„On è là“ – Siamo qua – Wir sind da

Anmerkungen von jenseits der Alpen zu den Gilets Jaunes

Ein Jahr nach Beginn der Mobilisierung durch die Gilets Jaunes wollen wir ein Buch präsentieren, das den Anspruch, die Geschichte des langen Kampfs der Bewegung zu erzählen. Es hilft die soziale Zusammensetzung der Bewegung und ihre Voraussetzung besser zu verstehen, die Frankreich in ein Land verwandelte, in dem sich seit 12 Monaten die Konfliktsphäre ausbreitete.


22/11/2019/ Quelle ⇒ 

“On est là”- Siamo qua – Note d’oltralpe sui Gilet gialli

Ad un anno dall’inizio delle mobilitazioni dei gilet gialli francesi, pubblichiamo qui la presentazione di un libretto che vuole raccontare questo lungo movimento di lotta. Sono note per cercare di capire meglio la composizione sociale e la determinazione di chi da 12 mesi rende la Francia un paese dove la conflittualità si diffonde.

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Gilets Jaunes: Eine beharrliche Bewegung des unsichtbaren Frankreichs

Die Gilets Jaunes haben einen Spalt geöffnet, der Einblick gibt auf das Gefühl von Ohnmacht, Depression und Ausweglosigkeit, das uns oft bemächtigt bei der Betrachtung aktueller Ereignisse.

Die Entwicklung der letzten Monate in Frankreich hat die Regierung und ihr System der Governance zumindest etwas ins Wanken gebracht. Sie wurde gezwungen, sich zu reorganisieren und ihren Gewaltapparat noch wirksamer zu gestalten.

Wer davon Momente erlebte, dem gelang es, wenn auch nur zeitweise, sich von dem bedrückenden Realismus zu befreien. Es war sowohl das Gefühl wie auch die innere Gewissheit vorhanden, auf die Realität einzuwirken, sie zu beeinflussen und somit Veränderung bewirken zu können.

Viele derer, die seit Zeiten in den sozialen Kämpfen mitwirkten, haben die Erfahrungen der Gilets Jaunes geteilt und waren beeindruckt von ihrer neuen Art der Kreativität, die sie wie einen frischen Windhauch in einer ansonsten repressiven Umwelt einatmeten.
Wir hatten dazu ebenfalls Gelegenheit, und wollen deshalb etwas von unseren Erfahrungen, Gedanken und Diskussionen mitteilen, die danach fragen, was die Erfahrungen der Gilets Jaunes zu den Kämpfen außerhalb des Hexagons aktiv beitragen können.

So haben wir uns vorgenommen, einiges von dem zu erzählen, was wir erlebt und gesehen haben. Wir erheben weder den Anspruch auf Vollständigkeit noch auf eine politische antagonistische Theorie. Unser subjektiver Blick versucht, einige nahe liegende Fragen zur Bewegung der Gilets Jaunes zu beantworten: Wer sind sie? Wie organisieren sie ihren Kampf? Was wollen sie?

Es sind Anmerkungen, die einige Monate nach den heißen Wintertagen, die Reflexion zu den Gilets Jaunes ergänzen will, ohne jedoch ein Modell des Kampfes vorschlagen zu wollen. Sie sollen denen als Anregung dienen, die in der Unmittelbarkeit sozialer Kämpfe stecken.

Gerade weil die Gilets Jaunes Raum für Zusammenkunft, Konvergenz, Zusammenarbeit, Gemeinsamkeit und Auseinandersetzung bieten, geben sie uns Gelegenheit über gemeinsame Perspektiven nachzudenken. Wir wollen über ihr Vorgehen und über das Neue berichten, das sie auf nationaler und internationaler  Ebene auszeichnet und versuchen, ihre Entwicklung und ihren Einfluss nachzuzeichnen.

Tausende Personen wurden in einer neuen Bewusstheit und Entschlossenheit  gegenüber ihren prekären Lebensverhältnissen gestärkt, die sie unter der gegenwärtigen Politik fortgesetzt zu erleiden haben. Die daraus resultierenden Kämpfe haben zu einer breiten Politisierung derer beigetragen, die zumeist ohne vorherige besondere Erfahrungen, die Stärke eines von unten geführten Kampfes entdeckt haben, der keiner von vertikal strukturierten Organisationen (wie Parteien und Gewerkschaften) diktierten Linie folgt. Außer der Entfaltung eines neuen Aktivismus und eines politischen Protagonismus erfolgte ebenfalls eine Radikalisierung innerhalb weniger Monate, die die Frage nach einer besseren Demokratie stellte und nichts Geringeres als die Revolution beschwor, wenn auch unter subjektiven Gesichtspunkten.

Aktionsformen direkter Demokratie, die bis vor Kurzem noch dämonisiert wurden, werden nunmehr akzeptiert. Die ist auch einer größeren Akzeptanz antikapitalistischer Gesinnung zuzuschreiben. Politisierung, Radikalisierung und Ansätze von Selbstverwaltung bezeichnen einige der Elemente, die sich aus der Erfahrung der Gilets Jaunes verbreitet haben.

Die Gilets Jaunes sind der Beweis für die Prozesse der Peripherisierung, für den sozialen Bruch zwischen Zentrum und Peripherie, der somit das subjektive Bewusstsein für neue Widerstandsformen und neuer sozialer Zusammensetzungen und Dynamiken des Kampfes erzeugt, der in der Lage ist, auf die gegenwärtige Transformation des Kapitalismus zu antworten.
Die Peripherie ist „ihrer Natur nach“ kein Ort, wo die Ausgebeuteten gegen die Unterdrückung kämpfen. Sie ist im Gegenteil auch fruchtbares Terrain schlimmster Formen der Reaktion und Intoleranz.
Wenn jedoch, wie im Falle der Gilets Jaunes, sich eine Explosion an Emanzipation, Subversion und Intelligenz in diesem Kontext ereignet, bemerkt man jedoch, wenn auch an die Ränder der Metropole verschoben, eine Vitalität im Willen zur Befreiung.

Die Gilets Jaunes haben eine verneinende Dimension bezüglich der klassischen Strukturen der Macht. Ihre Beziehung zu den Regierungsparteien könnte man mit der Losung „que se vayan todos“ (Ü.: sie sollen endlich alle abhauen) beschreiben, die in den Straßen Argentiniens nach der Krise 2001 skandiert wurde.

Bei Übertragung der Schlussfolgerungen zu dieser Bewegung auf Italien wäre die Wichtigkeit der sozialen Einbeziehung und die Präsenz des Aktivismus im Kontext der von den Institutionen aufgegebenen Peripherien zu unterstreichen. Die Orte sozialer Marginalisation können nicht zu Wüsten für Teile der Bevölkerung werden, wenn die Ideen und Hoffnungen auf Emanzipation im Kampf gegen die politisch und ökonomisch Verantwortlichen sich ausdrücken und organisieren können. Die Widersprüche sind Teil des Spiels und ein materialistischer Blick darauf könnte dazu beitragen, den Virus des identitären Rückzugs zu beseitigen. Wenn in Italien die rassistische Rhetorik vor allem in den populären Vierteln grassiert und gerade unter denen, die sich von Armut und Arbeitslosigkeit bedroht fühlen, geschieht dies auch – abzüglich der jüngsten Geschichte der Migration – wegen der Neutralisierung des aktuellen, benannten Konflikts.

Siamo qua! Noi non siamo niente, noi vogliamo tutto!
Wir sind da! Wir sind nichts, wir wollen alles!

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Der Text zu den Erfahrungen mit der Bewegung ist in Creativ Common Lizenz in italienischer Sprache abrufbar unter: onestlagiletgiallihome.wordpress.com

Mail: on-est-la_gilet-gialli@riseup.net

[Die deutsche Übersetzung der Broschüre erfolgt demnächst auf diesem Blog.]

 

 

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