Mikrobiologischer Klassenkrieg in China- social contagion

zum Originalitaliano

Das englischsprachige Essay, veröffentlicht bei http://chuangcn.org/journal/two/ wurde von DE&Co ins Italienische übersetzt und redaktionell bearbeitet. Ich habe z.T. auch, wie im italienischen Text, die redaktionellen kurzen Anmerkungen übernommen und übersetzt, da sie für deutschsprachige Leser*innen, ebenso der einführende Text, von Interesse sein könnten. Als pdf-Datei ist die Übersetzung hier abzurufen.

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deutsche Übersetzung Günter Melle

[Anmerkungen der italienischen Übersetzung]

Der Text erschien am 27. Februar dieses Jahres in der Zeitschrift Chuang (siehe: http://chuangcn.org/), sich an die richtet, welche „die Zwänge des aktuellen Schlachthofs, genannt Kapitalismus, überwinden wollen.“ Der Genosse aus Quebec, der zur Verbreitung beitrug, schreibt dazu: „Der ausführliche Artikel beschreibt die Beziehungen von Epidemie und Produktion, und das Coronavirus als eine Erscheinung der aktuellen Logik der Kapitalakkumulation als Antwort des chinesischen Staates …“ Angesichts der Pandemie in China, antwortet der Artikel auf heikle Fragen von höchster Aktualität.

Zusammengefasst: 1) Beziehung zwischen Evolution/Involution (genannt Fortschritt) der kapitalistischen Produktionsweise. Die anhaltende Umweltzerstörung, mit den daraus sich ergebenden verheerenden Konsequenzen auf Produktion und Reproduktion des Lebens selbst. Keine Schönfärberei, sondern Kritik an den vereinfachenden Vorschlägen, einschließlich der grünen Fehlschläge … 2) Unfähigkeit des Staates, die außer Kontrolle geratene Situation des Notstands zu bewältigen. Daraus die Anwendung von Repression … 3.) Die Arbeiter*innen in Fabrik, Handel, Transport, Dienstleistungen – sind Bürger der Serie B, einige der Serie Z, andere wiederum außerhalb jeder Klassifizierung … 4.) Im Grunde handelt es sich um Wolken der kapitalistischen Systemkrise. Die Talfahrt geschieht in bisher unbekannter Weise. Dies selbst für äußerst schwarzsehende Jünger von Karl Marx …

Das Szenario, das Chungsi hervorhebt wiederholte sich in den Februartagen in Italien. D. h.: Gegensatz von Zentralregierung und Regionalregierungen, die alle im Chaos versanken; Unfähigkeit der politischen Führung und Übergabe der Handlungsmacht an die militärische Führung. Eine Realität, welche in der RTO-Studie der NATO „Urban operation in the year 2020“ dargestellt wird. Hier wird von Militär auf der Straße gesprochen, von permanentem Krieg und von Umweltkatastrophen.

Der Artikel zeichnet weiterhin grundlegende Linien einer revolutionären Strategie. Die taktischen Maßnahmen bleiben noch zu definieren, um eine Antwort auf die Situation des Ausnahmezustands zu geben. Hic et nunc. Die Gewässer sind schon in Bewegung und maskieren sich mit scheinbarer Ruhe.

D.E., Milano, 22. März 2020 –

[Anmerkungen zur deutschen Übersetzung: die als link gekennzeichneten Textstellen verweisen mehrheitlich auf englischsprachige Quellen]

Inhalt:

Die Brennöfen

Wuhan die Stadt des Bauboom: Ausbruch der Epidemie/Annäherung an ihre Ursachen/Verschleierung der Mainstream Medien und die rassistische Hetze reaktionärer Medien/Thesen zur Quarantäne/

Die Produktion von Seuchen

Die Viren im Spannungsfeld von Ökonomie und Epidemiologie/Zwei Dimensionen unserer neuen Ära politisch-wirtschaftlicher Seuchen/Variationen der Ausbreitung: virulente und schwache Intensität/erhöhte Virulenz als evolutionärer Vorteil/Zunahme der Intensität und Virulenz von Virus- Krankheiten sind auf die Ausbreitung der kapitalistischen Produktion zurückzuführen/Skandale in Chinas Lebensmittelindustrie/

Geschichte und Ätiologie

England, die frühesten Beispiele für typisch kapitalistischen Epidemien./Die Rinderpest in Afrika/Auswirkungen der kapitalistischen landwirtschaftlichen Praktiken auf seine Peripherie/Das häufige Auftreten der Epidemien in China ist nicht kulturell bedingt, sondern der globalen Drehscheibe USA-China-Europa zuzuschreiben/Grippevarianten und ihr soziales Ambiente der Ausbreitung/Die spanische Grippe, erste Seuche, die der Kapitalismus im Proletariat erzeugte/

Das Vergoldete Zeitalter

Die Ideologie der Black-Swan-Ereignisse/Zyklische Wiederholungsmuster regelmäßg auftretender Gesundheitskrisen/Neoliberaler Abbau der Gesundheitsvorsorge in China/Hochwertige Produkte für den Auslandsmarkt und miserable Standards für die Massen/Das Danwei-System und die Barfußärzte/Reaktionen auf das verschlechterte Gesundheitssystem/

Es gibt keine Wildnis

Zwei Hauptwege tödlicher Epidemien/Direkter und indirekter Fall der Ausbreitung von Epidemien, die der kapitalistischen Logik immanent sind/Veränderung der Schnittstellen Mensch/Nichtmensch/Umwandlung wilder Virusstämme bei globalen Pandemien/Einsatz von Paramilitärs zum „grünen“ Schutz gegen die indigene Bevölkerung

Containmment als eine Übung in Der Staatskunst

Spekulationen über den Zusammenbruch des Systems/chinesische und westliche Propaganda zur repressiven Einführung der Quarantäne/Die tieferen Ursachen der Unfähigkeit des chinesischen Staates in seiner Krisenreaktion/Zentral- und Regionalregierung in der Bewältigung der Krise/Aufstandszenarien als Probelauf staatlicher Reaktionen/

Unfähigkeit

Das besonders harte Vorgehen profitiert von seinem scheinbar humanitären Charakter/Zum Charakter der Aufstandsbekämpfung/persönliche und wirtscchaftliche Auswirkungen der Krise/Ein Video als Symbol der Haltung des Staates in der Krise/

Der surreale Krieg

Lehren über die schwachen und harten Kanten der Staatsmacht/


Jagdrevier Coronavirus

Die Brennöfen

Wuhan ist umgangssprachlich als einer der „vier Öfen“ (四大 火炉) Chinas für seinen drückend heißen, feuchten Sommer bekannt, der mit Chongqing, Nanjing und manchmal mit Nanchang oder Changsha geteilt wird. Alle sind sie lebhafte Städte mit langer Geschichte, die entlang oder in der Nähe des Jangtse-Flusstals liegen. Von den vier Städten ist Wuhan jedoch auch mit ganz realen Öfen übersät: Der massive städtische Komplex fungiert als eine Art Kern für die Stahl-, Beton- und andere baubezogene Industrien Chinas, dessen Landschaft mit den langsam abkühlenden Hochöfen von China übersät ist. Die verbliebenen staatlichen Eisen- und Stahlgießereien, die jetzt von Überproduktion geplagt und zu einer umstrittenen neuen Runde von Verkleinerung, Privatisierung und allgemeiner Umstrukturierung gezwungen wurden, führten in den letzten fünf Jahren zu mehreren großen Streiks und Protesten.

Immobilienboom Wuhan

Die Stadt ist im Wesentlichen die Bauhauptstadt Chinas, was bedeutet, dass sie in der Zeit nach der globalen Wirtschaftskrise eine besonders wichtige Rolle gespielt hat, da in diesen Jahren das chinesische Wachstum durch Einbeziehung von Investmentfonds in Infrastruktur und Immobilienprojekte stimuliert wurde. Wuhan versorgte diese Blase nicht nur mit seinem Überangebot an Baumaterialien und Bauingenieuren, sondern entwickelte sich damit auch zu einer Stadt des Immobilienboom. Unseren eigenen Berechnungen nach, entsprach die Gesamtfläche für Baustellen in Wuhan im Zeitraum 2018-2019 der Größe der gesamten Insel Hongkong.

Aber jetzt scheint dieser Ofen, der die chinesische Wirtschaft nach der Krise antreibt, ähnlich wie die Eisen- und Stahlgießereien abzukühlen. Obwohl dieser Prozess bereits in vollem Gange war, ist die Metapher jetzt auch nicht mehr nur wirtschaftlich, da die einst geschäftige Stadt seit über einem Monat abgeriegelt ist und ihre Straßen durch das Regierungsdekret geleert wurden: „Der größte Beitrag, den Sie leisten können, ist: Versammeln Sie sich nicht, verursachen Sie kein Chaos “, heißt es in der Guangming Daily, die von der Propagandaabteilung der Kommunistischen Partei Chinas geführt wird. Jetzt, da der Winter durch das neue Mondjahr verdrängt wird und die Stadt unter dem Zwang der weitreichenden Quarantäne stagniert, wirken die breiten neuen Alleen in Wuhan und ihre glitzernden Stahl- und Glasgebäude alle kalt und hohl. Sich zu isolieren ist ein guter Ratschlag für jeden in China, denn der Ausbruch des neuartigen Coronavirus (kürzlich in „SARS-CoV-2“ umbenannt und seine Krankheit „COVID-19“) hat mehr als zweitausend Menschen getötet – mehr also als zuvor die SARS-Epidemie im Jahr 2003. Das gesamte Land steht wie während der SARS-Epidemie still. Die Schulen sind geschlossen und die Menschen sind landesweit in ihre Häuser verbannt. Fast alle wirtschaftlichen Aktivitäten wurden für die Neujahrsfeiertage am 25. Januar eingestellt, die Maßnahme wurde dann um einen Monat verlängert, um die Ausbreitung der Epidemie einzudämmen. Die Öfen Chinas scheinen nicht mehr zu brennen oder zumindest sind sie auf schwach glühende Kohle reduziert worden. In gewisser Weise ist die Stadt jedoch wieder in einer anderen Art zum Ofen geworden, weil das Coronavirus seine dichte Bevölkerung in einem heftigen Fieber durchbrennt.

Der Ausbruch wurde fälschlicherweise drauf zurückgeführt, was durch eine verschwörerische und / oder versehentliche Freisetzung eines Virusstamms vom Wuhan Institute of Virology verursacht wurde – eine zweifelhafte Behauptung, die von den sozialen Medien, insbesondere über paranoide Facebook-Posts in Hongkong und Taiwan, verbreitet wurde. Sie wurde von konservativ ausgerichteten Pressestellen und militärischen Interessen im Westen aufgegriffen – als Eigenart der Chinesen, „verschmutzte“ oder „seltsame“ Arten von Lebensmitteln zu konsumieren. Weiterhin, dass der Virusausbruch entweder mit Fledermäusen oder Schlangen zusammenhänge, die auf einem halb-illegalen „Nassmarkt“, spezialisiert auf Wildtiere und weitere seltene Tiere, verkauft werden (obwohl dies nicht die ultimative Quelle war). Beide Behauptungen zeigen die offensichtliche Kriegstreiberei und den Orientalismus, die der Berichterstattung über China gemeinsam sind. Eine Reihe von Artikeln haben auf diese grundlegende Tatsache hingewiesen. Aber selbst ihre Antworten konzentrieren sich in der Regel nur auf Fragen, wie das Virus im kulturellen Bereich wahrgenommen wird, und verbringen wenig Zeit damit, sich mit der brutaleren Dynamik zu befassen, die unter dem Medienrummel verborgen liegt.

Eine etwas komplexere Variante versteht zumindest die wirtschaftlichen Konsequenzen, auch wenn sie die möglichen politischen Auswirkungen zugunsten rhetorischer Effekte übertreibt. Hier finden wir auch die üblichen Verdächtigen, angefangen bei Standardpolitikern, die Warhawk-Drachen töten wollen, bis hin zum Perlmutt-Haute-Liberalismus: Presseagenturen von der National Review bis zur New York Times haben bereits angedeutet, dass der Ausbruch zu einer „Legitimitätskrise“ der KPCh führen könnte, obwohl kaum der Hauch eines Aufstands in der Luft liegt. Das Körnchen Wahrheit in diesen Vorhersagen liegt im Erfassen der wirtschaftlichen Dimensionen der Quarantäne – etwas, das für Journalisten mit Aktienportfolios, die dicker als ihre Schädel sind, kaum verloren gehen dürfte. Denn Tatsache ist, dass die Menschen trotz der Forderung der Regierung, sich zu isolieren, möglicherweise bald gezwungen sein werden, sich zu „versammeln“, um sich den Bedürfnissen der Produktion zu widmen. Nach neueren Schätzungen wird der Ausbruch zu einem Rückgang des chinesischen BIP um 5% führen, was unter der Wachstumsrate der bereits stagnierenden 6% des letzten Jahres liegt – dem niedrigsten Stand der letzten drei Jahrzehnte. Einige Analysten sagten, dass das Wachstum im ersten Quartal um 4 Prozent oder weniger sinken könnte und dass dies möglicherweise eine globale Rezession auslösen könnte. Eine bisher undenkbare Frage wurde gestellt: Was passiert eigentlich mit der Weltwirtschaft, wenn der chinesische Ofen kalt wird?

Füt Chinas selbst ist der endgültige Verlauf schwer vorherzusagen, aber im Moment hat er bereits zu einem seltenen, kollektiven Prozess des Fragens und Lernens über die Gesellschaft geführt. Die Epidemie hat fast 80.000 Menschen direkt infiziert (nach der konservativsten Schätzung), aber sie hat für 1,4 Milliarden Menschen den Schock ins tägliche Leben gebracht, der sie in einem Moment prekärer Selbstreflexion gefangen hält. Dieser Moment der Angst, hat viele veranlasst, einige tiefgehende Fragen zu stellen: Was wird mit mir passieren? Mit meinen Kindern, meiner Familie und meinen Freunden? Werden wir genug zu essen haben? Werde ich bezahlt werden? Werde ich Miete zahlen können? Wer ist dafür verantwortlich? Auf seltsame Weise ähnelt die subjektive Erfahrung der eines Massenstreiks – aber einer, die in ihrem nicht spontanen Top-down-Charakter und insbesondere in ihrer unfreiwilligen Hyperatomisierung die grundlegenden Rätsel unserer eigenen erwürgten Politik veranschaulicht. Die liegt ebenso so klar offen wie in den Massenstreiks des vorigen Jahrhunderts und seinen aufgedeckten Widersprüchen dieser Zeit. Die Quarantäne ist also wie ein Streik, der seiner kollektiven Merkmale beraubt wurde, aber der dennoch einen tiefen Schock verursacht, was sowohl die eigene Psyche als auch die Wirtschaft betrifft. Allein diese Tatsache macht nachdenklich.

Natürlich sind Spekulationen über den bevorstehenden Untergang der KPCh purer Unsinn. Sie sind auch eine der beliebtesten Freizeitbeschäftigungen von The New Yorker und The Economist. In der Zwischenzeit verfolgen die Medien ihre Verfahren der Vertuschung, bei denen den rassistisch motivierten Artikeln, die in reaktionären Zeitungen veröffentlicht werden, eine Flut von Webdiensten entgegensteht, die im Widerspruch zum Orientalismus und anderen ideologischen Aspekten stehen. Aber fast die gesamte Diskussion bleibt auf der Ebene der Darstellung – oder bestenfalls der Eindämmungspolitik wirtschaftlicher Folgen der Epidemie -, ohne sich mit den Fragen zu befassen, wie solche Krankheiten überhaupt entstehen, geschweige denn sich verbreiten. Doch auch das reicht nicht aus. Jetzt ist nicht die Zeit für einfache Übungen von „Scooby-Doo-Marxisten“, bei der dem Bösewicht die Maske abgezogen wird, um zu zeigen, dass es tatsächlich der Kapitalismus war, der die ganze Zeit das Coronavirus verursachte! Das wäre nicht scharfsinniger als die ausländische Kommentatoren, die über einen Regimewechsel sinnieren. Natürlich ist der Kapitalismus schuldhaft – aber wie genau verbindet sich die sozioökonomische Sphäre mit der biologischen und welche tieferen Lehren könnten aus der gesamten Erfahrung gezogen werden?

In diesem Sinne bietet der Ausbruch der Epidemie zwei Möglichkeiten der Reflexion: Erstens ist sie eine lehrreiche Lektion, in der wir wesentliche Fragen darüber, wie die kapitalistische Produktion mit der nicht menschlichen Welt in Beziehung steht, auf einer grundlegenderen Ebene prüfen können – kurz gesagt: Die „natürliche Welt“, einschließlich ihrer mikrobiologischen Substrate, können nicht ohne Bezug darauf verstanden werden, wie die Gesellschaft die Produktion organisiert (weil die beiden tatsächlich nicht getrennt sind). Gleichzeitig ist dies eine Erinnerung daran, dass der einzige Kommunismus, der diesen Namen verdient, das Potenzial einer tiefgreifenden politischen Vision der Natur umfasst. Zweitens können wir dieses Moment der Isolation auch für unsere eigene Reflexion über den gegenwärtigen Zustand der chinesischen Gesellschaft nutzen. Einige Dinge werden erst klar, wenn alles unerwartet zum Stillstand kommt und eine Verlangsamung dieser Art nicht umhin kommt, die zuvor verdeckte Spannungen sichtbar zu machen. Im Folgenden werden wir beide Fragen untersuchen und nicht nur zeigen, wie die kapitalistische Akkumulation solche Pandemien hervorruft, sondern auch, wie das Moment der Pandemie selbst ein widersprüchlicher Fall einer politischen Krise ist, der die unsichtbaren Potenziale und Abhängigkeiten von der Umwelt für die Menschen sichtbar macht und wir zeigen, dass sie gleichzeitig eine weitere Entschuldigung für die Ausweitung der Kontrollsysteme auf den Alltag darstellt.

Unter den vier Öfen befindet sich ein sehr wichtiger Ofen [genannt Huwei: red.Anm.], der die industriellen Zentren der Welt unterfüttert: Der evolutionäre Schnellkochtopf der kapitalistischen Landwirtschaft und Urbanisierung. Dies ist das ideale Medium, durch das ständig verheerendere Seuchen geboren, transformiert, und zu zoonotischen Sprüngen induziert werden, um sich dann aggressiv in der menschlichen Bevölkerung zu verbreiten.

Die Produktion von Seuchen

Das Virus der gegenwärtigen Epidemie (SARS-CoV-2) steht, wie sein Vorgänger SARS-CoV aus dem Jahr 2003 sowie die Vogelgrippe und davor die Schweinegrippe, im Spannungsfeld von Ökonomie und Epidemiologie. Es ist kein Zufall, dass so viele dieser Viren die Namen von Tieren angenommen haben: Die Ausbreitung neuer Krankheiten auf die menschliche Bevölkerung ist fast immer das Produkt des sogenannten zoonotischen Transfers, was eine technische Art zu sagen ist, dass solche Infektionen von Tieren ausgehen und auf Menschen übertragen werden. Dieser Sprung von einer Art zur anderen, ist durch Faktoren wie Nähe und Regelmäßigkeit des Kontakts bedingt, die alle die Umgebung bilden, in der sich die Krankheit entwickelt. Wenn sich diese Schnittstelle zwischen Mensch und Tier ändert, ändert sich auch der Zustand, unter dem sich solche Krankheiten entwickeln. Unter den vier Öfen befindet sich also ein grundlegenderer Ofen, der die Industriezentren der Welt untermauert: der evolutionäre Schnellkochtopf der kapitalistischen Landwirtschaft und Urbanisierung. Dies ist das ideale Medium, durch das immer verheerendere Seuchen geboren, transformiert, und zoonotische Sprünge induziert werden, die sich dann aggressiv in der menschlichen Bevölkerung verbreiten. Hinzu kommen ähnlich intensive Prozesse am Randgeschehen der Wirtschaft, bei denen Menschen auf „wilde“ Erregerstämme stoßen, die zu immer umfassenderen agroökonomischen Eingriffen in lokale Ökosysteme führen. Das jüngste Coronavirus repräsentiert in seinen „wilden“ Ursprüngen und seiner plötzlichen Ausbreitung, in einem stark industrialisierten und urbanisierten Kern der Weltwirtschaft, beide Dimensionen unserer neuen Ära politisch-wirtschaftlicher Seuchen.

Die Grundidee hierzu wird am gründlichsten von linken Biologen wie Robert G. Wallace entwickelt, dessen 2016 erschienenes Buch Big Farms Make Big Flu [Große Farmen machen eine große Grippe] ein umfassendes Argument für den Zusammenhang zwischen kapitalistischem Agribusiness und der Ätiologie der jüngsten Epidemien von SARS bis Ebola darstellt [I]. Diese Epidemien lassen sich grob in zwei Kategorien einteilen, von denen die erste ihren Ursprung im Kern der agroökonomischen Produktion und die zweite in ihrem Hinterland hat. Um die Ausbreitung von H5N1, auch als Vogelgrippe bekannt, aufzuspüren, fasst er mehrere geografische Schlüsselfaktoren für jene Epidemien zusammen, die ihren Ursprung im produktiven Kern haben:

Die ländlichen Landschaften vieler der ärmsten Länder sind heute durch ein unreguliertes Agrobusiness gekennzeichnet, das auf periurbane Slums stößt. Eine ungehinderte Übertragung in gefährdeten Gebieten erhöht die genetische Variation, mit der H5N1 menschenspezifische Eigenschaften entwickeln kann. Auf drei Kontinenten verteilt, kontaktiert das sich schnell entwickelnde H5N1 auch eine zunehmenden Vielfalt sozioökologischer Umgebungen, einschließlich länderspezifischer Kombinationen vorherrschender Wirtstypen, Arten der Geflügelzucht und Tiergesundheitsmaßnahmen. [II]

Diese Ausbreitung ist natürlich auf die globalen Warenkreise und die regelmäßigen Arbeitsmigrationen zurückzuführen, welche die kapitalistische Wirtschaftsgeografie definieren. Das Ergebnis ist „eine Art eskalierende demische Selektion“, über die das Virus in kürzester Zeit mit einer größeren Anzahl von Evolutionspfaden konfrontiert wird, sodass die am besten geeigneten Varianten die anderen übertreffen können.

Dies ist jedoch eine simple Feststellung, die in der Mainstream-Presse bereits häufig erwähnt wird: Die Tatsache, dass die „Globalisierung“ die Ausbreitung solcher Krankheiten schneller ermöglicht – wenn auch hier mit einer wichtigen Ergänzung, dass dabei zu beachten ist, wie genau dieser Kreislaufprozess auch die Viren schneller mutieren lassen. Die eigentliche Frage kommt jedoch früher: Bevor der Kreislauf die Resilienz solcher Krankheiten erhöht, hilft die Grundlogik des Kapitals, zuvor isolierte oder harmlose Virenstämme in ein wettbewerbsintensives Umfeld zu bringen, das die spezifischen Merkmale begünstigt, die Epidemien verursachen. Denn schnelle virale Lebenszyklen, besitzen die Fähigkeit zu zoonotischen Sprüngen zwischen den Trägerspezies und haben die Fähigkeit, schnell neue Übertragungsvektoren zu entwickeln. Diese Stämme zeichnen sich geradezu durch ihre Virulenz aus. In absoluten Zahlen scheint die Entwicklung virulenterer Stämme den gegenteiligen Effekt zu haben, da eine frühe Abtötung des Wirts weniger Zeit für die Ausbreitung des Virus bietet. Die Erkältung ist ein gutes Beispiel für dieses Prinzip, bei dem im Allgemeinen eine geringe Intensität beibehalten wird, die die Verbreitung in der Bevölkerung erleichtert. In bestimmten Umgebungen ist die entgegengesetzte Logik jedoch viel sinnvoller: Wenn ein Virus zahlreiche Wirte derselben Art in unmittelbarer Nähe hat und insbesondere wenn diese Wirte möglicherweise bereits verkürzte Lebenszyklen aufweisen, wird eine erhöhte Virulenz zu einem evolutionären Vorteil.

Auch hier ist das Beispiel der Vogelgrippe ein herausragendes. Wallace weist darauf hin, dass Studien gezeigt haben, dass „nicht endemische, hoch pathogene Stämme [der Influenza] in Wildvogelpopulationen das ultimative Quellenreservoir für fast alle Influenza-Subtypen sind.“ [III] Stattdessen scheinen domestizierte Populationen, die sich in Industriebetrieben konzentrieren, in deutlicher Beziehung zu solchen Ausbrüchen zu stehen. Dies aus offensichtlichen Gründen:

Wachsende genetische Monokulturen von Haustieren entfernen jede verfügbare Immunabwehr, welche die Übertragung verlangsamen. Größere Populationsgrößen und -dichten ermöglichen höhere Übertragungsraten. Solche überfüllten Zustände unterdrücken die Immunantwort. Ein hoher Ausstoß, der Teil jeder industriellen Produktion ist, bietet eine ständig erneuertes Angebot der Anfälligkeit, dem Treibstoff für die Entwicklung der Virulenz. [IV]

Und natürlich ist jedes dieser Merkmale ein Ergebnis der Logik des industriellen Wettbewerbs. Insbesondere die schnelle „Ausstoßraterate“ hat in solchen Kontexten eine stark biologische Dimension: „Sobald Industrietiere die richtige Masse erreichen, werden sie getötet. Residente Influenza-Infektionen müssen bei jedem Tier schnell ihre Übertragungsschwelle erreichen […]. Je schneller Viren produziert werden, desto größer ist die Schädigung des Tieres“ [V]. Ironischerweise der Versuch, solche Ausbrüche durch Massenvernichtung von Tieren zu unterdrücken – wie in jüngster Zeit bei Fällen von afrikanischer Schweinepest, die zum Verlust von fast einem Viertel der weltweiten Schweinefleischversorgung führten, können den unbeabsichtigten Effekt haben, den Selektionsdruck noch weiter zu erhöhen und dadurch die Entwicklung hypervirulenter Stämme zu induzieren. Obwohl solche Ausbrüche in der Vergangenheit bei domestizierten Arten, oft nach Perioden der Kriegsführung oder Umweltkatastrophen, aufgetreten sind, die einen erhöhten Druck auf die Tierpopulationen ausüben, sind die Zunahme der Intensität und Virulenz solcher Krankheiten unbestreitbar auf die Ausbreitung der kapitalistischen Produktion zurückzuführen.

Geschichte und Ätiologie

Epidemien sind sehr oft der Schatten kapitalistischer Industrialisierung und fungieren gleichzeitig als Vorbote. Die offensichtlichen Fälle von Pocken und anderen Pandemien, die in Nordamerika eingeschleppt wurden, sind ein untaugliches Beispiel, da ihre Intensität durch die lange physisch geographische Trennung der verschiedenen Bevölkerungen gesteigert wurde – und solche Krankheiten, unabhängig davon, ihre Virulenz über vorkapitalistische Netzwerke des Handels und frühe Urbanisierung in Asien und Europa erlangt hatten. Wenn wir stattdessen nach England schauen, wo der Kapitalismus zuerst auf dem Land durch Massenvertreibung der Bauern entstand, und dann ohne sie intensive Viehzucht betrieben wurden, sehen wir die frühesten Beispiele für diese typisch kapitalistischen Epidemien. Drei verschiedene Pandemien ereigneten sich im England des 18. Jahrhunderts zwischen 1709 und 1720, zwischen 1742 und 1760 und zwischen 1768 und 1786. Der Ursprung einer jeden war importiertes Vieh aus Europa, das von den normalen vorkapitalistischen Pandemien infiziert war, die auf Kriege folgten. Aber in England begann die Rinderzucht sich auf neue Weise zu konzentrieren, und die Einführung des infizierten Bestands sollte daher die Bevölkerung viel aggressiver durchdringen als im übrigen Europa. Es ist also kein Zufall, dass sich die Ausbrüche auf die großen Londoner Molkereien konzentrierten, die eine ideale Umgebung für die Intensivierung des Virus boten.


[red. Anmerkung: siehe auch: KARL MARX, Das Kapital, Buch I, Abschnitt 7, Kap. 24, Zur ursprünglichen Akkumulation des Kapitals. Zur Enteignung von Land zitiert Marx den Satz von Thomas Morus über dieses seltsame Land, in dem „… Schafe Menschen verschlingen.“, Utopia]


Letztendlich wurden die Ausbrüche jeweils durch selektives frühes Keulen in kleinerem Maßstab in Kombination mit der Anwendung moderner medizinischer und wissenschaftlicher Praktiken eingedämmt – im Wesentlichen ähnlich wie solche Epidemien heute unterdrückt werden. Dies ist das erste Beispiel für ein klares Muster, das die Wirtschaftskrise selbst nachahmt: immer intensivere Zusammenbrüche, die das gesamte System auf einen Abgrund zu stellen scheinen, aber letztendlich durch einen Mix von Maßnahmen überwunden werden, die Markt/Bevölkerung reorganisieren und eine Intensivierung des technologischen Fortschritts herbeiführen – in diesem Fall moderne medizinische Praktiken plus neue Impfstoffe, die oft zu spät kommen, aber dennoch dazu beitragen, die Dinge nach der Verwüstung aufzuwischen.

Dieses Beispiel aus der Heimat des Kapitalismus muss aber auch mit einer Anmerkung zu den Auswirkungen der kapitalistischen landwirtschaftlichen Praktiken auf seine Peripherie kombiniert werden. Während die Viehpandemien des frühen kapitalistischen England eingedämmt waren, waren die Ergebnisse anderswo weitaus verheerender. Das Beispiel von größter historischer Auswirkung ist wahrscheinlich das des Rinderpest-Ausbruchs in Afrika, der in den 1890er-Jahren stattfand. Das Datum selbst ist kein Zufall: Rinderpest hatte Europa mit einer Intensität geplagt, die dem Wachstum der großflächigen Landwirtschaft genau folgte und nur durch den Fortschritt der modernen Wissenschaft in Schach gehalten wurde. Im späten 19. Jahrhundert erlebte der europäische Imperialismus seinen Höhepunkt, der durch die Kolonialisierung Afrikas verkörpert wurde. Rinderpest wurde mit den Italienern aus Europa nach Ostafrika gebracht, die andere imperiale Mächte einholen wollten, indem sie das Horn von Afrika durch eine Reihe von Feldzügen kolonisierten. Diese Kampagnen scheiterten größtenteils, aber die Krankheit breitete sich dann in den einheimischen Viehpopulationen aus und fand schließlich ihren Weg nach Südafrika, wo sie die frühe kapitalistische Agrarwirtschaft der Kolonie verwüstete und sogar die Herde auf dem Landgut des berüchtigten selbst-ernannten weißen Suprematisten Cecil Rhodes tötete. Der äußerst große historische Effekt war unbestreitbar: 80 bis 90% aller Rinder wurden getötet, und die Rinderpest führte zu einer beispiellosen Hungersnot in den überwiegend von Viehzucht lebenden Gesellschaften Afrikas, südlich der Sahara. Dieser Entvölkerung folgte dann die invasive Verbreitung von Dornbusch in der Savanne, wodurch ein Lebensraum für die Tsetsefliege geschaffen wurde, die sowohl die Schlafkrankheit überträgt als auch das Weiden von Vieh verhindert. Das stellte sicher, dass eine Wiederansiedlung in der Region nach der Hungersnot begrenzt wurde, und sie ermöglichte die weitere Ausbreitung der europäischen Kolonialmächte auf dem gesamten Kontinent.

Abgesehen vom periodischen Ausbrechen der Agrarkrisen und der Schaffung apokalyptischer Bedingungen, die dazu beigetragen haben, dass der Kapitalismus über seine frühen Grenzen hinauswuchs, haben solche Epidemien auch das Proletariat im industriellen Kern selbst heimgesucht. Bevor wir zu den vielen neueren Beispielen zurückkehren, ist es noch einmal hervorzuheben, dass der Ausbruch des Coronavirus nichts einzigartig Chinesisches ist. Die Erklärungen dafür, warum in China so viele Epidemien auftreten, sind nicht kultureller Natur, sondern eine Frage der Wirtschaftsgeografie. Dies wird sehr deutlich, wenn wir China, die USA oder Europa als Drehscheiben globaler Produktion und industrieller Massenbeschäftigung verstehen. [VI] Und das Ergebnis ist im Wesentlichen in seinen Merkmalen identisch. Das Sterben von Vieh auf dem Land wurde in der Stadt durch schlechte Hygienepraktiken und weit verbreiteter Kontamination ergänzt. Dies wurde zum Schwerpunkt der frühen liberal-progressiven Reformbemühungen in den Bereichen der Arbeiterklasse, die durch die Rezeption von Upton Sinclairs Roman The Jungle inspiriert wurden, der ursprünglich geschrieben wurde, um das Leid von Arbeitsmigranten in der Fleischverpackungsindustrie zu dokumentieren, aber von wohlhabenderen Liberalen aufgegriffen wurde, die besorgt waren wegen der Gesundheitsverletzungen und den allgemein unhygienischen Bedingungen, unter denen ihr eigenes Essen zubereitet wurde.

Diese liberale Empörung über „Unreinheit“ mit all ihrem impliziten Rassismus definiert immer noch, was wir als die dominante Ideologie der meisten Menschen definieren, wenn sie mit den politischen Dimensionen wie etwa dem Coronavirus oder den SARS-Epidemien konfrontiert werden. Die Arbeitnehmer haben jedoch wenig Kontrolle über die Bedingungen, unter denen sie arbeiten. Noch wichtiger ist, dass unhygienische Bedingungen durch Kontamination der Lebensmittelvorräte aus der Fabrik gelangen. Diese Kontamination ist jedoch nur die Spitze des Eisbergs. Solche Bedingungen sind die Umgebungsnorm für diejenigen, die in ihnen arbeiten oder in nahe gelegenen proletarischen Siedlungen leben, und diese Bedingungen führen zu einem Rückgang der Gesundheit auf der Bevölkerungsebene, was noch bessere Bedingungen für die Ausbreitung der vielen Seuchen des Kapitalismus bietet. Nehmen wir zum Beispiel den Fall der spanischen Grippe, einer der tödlichsten Epidemien in der Geschichte. Dies war einer der frühesten Ausbrüche der H1N1-Influenza (im Zusammenhang mit neueren Ausbrüchen der Schweine- und Vogelgrippe), und es wurde lange angenommen, dass er sich aufgrund seiner hohen Zahl an Todesopfern qualitativ von anderen Influenza-Varianten unterschied. Während dies teilweise zuzutreffen scheint (aufgrund der Fähigkeit der Grippe, eine Überreaktion des Immunsystems auszulösen), ergaben spätere Literaturrecherchen und historische epidemiologische Untersuchungen, dass es möglicherweise nicht viel virulenter war als andere Stämme. Stattdessen wurde die hohe Sterblichkeitsrate wahrscheinlich hauptsächlich durch weit verbreitete Unterernährung, Überfüllung der Städte und allgemein unhygienische Lebensbedingungen in den betroffenen Gebieten verursacht, was nicht nur die Ausbreitung der Grippe selbst, sondern auch die Kultivierung von bakteriellen Superinfektionen zusätzlich zum zugrunde liegenden Virus begünstigte [VII].

Mit anderen Worten: die Zahl der Todesopfer durch die Spanische Grippe wurde, obwohl sie als eine unvorhersehbare charakterliche Abweichung des Virus dargestellt wurde, durch die sozialen Bedingungen gleichermaßen gefördert. In der Zwischenzeit wurde die rasche Ausbreitung der Grippe durch den Welthandel und die globale Kriegsführung ermöglicht, die sich zu dieser Zeit auf die sich rasch wandelnden Imperialismen, die den ersten Weltkrieg überlebten, konzentrierten. Und wir finden wieder eine bekannte Geschichte darüber, wie solch ein tödlicher Influenza-Stamm überhaupt erzeugt wurde: Obwohl der genaue Ursprung noch etwas trübe ist, wird heute allgemein angenommen, dass er von domestizierten Schweinen oder Geflügel stammt, wahrscheinlich aus Kansas. Zeit und Ort sind bemerkenswert, da die Jahre nach dem Krieg eine Art Wendepunkt für die amerikanische Landwirtschaft waren, in der zunehmend mechanisierte Produktionsmethoden im Fabrikstil angewendet wurden. Diese Trends wurden erst in den 1920er-Jahren intensiver, und die Massenanwendung von Technologien wie dem Mähdrescher, führte sowohl zu einer allmählichen Monopolisierung als auch zu einer ökologischen Katastrophe, deren Kombination zur Dust Bowl-Krise und der darauf folgenden Massenmigration führte. Die intensive Konzentration von Nutztieren, die spätere Fabrikfarmen kennzeichnen würde, war noch nicht entwickelt, aber die grundlegenderen Formen der Konzentration und intensiveren Verarbeitungsmengen, die bereits in ganz Europa zu Tierepidemien geführt hatten, waren jetzt die Norm. Wenn die englischen Rinderepidemien des 18. Jahrhunderts der erste Fall einer ausgesprochen kapitalistischen Viehepidemie und der Ausbruch der Rinderpest in Afrika der 1890er-Jahre die größte epidemiologische Massentiervernichtung des Imperialismus waren, kann die spanische Grippe als die erste Seuche, die der Kapitalismus im Proletariat erzeugte, verstanden werden.

Das Vergoldete Zeitalter

Die Parallelen zur aktuellen chinesischen Entwicklung sind auffällig. COVID-19 kann nicht verstanden werden, ohne die Art und Weise zu berücksichtigen, in der Chinas Gesundheitssystem und der Zustand seiner öffentlichen Gesundheitsversorgung die letzten Jahrzehnte durch das globale kapitalistische System geprägt wurden. Die Epidemie, wie neu sie auch sein mag, ähnelt daher anderen vorangegangenen Krisen im Bereich der öffentlichen Gesundheit, die in der Regel fast genauso regelmäßig auftreten wie Wirtschaftskrisen und in der populären Presse auf ähnliche Weise betrachtet werden – als wären sie zufällig , „Black Swan“ -Ereignisse, völlig unvorhersehbar und beispiellos. Die Realität ist jedoch, dass diese Gesundheitskrisen ihren eigenen chaotischen, zyklischen Wiederholungsmustern folgen, die durch eine Reihe struktureller Widersprüche, die in die Natur der Produktion und des proletarischen Lebens im Kapitalismus eingebaut sind, wahrscheinlicher werden. Ähnlich wie im Fall der spanischen Grippe konnte sich das Coronavirus ursprünglich durch eine allgemeine Verschlechterung der Grundversorgung in der Bevölkerung insgesamt festsetzen und schnell verbreiten. Aber gerade weil diese Verschlechterung inmitten eines spektakulären Wirtschaftswachstums stattgefunden hat, wurde sie hinter der Pracht glitzernder Städte und massiver Fabriken verborgen. Die Realität ist jedoch, dass die Ausgaben für öffentliche Güter wie Gesundheitsvorsorge und Bildung in China nach wie vor äußerst niedrig sind, während die meisten öffentlichen Ausgaben für die stationäre Infrastruktur verwendet wurden – Brücken, Straßen und billiger Strom für die Produktion.

Mittlerweile ist die Qualität von Inlandsprodukten oft gefährlich schlecht. Seit Jahrzehnten produziert und exportiert die chinesische Industrie hochwertige Produkte, die den weltweit höchsten Standards für den Weltmarkt entsprechen, wie iPhones und Computerchips. Im Gegenteil dazu, haben die Waren, die auf dem heimischen Markt zum Konsum angeboten werden, miserable Standards, was zu regelmäßigen Skandalen und tiefem Misstrauen der Öffentlichkeit führt. Die vielen Skandale sind zweifellos das Echo aus Sinclairs The Jungle und den anderen Geschichten über das Gilded Age America. Das bekannteste Beispiel in jüngster Zeit, war der Melaminmilchskandal von 2008. Die gepanschte Milch hat ein Dutzend Säuglinge getötet und Zehntausende wurden ins Krankenhaus eingeliefert (es waren jedoch vielleicht Hunderttausende betroffen). Seitdem haben eine Reihe von Skandalen die Öffentlichkeit regelmäßig erschüttert: 2011, als festgestellt wurde, dass aus Fettfiltern recyceltes „Rinnenöl“ in Restaurants im ganzen Land verwendet wird, oder 2018, als fehlerhafte Impfstoffe mehrere Kinder töteten, und ein Jahr später als Dutzende ins Krankenhaus eingeliefert wurden, weil sie gefälschte HPV-Impfstoffe erhielten. Noch „harmlosere“ Geschichten sind weit verbreitet und bilden eine vertraute Kulisse für alle, die in China leben: Instant-Suppenmischung in Pulverform, die mit Seife verschnitten wurde, um die Kosten niedrig zu halten, Unternehmer, die Schweine, die aus mysteriösen Gründen gestorben sind, an benachbarte Dörfer verkaufen. Und es wird breit darüber geklatscht, welche Geschäfte von gegenüber höchstwahrscheinlich krank machen.

Barfußärzte: Visite auf Fischerbooten

Vor der schrittweisen Eingliederung des Landes in das globale kapitalistische System wurden Dienstleistungen wie die Gesundheitsversorgung in China (größtenteils in den Städten) im Rahmen des Danwei-Systems für betriebliche Leistungen oder (meistens, aber nicht ausschließlich auf dem Land) von lokalen Anbietern erbracht. So gab es Kliniken mit zahlreichen „Barfußärzten„, die ihren Service kostenlos ausübten. Gerade die Erfolge des sozialistischen Gesundheitswesens waren, ebenso wie die Erfolge im Bereich der Grundbildung und Alphabetisierung so groß, dass selbst die schärfsten Kritiker des Landes sie anerkennen mussten. Das Schneckenfieber, das das Land jahrhundertelang plagte, wurde größtenteils in seinen historischen Verbreitungsgebieten ausgelöscht. Und dann trat es wieder auf, als das sozialistische Gesundheitssystem abgebaut wurde. Unter ihm sank die Kindersterblichkeit und trotz der Hungersnot, die mit dem großen Sprung nach vorne einherging, stieg die Lebenserwartung zwischen 1950 und den frühen 1980er Jahren von 45 auf 68 Jahre. Impfungen und allgemeine Hygienepraktiken wurden weit verbreitet, und grundlegende Informationen zu Ernährung und öffentlicher Gesundheit sowie der Zugang zu rudimentären Arzneimitteln waren kostenlos und für alle verfügbar. In der Zwischenzeit hat das Barfuß-Doktorsystem dazu beigetragen, grundlegendes, wenn auch begrenztes medizinisches Wissen an einen großen Teil der Bevölkerung weiterzugeben und ein robustes Bottom-up-Gesundheitssystem unter Bedingungen schwerer materieller Armut aufzubauen. Es sei daran erinnert, dass all dies zu einer Zeit geschah, als China pro Kopf ärmer war als ein durchschnittlich afrikanisches Land südlich der Sahara heute.

Seitdem hat eine Kombination aus Vernachlässigung und Privatisierung dieses System erheblich verschlechtert, während die rasche Verstädterung und die unregulierte industrielle Produktion von Haushaltswaren und Lebensmitteln die Notwendigkeit einer umfassenden Gesundheitsversorgung dringend erforderlich machten, ganz zu schweigen von den Vorschriften für Lebensmittel, Arzneimittel und Sicherheit. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation belaufen sich Chinas öffentliche Gesundheitsausgaben heute auf 323 US-Dollar pro Kopf. Diese Zahl ist selbst unter anderen Ländern mit „höherem mittlerem Einkommen“ niedrig und etwa halb so hoch wie die Ausgaben Brasiliens, Weißrusslands und Bulgariens. Eine Regulierung ist minimal bis nicht vorhanden, was zu zahlreichen Skandalen des oben genannten Typs führt. In der Zwischenzeit sind die Auswirkungen all dessen am stärksten bei den Hunderten Millionen Wanderarbeitnehmern zu spüren, die das Recht auf medizinische Grundversorgung beim Verlassen ihrer ländlichen Heimatstädte völlig verlieren. (Nach dem Hukou-System sind sie unabhängig von ihrem tatsächlichen Standort dort ständige Einwohner, was bedeutet, dass auf die im Heimatdorf verbleibenden öffentlichen Ressourcen an keiner anderen Stelle zugegriffen werden kann.)

Angeblich sollte die öffentliche Gesundheitsversorgung Ende der neunziger Jahre durch ein stärker privatisiertes System ersetzt werden (wenn auch eines, das vom Staat verwaltet wird), in dem eine Kombination aus Arbeitgeber- und Arbeitnehmerbeiträgen für medizinische Versorgung, Renten und Wohnversicherungen sorgen würde. Dieses Sozialversicherungssystem hat jedoch unter einer systematischen Unterzahlung gelitten, da die „erforderlichen“ Beiträge der Arbeitgeber oft einfach ignoriert werden und die überwiegende Mehrheit der Arbeitnehmer aus eigener Tasche zahlen muss. Nach der neuesten verfügbaren nationalen Schätzung waren nur 22 Prozent der Wanderarbeitnehmer krankenversichert. Das Fehlen von Beiträgen zum Sozialversicherungssystem ist jedoch nicht einfach eine boshafte Handlung einzelner korrupter Chefs, sondern wird hauptsächlich durch die Tatsache erklärt, dass geringe Gewinnspannen keinen Raum für Sozialleistungen lassen. Nach unserer eigenen Berechnung haben wir festgestellt, dass Nachzahlen unbezahlter Sozialversicherungsbeiträge in einem Industriezentrum wie Dongguan die Industriegewinne halbieren und viele Unternehmen in den Bankrott treiben würde. Um die massiven Lücken auszugleichen, hat China ein zusätzliches medizinisches System für Rentner und Selbstständige eingeführt, das durchschnittlich nur einige hundert Yuan pro Person und Jahr auszahlt.

Dieses mitgenommene medizinische System erzeugt seine eigenen schrecklichen sozialen Spannungen. Jedes Jahr werden mehrere medizinische Mitarbeiter getötet und Dutzende bei Angriffen von verärgerten Patienten oder häufiger von Familienmitgliedern von Patienten, die in ihrer Obhut sterben, verletzt. Der jüngste Angriff ereignete sich am Heiligabend, als ein Arzt in Peking von dem Sohn eines Patienten erstochen wurde, der glaubte, seine Mutter sei an der schlechten Versorgung im Krankenhaus gestorben. Eine Umfrage unter Ärzten ergab, dass von ihnen satte 85 Prozent Gewalt am Arbeitsplatz erlebt hatten, und eine andere Umfrage aus dem Jahr 2015 ergab, dass 13 Prozent der Ärzte in China im vergangenen Jahr körperlich angegriffen worden waren. Chinesische Ärzte sehen viermal so viele Patienten pro Jahr wie US-amerikanische Ärzte, während sie weniger als 15.000 US-Dollar pro Jahr erhalten – das ist weniger als das Pro-Kopf-Einkommen (16.760 US-Dollar) in China, während in den USA ein durchschnittliches Arztgehalt (etwa 300.000 US-Dollar) fast fünfmal so hoch ist wie das Pro-Kopf-Einkommen (60.200 US-Dollar). Bevor es 2016 geschlossen und seine Schöpfer verhaftet wurden, verzeichnete das inzwischen aufgelöste Blog-Projekt von Lu Yuyu und Li Tingyu, das Unruhen in China recherchiert, jeden Monat mindestens einige Streiks und Proteste von Medizinern [VIII]. 2015, im letzten Jahr ihrer sorgfältig gesammelten Daten, gab es 43 solcher Ereignisse. Außerdem verzeichneten sie jeden Monat Dutzende von Protesten wegen „medizinischer Behandlungsunfälle“, die von Familienmitgliedern der Patienten ausgingen. 2015 wurden 368 registriert.

Unter solchen Bedingungen einer massiven öffentlichen Veräußerung des Gesundheitssystems, ist es keine Überraschung, dass COVID-19 so leicht Fuß gefasst hat. In Kombination mit der Tatsache, dass in China alle 1-2 Jahre neue übertragbare Krankheiten auftreten, scheinen die Bedingungen für die Fortsetzung solcher Epidemien vorbereitet zu sein. Wie im Fall der spanischen Grippe haben die allgemein schlechten Bedingungen für die öffentliche Gesundheit der proletarischen Bevölkerung dazu beigetragen, dass das Virus sowohl Fuß fasst als auch sich von dort aus schnell verbreitet. Aber auch hier geht es nicht nur um die Verteilung. Wir haben auch zu verstehen, wie das Virus selbst produziert wurde.

Es gibt keine Wildnis

Im Fall des jüngsten Ausbruchs, sind die Zusammenhänge weniger einfach als bei den Fällen von Schweine- oder Vogelgrippe, die so eindeutig mit dem Kern des agroindustriellen Systems verbunden sind. Einerseits ist die genaue Herkunft des Virus noch nicht ganz klar. Es ist möglich, dass es von Schweinen stammt, einem der vielen domestizierten und wilden Tiere, die auf dem Wuhan-Nassmarkt gehandelt werden, der das Epizentrum des Ausbruchs zu sein scheint. In diesem Fall könnte die Ursache den oben genannten Fällen ähnlicher sein als es scheinen mag. Die größere Wahrscheinlichkeit scheint jedoch auf ein Virus hinzuweisen, das von Fledermäusen oder möglicherweise Schlangen stammt, die normalerweise in der Wildnis eingefangen werden. Auch hier besteht eine Beziehung zur sozioökonomischen Wirklichkeit, weil der Rückgang von verfügbarem, sicherem Schweinefleisch, aufgrund des Ausbruchs der Afrikanischen Schweinepest, dazu geführt hat, dass diese feuchten Märkte, die Wildfleisch verkaufen, die erhöhte Fleischnachfrage befriedigten. Aber kann man ohne die direkte Verbindung zur Massentierhaltung wirklich sagen, dass dieselben wirtschaftlichen Prozesse mitschuldig an diesem besonderen Ausbruch sind?

Die Antwort lautet ja, aber anders. Wiederum weist Wallace nicht nur auf einen, sondern auf zwei Hauptwege hin, auf denen der Kapitalismus dazu beiträgt, immer tödlichere Epidemien auszulösen: Der erste, oben skizzierte Fall, ist der direkt industrielle Fall, in dem Viren in industriellen Umgebungen auftreten, die völlig der kapitalistischen Logik unterliegen. Der zweite Fall ist der indirekte Fall, der durch kapitalistische Expansion und Extraktion im Umland stattfindet, wo bisher unbekannte Viren im Wesentlichen aus wilden Populationen stammen und entlang globaler Kapitalkreise verteilt werden. Die beiden sind natürlich nicht völlig getrennt, aber es scheint der zweite Fall zu sein, der die Entstehung der gegenwärtigen Epidemie am besten beschreibt [IX]. In diesem Fall ist es die erhöhte Nachfrage nach Wildtieren zum Verzehr, zur medizinischen Verwendung, oder (wie im Fall von Kamelen und MERS) eine Vielzahl von kulturell bedeutsamen Funktionen, die neue globale Warenketten mit „wilden“ Gütern aufbauen. In anderen Fällen erstrecken sich bereits existierende agro-ökologische Wertschöpfungsketten einfach in zuvor „wilde“ Bereiche, verändern lokale Ökologien und verändern die Schnittstelle zwischen Mensch und Nicht-Mensch.

Wallace ist sich dessen klar und erklärt verschiedene Dynamiken, die schlimmere Krankheiten hervorrufen, obwohl die Viren selbst bereits in „natürlichen“ Umgebungen existieren. Die Ausweitung der industriellen Produktion selbst „könnte zunehmend kapitalisierte Wildnahrungsmittel tiefer in die letzte Primärlandschaft drängen und eine größere Vielfalt potenziell protopandemischer Krankheitserreger ausgraben.“ Mit anderen Worten, wenn die Kapitalakkumulation neue Gebiete umfasst, werden Tiere in weniger zugängliche Gebiete gedrängt, wo sie mit zuvor isolierten Krankheitsstämmen in Kontakt kommen. Diese Tiere, werden selbst zu Zielen für die Vermarktung, da „selbst die wildesten Subsistenzspezies in die Wertschöpfungsketten der Agroindustrie eingebunden werden“. In ähnlicher Weise bringt diese Expansion den Menschen näher an diese Tiere und ihre Umgebungen heran, was „die Schnittstelle (und das Übergreifen) zwischen wilden nichtmenschlichen Populationen und neu urbanisierter Landbevölkerung vergrößern kann“. Dies gibt dem Virus mehr Möglichkeiten und Ressourcen, um auf eine Weise zu mutieren, die es ihm ermöglicht, Menschen zu infizieren, was die Wahrscheinlichkeit eines biologischen Spillover erhöht. Die Geografie der Industrie selbst ist sowieso nie so sauber abgegrenzt in der Stadt oder auf dem Land. Die monopolisierte industrielle Landwirtschaft nutzt sowohl Groß- als auch Kleinbauernhöfe: „Auf dem Kleinbauernhof, eines [Fabrik-] Betriebs entlang des Waldrandes kann ein Futtertier einen Krankheitserreger einfangen, bevor es zu einer Verarbeitungsanlage am Außenring einer Großstadt zurückgeschickt wird. „

Tatsache ist, dass die „natürliche“ Sphäre bereits unter einem vollständig globalen kapitalistischen System zusammengefasst ist, das es geschafft hat, die klimatischen Grundbedingungen zu ändern und so viele vorkapitalistische [X] Ökosysteme zu zerstören, dass der Rest nicht mehr so ​​funktioniert wie in der Vergangenheit. Hier liegt noch ein weiterer ursächlicher Faktor, da laut Wallace all diese Prozesse der ökologischen Zerstörung „die Art der Umweltkomplexität verringern, mit der der Wald Übertragungsketten stört“. Die Realität ist also, dass es eine Fehlbezeichnung ist, sich Bereiche wie die natürliche „Peripherie“ eines kapitalistischen Systems vorzustellen. Der Kapitalismus ist bereits global und bereits totalisierend. Es gibt keinen Rand oder keine Grenze mehr zu einer natürlichen, nichtkapitalistischen Sphäre dahinter, und es gibt daher keine große Entwicklungskette, in der „rückständige“ Länder, einem vor ihnen liegenden Weg in die Wertschöpfungskette folgen. Noch gibt es irgendeine wahre Wildnis, die in einem reinen, unberührten Zustand erhalten werden kann. Stattdessen hat das Kapital lediglich ein untergeordnetes Hinterland, das selbst vollständig den globalen Wertschöpfungsketten subsumiert ist. Die daraus resultierenden sozialen Systeme – von angeblichem „Tribalismus“ bis hin zur Erneuerung antimoderner fundamentalistischer Religionen – sind völlig zeitgemäße Produkte und werden fast immer de facto in globale Märkte eingebunden, oft ganz direkt. Das Gleiche gilt für die resultierenden biologisch-ökologischen Systeme, da „wilde“ Gebiete dieser globalen Wirtschaft sowohl im abstrakten Sinne der Abhängigkeit vom Klima und verwandten Ökosystemen, als auch im direkten Sinne der Anbindung an dieselben globalen Systeme, tatsächlich den Wertschöpfungsketten immanent sind .

Diese Tatsache schafft die Voraussetzungen für die Umwandlung „wilder“ Virusstämme in globale Pandemien. Aber COVID-19 ist kaum das Schlimmste. Ein ideales Beispiel für das Grundprinzip – und die globale Gefahr – findet sich stattdessen in Ebola. Das Ebola-Virus [XI] ist ein klarer Fall eines vorhandenen Virusreservoirs, das in die menschliche Bevölkerung gelangte. Aktuelle Erkenntnisse deuten darauf hin, dass es sich bei seinen Ursprungswirten um mehrere, in West- und Zentralafrika heimische Fledermausarten, handelt, die als Träger fungieren, aber selbst nicht vom Virus betroffen sind. Gleiches gilt nicht für die anderen wilden Säugetiere wie Primaten und Duiker, die sich regelmäßig mit dem Virus infizieren und schnelle, tödlich tödliche Ausbrüche erleiden. Ebola hat einen besonders aggressiven Lebenszyklus jenseits seiner Reservoirspezies. Durch den Kontakt mit einem dieser wilden Wirte können auch Menschen infiziert werden, was verheerende Folgen hat. Es sind mehrere schwere Epidemien aufgetreten, und die Todesrate für die Mehrheit war extrem hoch und lag fast immer über 50 %. Bei dem größten registrierten Ausbruch, der von 2013 bis 2016 in mehreren westafrikanischen Ländern sporadisch andauerte, kamen 11.000 Menschen ums Leben. Die Todesrate bei Patienten, die bei diesem Ausbruch ins Krankenhaus eingeliefert wurden, lag im Bereich von 57 bis 59 % und bei Patienten ohne Zugang zu Krankenhäusern viel höher. In den letzten Jahren wurden mehrere Impfstoffe von privaten Unternehmen entwickelt, aber wegen zäher Zulassungsregeln und strenger -Rechte an geistigem Eigentum, haben sie im Zusammenwirken mit dem weit verbreiteten Fehlen einer Gesundheitsinfrastruktur zu einer Situation geführt, in der die Impfstoffe wenig dazu beigetragen haben, die jüngste Epidemie zu stoppen. Diese ereignete sich in der Demokratischen Republik Kongo (DRC) und war bis jetzt der am längsten anhaltende Ausbruch.

Die Krankheit wird oft so dargestellt, als wäre sie eine Art Naturkatastrophe – bestenfalls sei sie rein zufällig ausgebrochen, im schlimmsten Fall sei sie auf die „unreinen“ kulturellen Praktiken der armen Waldbewohner zurückzuführen. Der Zeitpunkt dieser beiden großen Ausbrüche (2013-2016 in Westafrika und 2018 in der Demokratischen Republik Kongo) ist jedoch alles andere als ein Zufall. Beides geschah genau dann, als die Expansion der Primärindustrie die Waldbewohner weiter verdrängte und die lokalen Ökosysteme störte. Tatsächlich scheint dies für mehr als die jüngsten Fälle zuzutreffen, da, wie Wallace erklärt, „jeder Ebola-Ausbruch mit kapitalbedingten Verschiebungen der Landnutzung verbunden zu sein scheint, einschließlich des ersten Ausbruchs in Nzara, Sudan 1976“. wo eine von Großbritannien finanzierte Fabrik lokale Baumwolle drehte und webte. „In ähnlicher Weise ereigneten sich die Ausbrüche 2013 in Guinea unmittelbar nachdem eine neue Regierung begonnen hatte, das Land für globale Märkte zu öffnen und große Landstriche an internationale Agrarunternehmenskonglomerate zu verkaufen. Die Palmölindustrie, die für ihre Rolle bei der Entwaldung und ökologischen Zerstörung weltweit berüchtigt ist, scheint besonders beteiligt gewesen zu sein, da ihre Monokulturen sowohl die robusten ökologischen Redundanzen zerstören, die dazu beitragen, Übertragungsketten zu unterbrechen, aber auch die Fledermausarten, die dazu dienen, das Virus buchstäblich als natürliches Reservoir zu besiedeln. [XII]

Der Verkauf großer Landstriche an gewerbliche Agroforstunternehmen führt sowohl zur Enteignung von Waldbewohnern als auch zur Störung ihrer ökosystemabhängigen lokalen Produktions- und Ernteformen. Dies lässt der armen Landbevölkerung oft keine andere Wahl, als weiter in den Wald vorzudringen, wodurch ihre traditionelle Beziehung zu diesem Ökosystem gestört wurde. Das Ergebnis ist, dass das Überleben zunehmend von der Jagd auf Wild oder der Ernte der lokalen Flora und des Holzes abhängt, die auf den Weltmärkten verkauft werden. Solche Bevölkerungsgruppen werden dann zu Stellvertretern des Zorns globaler Umweltorganisationen, die sie als „Wilderer“ und „illegale Holzfäller“ bezeichnen, die für die Entwaldung und ökologische Zerstörung verantwortlich sind, die sie überhaupt zu solchen Geschäften geführt haben. Oft nimmt der Prozess dann eine viel dunklere Wendung, wie in Guatemala, wo antikommunistische Paramilitärs, die vom Bürgerkrieg des Landes übrig geblieben waren, in „grüne“ Sicherheitskräfte umgewandelt wurden, die den Wald vor illegalem Holzeinschlag, Jagd und Drogenhandel „schützen“ sollten. Dies waren die einzigen Geschäfte, die den indigenen Bewohnern zur Verfügung standen – die gerade wegen der gewaltsamen Unterdrückung, der sie während des Krieges durch dieselben Paramilitärs ausgesetzt waren, zu solchen Aktivitäten gedrängt worden waren. [XIII] Das Muster wurde seitdem auf der ganzen Welt reproduziert, angefeuert weiter durch Social-Media-Posts in Ländern mit hohem Einkommen, in denen die (oft buchstäblich vor der Kamera eingefangene) Hinrichtung von „Wilderern“ durch angeblich „grüne“ Sicherheitskräfte gefeiert wurde. [XIV]

Containmment als eine Übung in Der Staatskunst

COVID-19 hat die weltweite Aufmerksamkeit in beispiellosen Art erregt. Ebola, die Vogelgrippe und SARS hatten natürlich alle auch ihren damit verbundenen Medienwahnsinn. Aber etwas an dieser neuen Epidemie hat eine andere Art der Ausdauer erzeugt. Zum Teil ist dies mit ziemlicher Sicherheit auf das spektakuläre Ausmaß der Reaktion der chinesischen Regierung zurückzuführen, die zu ebenso spektakulären Bildern von entleerten Megastädten führte, die in starkem Kontrast zum normalen Medienbild eines Chinas überfüllter und stark verschmutzter Städte stehen. Diese Reaktion war auch eine fruchtbare Quelle für gewöhnliche Spekulationen über den bevorstehenden politischen oder wirtschaftlichen Zusammenbruch des Landes, die durch die noch anhaltenden Spannungen vom früheren Handelskrieg mit den USA zusätzlich verstärkt wurden. Dies kombiniert mit der raschen Ausbreitung des Virus, erzeugte sofort, trotz der geringen Todesrate, den Anschein einer globalen Bedrohung. [XV]

Auf tieferer Ebene scheint die Reaktion des Staates am faszinierendsten zu sein, wie sie über die Medien als eine Art melodramatische Generalprobe einer vollständigen Mobilisierung der innerstaatlichen Aufstandsbekämpfung durchgeführt wurde. Dies gibt uns echte Einblicke in die Unterdrückungsfähigkeit des chinesischen Staates, betont aber seine tiefere Unfähigkeit, die sich darin zeigt, dass er sich so stark auf einen Mix von Propagandamaßnahmen stützen musste, der in allen Facetten der Medien, und in der Mobilisierung des guten Willens der Einheimischen eingesetzt wurde, der ansonsten jedoch, keine wesentliche Verpflichtung zur Einhaltung der Vorschriften gebot. Sowohl die chinesische als auch die westliche Propaganda haben den realen repressiven Charakter der Quarantäne hervorgehoben, wobei die Erstere sie als Fall einer wirksamen staatlichen Intervention im Notfall und die Letztere sie als ein weiterer Fall der totalitären Überreichweite des dystopischen chinesischen Staates beschreibt. Die unausgesprochene Wahrheit ist jedoch, dass das aggressive Vorgehen eine tiefere Unfähigkeit des chinesischen Staats bedeutet, der sich selbst noch im Aufbau befindet.

Dies selbst gibt uns einen Einblick in die Natur des chinesischen Staates und zeigt, wie er neue und innovative Techniken der sozialen Kontrolle und Krisenreaktion entwickelt, die auch unter Bedingungen eingesetzt werden können, in denen die grundlegenden staatlichen Funktionen gering sind oder nicht existieren. Solche Bedingungen bieten unterdessen ein noch interessanteres (wenn auch spekulatives) Bild davon, wie die herrschende Klasse in einem bestimmten Land reagieren könnte, wenn eine weit verbreitete Krise und ein aktiver Aufstand, selbst in den robustesten Staaten, zu ähnlichen Zusammenbrüchen führen würde. Der Virusausbruch wurde in jeder Hinsicht durch schlechte Verbindungen zwischen den Regierungsebenen unterstützt: Die Unterdrückung von „Whistleblower“-Doktoren durch lokale Beamte gegen die Interessen der Zentralregierung, ineffektive Mechanismen der Berichterstattung von Krankenhäusern und eine äußerst schlechte Grundversorgung sind nur einige Beispiele. In der Zwischenzeit haben sich verschiedene Kommunalverwaltungen in unterschiedlichen Schritten wieder normalisiert, und dies fast vollständig abseits einer Kontrolle des Zentralstaates (außer in Hubei, dem Epizentrum). Zum Zeitpunkt des Schreibens scheint es fast völlig zufällig zu sein, welche Häfen in Betrieb sind und welche lokale Einheiten die Produktion wieder aufgenommen haben. Diese Bricolage-Quarantäne hat jedoch dazu geführt, dass die Fernlogistiknetze von Stadt zu Stadt weiterhin unterbrochen sind, da jede lokale Regierung in der Lage zu sein scheint, einfach zu verhindern, dass Züge oder Lastwagen ihre Grenzen passieren. Und diese Unfähigkeit der chinesischen Regierung auf Basisebene hat sie gezwungen, mit dem Virus umzugehen, als wäre es ein Aufstand, der einen Bürgerkrieg gegen einen unsichtbaren Feind spielt.

Die nationale Staatsmaschinerie begann am 22. Januar wirklich zu rollen, indem die zentralen Behörden die Notfallmaßnahmen in der gesamten Provinz Hubei verbesserten und der Öffentlichkeit erklärten, dass sie die gesetzliche Befugnis hätten, entsprechende Quarantäneeinrichtungen zu schaffen und jegliches Personal „einzuberufen“ sowie auch Fahrzeuge und Einrichtungen, die zur Eindämmung der Krankheit oder zur Einrichtung von Blockaden und zur Kontrolle des Verkehrs erforderlich sind, zu requirieren (wodurch das Ereignis, von dem man wusste, dass es auch unabhängig davon auftreten würde, mit einem Stempel des Staates versehen wurde). Mit anderen Worten, der vollständige Einsatz staatlicher Mittel begann tatsächlich mit einem Aufruf zur Freiwilligenarbeit im Namen der Einheimischen. Einerseits wird eine solch massive Katastrophe die Kapazität eines Staates belasten (siehe zum Beispiel die Reaktion auf Hurrikane in den USA). Auf der anderen Seite wiederholt dies jedoch ein in der chinesischen Staatskunst übliches Muster, wonach der Zentralstaat, dem effiziente formale und durchsetzbare Kommandostrukturen fehlen, die sich bis auf die lokale Ebene erstrecken, stattdessen auf einen Mix weitreichender Forderungen an die lokale Hand zurückgreifen musste. Für Beamte und lokale Bürger, die den Aufforderungen nicht folgten, gab es eine Reihe von nachträglichen Bestrafungen (als Vorgehen gegen Korruption bezeichnet). Die einzig wirklich effiziente Antwort findet sich in bestimmten Bereichen, in denen der Zentralstaat den größten Teil seiner Macht und Aufmerksamkeit konzentriert – in diesem Fall Hubei im Allgemeinen und Wuhan im Besonderen. Am Morgen des 24. Januar war die Stadt bereits vollständig wirksam abgesperrt, und fast einen Monat nach dem ersten Auftreten des neuen Coronavirus-Stammes fuhren keine Züge mehr ein- oder aus. Nationale Gesundheitsbehörden haben erklärt, dass lokale Gesundheitsbehörden die Möglichkeit haben, jeden nach eigenem Ermessen zu untersuchen und unter Quarantäne zu stellen. Über die großen Städte Hubei hinaus haben Dutzende anderer Städte in ganz China, darunter Peking, Guangzhou, Nanjing und Shanghai, Sperren unterschiedlicher Schwere für den Personen- und Warenfluss innerhalb und außerhalb ihrer Grenzen eingeleitet.

Als Reaktion auf den Aufruf des Zentralstaats zur Mobilmachung haben einige Orte ihre eigenen seltsamen und strengen Initiativen ergriffen. Am beängstigendsten war dies in vier Städten in der Provinz Zhejiang, in denen 30 Millionen Menschen lokale Pässe ausgestellt wurden, mit dem nur eine Person pro Haushalt alle zwei Tage das Haus verlassen konnte. Städte wie Shenzhen und Chengdu haben angeordnet, dass jedes Viertel abgesperrt wird, und ganze Wohngebäude für 14 Tage unter Quarantäne gestellt, wenn ein einziger bestätigter Fall des Virus darin gefunden wurde. In der Zwischenzeit wurden Hunderte wegen „Verbreitung von Gerüchten“ über die Krankheit inhaftiert oder zu Geldstrafen verurteilt, und einige, die aus der Quarantäne geflohen sind, wurden verhaftet und zu langen Gefängnisstrafen verurteilt – und über die Gefängnisse tobte, aufgrund der Unfähigkeit der Beamten, ein schwerer Ausbruch der Viruskrankheit. Man isolierte auch Personen, die sich unwohl fühlten in einer Umgebung, die lediglich für eine einfache Isolation ausgelegt ist. Diese Art von verzweifelten, aggressiven Maßnahmen spiegeln die extremen Fälle von Aufstandsbekämpfung wider und erinnern am deutlichsten an die Aktionen der militärisch-kolonialen Besetzung in Orten wie Algerien oder in jüngerer Zeit in Palästina. Nie zuvor wurden sie in dieser Größenordnung oder in Megastädten dieser Art durchgeführt, in denen ein Großteil der Weltbevölkerung lebt. Die Durchführung der harten Maßnahmen bietet so eine seltsame Lektion für diejenigen, die sich für die globale Revolution interessieren, da es sich im Wesentlichen um einen Probelauf staatlicher Reaktionen handelt.

Bild eines Quarantäne Checkpoints

Unfähigkeit

Das besonders harte Vorgehen profitiert von seinem scheinbar humanitären Charakter, da der chinesische Staat eine größere Anzahl von Einheimischen mobilisieren kann, da es ja galt, bei der eigentlich edlen Sache zur Eindämmung der Ausbreitung des Virus zu helfen. Aber wie zu erwarten ist, gehen solche Repressionen immer auch nach hinten los. Die Aufstandsbekämpfung ist schließlich eine verzweifelte Art von Krieg, der nur dann geführt wird, wenn effektivere Formen der Eroberung, Beschwichtigung und wirtschaftlichen Eingliederung unmöglich geworden sind. Sie ist ein teures, ineffizientes Rückzugsgefecht, das die tiefere Unfähigkeit der Macht verrät, welche auch immer damit im Gange ist- seien es die französischen Kolonialinteressen, das schwächelnde amerikanische Imperium oder andere. Das Resultat einer Niederschlagung ist fast immer ein zweiter Aufstand, der durch das Ergebnis des ersten, blutiger und noch verzweifelter wird. Die Quarantäne in China wird aber kaum dem Bild einer Realität von Bürgerkrieg und Aufstandsbekämpfung gerecht. Aber auch in diesem Fall ist das harte Durchgreifen nach hinten losgegangen: Da sich ein Großteil der Bemühungen des Staates auf die Kontrolle von Informationen und beständiger Propaganda konzentrierte, die über alle möglichen Medienapparate verbreitet wurden, hat sich die Unzufriedenheit auch weitgehend auf denselben Plattformen niedergeschlagen.

Der Corona-Tod über den Dr. Li Wenliang, ein früher Whistleblower, berichtete, und der am 7. Februar am Virus verstarb, erschütterte im ganzen Land die Bürger, die zu dem Zeitpunkt schon in ihren Häusern eingesperrt waren. Li war einer von acht Ärzten, die Anfang Januar von der Polizei wegen der Verbreitung „falscher Informationen“ bestraft wurden, bevor er sich später selbst mit dem Virus infizierte. Sein Tod löste Wut bei den Internetnutzern aus und veranlasste die Regierung von Wuhan zu einer Erklärung des Bedauerns. Die Leute begannen zu erkennen, dass der Staat aus unbeholfenen Beamten und Bürokraten besteht, die keine Ahnung haben, was sie tun sollen, aber dennoch ein hartes Gesicht zeigen [XVI]. Diese Tatsache wurde im Wesentlichen offenbart, als der Bürgermeister von Wuhan, Zhou Xianwang, gezwungen wurde, im staatlichen Fernsehen zuzugeben, dass seine Stadtregierung die Veröffentlichung relevanter kritischer Informationen über das Virus nach seinem Ausbruch verzögert hatte. Die Spannung, die durch den Ausbruch verursacht wurde, und die durch die totale Mobilisierung des Staates hervorgerufene Spannungen haben begonnen, der Bevölkerung die tiefen Risse zu offenbaren, die hinter dem hauchdünnen Porträt liegen, das die Regierung von sich selbst malt. Mit anderen Worten, Bedingungen wie diese haben die fundamentale Unfähigkeit des chinesischen Staates einer wachsenden Zahl von Menschen vor Augen geführt, die zuvor die Propaganda der Regierung für bare Münze genommen hatten

Wenn ein einzelnes Symbol gefunden werden könnte, um den Grundcharakter der Reaktion des Staates auszudrücken, wäre es so etwas wie das obige Video, das von einem Einheimischen in Wuhan aufgenommen und über Twitter in Hongkong im westlichen Internet geteilt wurde [XVII]. Es zeigt eine Reihe von Personen, anscheinend Ärzte oder Ersthelfer, die in voller Schutzausrüstung ein Foto mit der chinesischen Flagge machen. Die Person, die das Video dreht, erklärt, dass sie sich jeden Tag für verschiedene Fototermine außerhalb dieses Gebäudes befindet. Das Video folgt dann den Männern, während sie die Schutzausrüstung ausziehen, herumstehen, plaudern und rauchen und sogar einen der Anzüge verwenden, um ihr Auto zu reinigen. Vor dem Losfahren wirft einer der Männer den Schutzanzug kurzerhand in einen nahe gelegenen Mülleimer und macht sich nicht einmal die Mühe, ihn auf den Boden zu stopfen, wo er nicht zu sehen ist. Videos wie dieses, haben sich schnell verbreitet, bevor sie zensiert wurden – unbedeutende Tränen im dünnen Schleier des staatlich sanktionierten Spektakels.

Auf grundlegendere Ebene hat die Quarantäne auch begonnen, als erste Welle der wirtschaftlichen Auswirkungen im persönlichen Leben der Menschen zu wirken. Die makroökonomische Seite davon wurde weithin berichtet, wobei ein massiver Rückgang des chinesischen Wachstums eine neue globale Rezession ankündigt, insbesondere in Verbindung mit einer anhaltenden Stagnation in Europa und einem jüngsten Rückgang eines der wichtigsten Wirtschaftsgesundheitsindizes in den USA, der einen plötzlichen Rückgang in der Geschäftstätigkeit anzeigt. Weltweit prüfen chinesische Firmen und Unternehmen, die esentiell von chinesischen Produktionsnetzwerken abhängig sind, derzeit ihre Klauseln über höhere Gewalt, die Verzögerungen oder die Aufhebung der Verantwortlichkeiten beider Parteien in einem Vertrag zu ermöglichen, wenn die Lieferungsbedingungen nicht erfüllt werden können. Obwohl dies im Moment unwahrscheinlich ist, hat die bloße Aussicht dazu geführt, dass eine Kaskade von Produktionsanforderungen im ganzen Land wiederhergestellt wurde. Die Wirtschaftstätigkeit hat sich jedoch nur in einem Patchwork-Muster wiederbelebt, wobei in einigen Bereichen bereits alles reibungslos funktioniert und in anderen noch auf unbestimmte Zeit unterbrochen bleibt. Derzeit ist der 1. März das vorläufige Datum, bis zu dem die zentralen Behörden gefordert haben, dass alle Gebiete außerhalb des Epizentrums des Ausbruchs wieder arbeiten.

Andere Effekte waren jedoch weniger sichtbar, wenn auch wohl weitaus wichtiger. Viele Wanderarbeiter, einschließlich derer, die zum Frühlingsfest in den Städten ihres Arbeitsplatzes geblieben waren, oder vor der Durchführung verschiedener Sperren zurückkehren konnten, stecken jetzt in einer gefährlichen Grauzone. In Shenzhen, wo die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung Migranten sind, berichten die Einheimischen, dass die Zahl der Obdachlosen zu steigen begonnen hat. Aber die neuen Leute, die auf den Straßen auftauchen, sind nicht langfristig obdachlos, sondern scheinen buchstäblich nur dort abgeladen zu werden, wo sie sonst nirgendwo hingehen können. Sie tragen immer noch relativ schöne Kleidung und wissen nicht, wo man am besten im Freien schlafen oder wo man Essen bekommt. In verschiedenen Gebäuden der Stadt hat der ansonsten geringfügige Diebstahl zugenommen, hauptsächlich von Lebensmitteln, die an die Haustür von Bewohnern geliefert werden, die wegen der Quarantäne zu Hause bleiben. Auf der ganzen Linie verlieren die Arbeiter Löhne, weil die Produktion ins Stocken gerät. Die besten Szenarien bei Arbeitsunterbrechungen sind Wohnheimquarantänen wie im Werk Shenzhen Foxconn, wo neue Rückkehrer für ein oder zwei Wochen in ihrem Quartier eingesperrt sind, etwa ein Drittel ihres normalen Lohns bezahlt bekommen und nach Aufhebung der Sperre wieder arbeiten können. Ärmere Unternehmen haben keine solche Option, und der Versuch der Regierung, kleineren Unternehmen neue günstige Kreditlinien anzubieten, wird auf lange Sicht wahrscheinlich wenig bewirken. In einigen Fällen scheint es, als würde das Virus bereits bestehende Trends bei der Verlagerung von Fabriken beschleunigen, da Firmen wie Foxconn die Produktion in Vietnam, Indien und Mexiko ausweiten, um die Verlangsamung auszugleichen.

Der surreale Krieg

Die ungeschickte frühzeitige Reaktion auf das Virus, das Vertrauen des Staates in besonders strafende und repressive Maßnahmen zu seiner Eindämmung und die Unfähigkeit der Zentralregierung, sich lokal effektiv zu koordinieren, um Produktion und Quarantäne gleichzeitig zu jonglieren, deuten darauf hin, dass eindenn es gilt jae tiefe Unfähigkeit im Zentrum der Staatsmaschinerie existiert. Wenn, wie unser Freund Lao Xie argumentiert, der Schwerpunkt der Xi-Regierung auf dem „Staatsaufbau“ lag, scheint es, dass in dieser Hinsicht noch viel zu tun bleibt. Wenn die Kampagne gegen COVID-19 auch als Probelauf gegen Aufstände verstanden werden kann, ist es schon bemerkenswert, dass die Zentralregierung nur die Fähigkeit hat, eine wirksame Koordinierung im Hubei-Epizentrum zu gewährleisten, und dass ihre Reaktionen in anderen Provinzen – Selbst wohlhabende und angesehene Orte wie Hangzhou – weitgehend unkoordiniert und verzweifelt auf sich gestellt sind. Wir können dies auf zwei Arten verstehen: erstens als eine Lehre über die Schwächen, die den harten Kanten der Staatsmacht zugrunde liegen, und zweitens als Warnung vor der Bedrohung, die immer noch von unkoordinierten und irrationalen lokalen Reaktionen ausgeht, wenn die zentrale Staatsmaschinerie überfordert ist.

Dies sind wichtige Lehren in einer Zeit, in der sich die Zerstörung durch endlose Akkumulation sowohl nach oben in das globale Klimasystem als auch nach unten in die mikrobiologischen Substrate des Lebens auf der Erde ausgeweitet hat. Solche Krisen werden immer häufiger auftreten. Da die langanhaltende Krise des Kapitalismus einen scheinbar unwirtschaftlichen Charakter annimmt, werden neue Epidemien, Hungersnöte, Überschwemmungen und andere „Naturkatastrophen“ als Rechtfertigung für die Ausweitung der staatlichen Kontrolle herangezogen, und die Reaktion auf diese Krisen wird zunehmend als Gelegenheit benutzt, neue und ungetestete Instrumente zur Aufstandsbekämpfung einzusetzen. Eine kohärente kommunistische Politik muss diese beiden Tatsachen zusammen erfassen. Auf theoretischer Ebene bedeutet dies, zu verstehen, dass die Kritik am Kapitalismus immer dann verarmt ist, wenn sie von den exakten Wissenschaften getrennt wird. Auf praktischer Ebene bedeutet dies aber auch, dass das einzig mögliche politische Projekt heute darin besteht, sich auf dem Gebiet zu orientieren, das durch eine weit verbreitete ökologische und mikrobiologische Katastrophe definiert ist, und in diesem fortwährenden Zustand der Krise und Atomisierung zu agieren.

In einem unter Quarantäne gestellten China beginnen wir, zumindest in ihren Umrissen eine solche Landschaft zu erblicken: leere Spätwinterstraßen, die von einem dünnen Film unberührten Schnee bestäubt sind, telefonbeleuchtete Gesichter, die aus Fenstern herausschauen, zufällige Barrikaden, die wenige Krankenschwestern besetzt halten oder auch Polizei oder Freiwillige oder einfach bezahlte Schauspieler, die damit beauftragt sind, Flaggen zu hissen und den Leuten zu sagen, dass sie Ihre Maske aufsetzen und nach Hause gehen sollen. Die Ansteckung ist sozial. Es sollte also keine wirkliche Überraschung sein, dass der einzige Weg, sie zu einem so späten Zeitpunkt zu bekämpfen, darin besteht, einen surrealen Krieg gegen die Gesellschaft selbst zu führen. Versammle dich nicht, verursache kein Chaos. Aber auch Chaos kann isoliert entstehen. Während sich die Öfen in allen Gießereien zu sanft knisternder Glut und dann zu schneekalter Asche abkühlen, können die vielen kleinen Verzweiflungen nicht anders, als aus ihrer Quarantäne herauströmen, um sich allmählich zu einem größeren Chaos zusammenzuschließen, das sich eines Tages wie diese soziale Ansteckung als schwer einzudämmen erweisen könnte.

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[I] Vieles von dem, was wir in diesem Abschnitt erklären werden, ist einfach eine präzise Zusammenfassung von Wallaces eigenen Argumenten, die sich an ein allgemeineres Publikum richtet und ohne den Anspruch, anderen Biologen durch die Darstellung strenger Argumentation und umfassender Beweise, den Fall zu vermitteln. Für diejenigen, die die grundlegenden Beweise in Frage stellen sollten, verweisen wir durchweg auf die Arbeit von Wallace und seinen Landsleuten.

[II] Robert G Wallace, Big Farms Make Big Flu: Dispatches on Infectious Disease, Agribusiness, and the Nature of Science, Monthly Review Press, 2016. p.52

[III] ebd. S.56

[IV] ebd. S. 56-57

[V] ebd. S.57

[VI] Dies bedeutet nicht, dass Vergleiche der USA mit China heute nicht ebenso informativ sind. Da die USA einen eigenen massiven agroindustriellen Sektor haben, leistet sie selbst einen großen Beitrag zur Produktion gefährlicher neuer Viren, ganz zu schweigen von antibiotikaresistenten bakteriellen Infektionen.

[VII] Siehe: Brundage JF, Shanks GD, “What really happened during the 1918 influenza pandemic? The importance of bacterial secondary infections”. The Journal of Infectious Diseases. Volume 196, Number 11, December 2007. pp. 1717–1718, author reply 1718–1719; and: Morens DM, Fauci AS, “The 1918 influenza pandemic: Insights for the 21st century”. The Journal of Infectious Diseases. Volume 195, Number 7, April 2007. pp 1018–1028

[VIII] Siehe: “Picking Quarrels” in the second issue of our journal:

[IX] Auf ihre eigene Weise spiegeln diese beiden Wege der Pandemieproduktion das wider, was Marx „echte“ und „formale“ Subsumtion im eigentlichen Bereich der Produktion nennt. In der realen Subsumtion wird der eigentliche Produktionsprozess selbst durch die Einführung neuer Technologien verändert, mit denen das Tempo und die Größe der Produktion gesteigert werden können – ähnlich wie das industrielle Umfeld die Grundbedingungen der Virusentwicklung so verändert hat, dass neue Mutationen entstehen, die mit größerem Tempo und mit größerer Potenz agieren. In der formalen Subsumtion, die der realen Subsumtion vorausgeht, sind diese neuen Technologien noch nicht implementiert. Stattdessen werden bisher bestehende Produktionsformen einfach an neuen Standorten zusammengeführt, die eine gewisse Schnittstelle zum globalen Markt haben, wie im Fall von Handwebstuhlarbeiter*innen, die in einer Manufaktur zusammengebracht werden, welche ihr Produkt mit Gewinn verkauft – das ist ähnlich der Art und Weise, wie in „natürlichen“ Umgebungen produzierte Viren aus der Wildpopulation herausgebracht und über den Weltmarkt in die heimische Bevölkerung eingeschleppt werden.

[X] Es wäre jedoch ein Fehler, diese Ökosysteme mit „vormenschlichen“ gleichzusetzen. China ist ein perfektes Beispiel dafür, da viele seiner scheinbar „urzeitlichen“ Naturlandschaften in Wirklichkeit das Produkt viel älterer menschlicher Expansionsphasen waren, welche Arten, die früher auf dem ostasiatischen Festland verbreitet waren, wie z. B. Elefanten, ausgelöscht haben.

[XI]Technisch gesehen ist dies ein Sammelbegriff für etwa fünf verschiedene Viren, von denen das tödlichste einfach Ebola-Virus, früher Zaire-Virus, genannt wird.

[XII] Für den westafrikanischen Fall siehe insbesondere: RG Wallace, R. Kock, L. Bergmann, M. Gilbert, L. Hogerwerf, C. Pittiglio, Mattioli R. und R. Wallace, „Hat die Neoliberalisierung westafrikanischer Wälder eine neue Nische für Ebola hervorgebracht“, International Journal of Health Services, Band 46, Nummer 1, 2016; Für einen breiteren Überblick über den Zusammenhang zwischen den wirtschaftlichen Bedingungen und Ebola als solchem ​​siehe: Robert G. Wallace und Rodrick Wallace (Hrsg.), Neoliberal Ebola: Modelling Disease Emergence from Finance to Forest and Farm, Springer, 2016, 2016; Die direkteste, wenn auch weniger wissenschaftliche Darstellung des Falls finden Sie aber in Wallaces Artikel, der hier verlinkt ist: „Neoliberale Ebola: Die agroökonomischen Ursprünge des Ebola-Ausbruchs“, Counterpunch, 29. Juli 2015. (https: //www.counterpunch.org/) 29.07.2015; “Neoliberal Ebola: the Agroeconomic Origins of the Ebola Outbreak,”/>

[XIII]See Megan Ybarra, Green Wars: Conservation and Decolonization in the Maya Forest, University of California Press, 2017.

[XIV]Es ist sicherlich falsch zu implizieren, dass alle Wilderei von der armen Landbevölkerung durchgeführt wird oder dass alle Ranger-Kräfte in den nationalen Wäldern verschiedener Länder auf die gleiche Weise wie ehemalige antikommunistische Paramilitärs arbeiten, aber die gewalttätigsten Konfrontationen und die aggressivsten Fälle der Militarisierung der Wälder scheinen alle im Wesentlichen diesem Muster zu folgen. Einen umfassenden Überblick über das Phänomen finden Sie in der Sonderausgabe 2016 von Geoforum (69), die sich diesem Thema widmet. Das Vorwort finden Sie hier: Alice B. Kelly und Megan Ybarra, „Einführung in das Thema: ‚Grüne Sicherheit in Schutzgebieten'“, Geoforum, Band 69, 2016. S. 171-175. (Http://gawsmith.ucdavis.edu/uploads/2/0/1/6/20161677/kelly_ybarra_2016_green_security_and_pas.pdf)

[XV] Die mit Abstand schwächste aller hier genannten Krankheiten sorgte dennoch für ihre rasche Ausbreitung, welche auf eine große Anzahl menschlicher Wirte zurückzuführen ist, was trotz einer sehr niedrigen Todesrate zu einer erhöhten absoluten Zahl der Todesopfer führte.

[XVI] In einem Podcast-Interview sagt Au Loong Yu, unter Berufung auf Freunde auf dem Festland, dass die Regierung von Wuhan durch die Epidemie effektiv gelähmt ist. Er wies darauf hin, dass die Krise nicht nur das Gefüge der Gesellschaft zerreißt, sondern dass auch die bürokratische Maschine der KPCh, die Ausbreitung des Virus verschärfen wird und dadurch zu einer sich verschärfenden Krise für andere lokale Regierungen im ganzen Land wird. Das Interview stammt von Daniel Denvir von The Dig, veröffentlicht am 7. Februar: https://www.thedigradio.com/podcast/hong-kong-with-au-loong-yu/

[XVII] Das Video selbst ist authentisch, aber es ist zu sagen, dass Hongkong eine besondere Brutstätte rassistischer Einstellungen und Verschwörungstheorien war, die sich gegen Festlandbewohner und die KPCh richteten. Daher sollte vieles, was Hongkonger über das Virus in den sozialen Medien teilen, sorgfältig auf seine Fakten überprüft werden.

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