Die Viralität der Anständigkeit

Soziale Kontrolle und Autokontrolle in Zeiten des Covid-19 (Teil I/II)

von Wolf Bukowski


Lungomare di Mondello (Palermo), 15. März 2020 morgens: Mit der Aufforderung ‚Geh nach Hause!‘ umzingeln Polizisten einen Bürger, halten ihn an und verprügeln ihn. Der joggte alleine. Diese Aktivität darf jedoch nach den Dekreten von Ministerpräsident Conte – niemand wird geprügelt, der es macht – ausgeführt werden. Video hier.
Das ist die Situation, die geschaffen wurde: Jeder, der eine Uniform trägt, kann wie Ludwig XIV. ausrufen: ‚L’état c’est moi!‘ Und mit Zustimmung von Stadtbewohnern, die Denunzianten geworden sind, beliebig Verbote verordnen.
Aber die Propaganda zu ‚Anstand‘ und ‚Verfall‘ hat bereits viele Menschen zu Denunzianten gemacht, zu Feinden des anderen sozialen Lebens, zu Süchtigen der Rhetorik über ‚Sicherheit‘. Und genau die Kontinuität zwischen den ‚Anstand‘ – Kreuzzügen und dem Management der Covid-19-Epidemie steht im Mittelpunkt dieses Artikels von Wolf Bukowski, den wir in zwei Folgen veröffentlichen. Viel Spaß beim Lesen.
P. S. Wolfs Buch Die gute Erziehung der Unterdrückten (Alegre, 2019) ist heutzutage ein wesentliches Analysewerkzeug. In einigen Passagen reicht es aus, ‚Verfall‘ durch ‚Ansteckung‘ zu ersetzen.


Quelle:

La viralità del decoro. Controllo e autocontrollo sociale ai tempi del Covid-19. Prima puntata (di 2)

Ecco la situazione che si è creata: chiunque porti una divisa può esclamare, come Luigi XIV, «L’état c’est moi!» e imporre divieti a suo piacimento, col plauso di cittadine e cittadini divenuti delatori.
Ma già la propaganda sul «decoro» e contro il «degrado» aveva trasformato molte persone in delatori, nemici della vita sociale altrui, tossicomani di retorica sulla «sicurezza». E proprio le continuità tra crociate sul «decoro» e gestione dell’epidemia di Covid-19 sono al centro di quest’articolo di Wolf Bukowski, che pubblichiamo in due puntate. Buona lettura.
P.S. Il libro di Wolf La buona educazione degli oppressi (Alegre, 2019) si conferma, in questi giorni, un imprescindibile strumento di analisi. In alcuni passaggi, basta sostituire «degrado» con «contagio».

[La seconda puntata è qui.]


Inhalt: 

  • Ich beginne mit mir
  • Zur Politik zurückkehren (Zur Anständigkeit und den Maßnahmen  der Eindämmung)
  • Der virale Populismus

Ich beginne mit mir

Die Erzählung bei sich anzufangen ist sicherlich ein vorherrschendes Moment in der Erzählung der Ausgangssperre. Ich entziehe mich ihr nicht, wenn ich diesen Ansatz auch in der Folge kritisieren werde. Denn er ist nunmehr ein Neoplasma des Ich im Zentrum einer Virusepedemie. Jedoch: Auch ich, der, wie viele andere in diesen Tagen,  nicht damit gerechnet hätte, noch am Leben zu sein, auch ich habe mehrmals meine Meinung gewechselt und meine Position modifiziert. Kurz und gut, ich habe mir beständig Fragen gestellt. Die Personen, mit denen ich kommunizierte wissen das, ich habe kein Geheimnis daraus gemacht.

Die fundamentale Frage, die ich mir, wie viele andere auch, zu beantworten versuchte, war die, die sich um das Thema der „Verantwortlichkeit“ stellt, d.h. zum Träger der Verbreitung gegenüber anfälligeren Personen zu werden. Sicher ist sie nicht neu und auch nicht autobiographisch: Sie ist aber die, die mich zur Vorsicht veranlasste, bei der Interpretation eines „harmlosen“ Virus. So entdeckte ich beispielsweise zuhause noch eine kleine Anzahl von Schutzmasken zu haben, die ich beim gemeinsamen Teilen enger Räume benutzte, da ich beständig mit der Influenza zu tun hatte, die meine Tochter aus der Grundschule mit nach Hause brachte. Und so bin ich also nicht immun gegenüber Befürchtungen, dass ich es bei Viren nicht wäre.

Andererseits bin ich auch frappiert und frage mich nach der Wirksamkeit der Strategien zur Eindämmung der Ansteckungsgefahr. Wie zeigen sie sich in den Anordnungen der Institutionen mit ihren klassischen Ansprüchen von „Das sagen wir“, vom Aufhalten der Verschlechterung und ihrer Sicherheitsideologie.

Zwischen Szylla und Charybdis, eingeschlossen in meiner apenninischen Klausur, schienen mir die Anmerkungen von Pietro Saitta beim Napoli Monitor (Artikel italienisch) ein möglicher Punkt zu sein, das Gleichgewicht wieder zu finden. Im Artikel deutet seine Erklärung zum Privatismus des Geschriebenen auf eine in Wirklichkeit politische und historische Überlegung hin, welche die eigene anfängliche Zurückweisung dieser rhetorischen Formel anerkennt, wenn sie bei einer kontigenten Notfall Situation zur Anwendung kommt, die seit Jahrzehnten die Politiken in Sachen Kriminalität oder Migration mit der „Sicherheitslüge“ begleitet. In der Entwicklung seiner Gedanken erklärt Saitta die „Verantwortlichkeit“ zu wählen, den Alltag der gewöhnlichen Lebensweise und des Aufsuchens bevölkerter Orte aufzugeben – obwohl sie den Maßnahmen der Regierung entsprechen. Hier also sagte ich mir, ist ein Stück Holz mit dem der Untergang zu vermeiden wäre und ein möglicher Punkt zur Aufrechterhaltung des Gleichgewichts.

Aber auch das  blieb Provisorium. Kurz darauf – es war nunmehr 11. März – zwang mich der Druck der Ereignisse erneut das Zentrum meiner Aufmerksamkeit zu verschieben. Ich schilder deshalb drei für mich entscheidende Tatsachen.

  1. Der Staat hat noch offensichtlicher die eigene militärische Macht bemüht, und den konfusen legislativen Apparat des Notstands erweitert. Das soziale Leben wird auf Null gefahren, ohne den Versuch, einen Ausgleich zwischen der Einschränkung persönlicher Freiheit und den Notwendigkeiten der Eindämmung der Ansteckungsgefahr zu schaffen  –  mit der platealen Ausnahme für Arbeiter, die gezwungen sind, zur Arbeit zu gehen, was die Gleichgültigkeit gegenüber diesem Punkt eines Ausgleichs verschärfte. Diese Entwicklung, die ganz offensichtlich mit autoritären Merkmalen einher kommt, hätte Raum für Reflektion, vor allem zu diesem wichtigen politischen Punkt bieten müssen: d.h. wo ist es angebracht, einen „Punkt des Ausgleichs“ (wie oben beschrieben) zu setzen.
  2. D.h. zur „Verantwortlichkeit“ gegenüber der Gemeinschaft, wie sie von Saitta im moralischen und politischen Sinn verstanden wird, dass die Positionen vieler Personen (auch der kritischen gegenüber dem Neoliberalismus) sich wenden. Ich würde sagen, dass sie geradezu zur völligen Entpolitisierung und Annahme einer akritischen Haltung wie auch gegenüber dem schönfärberischen Diskurs der Regierung führen. Aus dem sakrosankten „man kann die Realität der Epidemie nicht in Zweifel ziehen“, wird nun ganz schnell „man sollte die Art, wie die Regierung die Epidemie angeht, nicht zur Diskussion stellen“; daraus wird sogar: wir müssen sie bis ins kleinste Detail unterstützen. Selbstredend ist das nicht immer explizit und es wird auch betont, dass es sich nicht um „servile Verherrlichung“ der Regierungsmaßnahmen handelt, doch: Qui se excusat, se accusat. Man hat also akzeptiert, dass der politische Raum der Auseinandersetzung – inklusive der unverzichtbare der Ideen – völlig heruntergefahren wurde. Er wurde auf Null gesetzt und man hat sich sie rosa Brille aufgezogen, was bedeutet:
  3. Der Unterschied der kritischen Positionierung zum Neoliberalismus gegenüber „allen anderen“ wird irgendwohin geschoben, ins Jenseits oder ein Nach dem Coronavirus. Die Politik wird so zur Theologie; nichts unterscheidet die Institutionen ihrer Art der Gegenwartsbewältigung, so hat man die tröstende Phantasie, „morgen werden wir den Neoliberalismus besiegen“.Was so verschleiert wird, ist die Tatsache, dass durch den Verzicht der Politisierung und Verzicht auf Kritik der in Punkt 1 erwähnten Maßnahmen und der in Punkt 2 angesprochenen emotiven Automatismen, möglicherweise das „Nach dem Coronavirus“ nie erreicht wirdebenso wie wir nie die Finanzkrise von 2007 – 2008 überwunden haben.Darüber hinaus wie hier und hier ausgeführt wird (ich komme darauf zurück), könnte sich dies für eine lange Periode bewahrheiten, auch unter engen gesundheitlichen Gesichtspunkten.

Zur Politik zurückkehren (Zur Anständigkeit und den Maßnahmen  der Eindämmung)

Die Aufgabe auf dieser Seite – die Mühen eines Lachses in einem Fluss und Exaltierte an

Eine große Strapaze

seinen Ufern, die Steine werfen – war von Anfang an, aus der völligen Entpolitisierung, vom Technizismus des Sanitären zur Politik zurückzukehren. D.h.: Die Antwort der öffentlichen Institutionen auf die Epidemie. Bei ihrer Bewältigung gibt es doch verblüffende Ähnlichkeit mit der Erörterung des Begriffs Anstand. Ihn zu hinterfragen, wie unsererseits seit Jahren, bedeutete als „Nervensäge“ und mit noch mehr Gehässigkeit als „hochnäsig und marginal“ zu gelten. Jeder weiß doch, dass Anstand mit Politik nichts zu tun hat, eine Sache des „gesunden Menschenverstands“ ist und was man auch gleich sieht.

„Ihr lebt in euren Stadtteilen gut, ihr Papakinder, weshalb erlaubt ihr euch zu behaupten, dass Anstand und Sicherheit rechtes Geschwätz sei ? Kommt mal hierher“ : Ad Nauseam und entgegen jeglicher Evidenz wurde dieser Glaubenssatz uns gegenüber,  den Bewegungen und jenen wiederholt, die sich der Rhetorik (der rassistischen wie klassizistischen) des Zerfalls wiedersetzten. „Kommt hierher und seht“: hier gibt es hautnah erfahrbare Beweise und die Tatsachen liegen so einfach auf der Hand, dass sie fast schon zur Karikatur werden. Und da bleibt das Auswählen, Dekodieren, Heraussuchen und Kommentieren einer Sache, selbst bei guten Absichten, eine willkürlichen Angelegenheit. Das Bekenntnis zu einer Tatsache in ihrer Bedeutung ist deshalb ohne Einordnung in den politischen Raum nicht möglich.

Man sieht diesen Mechanismus auch beim Zerfall des historischen Gedächtnisses am wirken. „Mein Großvater kannte einen von den Partisanen Hingerichteten, und er sagt, dass das eine anständige Person war.“ Die Schilderung eines historischen Ereignisses zu der es Position zu beziehen gälte, ist hier nicht in seinen Gesamtprozess eingebettet; was aber schlimmer ist, dass dieses tragische Detail den Vorwand liefert, nicht zur Tragödie in ihrer Komplexität Stellung beziehen zu müssen oder eine Ja-Aber oder veltronische Positionen  einzunehmen. Dieses Primat des Zeugnisses sieht man heute überall am wirken – ich zitiere nach Gedächtnis aus den Social media -: „hier stirbt man, es schert mich einen Dreck, wenn sie die Leute mit Bußgeldern belegen und auch, was die Wu Ming über die Epidemie erzählen.“

Die Bemerkung „Es schert mich einen Dreck“ ist ganz offensichtlich die Negation des politischen Raums und der öffentlichen Reflektion. Der noch subtilere Ausdruck ist: „Hier stirbt man“. Beim Versuch zu verstehen und die Probleme anzugehen, muss man wissen, woraus sich dieses hier (also welches Gesundheitssystem, mit welcher Geschichte, welche Entscheidungen mit seinen Höhen und Tiefen) und ebenso dieses sterben (wie wird gestorben, in welcher historischen Reihe von Todesfällen, mit welchem Bezug zu anderen Todesfällen und welchen individuellen Charakteristika etc.) zusammensetzt.

Dieser Ansatz ist exakt der gleiche, wie wir ihn häufig in Kampagnen gegen Verschlechterungen am Werk gesehen haben. „Hier wird gegen die Verschlechterung gekämpft, wir machen keine Politik“; aber auch: „wenn du hier nicht lebst, kannst du es auch nicht verstehen“. Das „hier“ wird also erneut bemüht, um den exklusiven Anspruch als Zeitzeuge zu sichern (zumeist selbsternannte) und allgemeine Schlussfolgerungen zu ziehen und den öffentlichen Raum der Reflektion auf Null zustellen. Letzterer ist kein Raum für Schönrednerei, wie implizit suggeriert wird, sondern der einzige Weg wie systemische Probleme (wie eine Epidemie, wie soziale Verschlechterungen und Kriminalität) anzugehen sind und eventuell gelöst werden können.

Bei ihrer Politik der Anständigkeit, machen die Politiker cherry picking auf Anfragen, die von Bürger*innen gestellt werden.  Aus den kongruentesten mit ihren Intentionen modellieren sie dann den Mythos des Zuhörens: „Ich gebe den Anwohnern Tizio und Caio recht, die mir schrieben und die Räumung des Sozialzentrums verlangten, weil es Unordnung, Drogenhandel und Lärm produziert.“ Selbstredend handelt es sich um einen Mythos, der sich wie alle Mythen aus einer genauen (aber intransparenten) Selektion des Materials nährt. […]

 

Übersetzung wird fortgesetzt


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