In Corona-Virus Zeiten stehen Working Class (und Berichte von ihr) erneut im Mittelpunkt


Rechtzeitig zum 150. Jahrestag der Geburt von Владимир Ильич Ульянов, genannt Ленин, wurde die Übersetzung des Artikels von Wu Ming zur neuen Zentralität der Working Class fertig. Für die italienische Linke noch ein weiterer bedeutender Jahrestag, nämlich der, der Befreiung Bolognas (Hauptstadt der Emilia Romagna) von eigener und deutscher faschistischer Herrschaft und Unterdrückung am 21. April 1945. Der Tag war erreicht, wo es für die Kollaborateure der deutschen Besatzung, und für letztere selbst keine Zukunft mehr gab. Es wurden bis dato „25 deutsche Divisionen“ von den italienischen Partisanen aufgerieben.


La nuova centralità della working class in tempi di coronavirus (e le scritture per raccontarla)

di Wu Ming

Negli ultimi due mesi, la working class sembra avere riconquistato una visibilità sui media e una centralità nei discorsi che non aveva da molti anni. L’emergenza coronavirus ha riportato in auge questioni come le condizioni di lavoro, le nocività in fabbrica, il rapporto tra lavoro e salute, tra diritto del lavoro e medicina… La forma presa dal dibattito è stata quella della querelle su quali produzioni bloccare e quali no, quale voce si dovesse ascoltare di più, quali interessi dovessero prevalere.


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Beschäftigte der FACA 1 Firmensitz Pomigliano d’Arco (Archivfoto). Am 10. März  begannen sie einen spontanen Streik gegen die Corona-Virus Schutzmaßnahmen

von Wu Ming

In den vergangenen zwei Monaten scheint die Working Class sowohl in den Medien wie in den Diskursen wieder eine Sichtbarkeit und Zentralität erobert zu haben, wie dies seit Jahren schon nicht mehr der Fall war. Die Krisensituation brachte unmittelbar Fragen zu den Arbeitsbedingungen, zur Schädlichkeit der Fabrikarbeit, den Beziehungen Arbeit und Gesundheit, sowie Arbeitsrecht und Medizin aufs Tablett … Die Debatte streifte Fragen, welche Produktionen zu blockieren seien, auf welche Stimmen zu hören und welche Interessen vorrangig sind. 

Lage innerhalb ItaliensWelche Interessen von Anfang überwogen, wird tagtäglich deutlicher: Die katastrophalen Fehler, die in der Lombardei in der Bewältigung der Corona-Krise gemacht wurden – v.a. weil das Seriana Tal nicht isoliert wurde – sind größtenteils darauf zurückzuführen, dass die Ansprüche der Unternehmerschaft vor die Gesundheit der Arbeiter und Bürger*innen gesetzt wurden. Das ist der Grund, warum man beim Lockdown auf einen Flickenteppich stieß, der fortlaufend, mit der schlampigen, lächerlichen Waghalsigkeit eines Brancaleone, adjustiert werden musste.

Und die Arbeiter? Sie wurden nicht erreicht.

Sie waren noch nicht auf dem Radarschirm sichtbar.

Um dies zu bewirken, mussten sie Bambule machen.

Die Working Class in Coronavirus-Zeiten: Von Unsichtbarkeit bis zur Hauptrolle

Seit der ersten Serie unseres viralen Tagebuchs haben wir vom Zeitgeschehen in der Welt der Arbeit erzählt. Wir schrieben wie die Anordnungen bezüglich der Pandemie unzählige Personen ihrer Einkünfte beraubten, dass sich die prekär Arbeitenden sofort unter Wasser befanden, dass viele Arbeitende in Zwangsferien geschickt wurden… Und alles, weil die Institutionen ganze Branchen dichtgemacht haben – in primis der Kultur und des Theaters – und Hals über Kopf ihre Aktivitäten einstellten. Sie wollten damit Rückgrat beweisen, vergaßen jedoch die Arbeiter, ohne ihren Status zu klären, wenn sie gezwungen waren, zu Hause zu bleiben.

Das scheint ja schon wieder so lange her, dass man im Gedächtnis kramen muss, um sich zu erinnern, dass sich in den ersten zwei Wochen kein einziger Bürokrat rührte, um irgendwelche Rädchen in Schwung zu bringen – es geschah überhaupt nichts. Sie haben einfach die Klappe gehalten, was sogar noch als „verantwortlich“ durchging. Und es verging gut ein Monat, bis die Regierung sich aktiv zeigte und außer dem Frame paternalistisch/polizeilich noch das Frame paternalistisch, solidarisch, fürsorglich auflegte. Denn es kam vor, dass die soziale Revolte im Anmarsch war. Es drohte das Gespenst der Enteignung von Supermärkten 2.

In schon kurzer Zeit verstanden es verschiedenste Unternehmen, von den staatlichen Anordnungen zu profitieren, um ihre Baracke zuzumachen. Einige feuerten ihre Beschäftigten und leiteten eine schon lange gewünschte Standortverlagerung ein. Dies alles geschah unter schwierigsten Kampfbedingungen, da die restriktiven Maßnahmen die kollektive Aktion verhinderten und zur Unterdrückung der Abwehrkämpfe dienten. Wir haben Streikposten gesehen, die von Polizei attackiert wurden – so geschah es in Modena bei Enrico Semprini – wo die Gewerkschafter im Namen der Bekämpfung des Corona-Virus gewaltsam von den Plätzen der Fabriken und Unternehmen entfernt wurden.

Die Polizei geht gegen Beschäftigte kämpfende Beschäftigte der Emilia Serbatoi von Campogalliano (MO) vor, 13. März 2020.

Eine Paradoxie der Motivation: Die Repression traf genau diejenigen, die gerade für Schutz und Fürsorge zu streiken begannen, damit sie nicht in Fabrik und Magazin erkranken.

Wie bei den einige Tage zuvor ausgebrochenen Revolten in den Gefängnissen, handelte es sich um Abwehrkämpfe gegen ein Angehen der Krise auf Kosten der am meisten Erpressbaren, Ausgeschlossenen und Ausgebeuteten. Es handelte sich um einen Kampf gegen die Hypokrisie, gegen eine inkongruente und surreale Situation, die durch Verordnungen, Beschlüsse und mediale Propaganda erzeugt wurde: #ichbleibezuhause, doch du gehst arbeiten,  ich trage Atemschutzmaske, aber in der Fabrik geben sie dir keine; keine Versammlungen, aber du hast sie jeden Tag mit den Kollegen in der Fabrik…

Die Frage der Arbeiter*innen war die: „Wenn ihr sagt, dass das Risiko enorm und weit verbreitet ist, warum müssen wir es alleine eingehen?“

Es war nicht schwer Zeitzeugnisse zu erhalten. Die Frau einer der unseren ist Gewerkschafterin und seit Beginn der Krise voll im Einsatz. Ein Bruder der unseren ist Metallarbeiter, und wir wollen erst gar nicht von Freund*innen und Verwandten sprechen. Auch wenn wir so „zufriedengestellt“ sind, bleibt dennoch die Trennung von Hunderten Arbeitern, die unter dem Notstand zu leiden haben, die streikten und erzählten. Und damit haben wir uns nicht zufriedengegeben.

Wenigstens wurden die nicht essenziellen Produktionen zum Teil dichtgemacht. Es geschah, nachdem  eine Streikwelle im Februar und März ausbrach. Wir sagen zum Teil, denn die Liste im codice ATECO 3 war von Anfang an lang und wurde dazu noch durch eine Lawine der Ausnahmen ergänzt.

Und wem hat man überlassen, die Ausnahmen festzulegen? Den Präfekten. Also nicht den Gesundheitsämtern oder Hygieneeinrichtungen, nicht der Arbeitsmedizin und auch nicht den Gewerkschaften. Man übergab sie den Beamten der Territorialregierung. Mit welcher Kompetenz und welchen evaluativen Kriterien? Allein in der Region Emilia- Romagna gab es 28.000 Ausnahmen. Aber wer hat überprüft, dass diese Unternehmen die Fürsorgepflicht für ihre Arbeiter*innen wahrnehmen? Während die Präfektur also überlegte, was zu tun ist, blieb also ein Großteil der Fabriken geöffnet. In dubio, pro domino – Im Zweifel für das Unternehmen.

Nach Istat, blieben in Italien mehr als 52% der Unternehmen die ganze Zeit über geöffnet.

Nun beginnt man von der «Phase 2» zu sprechen, d.h. davon, wie der verbliebene geschlossene Rest wieder in Gang kommt. In diesem Moment befinden wir uns augenblicklich.

Streik bei der Kartonagefabrik Cartonstrong Monza

Der gesamte Lockdown ist eine Klassenfrage

Wenn die Working Class sich einerseits sichtbarer und zentraler positioniert, ist anderweitig die Unsichtbarkeit der Klassenfrage zu konstatieren. Working Class bleibt sie auch außerhalb der Arbeitszeit, so auch in der „Quarantäne“, dem Lockdown und dem #Zuhausebleiben, die jedoch nicht für alle das gleiche bedeuten. Im Gegenteil. So schrieb Pietro De Vivo:

«dass in der – sowohl medialen wie auch faktischen – Bewältigung der Ansteckungsgefahr, sich die Klassendiskriminierung nicht nur in den materiellen Vorteilen, die einige Personen genossen, bemerkbar machte. Man beachte auch, dass einige narrative Frames, die seit den ersten Tagen zirkulierten, die Realität der Personen, die in kleinen Wohnungen oder einzelnen Zimmern, ohne Freiflächen oder in Eigentumswohnungen ohne Panoramablick leben, völlig ignorierten. Ignoriert wird auch, dass für viele Frauen die Wohnung nicht gerade der sichere Ort ist und von den Wohnungslosen  ist gleich gar keine Rede. Da werden Appelle televisiver Diven,  zuhause zu bleiben, verbreitet, bei denen jedoch nicht die hygienische Notwendigkeit  im Mittelpunkt steht, sondern wie schön es sei, in der eigenen Behausung zu sein. Sie sendeten en direct aus ihren Villen mit Gartenanlagen oder Swimmingpool.»

#ich bleibe zuhause: die Appelle der Promis

Zwischenbemerkung: Gerade der klassische, ungleiche und diskriminierende Ansatz von #ichbleibezuhause bildete von Beginn an das Fundament unserer Kritik an den gesetzlichen Regelungen der Regierenden wie auch an der vorherrschenden Rhetorik.

Wie wir am Rande zu diesem Artikel zu erklären versuchten, ist unser Ansatz deutlich unterschieden, von dem, der Ja zu den Arbeitskämpfen sagt, aber lediglich „alles zumachen“ zu sagen weiß, und der keinesfalls die Ausrufung des Notstands kritisiert und die damit verbundenen Maßnahmen der Regierung. Ihre Strategie ist die des Prügelknaben und der Repression harmloser Verhaltensweisen. Ja er übertrifft sogar öfters die Regierung selbst an Rigidität und vertritt mit ernster Miene die Überzeugung, dass der eingeschlagene Weg, der einzig Mögliche wäre.

Für uns war die wirkliche Frage tout court nie «schließen oder offen halten», jedoch schließen und was offen halten und aufgrund welcher Kriterien und unter wessen Verantwortung.

Deshalb haben wir versucht beide Ebenen miteinander zu verbinden: Die Arbeitskämpfe mit der Verweigerung gegenüber absurden Normen.

Intuition nach Prunetti zur Überprüfung des Notfalls Covid-19

In dieser momentanen Phase ist nicht zuletzt die Vorstellung neuer Schriften der Working Class zu empfehlen. Eingeführt wurde sie auf diesem Blog von dem Kollegen und Compagno Alberto Prunetti und er verwirklichte sein Projekt in einer Reihe für die Edition Alegre. Es ist nunmehr stärker und aktueller denn je.

Alberto Prunetti.

Wenn wir uns zur Erhellung der Corona-Krise an den Leitlinien orientieren, die Alberto 2017 vorgeschlagen hat, können wir wertvolle Anregungen finden, um die Kämpfe der letzten zwei Monate und die Herausforderungen in der Begegnung mit einer Macht der Gewalt, welche mit der Krise auferlegt wird,  zu erzählen:
1) keine Opfermentalität; 2) kontrastreich im Humor; 3) Verantwortlichkeit; 4) schräge Gesichtspunkte; 5) Gemischte Erzählungen; 6) Twilight Western Cut; 7) anti-rhetorische Sprache; 8) Atlas der Arbeitererinnerungen; 9) Rekurs aufs Allegorische und Perturbante, und dulcis in fundo, 10) «Der Papatest»:

«am Ende jeder Seite fragte ich mich, ob mein Vater oder seine Arbeitskollegen die Seite, die ich geschrieben habe, als gut befinden würden, oder ob sie sie als verworren, als beschönigt oder sogar als entfernt von ihren Interessen beurteilen würden. So gesehen schrieb ich absichtlich für die Arbeiter. Ich interessierte mich dafür, ob ein verrenteter ’45 geborener Arbeiter oder sein jüngerer in den Achtzigern geborener Kollege in der Lage wären mein Buch zu lesen und es voll einzuschätzen. Ehrlich gesagt, schrieb ich nicht nur für die alte Arbeiterklasse, sondern auch für die neue: Ein Working Poor, ein prekär Beschäftigter mit Hochschulabschluss, sozial von proletarischer Herkunft oder ein Sohn aus proletarisierte Mittelklasse, der sein mageres Einkommen als Angestellter mit einem Minijob auffrischen muss, ist somit auch Teil der neuen Working Class. Und ich vertraute darauf, dass sich in jener Seite er oder sie wiederfinden kann.»

Unser post dient auch als Aufforderung für Arbeiterinnen und Arbeiter, über ihre Kämpfe und Erfahrungen mit der Corona Krise zu schreiben.

Chav: eine Neuerscheinung …, die noch nicht erschienen ist.

 

Jetzt kommen wir zur Buchreihe Working Class, die von Alberto betreut wird wie auch zum Buch Chav. Solidarietà coatta di D. Hunter (Chav, erzwungene Solidarität, von D. Hunter), auf Italienisch mit einem Vorwort von Wu Ming 4. 

Es handelt sich um eine der vielen Neuerscheinungen, die auf dem Altar des Lockdown geopfert wurden, da sie physisch nie die Buchhandlung erreichten.

Unter dem Lockdown-Regime zu schreiben und zu publizieren ist ein schwieriges Unterfangen: Druckereien sind geschlossen oder arbeiten kurz, Buchhandlungen ebenso, Verträge werden storniert und Zahlungen aufgeschoben. Dennoch weiterzumachen bedeutet, sich nicht der Epidemie zu ergeben, den schlampigen und inkohärenten Methoden mit der ihr in einem Klima der allgemeinen Hysterie entgegnet wird … und dem Verhungern. Deshalb beschloss der Verlag Alegre, Chav herauszugeben.

Es ist ein eigenartiges und interessantes Buch, halb politische Überlegung und halb Biografie. Der Schriftsteller Dan Hunter ist ein britischer Aktivist und Gründer einer Zeitschrift für Working Class Autoren. Seine persönliche Geschichte ist knallhart und wert, erzählt zu werden.

Lange Zeit konnte das Buch nur online erworben werden. Die nächsten Tage jedoch werden einige Buchhandlungen wieder öffnen, darunter auch Alegre al Pigneto :::

::: In einem Kommuniqué nimmt der Verlag zur Wiedereröffnung Stellung (Auszug):

«Wir werden die Buchhandlung wieder öffnen und dabei alle Sicherheitsnormen  für unser Personal und unsere Besucher beachten. An erster Stelle stehen die Vorsichtsmaßnahmen, welche von den Experten als wirksam hinsichtlich einer Ansteckung erachtet werden: die physische Distanz von wenigstens einem Meter zwischen Personen.

Wir nennen es jedoch physisches Distanzhalten von Personen und nicht soziales Distanzhalten, weil wir um die Bewahrung des Begriffs „sozial“ kämpfen wollen, sowohl jetzt wie auch in Zukunft. „Sozial“ heißt, in die Buchhandlung des Stadtteils gehen zu können, um sich ein Buch empfehlen zu lassen und um sicher einige Worte mit dem Buchhändler wechseln zu können. „Sozial“ heißt, den Buchhandlungen die Möglichkeit zu verschaffen, auch nach der Pandemie weitermachen zu können; „sozial“ heißt kollektiv Ideen zu entwickeln, um eine Produktionsweise zu stoppen, die darauf ausgerichtet ist, den Planeten wie unsere Existenz zu vernichten. Wir haben die letzten vierzig Jahre immer diejenigen angegriffen, die uns sagten,  „die Gesellschaft gibt es nicht, sondern nur die Individuen“. Wir wollen damit nicht gerade jetzt aufhören.»

Es ist deshalb nun der Zeitpunkt der Veröffentlichung von Chav gekommen und ebenso der Augenblick für das Vorwort von Wu Ming 4.

Buona lettura. Ein gutes Lesen.

[Anm. des Übersetzers: Das Vorwort von Wu Ming 4 hier im Original. Die deutsche Übersetzung demnächst auf diesem Blog und an dieser Stelle. G.M.]

1. Automobilwerke Fiat-Chrysler Nähe Neapel.

2. Dieser  adressierte Artikel (italienisch) von Wu Ming beschreibt die Entwicklungen in Neapel nach Verhängung der Maßnahmen des Notstandes, die sich einerseits in Richtung Jugendrevolte, andererseits in Richtung der Durchsetzung von Aktivitäten der Profitmaximierung der Unternehmen in einer Zeit des verordneten Notstands bewegen.

3. Codice ATECO: Codice = amtl. Verzeichnis, ATECO = classificazione delle attività economiche ATECO. Es handelt sich um eine Liste beim staatl. statistischen Institut (Istat), das die ökonomischen Aktivitäten in ihrer makroökonomischen Größe alphanumerisch erfasst.
↩fhören

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