Der gute „Nazi“

Wehrmachtsleutnant Max Eberenz rettete ein Dorf in Mantua. Er weigerte sich, es in die Luft zu jagen und wurde von einem SS-Offizier erschossen

Autor und Quelle: Emanuele Salvato, Übersetzung: G.Melle

Still und dunkel ist die Nacht vom 21. April 1945 in Marmirolo in der italienischen Provinz Mantua. Es ist die verhängte Ausgangssperre der Nazis, die dafür sorgt, dass auf der Piazza nicht eine Fliege zu hören ist. Die kontrollieren, trotz des Vormarsches der Partisanen immer noch die Gegend.

Jedoch vor dem Rathaus, das die Deutschen als Sitz des Kommandos gewählt haben, diskutiert ein junges Paar leise aber lebhaft. Er ist Max Eberenz, Leutnant der Wehrmacht und verantwortlich für die Kontrolle des großen Pulvermagazins von Bosco Fontana. Sie ist Lina, seine geliebte junge „kleine Lehrerin“ (wie sie im Dorf genannt wurde). Sie stammt aus Bologna, ist nach Mantua gezogen und ist zu Gast bei einer Familie des Dorfes.

„Geh nicht Max“, sagt sie, „er wird dir befehlen Bosco in die Luft zu jagen. Willst du dich zum Komplizen eines Massakers machen?“

„Keine Angst“, antworte der junge Offizier leise, „ich werde mich dem Befehl widersetzen und Hauptmann Brunner bitten, die von den Partisanen vorgeschlagene Kapitulation anzunehmen.“

„Der ist zu stolz“, sagte die Frau, „er wird niemals akzeptieren, und Dich wegen Befehlsverweigerung sogar verhaften lassen.“

Max hört nicht auf Lina. Nach einem zärtlichen Abschiedsgruß betritt er das Kommando. Einige Minuten darauf ertönt in der schwarzen Stille der dumpfe metallische Schuss einer Pistole. Lina rennt die Treppe zum Rathaus hinauf, erreicht das oberste Stockwerk und findet Max in einer Blutlache liegend. Er lebt noch und am Rücken klafft eine Wunde. Als Lina sich über ihn beugt, sagt er nach Atem ringend und mit letzter Kraft zu ihr: „Geh‘ zu meinen Eltern, sag ihnen, dass ich sie immer geliebt habe, und dass ich nichts getan habe, wofür sie sich schämen müssten.“

Lina hört, dass sich Schritte dem Raum nähern. Es ist Hauptmann Brunner, der an den Ort seines Verbrechens zurückkehrt, nachdem er den Tod von Eberenz dem Generalkommando in Deutschland gemeldet hat. Lina gelingt es zu fliehen, ohne dass sie von Brunner bemerkt wird.

Monate später reist sie nach Sasbach am Kaiserstuhl, wo die Eltern von Max leben. Als sie diese nach kurzer Suche findet, überbringt sie die Grüße des Sohnes und erzählt von den letzten Augenblicken seines Lebens, dass er von dem SS-Hauptmann Brunner barbarisch ermordet wurde, weil er sich geweigert hatte, den Befehl zur Sprengung des Sprengstoffdepots von Bosco Fontana auszuführen.

Lina erklärt den Eltern, dass Max so die katastrophale Zerstörung der Gemeinde und ihrer 233 Hektar großen Grünanlage, die zur Stadt Mantua gehört, verhinderte. Durch seinen heldenhaften Tod wurde das Massaker unschuldiger Menschen vermieden. Ernst und Sophie Eberenz, die Eltern von Max, kannten bis zu Linas Besuch eine andere Version zum Tod ihres Sohnes. Die war höchst unterschiedlich zu jener, die ihnen jene junge hübsche italienische Frau erzählte, die sich nach ihrem Besuch in Sasbach nicht mehr meldete und deren Spuren sich für immer verloren.

Von einem Offizier mit Namen Knaust – der in der Nacht des Mordes (21. April 1945) Wache im Generalkommando hatte – erfuhren sie die Version Brunners: Der Tod von Max würde noch von Offizieren untersucht und er wäre vermutlich von Partisanen erschossen worden, die sich in der Nähe des Rathauses von Marmirolo befanden.

Jahre später, es ist der August 1993, kommt eine elegante Signora nach Marmirola. Mit deutlich ausgeprägtem deutschen Akzent stellt sie viele Fragen über Max Eberenz. Sie nimmt mit jedem Kontakt auf, der zu jener Zeit in der Gegend mit dem deutschen Leutnant zu tun hatte. Sie sucht nach Zeitzeugen und vor allem nach Lina. „Jene Signora“, erzählt Livio Galafassi, Archivar der Gemeinde und Historiker aus Leidenschaft, „stellte sich mir als Angela Stader, als eine Cousine ersten Grades vor. Sie sagt, dass sie mehr über mein Interesse für die lokale Geschichte erfahren wolle und ob ich etwas über ihren Cousin wisse, sie fragt nach noch lebenden Personen, die ihn gekannt haben. Vor allem will sie wissen, ob ich etwas über Lina, die Freundin von Max in den Kriegstagen weiß, der in Marmirolo stationiert und verantwortlich für das Sprengstoffmagazin von Bosco Fontana war.“

Galafassi führt nach diesem Treffen mit Angela Stader einen intensiven Briefwechsel, in dem sie auch von der Version des Todes von Eberenz erfährt, die Lina den Eltern des deutschen Offiziers erzählt hatte. Man kann sich denken, wie verwundert sie diese Version aufgenommen hat. „Damals war ich 10 Jahre alt und ich erinnere mich genau an den Tag, an dem die Leiche des Leutnants gefunden wurde“, merkte Galafassi an.

„Es war der 26. April 1945 und der erste Tag, an dem auf der Piazza ein heftiger Schusswechsel mit den Partisanen stattfand, die sich in dem Gebäude der heutigen Bank verschanzt hatten.“ Und beschreibt mit seinem Arm einen weiten Kreis: „Und die Nazis waren im Rathaus eingeschlossen, genau gegenüber dem Kreditinstitut. Deshalb meinten alle, dass der Tod von Eberenz diesen Kämpfen geschuldet war.“ Bis zum Zeitpunkt des Besuchs von Angela Stader in Marmirolo in jenem Heißen August vor 12 Jahren, was wusste man da von Eberenz? Hatte man Kenntnis von der Befehlsverweigerung, die viele Leben rettete, seines aber kostete? Und wie hat sich der Wehrmachtsoffizier gegenüber den Bewohnern von Marmirolo verhalten?

Der pensionierte Archivar sagt, dass Eberenz sich gegenüber der Bevölkerung immer sehr anständig verhalten hat: „Er war nie gewalttätig und hat nie an Unterdrückungsmaßnahmen teilgenommen. Er pflegte im Gegenteil gute Beziehungen zu den Leuten hier. Was seine Handlung anbelangt, sich der Sprengung der Depots zu widersetzen, nun, ich muss zugeben, dass dieses Gerücht sich hartnäckig im Dorf hielt… „Ein Partisan, Ottavio Cortellazzi, der Eberenz gekannt hatte, gestand einem Freund meiner Familie, unmittelbar nach dem Krieg, dass einige Tage vor dem Schusswechsel, der Leutnant sich der vernichtenden Niederlage und der sadistischen Neigung des Hauptmanns Bruno Brunner bewusst war. Er hat zusammen mit einem ungarischen Partisan den Zünder entschärft, der mit dem Kommandoposten im Rathaus verbunden, bei der Sprengung von Santabarbara di Bosco Fontana eine Katastrophe ausgelöst hätte.“

Im Dorf zirkulierte auch das Gerücht, dass Eberenz von Hauptmann Brunner ermordet wurde. Diejenigen, die ihn kannten beschrieben ihn als einen „bissigen Nazi, der seine Soldaten terrorisierte“, aber, so kommentiert Galafassi, die Umstände des Auffindens der Leiche haben dieses Gerücht zum Schweigen gebracht.

Jedenfalls bis 1993, als die Cousine von Eberenz Marmirolo aufsuchte. Ihre Version war nicht erfunden, basierte jedoch auf schriftlichen Dokumenten (der Bericht von Knaust über den Tod von Max am 21. April) und direkten Zeugenausssagen von Personen, die Max liebten und, wie Lina, bei ihm waren als er ermordet wurde. Der Besuch von Angela Stader weckte, die von der Zeit und vom Willen diese schreckliche Periode des Krieges zu vergessen, unterdrückten Erinnerungen. Die Ereignisse trugen aber dazu bei, einen Teil der Geschichte zu verändern, jene von unten, die Personen gemacht haben, so wie die Geschichte von Max und Lina: „Nachdem ich in einer lokalen Zeitung von jener Signora Stader gelesen habe“, sagt Antonio Pacchioni, der Arzt des Dorfes, „dass sie auf der Suche nach Lina in Marmirola war, nach der Frau den ihr Cousin liebte, erinnerte ich mich an Episode, die meinen Vater betrifft. Er war zur Zeit des zweiten Weltkriegs praktizierender Arzt im Dorf. Einige Jahre vor dem Besuch von Frau Stader, gestand er mir den Tod von Eberenz am 26. April 1945 festgestellt zu haben.“

„… Bei der Untersuchung des deutschen Offiziers, hatte mein Vater als aufmerksamer Spezialist für anatomische Pathologie festgestellt, dass um den Eintrittskanal des Projektils am Rücken Verbrennungen zu sehen waren. Sie waren zweifellos ein Zeichen dafür, dass das Geschoss beim Eintritt in den Körper sehr heiß war. Es musste also aus unmittelbarer Nähe abgeschossen worden sein. Wären es die Partisanen gewesen, die Eberenz erschossen hätten, die sich aber in beachtlicher Entfernung vom Aufenthaltsort des Leutnants der Wehrmacht befunden haben, wären die Verbrennungen weniger offensichtlich ausgefallen. Schlussendlich hat mein Vater bis zu seinem Tod immer beteuert, dass eine Person Eberenz in den Rücken geschossen haben muss, die wenige Meter, wenn nicht gar im gleichen Zimmer, von ihm weg gestanden haben muss.“

Dieses Zeugnis unterstützt die Version, die Brunner als Urheber des Mords an Max Eberenz ansieht. Doch es kommt noch mehr. Pacchioni erzählt, dass der Vater einen schriftlichen Bericht verfasste, in dem diese Schlüsse ebenfalls erwähnt waren. Der Bericht verschwand auf misteriöse Weise. Manche sagen, dass dies indirekt Hauptmann Brunner anzulasten ist, der einige seiner Helfershelfer damit beauftragte, die Abschlussreinigung am Ende des Krieges durchzuführen. Denn Brunner hatte mittlerweile Fersengas gegeben.

Im Verlauf des Schusswechsels am 25. April, kommt ihm die Einsicht, dass er wie eine Maus in der Falle sitzt. In Waffen und mit seinem Gepäck floh er mit einem Häuflein Getreuer mit einem Lastwagen über die einzig nicht verminte Brücke in Richtung Verona. Dort fand er am 9. April 1945 in einem Feuergefecht mit Partisanen den Tod.

„Brunner“, sagt Galafassi, „war ein Sadist. Er war ein wirklicher Nazikrimineller. Er war von seinen Soldaten ebenso gefürchtet wie von den Bewohnern des Dorfes, denen er keine Art der Gewalt ersparte. Manche Leute im Dorf meinten, dass er Eberenz nicht nur wegen der Befehlsverweigerung erschossen habe, … sondern weil er auch voller Neid sehen musste, dass die Leute Eberenz gern hatten und ihn respektierten. Mehr als einmal bekamen die Leute im Dorf mit, wie sich die Beiden stritten.“

„… Ich erinner mich noch klar und deutlich wie einige Jahre nach Beendigung des Kriegs, sich ein Blondschopf frech für einige Tage im Dorf aufhielt und sich nach dem Hauptmann der SS erkundigte. Man erfuhr bald, dass der Blondschopf der Sohn von Brunner war und im Dorf die ehemaligen Partisanen sich darauf vorbereiteten, im einen gebührenden Empfang zu bereiten. Der Gemeindepfarrer, der von den Absichten der Partisanen erfuhr, empfahl dem jungen Mann fortzugehen, wenn er nicht in Schwierigkeiten kommen wolle. Letzterer nahm den Rat an.“

Jahrzehnte nach diesem Ereignis, dessen Wahrhaftigkeit durch viele Zeugnisse gestützt wird, wie Eberenz sein eigenes Leben opferte, um Hunderte anderer zu retten, erinnert uns in Marmirolo keine Straße, keine Gasse oder ein Baumstumpf an seine mutige Geste. Wie schade!

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