Das Demonstrieren ohne Erlaubnis ist seitdem zur Norm geworden. Zwischen den Demonstranten kam es zu einem Missverständnis bezüglich der „vereinbarten“ Abmarschzeit, was zu langen Diskussionen und Aufrufen in der LIHKG für eine bessere Kommunikation zwischen den Frontlinien und ihren Partisanengruppierungen führte.

Am 28. Juli wurden 49 Demonstranten festgenommen. Die meisten wurden wegen Aufruhrs angeklagt. Von diesem Tag an bis Anfang August wurden die Proteste spontaner und kurzlebiger. Die Demonstranten fuhren mit der Hongkonger U-Bahn MTR (Mass Transit Railway) zu verschiedenen Stationen und wandten sich hauptsächlich den Polizeistationen zu. Zum ersten Mal schleuderten Menschen Molotows und Ziegel gegen sie und benutzten Schleudern. Immer mehr Leute aus der Nachbarschaft kamen heraus, um den Kampf zu unterstützen. Sie beschimpften die Polizei und schickten sie zurück in ihre Quartiere. Die Polizei setzte wiederholt Tränengas in Wohngebieten und auch in der Nähe von Altersheimen ein.

Am 3. August blockierten Menschen den Cross-Harbour-Tunnel. Am 5. August entführte eine Gruppe männlicher Offiziere eine Demonstrantin in Tin Shui Wai, zogen absichtlich ihren Rock hoch und entblößten sie. Zur gleichen Zeit kursierten auch Berichte über sexuelle Übergriffe auf den Polizeistationen.

Am 5. August nahmen Tausende in verschiedenen Distrikten an einem „Generalstreik“ teil. Am frühen Morgen blockierten die Leute die Waggontüren der MTR und hielten fast jede Linie der MTR an. (Dies wurde am 30. Juli „einstudiert“, als eine Station am frühen Morgen geschlossen wurde, gefolgt von kurzen und regelmäßigen Blockierungen am Nachmittag an verschiedenen wichtigen Umsteigebahnhöfen auf der Insel Hongkong.) In vielen Distrikten kam es tagsüber zu Zusammenstößen bei Polizei Stationen. In der Nacht griffen regierungsnahe Banden in blauen oder weißen Hemden Demonstranten mit Eisenstangen und Messern an.

Graffiti mit der Aufschrift „Generalstreik, 5. August“ Aus einer Reihe von Fotos von kjbb, ttbb, hybb von tclc.

Mitte August: Auge um Auge

Als die Polizei einen jungen Mann verhaftete, weil er 10 Laserpointer bei sich hatte, die sie als gefährliche Waffen ansahen, wurde am 7. September von Leuten am Hongkong-Space Museum, das am Hafen liegt, mit Laserpointer eine eigene Harbor-front light show inszeniert. Am selben Tag wurde von einer Gruppe Demonstranten auch eine Pressekonferenz zu den Aktionen als Gegenstück zu denn täglichen Pressekonferenzen der Polizei abgehalten.

Am Wochenende des 10. August gab es in mehreren Distrikten Flash Mob Blockaden und am 11 August zogen Demonstranten von Sham shui Po nach Tsim Sha Sui, wo einer Ersthelferin durch Polizeiagenten das rechte Auge zerstört wurde, als sie ihre Beanbag rounds abschossen. „Auge um Auge“ wurde zum verbreiteten Slogan, und die „Eye for Hong Kong Campaign“, die der bekannte Schauspieler Kim Ui-Seong initiierte, ging im späten August um die Welt.

In Erinnerung an die Frau, die ihr Auge bei Demonstrationen verloren hat. Die dazu gehörigen Hashtags: „Blastet out a girls eye“, „Hong Kong awakening“, „It’s only a beanbag round“, und „Being a good person brings peace to the world“. Der erste Slogan bezieht sich auf die Erblindung der Demonstrantin durch die Hong Kong Police Forces. Der zweite ist ein allgemeiner Slogan der Bewegung. Der dritte Slogan ist ein Zitat von der Pressekonferenz des Polizeichefs und der vierte Carrie Lam, die Exekutivchefin, im Originalton als die Bewegung ihren Anfang nahm und sie das geplante Gesetz rechtfertigte.

Am selben Tag feuerte die Polizei Tränengas in einem geschlossenen Raum der Kwai Fong Station ab und schoss auf Demonstranten aus nächster Nähe, wobei sie einige auf einer bereits überfüllten Rolltreppe an der Tai Koo Station hinunterstieß. Als Demonstranten verkleidete, verdeckte Polizisten verhafteten Demonstranten ohne vorherige Ankündigung, was zu gegenseitigem Misstrauen beitrug.

Den Tag darauf, am 12. August, versammelten sich Tausende am Flughafen, um die Polizeibrutalitäten anzuprangern. Sie verursachten dadurch, dass hunderte Abflüge nicht stattfinden konnten. Den Nachmittag über verbreitete sich Unruhe, dass Einheiten der Riots in Anmarsch wären. So verließen viele schon vor sechs Uhr abends die Versammlung. Verärgert darüber, dass man getäuscht wurde, kamen Demonstranten am 13. August zum Flughafen zurück und hinderten die Passagiere aktiv am Boarding. Die Atmosphäre der Spannung verdichtete sich gegen Abend, als Demonstranten zwei als Protestteilnehmer getarnte Personen identifizierte – der eine entpuppte sich als Sicherheitsoffizier vom Festland, der andere als Journalist von Global Times, einer Zeitung, die enge Verbindung mit der Sicherheitsverwaltung auf dem Festland hat. Beide wurden von Demonstranten gefesselt und geschlagen. Über den Vorfall wurde weidlich auf dem Festland berichtet und stärkte die Opposition gegen die Bewegung. Danach kam es unter den Demonstranten zu Streitigkeiten über die Behandlung von Infiltrierten, die am 14. August zu einer öffentlichen Demonstration der Reue führten. Trotz der Meinungsverschiedenheiten blieb ein Gefühl der „Einheit“ bestehen, eine Einheit, von der die Demonstranten schworen, dass sie eine nukleare Explosion überleben würde (核爆 都唔 割) ).

Unleserlich gemachte MTR-Ticketautomaten. Aus einer Reihe von Fotos von kjbb, ttbb, hybb von tclc.

Ende August

Millionen friedliche Teilnehmer zählte die Demonstration vom 18. August, obwohl es heftig regnete. Am 23. August gab es quer durch die Stadt „Hong Kong Way-Aktionen“. Flugpersonal und Führungskräfte der Cathay Pacific Union, welche die Blockaden unterstützten oder in den Sozialen Medien Sympathie mit der Bewegung zeigten, wurden auf Druck von Beijing hin gefeuert. Es gibt mannigfaltige Berichte darüber, dass Verhaftete grausam geschlagen, sexuell missbraucht und auch vergewaltigt wurden. Am 28. August fand ein #ProtestToo-Treffen gegen sexuelle Gewalt statt.

Am 24. August schloss die MTR mehrere Bahnhöfe und stellte den Zugverkehr in den entsprechenden Bezirken unmittelbar vor einer Demonstration in Kwun Tong ein. Von diesem Tag an bezeichneten die Demonstranten die MTR als „Partyzug“ (黨 鐵); es wurde ein Ziel des Vandalismus. Bei dem Kwun Tong-Protest stellten die Demonstranten die sogenannten „fünf Forderungen“ vor: die vollständige Rücknahme des Gesetzes, die Aufhebung der Anklage wegen „Aufruhrs“, die bedingungslose Freilassung aller Festgenommenen, die Einleitung einer unabhängigen Untersuchung der Verbrechen der Polizei und allgemeines Wahlrecht. Einige reduzieren auch die im Distrikt installierten „intelligenten Laternenpfähle“, die mit RFID ausgestattet sind und mit Gesichtserkennungstechnologie aufgerüstet werden sollen. Sie sägten die Pfosten ab, zerlegten die Schaltkreise und identifizierten den Ort der Herstellung der Komponenten.

Am 24. August schloss die Mass Transit Railway (MTR) etliche Stationen in den von der unmittelbar bevorstehenden Demonstration in Kwun Tong tangierten Distrikten. Von diesem Tag an wurde die MTR für Demonstranten zum „Partei Zug“ (黨鐵) und wurde zum Ziel der Randale.

Bei dem Kwun Tong-Protest stellten die Demonstranten die sogenannten „fünf Forderungen“ vor: die vollständige Rücknahme des Gesetzes, die Aufhebung der Anklage wegen „Aufruhrs“, die bedingungslose Freilassung aller Festgenommenen, die Einleitung einer unabhängigen Untersuchung der Verbrechen der Polizei und allgemeines Wahlrecht. Einige zerstörten auch die im Distrikt installierten „intelligenten Laternenpfähle“, die mit RFID ausgestattet sind und mit Gesichtserkennungstechnologie aufgerüstet werden sollen. Sie sägten die Pfosten ab, zerlegten die Schaltkreise und stellten fest, wo die Komponenten hergestellt wurden.

Am 31. August gingen trotz der Verhaftung hochkarätiger Aktivisten und Ratsmitglieder immer noch Tausende auf die Straße. Wasserwerfer waren am 25. August zum ersten Mal getestet worden; ab jetzt waren sie in vollem Einsatz, um die Menge mit Flüssigkeit aus blauem Pfeffer zu übergießen. Demonstranten zündeten Straßensperren rund um das Polizeipräsidium an; sie identifizierten und umzingelten auch einen verdeckten Polizisten.

Etwas später knüppelte und besprühte die Polizei mit Pfefferspray in einem Zugabteil wahllos Demonstranten und Pendler. Dabei wurden sieben Personen ernsthaft verletzt. Schließlich wurden noch drei Leute vermisst; einige glauben, dass sie von der Polizei ermordet wurden. Auf die Forderung der Bevölkerung nach Veröffentlichung des CCTV-Filmmaterials wurde nicht reagiert. Danach erreichte der Unmut gegen die Polizei und die MTR neue Höhen, und es wurden auch verschiedene Praktiken zum Schwarzfahren weitergegeben.

Polizei benutzt Wasserwerfer, die eine Flüssigkeit mit blauem Pfeffer auf Demonstranten sprühen.

Anfang September

Am 1. September versammeln sich tausende Demonstranten am Busbahnhof und der Hauptstraße zum Bahnhof hin. Das Flughafengebäude selbst ist gesperrt, da das Oberste Gericht nach den Flughafenblockaden eine einstweilige Verfügung gegen Demonstranten erlassen hat. Diese Aktion lähmte den Verkehr zum Flughafen den ganzen Nachmittag über. Universitäten und Schüler der Sekundarstufe traten am 2. September in den Streik. Viele wurden vor ihren Schulen schon von Polizisten und Unterstützern der Regierung attackiert. Studenten und Schüler bildeten während der Woche in verschiedenen Distrikten zwischen ihren Schulen Menschenketten.

Schließlich kündigte die Regierungsvorsitzende am 4. September den Rückzug des Auslieferungsgesetzes an – ein Prozess, der nach dem Ende der parlamentarischen Pause im Oktober beginnen wird. Dennoch besteht die Bewegung weiterhin darauf, dass die Regierung alle fünf Forderungen erfüllen muss. Zum jetzigen Zeitpunkt hält der Vandalismus in MTR-Stationen an, zusammen mit Anfragen zum Verbleib der „Verschwundenen“ und Forderungen nach der Veröffentlichung des CCTV-Filmmaterials ab dem 31. August.

Schablonen-Graffiti an einer Wand auf der Insel Hongkong: „Vier Forderungen bleiben unbeantwortet.“ Aus einer Reihe von Fotos von kjbb, ttbb, hybb von tclc.

Interview

Dieses Interview führten wir mit einem anarchistischen Kollektiv, das sich aktiv an den Kämpfen der letzten 15 Wochen beteiligte. Obwohl sie große Mengen an Tränengas einatmeten, gaben sie auf die folgenden Fragen Antwort. Die Antworten sind das Ergebnis vieler durchwachter Nächte, die mit Selbstbeobachtung und Rückerinnerung verbracht wurden. Jedes Mitglied des Kollektivs half den anderen, die Lücken in ihrem überanstrengten Gedächtnis zu füllen.

Auf welcher Programmatik basiert die Bewegung? Was ließ sie eskalieren, was verbreitete sie, und was lässt sie überleben?

Der „Höhepunkt“ wurde wahrscheinlich am 5. August erreicht, am Tag des ersten vorgeschlagenen „Generalstreiks“. Obwohl es sich im technischen Sinne nicht um einen Generalstreik handelt, wurde ein Großteil der Stadt für einen ganzen Tag geschlossen. In vielerlei Hinsicht war es ein bedeutsames Ereignis, sowohl in seiner Größenordnung als auch, weil es das erste Mal war, dass auch die Arbeiter außerhalb einer Gewerkschaft zum Streik aus politischen (und, nicht nur wirtschaftlichen) Gründen aufgerufen wurden.

Gleichzeitig führten die Ereignisse dieses Tages trotz der Tatsache, dass Polizeistationen umzingelt waren – und in bestimmten Fällen fortgesetzten Angriffen ausgesetzt, in Brand gesteckt oder sogar zerstört wurden – zu kaum greifbaren Ergebnissen, und der Staat schwieg. Niemand hätte ahnen können, dass der Tag so erfolgreich verlaufen würde. Die Rache der Bevölkerung an der Polizei nahm ungeahnte Formen in der ganzen Stadt an. Die Leute fühlten sich so, als hätten sie alles getan, die Regierung zur Reaktion zu zwingen. Am Abend aber begann die Euphorie sich in Frustration zu verwandeln.

Die Wut auf die Polizei war einer der Hauptfaktoren, welche die Bewegung seitdem vorangetrieben haben.

Ein Großteil der Bewegung sollte sich der uneingeschränkten Brutalität der Polizei von Hongkong bewusst werden. Die Brutalität wurde von Tag zu Tag größer und mit jedem Tag, der verging, erhielt sie einen Freibrief, der sie verhätschelte. Diese Polizei hat sich nach den Unruhen der späten 1960er-Jahre und nach jahrzehntelanger Korruption die Mühe gemacht, dem Anspruch gerecht zu werden, „Asiens Beste“ zu sein.

Sicherlich war für viele der Verlust die Illusion zu verlieren, dass Hongkong eine liberale Metropole sei, in der Produzenten und Konsumenten ungestört ihr Leben wie den ungehinderten Verkehr von Meinungen und Waren genießen könnten, traumatisch. Aber auch junge Absolventen der Polizeiakademie müssen sich mit ihrem eigenen Trauma auseinandersetzen, da sie die Hoffnung auf eine ruhige und ereignislose Karriere, mit regelmäßigen Beförderungen und Prämien, ohne das Risiko von Prekarität wie bei anderen Berufen, verloren haben.

Wir haben kein Mitleid mit der Polizei, aber es ist klar, dass sie von purer und ungehemmter Wut motiviert werden. Diese Wut teilen sie mit denen, die sie brutalisiert haben – der Unterschied besteht natürlich darin, dass sie gesetzlich autorisiert und ermutigt wurden, sie in Szene zu setzen. Man schaudert, wenn man bedenkt, welche perversen Motivationsgespräche im Full Metal-Jacket-Style sie mit ihren Vorgesetzten führen, bevor sie zu Protesten eingesetzt werden. In Whatsapp-Gruppen werden andere Mittel verwendet und mit schäumendem Mund der Kopf von Demonstranten gefordert. Derzeit weiß niemand in unserem Kollektiv mit Sicherheit, was tatsächlich mit denen auf den Polizeistationen passiert, die jetzt verhaftet werden. Es gibt weit verbreitete Berichte über Folter, sexuellen Missbrauch und auch Gerüchte über die Vergewaltigung von Demonstrantinnen.

Andererseits hat man das Gefühl, dass jede Eskalation der Taktik, die seit dem 5. August stattgefunden hat, eine Reaktion auf die zunehmende Polizeigewalt oder auf die Art und Weise war, wie private Unternehmen diese Gewalt fördern.

Letztere sind Unternehmen wie die MTR, die ein riesiges Vermögen damit gemacht haben, private Einkaufszentren und Wohnungen neben ihren U-Bahn-Stationen zu errichten, oder die New Town Mall, das Einkaufszentrum, das der Bereitschaftspolizei den Zugang ermöglichte, um die Böden einer der ältesten Verbraucherzitadellen der Stadt in Blut zu tränken. Der Kampf ähnelt oft einer Blutfehde zwischen Demonstranten und Polizei.

Polizeiattacke Prince Edward Station

Letzte Woche belagerte die Polizei die MTR-Station von Prince Edward. Sie stürmten in einen U-Bahn-Waggon, schlugen wahllos jeden, der einem Demonstranten ähnelte, und sie ließen die Opfer, jegliche medizinische Hilfe verweigernd, als blutigen Haufen auf dem Bahnhofsboden zurück. Sie verwandelten die Station stundenlang in ein geschlossenes Internierungslager, in dem drei Menschen verschwanden, die laut Gerücht zu Tode geprügelt worden wurden. Da die konfliktreichen Einsätze weiterhin ansteigen, wird sich diese Spirale der Vergeltung wahrscheinlich fortsetzen. Bei so vielen Leuten, die Live-Feeds anschauen und entsetzt sind über das, was sich da täglich vor ihren Augen abspielt – Journalisten verlieren ihre Augen, Zuschauer werden festgenommen, weil sie die Polizeibehörde infrage gestellt haben – ist diese Fixierung auf die Polizei schwer zu brechen. Bei so vielen Menschen, die auf Live-Feeds fixiert sind, entsetzt über das, was sich täglich vor ihren Augen abspielt – Journalisten verlieren ihre Augen, Zuschauer werden festgenommen, weil sie die Polizeibehörde infrage gestellt haben -, ist diese Fixierung auf die Polizei schwer zu brechen. Bestimmte Themen wurden auf der LIHKG-Plattform angesprochen, die sich an diejenigen wendet, die aktiv den Kampf führen und die das Gesamtbild betrachten, anstatt sich auf rachsüchtige Handlungen der Bevölkerung gegen die Polizei zu konzentrieren. Diese Handlungen werden zweifellos von der Polizei selbst gefördert, die für ihre Aktivitäten rückwirkend ein sensationelles Alibi benötigt – bis zur Darstellung, dass sie sich sogar verkleiden mussten, um Molotow-Cocktails zu werfen.

Unwillig müssen wir zugeben, lebt dieser Kampf von Polizeigewalt. Wir sollten uns damit befassen und darüber nachdenken.

Zum Beispiel verlor am 11. August eine Sanitäterin hinter der Kampflinie ein Auge, nachdem sie von einem Gummigeschoss getroffen worden war. Dies war wohl kaum ein zufälliger „Kollateralschaden“, denn die Polizei zielte seit einiger Zeit auf die Köpfe der Menschen. Am nächsten Tag fand am Flughafen eine große Kundgebung statt. Ein Mem forderte die Polizei auf, ein vitales Auge zurückzugeben, was den Ereignissen dieses Nachmittags einen starken emotionalen Impuls verlieh. An diesem Abend nahmen Demonstranten zwei Personen fest, die verdächtigt wurden, Agenten der kommunistischen Partei Chinas zu sein, und führten Scharmützel mit Polizeikommandos des Elite-Flughafens.

Solange sich der Kampf weiterhin an der Empörung der Bevölkerung nährt, die durch Übertretungen der Polizei ausgelöst wurde und sich für ein höheres Tribunal einsetzt, um die Polizei vor Gericht zu stellen – seien es die Vereinigten Staaten, die westliche Welt oder die Vereinten Nationen -, wird seine Dynamik von den Polizeiprovokationen abhängen und es wird an dem Punkt stehen bleiben, an dem die sozialen Kämpfe in Hongkong noch nicht weitergeschritten sind: bei der gerechten Empörung der Bürger.

Was wird passieren, wenn das Reservoir der bürgerlichen Empörung über diese oder jene Ungerechtigkeit erschöpft ist? Ist es notwendig, dass sich die Kämpfer immer auf eine höhere moralische Ebene erheben müssen, um ihre illegalen Aktivitäten als Reaktion auf die Exzesse des Staates zu legitimieren? Wie können sie die Initiative ergreifen, in die Offensive kommen? Dies bedeutet nicht unbedingt, zuerst im physischen Sinne zu streiken, sondern ist im Sinne Nietzsches zu beantworten, der davon sprach, „aktiv zu werden“ und auf die „Sklavenmoral“ in Abhängigkeit vom Feind – und seine Faszination für ihn – zu verzichten.

Die skandalöse Polizeigewalt hat die Stadt so stark polarisiert, dass ganze Stadtteile die schwarz gekleideten, gasmaskierten Demonstranten unterstützten, die sich vor den Polizeistationen in verschiedenen Bezirken versammelten. Das berühmteste dieser Ereignisse fand in Wong Tai Sin und Kwai Chung statt, wo Hunderte Bewohner in Shorts und Flip-Flops nach unten kamen, um der Polizei ins Gewissen zu reden. Ein Beamter war so verärgert, dass er sein geladenes Gewehr auf unbewaffnete Onkels und Tanten richtete. Polizeigewalt hat auch als Kern der Organisation verschiedener Nachbarschaftsaktivitäten gedient. Beispielsweise, um Fehlinformationen zu bekämpfen, die von den Mainstream-Medien verbreitet werden, haben die Leute auf öffentlichen Plätzen Vorführungen in der Nachbarschaft veranstaltet, damit die Leute Filmmaterial sehen können, das zeigt, was wirklich passiert ist. Ebenso wurde der Raum neben dem Informationsschalter der New Town Mall in Sha Tin in ein Gegeninformationsbüro umgewandelt, das von Demonstranten besetzt ist, die immer zur Verfügung stehen, um mit neugierigen Passanten zu plaudern.

Inzwischen sind die „Lennon Walls“, die in jedem Bezirk in der Nähe öffentlicher Wohnsiedlungen entstanden sind, zu geselligen Orten sowie Orten tödlicher Konfrontation und mörderischer Wut geworden. So banal ihr Inhalt auch oft war, es war auch notwendig, die Wände mit ihren Haftnotizen gegen nächtliche Brandstifter und mit Messer bewaffnete Schläger zu verteidigen. Diese Nachbarschaftsinitiativen sind bedeutsam und wichtig. Sie können einen Weg aus den Sackgassen der Gegenwart weisen, der sich möglicherweise in eine gemeinsame nebulöse Zukunft erstreckt.

Dies bringt uns zu unserem letzten Punkt bezüglich der Frage, was die Bewegung überleben lässt. Eine Sache, die Freunde überrascht, die von anderswo nach Hongkong kommen, ist die Einheit und Einstimmigkeit der Bewegung, in der Aufständische jeglicher Couleur von ideologischen Überzeugungen und Hintergründen in konkreten Aktionen zusammengearbeitet haben und sich nicht über ideologische Feinheiten stritten. Das Festhalten an dieser Einstimmigkeit war fast religiös, ein Mantra, das jedes Mal, wenn tatsächlich ein Streit auftaucht, der sie gefährden könnte, ad nauseam auf Message Boards wiederholt wurde.

Die Bedeutung dieser Solidarität in allen Augen, dieser Konsens, der die Masse gegen die fortgesetzten Bemühungen des Staates zusammenhält, von taktischen Meinungsverschiedenheiten innerhalb des Kampfes Vorteil zu ziehen, wird in einer komisch übertriebenen Aussage zusammengefasst: „Ich werde niemanden exkommunizieren aus dem Kampf, auch wenn sie beschließen, eine Atombombe zu detonieren.“ Die Kluft zwischen Pazifisten und Molotow-Aufständischen ist immer noch tief, aber dies sind keine in Stein gemeißelten Rollen. Während die Reihen der Fronten weiterhin durch Massenverhaftungen dezimiert werden, versuchen einige, die vor einigen Wochen Zuschauer waren, diese Lücken zu schließen. Message Boards und Kanäle bei Telegramm bieten Kommunikationskreise für beide Seiten, um nach jeder Episode des Kampfes Reflexionen und Rückmeldungen auszutauschen. Das ist in vielerlei Hinsicht wunderbar; es ist zweifellos eine beeindruckende Leistung, die so lange andauert und möglicherweise noch lange andauern wird.

Gleichzeitig verschleiert die Durchsetzung dieser Einstimmigkeit systemische Probleme in der Bewegung und verbietet den Menschen, sie zu bewerten, worauf wir später in diesem Interview noch näher eingehen werden. Es steht außer Frage, dass es notwendig ist, die Moral der Bevölkerung in einer Massenbewegung aufrechtzuerhalten, dass wir uns ständig um das affektive Klima des Kampfes kümmern müssen, dass die Menschen sich in Zeiten des Aufruhrs und der Verzweiflung gegenseitig ermutigen sollten. Aber wenn dieses positive Ambiente eine Abneigung gegen Differenz, Divergenz und Disputation, weil befürchtet wird, Menschen zu entfremden oder die Beteiligung an Demonstrationen zu verringern, ist Positivität nicht mehr von Paranoia zu unterscheiden – und die Singularität jeder anwesenden Person wird effektiv zunichtegemacht. Ein jeder wird auf einen Körper reduziert, der massenhaft neben anderen Körpern steht.

Graffiti-Schrift „Sie haben uns gezwungen zu revoltieren, Auge um Auge, wir werden niemals geteilt werden, küssen Sie Ihr Scrotum“. Verwiesen wird auf ein unvergessliches Mem, das in den letzten anderthalb Monaten verbreitet wurde und aus einem Message-Board-Beitrag stammt, in dem ein Benutzer den Charakter für „Tritt“ komisch falsch geschrieben hat, als er vorschlug, Polizisten aus nächster Nähe in die Eier zu treten und stattdessen „Kuss“ zu schreiben. Die Wörter „Tritt“ und „Kuss“ sind fast gleich, nur die Striche auf der linken Seite des Charakters sind unterschiedlich. Aus einer Reihe von Fotos von kjbb, ttbb, hybb von tclc.

Diese Atmosphäre macht es sehr schwierig, Kritik zu üben, insbesondere an höchst fragwürdigen Phänomenen wie dem Schwenken amerikanischer oder kolonialer Flaggen. Während des Kampfes wurde das Prinzip der liberalen Toleranz auf beispiellose Weise strapaziert – Brüder und Schwestern; Sie haben Ihre Meinung und ich, die meine; wir alle respektieren das Recht auf gegensätzliche Meinungen; solange sie nicht gedroht wird, schafft dies auch keine Feindschaft zwischen uns. Die Tatsache, dass dies bis jetzt funktioniert hat, ist kein Beweis dafür, dass es für die Zukunft des sozialen Kampfes in Hongkong zuträglich ist. Diese Art von Kultur gibt vor, niemanden zu marginalisieren, obwohl effektiv marginalisiert wird, denn sie schließt jeden aus, der sich mit Fragen beschäftigt, die schmerzhaft oder beunruhigend sein könnten und die erfordern, die Tiefen zu untersuchen und uns den Bedingungen zu stellen, die uns als Subjekte ausmachen. Dazu müssten wir über das Trauma unmittelbarer Ereignisse hinausgehen und uns einem Trauma von viel größerem Umfang stellen – der „Ordnung“, an deren Reproduktion wir kontinuierlich mitwirken.

Schließlich ist es diese „Ordnung“, die bestimmte Menschen effektiv unsichtbar macht. Zum Beispiel haben nur wenige in den letzten Monaten die Notlage von ausländischen Hausangestellten wahrgenommen. Normalerweise versammeln sich diese Frauen jeden Sonntag massenhaft auf den öffentlichen Plätzen der wichtigsten Distrikte wie Central, Causeway Bay, Mong Kok und Yuen Long, die alle in den jüngsten Konflikten von Zusammenstößen heimgesucht wurden. Die Frauen haben keinen Zugriff auf die Real-time maps , die für Aktivisten erstellt wurden, und werden daher zumeist nicht vorgewarnt, wenn diese Bereiche unter Gasbeschuss stehen. Folglich sind sie gezwungen, an ihrem einzig freien Tag woanders hinzuziehen.[3] Dies wäre eine unglückliche, aber akzeptable Folge des Kampfes, wenn die Demonstranten sich nur bemühen würden, sie zu akzeptieren und ihnen ihre Sympathien mitzuteilen.

Gewöhnlicherweise wird die Situation der Hausangestellten nicht erwähnt, obwohl sie in so vielen Familien der Stadt zu finden sind. Kaum jemand unterstützt die mutigen, anhaltenden Proteste, die sie über ihre unabhängigen Gewerkschaften gegen die Vereinbarungen zwischen ihren eigenen Regierungen, den Arbeitsagenturen und dem Arbeitsministerium in dieser Stadt organisieren. Ihre aktive Unterstützung und ihr Verständnis für lokale soziale Kämpfe bleiben unbemerkt. Gleichzeitig geben sich die Teilnehmer der Bewegung gegen das Auslieferungsgesetz alle Mühe, um das Mitgefühl der aufrechten Bürger der „freien Welt“ zu erbitten, und nehmen sich die Zeit, den am Flughafen ankommenden Touristen die Notlage Hongkongs zu erklären. Dies ist derzeit ein großer blinder Fleck im Kampf. Da vernachlässigt, gipfelte es kürzlich in einer grotesken und unentschuldbaren Kampagne gegen Hausangestellte, die an öffentlichen Orten herumhingen, an denen es zu Zusammenstößen gekommen ist. Über einen Zeitraum von Wochen wurde in LIHKG-Threads gefragt, warum sich Wanderarbeiter auf der Straße versammeln und Picknicks machen dürften, während Demonstranten wegen Teilnahme an „illegalen Versammlungen“ verhaftet und gefoltert wurden. Die freche Intonation gab sich keine Mühe, die widerwärtigen Konsequenzen des Inhalts zu verbergen. Warum die Doppelmoral, fragten diese Posts – sollten wir diese lässigen, Karaoke-singenden Tanten, die sich amüsieren, während Demonstranten um ihre Haut fürchten, nicht zwingen zu verstehen, in welcher Art von Stadt sie leben? Warum wurde uns die Erlaubnis zum Protest verweigert, während sie Partys auf der Straße machen, ohne jemals einen Antrag bei einem Regierungsbüro stellen zu müssen?

All dieser Unsinn spitzte sich vor einigen Tagen zu, als einige komplette Idioten anfingen, Aufkleber an öffentliche Durchgangsstraßen und Brücken anzubringen, die besagten, dass die Anwesenheit auswärtiger Hausangestellten ohne Genehmigung an öffentlichen Orten nicht geduldet wird. Diese widerlichen Aufkleber repräsentieren das tragisch verkümmerte Ausmaß, in dem Demonstranten versucht haben, mit der beträchtlichen Bevölkerung von Wanderarbeitern zu kommunizieren, über deren Notlage sich niemand die Zeit genommen hat, nachzudenken – vor, während und wahrscheinlich auch nach diesem Kampf. Zugegeben, diejenigen, die die Aufkleber hergestellt und veröffentlicht haben, sollten nicht als repräsentativ für die gesamte Bewegung angesehen werden, aber sie wurde auch nicht durch die Öffentlichkeit in ihrer Haltung zurückgewiesen.

Die „Ordnung“, die das tägliche Leben in dieser Gesellschaft kennzeichnet, reproduziert auch die schädliche sexistische Kultur, die wiederholt ihren hässlichen Kopf innerhalb der Bewegung erhoben hat. Demonstranten haben die Instagram-Profile von Polizistinnen entdeckt und sie als Huren bezeichnet, denen sie es gerne zeigen würden; Demonstranten verspotten Polizisten, dass ihre Frauen es mit anderen Männern trieben, während sie noch spät in der Nacht auf Menschen mit Gaspatronen schössen; „heißblütige“, auf die Brust trommelnde männliche Demonstranten hindern Frauen daran, ganz vorne zu stehen, oder versprechen auf Message Boards, „ihre Frauen zu schützen“, – vor der Verhaftung und Schändung durch Polizisten. Als sich zum ersten Mal Nachrichten über sexuellen Missbrauch und mögliche Vergewaltigungen in den Polizeistationen verbreiteten und Frauen auf LIHKG die Idee vorbrachten, Frauenmärsche zu organisieren, gerieten Männer in Panik und sorgten sich, dass Frauen ohne Schutz der Männer demonstrierten wollten. Dies führte zu dem lächerlichen Schauspiel von Männern, die schworen, dass sie, selbst wenn sie nicht neben ihren Schwestern marschieren durften, hinter dem Zug hinterhergehen würden, dies in voller Bereitschaft, sie zu schützen. Das war ihre Vorstellung von Militanz.

Wir erwähnen all diese Dinge nicht, um die Verbreitung der „Absagekultur“ zu fördern, was allzu oft zu einer scheinheiligen Abkopplung, zu moralischen Seifenkisten und dem Fortbestehen der sozialen Strukturen führt, von denen keine die sozialen Beziehungen verändert, in die wir eingebunden sind. Wir wollen vielmehr das Chaos anerkennen, in dem wir uns befinden, und die Tatsache, dass dieses Chaos weitaus komplizierter ist als die vereinfachte Erzählung eines unterdrückten, schikanierten Volkes, das von einer rücksichtslosen „kommunistischen“ Tötungsmaschine an die Wand gedrängt wird.

Solange die Untersuchung dieser Probleme als peripher oder demoralisierend behandelt wird, weil die dringendste Notwendigkeit darin besteht, das Große Biest China zu besiegen, werden wir kaum Fortschritte bei der Erreichung des angeblichen Ziels dieses Kampfes, der „Befreiung Hongkongs“, sehen.

Graffiti vor einer großen öffentlichen Toilette im Zentrum von Hongkong: „Kapitalismus ist Scheiße! Die Kommunistische Partei Chinas ist kapitalistisch “, mit einem anarchistischen Symbol. Aus einer Reihe von Fotos von kjbb, ttbb, hybb von tclc.

Als wir im Juni miteinander sprachen, haben Sie eine neue soziale Dynamik beschrieben, eine Art kopflosen nationalistischen Populismus, der durch das Scheitern früherer pazifistischer, demokratischer und parlamentarischer Bewegungen aufkam. Gibt es schon neue Führungspersonen, neue Narrative, neue interne Kontrollstrukturen? Haben sich neue Rahmenbedingungen oder Horizonte für das eröffnet, wofür die Menschen außerhalb der nationalen Souveränität kämpfen oder die sich vorstellen können?

Nein, seit dem letzten Gespräch haben sich die Dinge nicht dramatisch verändert. Das allgemeine Verständnis ist, dass diejenigen, die an der Bewegung teilnehmen, mit einer einstimmig, kollektiven und einvernehmlichen Stimme sprechen müssen, im Gegensatz zu einer Vielzahl verschiedener, möglicherweise Stimmen des Dissenses.

In Telegramgruppen und Message Boards trifft man gelegentlich auf Stimmen, die die Unabhängigkeit Hongkongs fordern. Während man sich dem Gefühl nicht entziehen kann, dass dieses Verlangen von vielen Teilnehmern des Kampfes stillschweigend geteilt wird, werden sie dennoch oft niedergeschrien, aus Angst vor den Gefahren, die mit der Formulierung dieses Wunsches verbunden sind, dass die Bewegung ihre unmittelbare Agenda (die fünf Forderungen) aus allgemeinen Gründen aus den Augen verlieren könnte. Die Politiker des Establishments haben wiederholt behauptet, dass es in diesem Kampf nicht wirklich um die fünf Forderungen geht, sondern um eine von ausländischen Mächten und Separatisten organisierte „Farbige Revolution“, und die chinesische Presse hat dieses Narrativ wiederholt bekräftigt. Hinzu kommt, dass für viele, die aus beruflichen oder anderen persönlichen Gründen weiterhin die Grenze überschreiten, die Unabhängigkeit Hongkongs keine willkommene Entwicklung wäre. Es gibt viele Menschen, die einfach nur die im Grundgesetz festgelegte und durchgesetzte Bestimmung „Ein Land zwei Systeme“ sehen wollen.

Für ausländische Freunde, die mit dem politischen und kulturellen Klima hier nicht vertraut sind, müssen wir betonen, dass – zumindest nach unserer Einschätzung – Gerüchte über den bevorstehenden Niedergang des Liberalismus als politische Kultur zumindest, was Hongkong betrifft, unbegründet sind. Wir würden sogar so weit gehen, zu sagen, dass die Logik des Liberalismus, die als eine Form des intuitiven „gesunden Menschenverstandes“ verstanden wird, hier sogar stärker sein könnte als anderswo auf der Welt. Vieles davon hat mit dem Kontext zu tun, auf den wir in unserem vorherigen Interview eingegangen sind, dass diese Stadt von Flüchtlingen aus dem kommunistischen China erbaut wurde. Die folgende Anekdote beleuchtet die Art und Weise, in der dieser Zustand nicht nur in Hongkong endemisch ist, sondern auch mit der Verwandtschaft auf dem Festland geteilt wird.

Auf einem Panel zum Thema Kunst und Politik, das vor einigen Jahren stattfand, nahm von uns ein Vertreter an einer Diskussion mit einem guten Freund aus einer gewissen Punkrock-Hauptstadt in China teil, in der Widerstand gegen Gentrifizierung und den Bau von „ökologischen Themenparks“ im Gange ist. Dieser Freund sprach bis spät in die Nacht bei Getränken und Blunts und begann, die Schwierigkeiten zu erläutern, wenn über Anarchie in China gesprochen wird. Wie Mao in seinen roten Notizbüchern und Aufsätzen so eloquent deutlich machte, ist die Kommunistische Partei die anarchische Kraft, die „konstituierende Macht“, welche die Prinzipien transzendiert und durchsetzt und für die Revolution einen fortwährenden Ausnahmezustand einleitet. Folglich ist das Leben in China auf alltäglicher Ebene „anarchisch“.

Das heißt – wenn Genossen im Westen von „Gebrauch“ sprechen (in dem Sinne, in dem Agamben den Begriff „Der Gebrauch von Körpern“ verwendet), wenn es darum geht, Plätze zu besetzen, Partys auf der Straße zu veranstalten usw., verliert dieser Begriff seine Bedeutung in China und weil eine solche „Nutzung“ von Straßen und öffentlichen Durchgangsstraßen in verschiedenen Teilen des Landes alltäglich ist, gibt es keine etablierten Vorschriften, die die ordnungsgemäße Nutzung des „öffentlichen Raums“ von einer außergewöhnlichen Nutzung unterscheiden.

Die chinesische Polizei hat die Erlaubnis, völlig außerhalb ihres beruflichen Zuständigkeitsbereichs zu operieren und sich auf eine Weise zu verhalten, die anderswo unmöglich wäre. Zum Beispiel haben unsere Freunde im oben genannten Bezirk Chinas bis vor Kurzem einen gemeinsamen Raum organisiert, in dem kulturelle Veranstaltungen für die Dorfbewohner in der Umgebung abgehalten wurden. Dieser Raum stand allen Ankömmlingen offen und seine Türen waren jederzeit unverschlossen. Umherziehende und Nichtsesshafte stolperten herein und blieben oft Tage oder Wochen. Dies hieß auch, dass Polizisten, wenn sie dienstfrei hatten, in Zivilkleidung den Raum betraten und Geschenke wie amerikanische Zigaretten, Alkohol oder Autofahrten in die Stadt anboten. Sie suchten den Kontakt mit den Bewohnern, zeigten aber auch klar, dass die Polizei sehr wohl wusste, dass das hier versammelte Publiku, sich der Gentrifizierung in diesem Gebiet widersetzte. „Wir sind Freunde – du wirst doch nicht so dumm sein und unsere Freundschaft ruinieren, oder?“ Die gleichen Polizisten machten dies auch mit Dorfbewohnern in der Gegend, luden sich selbst zum Tee in ihre Häuser ein und waren großzügig mit Geschenken. Dabei erinnerten sie freundlich daran, dass es sehr unklug ist, den Ort auf dem Hügel zu besuchen. Sie könnten zur Persona non grata werden und sich den Leuten, die dort leben, anschließen müssen. Das sei sicherlich eine schreckliche Situation. Unter solchen Bedingungen, unter denen jeder gezwungen ist, in einem permanenten Ausnahmezustand zu leben, der in ausgefeilte Netzwerke formeller und informeller Überwachung verstrickt ist, sagte uns unser Freund, dass für viele Menschen der Liberalismus – die Rechtsstaatlichkeit, der gesetzliche Schutz des Privateigentums, angemessene Grenzen, die den Einzelnen vor staatlicher Gewalt schützen – das Radikalste zu sein scheinen, was es gibt. Ja, man kann auf der ganzen Welt die mutigen Taten der schwarzen Shirts sehen – die Fassaden und Maschinen von U-Bahn-Stationen in Schutt und Asche zu legen, Polizeistationen zerstören und dergleichen mehr; dennoch gibt es immer noch einen latenten Glauben, dass dies alles im Namen der Wahrung der Rechtsstaatlichkeit und der Institutionen geschieht, die von bestimmten Mitarbeitern verraten wurden.

Vor diesem Hintergrund können all die begangenen Rechtswidrigkeiten der Demonstranten als Mittel verstanden werden, die Behörden daran zu erinnern, dass ihnen das „Mandat des Himmels“ entzogen wurde. Es mag „mythologisch“ erscheinen, ein archaisches Bildnis zu verwenden, um aktuelle Ereignisse zu beschreiben, so als ob wir von einem „kollektiven tausendjährigen chinesischen Unbewussten“ sprächen, das von den alten Dynastien bis zur Gegenwart fortbestanden hat, es bleibt aber dennoch passend, weil alles uns dahin führt zu glauben, dass wir immer noch in mythischen Zeiten leben. Wie sonst könnten wir die fortwährenden Appelle an die Höflinge der „internationalen Gemeinschaft“ erklären, indem wir die internationalen Massenmedien als Tribunal nutzen, durch das wir hoffen, eine Audienz beim Kaiser – d.h. den Vereinigten Staaten – zu gewinnen? Es bleibt der Glaube, dass von einem höheren Berufungsgericht die Kriminalität der Schurkenstaaten, die uns regieren, im Namen elementarer Naturrechte, die bei vollem Tageslicht verletzt wurden, bestraft werden kann. Irgendwo glauben wir, auch wenn nur mit den Herzen anständiger, aufrichtig-denkender Menschen, dass überall ein Gefühl der Solidarität mit diesem ursprünglichen und transzendenten Gesetz besteht, und dass Gerechtigkeit geschieht und dass Gerechtigkeit vom Himmel herabsteigen wird.

Eigentlich ist alles kantisch deprimierend. Das Versagen der örtlichen Polizei trägt nicht dazu bei, die Idee einer Polizei zu diskreditieren, die messianisch handelnd eines Tages eintreffen wird.

Die Frage, die sich die Bewegung selbst gestellt hat, scheint folgende zu sein: Was würde es für uns bedeuten, eine Causa zusammenzustellen, welche die Polizei zum Handeln zwingen würde? Wie können wir die Richter davon überzeugen, dass diese Krise ganz oben auf ihrer Prioritätenliste stehen muss? Hier sammeln und archivieren wir Beweismittel mit unseren Körpern, sammeln Beschuldigungen und Beschwerden von allen Seiten bei unserer Untersuchung eines gescheiterten Staates und fordern überall Leute mit Einfluss auf, in unserem Namen zu sprechen, in der Hoffnung, dass all dieses Blut durch Strafverfolgung ihre legitime Vergeltung erhalten wird. Wenn aber ziviler Ungehorsam zu Sachschäden, Straßenkämpfen, Flughafenbesetzungen und Generalstreiks eskaliert, die nur auf staatliche Gleichgültigkeit stoßen, geht die Vorstellung der Bevölkerung Wege, welche die ultimative Katastrophe, die Ankunft der Volksbefreiungsarmee in Hongkong, ermöglichen. Ein Ereignis, das viele erwarten, und das der Katalysator für internationale Interventionen wäre. Sicher würde die Polizei uns dann nicht ignorieren?

Dies ist die apokalyptische Katastrophentheorie, die auf LIHKG und anderswo in Umlauf zu kommen beginnt, die Umarmung des „gemeinsamen Zusammenbruchs“, einer Fantasie „Lasst uns alle zusammen verbrennen“, in der sich Demonstranten vorstellen, dass die Stadt im Abgrund verschluckt wird und auf internationale Sanktionen gegen eine Kommunistische Partei wartet, die Amok läuft. In diesem hypothetischen Szenario balkanisiert sich und zerbricht China als Folge der Unruhen in Hongkong, die sich wie eine Variante des arabischen Frühlings auf dem Festland ausbreiten. Unter dem Druck eines verschärften internationalen Handelsembargos entsteht eine Vielzahl von Gebieten, jedes für sich formal und rechtlich unabhängig (wie Fujian, Wuhan, Xinjiang) neben einem demokratischen Hongkong, das mit Guangzhou einen Staat bilden könnte.

Graffiti auf der Rückseite eines MTR-Bahnhofseingangs: „Parteibahn“. Das Wort „Partei“, wie in der Kommunistischen Partei, reimt sich in Kantonesisch auf „Hongkong“, und die MTR wird im Volksmund als „Hongkonger Eisenbahn“ bezeichnet. Ebenfalls zu sehen ist ein Graffiti mit der Aufschrift „Ich liebe die Strategie des Zusammenbrennens“. Was dieses letztere Tag lustig macht, ist die Tatsache, dass der ursprüngliche Autor die Figur für „Brennen“ falsch geschrieben hat. Dies wurde anschließend von jemand anderem korrigiert, und der ursprüngliche Autor fügte eine Entschuldigung am unteren Rand des korrigierten Zeichens hinzu. Aus einer Reihe von Fotos von kjbb, ttbb, hybb von tclc.

Während die Konsequenzen einer solchen Entwicklung unerforscht bleiben – zum Beispiel die Tatsache, dass diese „autonomen“ Gebiete trotzdem von Apparatschiks beherrscht würden – ist diese spekulative Perspektive auf einer Ebene willkommen. Wenn zwar nichts anderes, ist es doch eine Anstrengung, sich mit einer Zukunft auseinanderzusetzen, die völlig anders sein könnte als die, an die wir in Zeiten des Wohlstands gewöhnt waren – es ist eine Zukunft, in der unser Internetzugang abgeschaltet werden könnte und in der wir gemeinsam daran arbeiten müssten, Nahrung, Wasser und Strom zu sichern. Solche Fragen sind unabdingbar, da die Welt weiterhin zerfällt und sich eine bedrohliche ökologische Katastrophe abzeichnet.

Für andere wird die imaginäre Katastrophe als Mittel gesehen, um Hongkongs rechtmäßigen Platz unter den führenden Städten der Welt wiederherzustellen, was im populärsten Slogan des Kampfes angezeigt wird: „Wiederherstellen von Hongkong zu Ruhm, Revolution unserer Zeit.“ Der „Ruhm“, auf den sich der Slogan bezieht, ist eine Fantasie prälapsarischer Reinheit – ein Hongkong der harten Arbeit mit der individuellen Initiative des ehrlichen, unternehmerischen einfachen Mannes, dessen Leben von den Machenschaften der großen Politik unberührt bleibt.

Es ist zwar in Ordnung, eine Hypothese über eine Situation des gemeinsamen Ruins aufzustellen, aber warum können wir nicht auch darüber nachdenken, eine materielle Basis zu schaffen, auf der alle gemeinsam gedeihen können? Und was könnte dieses „Zusammen“ bedeuten, wen umfasst es, wenn alle, die wir üblicherweise vom Bild ausschließen – ethnische Minderheiten und ihre Nachkommen der zweiten Generation, Hausmigranten, neue Migranten aus China und Festländer, die auf das Aufenthaltsrecht warten – in die Entwicklung der Zukunft der Stadt eingebunden sind? Warum glauben wir, dass diese Fragen verschoben werden sollten, bis eine Regierung gewählt wird, um sie anzugehen, wenn es in diesem Kampf so viele Instanzen der Autonomie gibt, die als Voraussetzungen für die Entwicklung von Gesprächen darüber dienen könnten?

Dieses Plakat bezieht sich vermutlich auf das Zitat, das Paul Revere bei der Eröffnung der amerikanischen Revolution zugeschrieben wurde: „Die Briten kommen“. Es ist äußerst ironisch, dass die Menschen in Hongkong, selbst eine ehemalige britische Kolonie, die Nachfolger des britischen Empire um Hilfe bitten – und dass sie von einem oppressiven Imperium in die Arme eines anderen fliehen wollen.

Was sind die erklärten oder impliziten Ziele und Strategien der verschiedenen Strömungen innerhalb der Bewegung – fast drei Monate nach den Unruhen?

Wie oben erwähnt, besteht die stillschweigende Absicht des Kampfes zu diesem Zeitpunkt darin, die Mittel zu finden, um die Situation zu eskalieren, bis die „globale Gemeinschaft“ gezwungen ist, einzugreifen. Die Aufrechterhaltung von Massenmobilisierungen und die Schaffung viraler Schauspiele, die in internationalen Netzwerken verbreitet werden können, halten den Kampf ganz vorn in der Beachtung der Öffentlichkeit – beispielsweise die „Menschenketten“ von Demonstranten, die während der Streiks der Schüler auf Bürgersteigen und in jüngerer Zeit außerhalb der Sekundarschulen, sich an den Händen halten.

Momentan findet fortgesetzte Insubordination in der U-Bahn, in geschäftigen Gewerbegebieten und an Orten wie dem Flughafen einen Höhepunkt – Demonstranten suchen nach neuen Wegen, um den Verkehr zum Flughafen zu unterbrechen, ohne gegen das Gesetz zu verstoßen – erkennbare Auswirkungen hat dies auf Wirtschaft, den Tourismus, auf ausländische Investitionen und dergleichen. In der Zwischenzeit sind Gegenüberwachungsmaßnahmen zur gängigen Praxis geworden, darunter das Abreißen der mit RFID ausgestatteten „intelligenten Laternenpfähle“, die in mehreren Stadtteilen installiert sind, und das Besprühen oder Zerlegen von CCTV-Kameras vor großen Demonstrationen.

All dies deutet auf ein intuitives Verständnis einer Realität hin, das der Blog Dialectical Delinquents über mehrere Jahre hinweg sehr gut umrissen hat (und wir danken ihnen für ihre fortgesetzten sorgfältigen Bemühungen, die sich schnell entwickelnden Konturen dieser Realität zu skizzieren): Hongkong steht an der Spitze eines Kampfes gegen die Sinifizierung der Welt. Das heißt, es scheint uns, dass der Neoliberalismus einen langwierigen, langwierigen Tod unter dem Gewicht von Massenrevolten durchlebt. Die chinesische Variante ist der autoritäre Überwachungsstaat, ergänzt durch eine Vielzahl Internierungslager und quasi-legalen Institutionen. Es sind die einzigen Mittel, mit denen die Welt, wie wir sie kennen, durch Zwang zusammengehalten werden kann. Wir sind nicht die einzigen, die dies wahrnehmen; vor nicht allzu langer Zeit gab Dialectical Delinquents ein Interview mit einem Huawei-Manager, das in seiner Offenheit leuchtet. Wie wir in unserem vorherigen Interview beschrieben haben, ist Xinjiang im Hinterkopf aller, und der Schrecken von Xinjiang in Verbindung mit der raschen Einführung von Überwachungsapparaten in der ganzen Stadt verleiht dem Kampf einen ausgeprägten apokalyptischen Charakter: Dies wird immer wieder wiederholt. Wenn wir nicht gewinnen, befinden wir uns in Internierungslagern. Wir sind uns im Allgemeinen einig, aber es ist unbedingt erforderlich, dass wir anerkennen, dass wir denselben „Hand-in-Hand-Kampf“ [Agamben, Was ist ein Apparat?] gegen diese Apparate führen wie unzählige andere Aufständische auf der ganzen Welt – China ist nicht der große Satan, von dem „die freie Welt“ uns befreien kann, der Antichrist, den wir um jeden Preis töten müssen, sondern ein Schatten aus der Zukunft, ein Schatten, der über einem zerfallenden Planeten auftaucht.

Wie wir in unserem vorherigen Interview beschrieben haben, ist Xinjiang im Hinterkopf aller, und der Schrecken von Xinjiang in Verbindung mit der raschen Einführung von Überwachungsapparaten in der ganzen Stadt, verleiht dem Kampf einen ausgeprägten apokalyptischen Charakter: Es wird ständig wiederholt „Wenn wir nicht gewinnen, befinden wir uns in Internierungslagern“. Wir sind uns im Allgemeinen einig, aber es ist unbedingt erforderlich, dass wir anerkennen denselben „Hand-in-Hand-Kampf“ [Agamben, What is an Apparatus?] gegen diese Apparate zu führen so wie unzählige andere Aufständische auf der ganzen Welt auch. China ist nicht der große Satan, von dem „die freie Welt“ uns befreien kann, der Antichrist, den wir um jeden Preis töten müssen, sondern ein Schatten aus der Zukunft, ein Schatten, der über einem zerfallenden Planeten auftaucht.

Es versteht sich von selbst, dass China auch für das westliche Publikum eine willkommene Ablenkung darstellt und den westlichen Regierungen die Möglichkeit bietet, chinesische Exzesse zu entschlüsseln, um ihr Engagement für „Menschenrechte“ zu demonstrieren und gleichzeitig ihre eigene Bevölkerung zu töten und zu inhaftieren.

SPRECHEN WIR ÜBER DIE SPANNUNGEN UND WIDERSPRÜCHE INNERHALB DER BEWEGUNG. AUSSERHALB VON HONGKONG HABEN WIR VIEL ÜBER DEMONSTRANTEN GEHÖRT, DIE BRITISCHE FLAGGEN SCHWENKEN, DAS STAR-SPANGLED BANNER SINGEN, DAS MEME VON PEPE THE FROG TEILEN UND ANDERE SYMBOLE DES WESTLICHEN NATIONALISMUS VERWENDEN. WIE SICHTBAR WAR DIES AUF INNERHALB DER BEWEGUNG? HAT ES EINEN PUSHBACK GEGEBEN?

Wir sind sicher, dass einige von euch Bilder von der Aktion gesehen haben werden, die vor einer Woche stattgefunden hat, bei der sich Menschen vor der amerikanischen Botschaft in kohlschwarzem Ornat versammelten, amerikanische Flaggen schwenkten, die amerikanische Nationalhymne sangen und das Weiße Haus ermahnten, so schnell wie möglich ein Gesetz über Hongkong zu verabschieden. Dies führte uns zu der tragikomischen Beobachtung, dass Hongkong der einzige Ort auf der Welt sein könnte, an dem der schwarze Block amerikanische Flaggen trägt. [4]

Gefährliche Idiotie

Viele dieser „Fahnenträger“ lehnen die auf sie gerichtete Kritik ab; das ist ein Charakterzug derjenigen, die für gewöhnlich die ständigen Appelle an das Weiße Haus unterstützen. Als kürzlich ein Kamerad aus den USA zu Besuch kam, trat er an die Fahnenträger heran und machte kein Geheimnis aus seiner Verachtung der eigenen Regierung. „Fick die USA!“ war seine markige Eröffnungsbemerkung, bevor er auf die Morde einging, die täglich von der amerikanischen Staatsmaschine begangen wurden. Dieser Wortwechsel wurde von einer Studentenpresse festgehalten und einige Stunden lang auf Facebook verbreitet, was zu weiteren Diskussionen und Debatten führte.

Viele der Kommentare waren aufschlussreich: Sie ließen unseren amerikanischen Kameraden als „amerikanische Variante der linken Plastiks“ [eine beleidigende Bezeichnung für altmodische Linke, die in unserem vorherigen Interview erklärt wurde] abblitzen und beschuldigten ihn, ein Ignorant zu sein. „Glaubst du wirklich, wir sind amerikanische Patrioten? Wir sind nur praktisch und nehmen die Hilfe von jemandem in Anspruch, der uns wirklich helfen kann!“ Sie bestanden darauf, dass das Singen der amerikanischen Hymne, das Schwenken der amerikanischen Flagge und öffentliche Äußerungen, auch wenn die sie amerikanische Lebensweise bewundern, nur kalkulierte Appelle an die Sentimentalität heutiger amerikanischer Patrioten sind. (Einige solcher Patrioten haben die Reise nach Hongkong angetreten, wie der faschistische Organisator Joey Gibson, der mit ahnungslosen Demonstranten Selfies gemacht hat. Sie zeigten sich begeistert und applaudierten, heißblütig Fahnen schwingend dem Amerikaner, der sich ihrer Sache freundlich zeigte.)

Die Fahnenschwenker entgegnen, dass diejenigen, die sie kritisieren, naiv sind: Denn die wüssten nicht, dass die Nachricht, die sie senden, doppelt codiert ist. Am Jahrestag des 11. September forderten einige eine Einstellung der Protestaktivitäten in der ganzen Stadt zum Gedenken an diejenigen, die am 11. September ihr Leben verloren hatten – ein weiterer kluger Schritt, um die amerikanische Sympathie zu gewinnen. So klug diese Schauspieler auch sein mögen, sie sind mit ihrem gerissenen Verstand mit Realpolitik beschäftigt. Der Witz liegt bei ihnen – und letztendlich bei uns, wenn wir diese anhaltende Faszination für das Schein-Tauziehen unter den „Großmächten“ der Welt nicht erschüttern“.

Viele Freunde aus dem Westen haben uns wiederholt gefragt, ob dieses Gefühl von einem großen Teil der Widerstand Leistenden geteilt wird oder ob diese Fixierung auf den Westen ein Randphänomen ist. Sagen wir es so: Gegenwärtig ist alles, was in irgendeiner Beziehung zu China steht, ein faires Spiel der Verunstaltung und Entweihung – die Regierungsabzeichen werden zerstört, Flaggen von Stangen abgerissen und ins Wasser geworfen, die Räumlichkeiten von Banken und sogar Versicherungsunternehmen, die den Namen „China“ tragen, wurden mit Parolen versehen. Die Fensterläden von „China Life Insurance“ wurden kürzlich mit „Ich will kein Chinazi-Leben“ beschriftet. Wenn eine Ladenfront mit sichtbarer amerikanischer Ikonografie auf die gleiche Weise angegriffen würde (etwa von uns), befürchten wir, dass wir wahrscheinlich daran gehindert würden.

Wir sollten auch hinzufügen, dass in letzter Zeit nicht nur amerikanische Flaggen bei Protesten gesehen werden, sondern auch die Flaggen anderer „freundlicher“ Mitglieder der G20 – Kanada, Deutschland, Frankreich, Japan, Großbritannien und dergleichen – die ukrainische Flagge ist letzte Woche ebenfalls unglücklicherweise aufgetaucht, vermutlich weil auf öffentlichen Plätzen Vorführungen von „Winter On Fire“ stattgefunden haben und die Öffentlichkeit nur wenig darüber weiß, was dieser Dokumentarfilm geflissentlich verschweigt.

Mittlerweile wurden weitere Kampagnen durchgeführt, in denen das Vereinigte Königreich aufgefordert wurde, die Verantwortung für die zurückgebliebenen Findelkinder zu übernehmen, indem es den Bürgern von Hongkong erneut BNO-Pässe (British National Overseas) ausstellte. Obwohl dieser Pass seinem Inhaber weder das Aufenthaltsrecht in Großbritannien gewährt noch den konsularischen Schutz garantiert, scheint er für einige die Hoffnung auf Flucht aus einer Stadt zu verkörpern, die viele allmählich als Todesfalle betrachten. „Ich bin lieber ein Bürger zweiter oder dritter Klasse in einem westlichen Land, als in ein Gedankenkorrekturlager geworfen zu werden“, kommentierte jemand vor Wochen einen Message Board-Thread.

In diesem Licht erscheint das Schwenken westlicher Flaggen weniger als ein geschickter Akt strategischer List, als vielmehr eine verzweifelte und fromme Bitte an einen allmächtigen Befreier. Dies ist eine tödliche Mischung aus Angst und Naivität – die beiden nähren und stärken sich gegenseitig. Wir strengen uns an, sie zu bekämpfen. Unsere amerikanischen Freunde gaben uns kürzlich einen wunderbaren Slogan, den wir hoffentlich breit verbreiten werden: „Chinazi & Amerikkka: Zwei Länder, ein System.“

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Welche Institutionen und Mythologien haben im Verlauf der Unruhen in der Öffentlichkeit an Legitimität verloren? Welche haben ihre Legitimität bewahrt oder erlangt? Könnt ihr den Erfolg oder Misserfolg eurer Bemühungen beschreiben, diese Institutionen und Mythologien zu kritisieren oder zumindest einen Dialog darüber zu eröffnen?

Wie wir im vorigen Interview beschrieben haben, wurde jahrelang angenommen, dass es im sozialen Kampf zwei Wege gibt: pazifistische, bürgerliche und vornehme Proteste, die Hausfrauen, älteren Menschen und anderen zugänglich sind, die das Risiko einer Verhaftung nicht eingehen wollen, und kriegerische, konfrontative Beteiligung im Frontbereich der Bewegung mit verschiedenen direkten Maßnahmen. Diese beiden Wege bestehen fort, aber was in der gegenwärtigen Situation beispiellos ist, beide sind illegal: Die Regierung lehnt Protestanträge ab und jede Versammlung ist de facto verboten, wie harmlos sie auch sein mag. Die bloße Anwesenheit am oder in der Nähe des Ortes einer illegalen Versammlung ist bereits ein Grund für Verhaftung und Inhaftierung. Wenn Sie in der U-Bahn oder im Bus nach Hause sitzen, wissen Sie nie, ob die Riots das Fahrzeug stürmen und Ihnen ans Leben gehen werden. Sie wissen nicht, ob sie der Polizei angezeigt wurden oder die Ihnen nach Hause folgt. Sie wissen nicht, ob sie spät in der Nacht deren Gewalt zu spüren bekommen. Die Parteinahme macht Sie zu einem Körper, der verstümmelt, gefoltert und – wie es scheint – von denen getötet werden kann, deren Handlungen im Namen der „Ordnung“ autorisiert sind. Wie die Ordnungshüter klarstellen, sind wir „Kakerlaken“, Schädlinge, die ausgerottet und entsorgt werden müssen, damit das Geschäft wie gewohnt weiterlaufen kann.

Darüber hinaus könnte Sie das Zeigen von Sympathie für den Kampf arbeitslos machen, wenn Sie für ein Unternehmen arbeiten, das seit Langem mit dem chinesischen Markt verbunden ist. Bedenken Sie den hochkarätigen Fall von Cathay Pacific, dessen oberes Management eine Liste mit Namen von Gewerkschaftsmitgliedern forderte, welche die Bewegung unterstützten oder halfen, Fluchtformationen vor der Polizei zu verbreiten. Diese Firma, die an der Spitze von Karrieristen geleitet wird, führte eine gründliche Säuberung der Aktivisten unter ihren Mitarbeitern durch.

Lehrer, die vor einigen Monaten noch Algebra unterrichtet haben, müssen nun in der Haft helfen. Schulleiter und Abteilungsleiter sehen untätig zu, wie Aufruhrkommandos vor dem Schulgebäude Verhaftungen durchführen. Dies ist die Realität, an die sich Demonstranten schnell gewöhnen. Infolgedessen haben sich rasch Netzwerke der gegenseitigen Unterstützung gebildet, um die Situation anzugehen und den Bedürftigen Beschäftigung, Unterkunft, Transport und Verpflegung anzubieten.

Kurz gesagt: Die Zukunft als ein Horizont vorhersehbaren Fortschritts als Reiseroute erfüllbarer und vorgenommener Pläne und Projektionen ist zusammengebrochen. Wir müssen jeden Augenblick die Live-Karten konsultieren, die von freiwilligen Kartografen in Echtzeit gezeichnet wurden und die uns mitteilen, welche Stationen zu vermeiden, um welche Straßen ein Umweg zu machen ist, welche Stadtteile derzeit im Beschuss der Gasgranaten liegen. Das tägliche Leben selbst wird zu einer Reihe von taktischen Manövern, bei denen jeder vorsichtig sein muss, was er beim Mittagessen in Cafés und Kantinen sagt, damit er nicht belauscht und gemeldet wird. Er experimentiert mit verschiedenen Möglichkeiten, kostenlos in der U-Bahn zu fahren und dabei nicht zu sehr aufzufallen, und erfindet Codes für Instant Messaging oder soziale Medien, die sich einer schnellen Entschlüsselung entziehen. Es ist ziemlich außergewöhnlich, dass so viele bereit sind, auf den Komfort und die Annehmlichkeiten der Metropole zu verzichten, auf den Genuss der Anonymität, wenn sie ihren Geschäften nachgehen. Es ist notwendig, Geheimhaltung auf andere Weise zu finden und aufrechtzuerhalten.

Es ist unmöglich zu leugnen, dass uns all das als ein Gefühl der Erfindung und des Abenteuers in den Kleinigkeiten unseres täglichen Lebens begleitet.

Das Grafitti fordert die Leute auf, die U-Bahn-Tarifen in Sheung Wan zu ignorieren. Aus einer Reihe von Fotos von kjbb, ttbb, hybb von tclc.
Was bräuchte es, damit sich die Unruhen auf das chinesische Festland ausbreiten – wenn auch nicht in dieser Bewegung, in einer zukünftigen Fortsetzung davon? Oder machen die Prämissen der Bewegung selbst das unmöglich?

Zum einen müssten wir uns der ernüchternden Tatsache stellen, dass Hongkong einen Großteil der Nahrung und des Wassers aus China bezieht. Dies allein sollte deutlich machen, dass eine erfolgreiche Revolte hier notwendigerweise die aktive Unterstützung von Genossen aus den Regionen um Hongkong voraussetzt. Dieser praktische Imperativ könnte hier leichter sein Publikum finden als abstrakte Argumente, da die Hongkonger notorisch wenig Geduld für Diskussionen über Ideologie zeigen.

Hier sollten wir beachten, dass dieser Punkt umstritten ist. Einige in unserem Kollektiv weisen darauf hin, dass die Abhängigkeit für viele in Hongkong ein Anlass intensiver Ressentiments ist, insbesondere weil sie eine Folge schändlicher politischer Vereinbarungen ist, bei denen ein Großteil der landwirtschaftlichen Flächen Hongkongs in den nordöstlichen Gebieten schrittweise dezimiert wurden, um Platz für private Wohnanlagen zu machen, die häufig Spekulationen im Ausland (und auf dem Festland) unterliegen. Dafür sorgte auch der groteske Wasserimportvertrag, den wir mit Guangdong abgeschlossen haben. Das heißt – diese Abhängigkeit stärkt lediglich die Begeisterung für Unabhängigkeit und Souveränität, anstatt sie abzuschwächen.

Ein weiterer notwendiger Schritt wäre, sich auf die Vorstellung einzulassen, dass Hongkong eine außergewöhnliche Stadt ist. Ihre Bevölkerung sieht sie als ein liberaler Entrepôt von Weltklasse, als ein Ort freisinniger, freiheitsliebender Kosmopoliten, der im Gegensatz zu den Stiefelleckern und zur Grobheit der mit Gehirnwäsche behandelten Bauern im Norden steht. So banal es auch klingen mag, wir müssen die „Identität Hongkongs“ von jeglichem positiven Inhalt befreien – in all ihren Anmaßungen bezüglich Zivilisation, Urbanität und Aufklärung -, um der vollendeten Negativität der proletarischen Revolte Platz zu machen, die entschieden das spaltende Wirrwarr durchschneiden kann, das von Regierungen auf beiden Seiten der Grenze erzeugt wurde. Es muss gesagt werden, dass wenn es während unseres Kampfes Berichte über Massenunruhen in China gegeben hat, ihnen die Leute mit konzentrierter Aufmerksamkeit folgten.

Viele haben auch erfinderische Wege erkundet, um Informationen aufs Festland zu „schmuggeln“. Es wurden sogar Pornovideos auf chinesischen Adult-Websites bearbeitet und die Videos durch Aufnahmen von Polizeibrutalität in Hongkong ersetzt. Dies erinnert uns an unsere bevorzugten alten chinesischen Aufstände, bei denen Nachrichten auf Pergament geschmuggelt wurde, das in Brötchen und Gebäck versteckt war.

Wie oben schon erwähnt, gibt es diejenigen, die sich redselig für „Unabhängigkeit“ und „Autonomie“ der Regionen in China einsetzen, und die „Balkanisierung“ des Landes nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Partei favorisieren (Letzteres wird als Priorität gesetzt, ersteres einfach als günstige Konsequenz angesehen). Für andere ist eine plausiblere Möglichkeit, sich die Menschen jenseits der Grenze als verlorene Schafe vorzustellen, die von einem allmächtigen Hirten bewacht werden, und damit ist die Hoffnung verbunden, dass Hongkongs bedrohte Souveränität durch internationale Streitkräfte wieder hergestellt wird und seine Grenze so überwacht wird, dass unser Schicksal, von dem der Chinesen entkoppelt ist.

Diese ideologische Matrix zu demontieren sowie die Untergrabung der Grundlagen der kulturellen Identität Hongkongs zugunsten der Realität gefährlicher grenzüberschreitender Arbeit ist zutiefst unangenehm und unpopulär. Um ehrlich zu sein, nur wenige von uns wissen, wie sie dies in wirksamen Umfang tun müssen, zumal alle Informationskanäle auf dem Festland umfassenden Kontrollen unterliegen. Unsere Freunde auf dem Festland haben beträchtliche Anstrengungen unternommen, um Informationen über diesen Kampf in Message Boards und sozialen Medien zu verbreiten. Diese Informationen werden jedoch häufig schnell entfernt und ihre Internet-Konten werden schnell gesperrt.

Man kann sich vorstellen, wie deprimierend diese Arbeit ist, und die Schwierigkeit wird durch ihre Dringlichkeit noch verstärkt – besonders jetzt, wo die Menge beginnt, Chöre zu bilden, um im öffentlichen Raum eine neu verfasste „Nationalhymne von Hongkong“ zu singen.

Lustiges Graffiti, das die Beredsamkeit der alten Schule mit Vulgarität verbindet: „In der heutigen Zeit wurde den Hunden Moral verliehen, die Menschen wurden gezwungen, sich zu empören und eure Mutter zu ficken.“ Dieser letzte Teilsatz ist das am häufigsten verwendete Schimpfwort auf Kantonesisch. Aus einer Reihe von Fotos von kjbb, ttbb, hybb von tclc.
Gebt uns eine Übersicht zu den taktischen und technischen Innovationen, die in den letzten Monaten stattgefunden haben. was wurde dadurch den Teilnehmern ermöglicht was zu tun bisher nicht möglich war. Macht dies unter dem Aspekt, Leute anzusprechen, die sich zu einem späteren Zeitpunkt in einer ähnlichen Situation wie ihr befinden könnten.

In den kommenden Jahren werden wir immer wieder zurückblicken und all die unglaublichen Dinge bestaunen, die als Reaktion auf die konkreten Probleme entstanden sind, mit denen die Aufständischen in den letzten drei Monaten konfrontiert waren.

Als Reaktion darauf, dass Jugendliche kein Zuhause hatten, in das sie zurückkehren konnten, weil sie von ihren Eltern praktisch „verleugnet“ wurden, da sie an Demonstrationen teilgenommen hatten und bei der Erklärung des Ausnahmezustands auf der Straße blieben, schufen die Menschen ein Netzwerk offener Wohnungen, in die sich junge Aktivisten zurückziehen und vorübergehend bleiben konnten. Als Reaktion darauf, dass Kleinbusse, Busse und U-Bahnen nicht mehr sicher waren, damit Demonstranten rechtzeitig flüchten konnten, wurden über Telegramm Fahrgemeinschaften gebildet, um „Kids von der Schule abzuholen“. Wir begegneten älteren Fahrern, die nicht einmal wussten, wie man Telegramm bedient, die aber wiederholt um die in den Radionachrichten gemeldeten „Hot Spots“ fuhren und nach Demonstranten Ausschau hielten, die einer schnellen Fahrt aus der Gefahrenzone bedurften.

Als Reaktion darauf, dass junge Menschen keine Arbeit oder nicht genug Geld haben, um im Kampfgebiet Lebensmittel zu kaufen, hielten Werktätige Vorräte an Supermarkt- und Restaurantgutscheinen in Reserve und verteilten diese vor ernsthaften Auseinandersetzungen an aktive Personen. Diese bemerkenswerte Tatsache wird oft von Konservativen benutzt, um darauf hinzuweisen, dass ausländische Mächte hinter dieser „Farbrevolution“ stehen, denn… woher kam das ganze Geld für diese Gutscheine? Es muss jemanden geben, der das finanziert! Es verbietet sich ihnen die Vorstellung, dass ein Arbeiter bereit ist, in seine eigenen Taschen zu greifen, um einer Person zu helfen, die er nicht kennt.

Als Reaktion auf die Leiden, die Traumata und die Schlaflosigkeit, die durch lang anhaltende Konfrontationen, begleitet von Tränengas und Polizeigewalt verursacht wurden, sei es aus erster Hand oder über grafische Live-Feeds, hat man Unterstützungsnetzwerke ins Leben gerufen, sei es aus erster Hand oder über grafische Live-Feeds, die zu den pathologischen Erscheinungen Beratung und Betreuung anboten. Als Reaktion darauf, dass die Kids nicht genug Zeit hatten, um ihre Hausaufgaben zu machen, weil sie die ganze Nacht auf der Straße waren, wurden Telegramkanäle mit kostenlosen Nachhilfediensten angeboten. Als Reaktion darauf, dass Schüler „nicht in der Lage waren, ihre Ausbildung zu vervollständigen“, weil sie im Streik waren, wurden Seminare an Schulen organisiert, die mit der Sache sympathisierten. Sie wurden wie an den Schulen gleichfalls im öffentlichen Raum zu allen politischen Themen angeboten.

Zwischenzeitlich haben die Leute Chatrooms auf Telegramkanäle eingerichtet, um Themen zu besprechen, die für Demonstranten wichtig sein könnten. Wir sind dabei, selbst einen zu gründen. Das Thema könnte technisch sein (wie man einen U-Bahn-Fahrkartenautomaten auseinandernimmt, wie man durch ein Drehkreuz geht, ohne zu bezahlen), es könnte historisch sein (wir haben kürzlich eines über die Französische Revolution gesehen), es könnte auch spirituell sein oder Selbstverteidigung und Kampfkunst betreffen.

All diese Aktivitäten sind in ihrer Breite und Effizienz atemberaubend. Affinitätsgruppen bilden sich, um Molotows herzustellen und sie in Wäldern zu testen. Andere verbreitern ihre Bekanntschaften und praktizieren Kampfübungen im Wald und erstellen Simulationen von Situationen mit der Polizei. In Parks und auf den Dächern finden spontane Kampfkunst-Dojos statt. Man kann von den Leuten hier in der Stadt sagen, was man will, sie sind außergewöhnlich darin, praktische Probleme mit minimalem Aufwand zu lösen.

Dieser Kampf hat für alle, die daran teilgenommen haben, eine pädagogische Rolle gespielt. Es ist eine phänomenologische Pädagogik, mit der die Stadt, in der wir leben, durch den Prozess des Kampfes eine völlig neue Bedeutung erlangt hat – jeder Aspekt jedes Teils der Stadt hat eine tiefe taktische Bedeutung erhalten. Sie müssen wissen, welche Gebiete von Triaden frequentiert werden. Jede Kurve der Straße und jede Sackgasse kann einen Unterschied machen, ob man aus einer Demonstration heil heraus kommt. In den letzten Monaten haben wir uns in Gegenden befunden, die uns fremd sind, aber selbst die Stadtteile, in denen wir aufgewachsen sind, sind uns fremd geworden. Wir fliehen vor heraneilenden Aufruhrkommandos oder lesen Wandzeitungen voller Informationen, die uns den Ort entfremden. Sie werden von Personen angebracht, die aufgrund ihrer Beschäftigung oder ihres Hintergrunds mit Aspekten der Stadt vertraut sind, auf die wir allein niemals zugreifen könnten. Dies kombiniert mit den außergewöhnlichen Echtzeitkarten, die von Teams erstellt wurden, um Gefahrenzonen und Fluchtwege anzuzeigen, beginnt man zu begreifen, wie die letzten drei Monate eine beschleunigte psychogeografische und kartografische Tour durch unsere Stadt waren, deren Wert unschätzbar ist sowohl für diesen Kampf wie auch für die noch kommenden.

Letztendlich geht es natürlich nicht nur um die Aktivisten auf der Straße. Es gibt viele, sogar in unserem eigenen Kollektiv, die aus verschiedenen Gründen vorziehen, nicht dort zu sein, wo Straßenkämpfe stattfinden. Die wichtigen Beiträge derjenigen, die Karten zeichnen und externe Informationen außerhalb des Standorts bereitstellen und unermüdlich die Richtigkeit der Daten überprüfen, die kontinuierlich aus einer Vielzahl von Kanälen eingehen, haben maßgeblich zur Sicherheit der Aktivisten, indem dies auch zur Beseitigung falscher Nachrichten beiträgt (Bestimmte Konten in Message Boards verbreiten regelmäßig falsche Informationen, deren Zweck unbekannt bleibt.) Es ist auch sinnvoll, dass sich die Leute nach einem anstrengenden Straßenkampf die Zeit nehmen, um die Feinheiten der Taktik auf Telegramkanälen und Message Boards offen und kameradschaftlich zu diskutieren. Dies ermöglicht es, jede geplante Initiative zu verwirklichen – sei es das Abschalten einer U-Bahnlinie, einer Autobahn zum Flughafen oder des Flughafens selbst -, auch wenn wie im Fall der U-Bahnlinie erste Versuche provisorisch und erfolglos sind. Der Wille zur Erreichung der Ziele muss mit der kollektiven Entschlossenheit verbunden sein, die Informationsinfrastruktur zu schaffen, um dies zu erreichen.

WAS KÖNNEN MENSCHEN AUSSERHALB HONGKONGs TUN, UM FESTGENOMMENE UND GEFANGENE IN DIESER BEWEGUNG ZU UNTERSTÜTZEN – INSBESONDERE ANTIAUTORITÄRE? GIBT ES WEITERE DINGE, DIE LEUTE ANDERSWO IN DER WELT UNTERSTÜTZEN KÖNNTEN

In den kommenden Tagen werden wir Informationen über eine globale Solidaritätsaktion veröffentlichen, die wir mit einigen Freunden in Übersee koordinieren. Schau dir diese Seiten an!

Es wäre auch äußerst hilfreich, wenn Ihr eure eigenen Texte über den Stand der Dinge veröffentlichen würdet, mit denen wir alle in diesem historischen Moment in Bezug auf China und die Weiterentwicklung der Überwachungstechnologien auf der ganzen Welt konfrontiert sind. Wir können nicht zulassen, dass sich die Erzählung dieses Kampfes nur um selbstgerechte Denunziationen der Kommunistischen Partei dreht. Die Partei ist unserer Verachtung absolut würdig, aber wir dürfen uns nicht vorstellen, dass das Übel dieser Welt in China konzentriert ist. Wir können dieses absurde Faksimile des Kalten Krieges mit seiner lächerlichen Trennung zwischen den aufrechten Bürgern der „freien Welt“ und den Wächtern von 1984 nicht zulassen. Es lenkt von den Anforderungen unserer Zeit ab und von unserem Projekt, den Ruin von all dem zu beschleunigen, das uns weiterhin von dem Leben trennt, das uns erwartet.

Verbreitet den Geist des proletarischen Hohns. Lasst uns in jeder Sprache lachen, die wir kennen!

Kampf dem Nationalismus, Kapitalismus und dem Staat in all seinen Formen

[1] Eine Schwammgranate ist ein Gummigeschoss, nur etwa zwanzigmal größer und mit Styroporschwamm anstelle von Gummi bestückt.

[2] Triaden sind Gangmitglieder, die an Organisationen beteiligt sind, die in Hongkong wie auch auf dem chinesischen Festland eine lange Geschichte haben. Ihre Genealogie reicht bis in die Geheimbünde zurück, die sich während der Kaiserzeit der Qing-Dynastie widersetzten. Siehe auch:Triaden China

[3] In Hongkong sind Arbeitgeber gesetzlich verpflichtet, ihren Helfern nur einen Tag pro Woche freigeben. Viele der Angestellten finden aber Wege, dieses Gesetz zu unterlaufen.

Anmerkung des Herausgebers: Leider ist dies nicht der Fall. In Deutschland, wo die Taktik des schwarzen Blocks ihren Ursprung hatte, wurden einige „Anti-Deutsch“ – Linksradikale berühmt dafür, mit amerikanischen Flaggen zu marschieren, oft in Formationen eines schwarzen Blocks. Die Dummheit, die Erlösung eines Reiches in den Armen eines anderen zu suchen, kennt keine Grenzen – und Militanz allein ist kein Beweis dagegen.

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