21. September 2019: Ist das Klima einen Aufstand wert?

Gilets-Jaunes Acte45


Paris-Luttes.Info

21 septembre : le climat valait-il une émeute ?


Ist die Erinnerung an die Mobilisierung vom 21. September noch aktuell, die ein so ganz atypisches und erstaunliches Format entwickelte und die die etablierten Regeln der Klimademonstrationen über den Haufen warf ? Ist eine neue Art Hybridisierung, zwischen der Offensivität der GJ-Manifestationen und dem Pazifismus der großen Klimamärsche entstanden, um das gleiche Ziel zu erreichen? Man wird sich nunmehr auch fragen müssen, ob es jetzt noch notwendig ist, diese unhandliche Unterscheidung zu machen, wenn es in Zukunft um die ernsthafte Organisierung geht. 

Ein gelungenes Debut dieser zwei Demonstrationstage für dieses Jahr. Am 20. September, Demonstration der Generationen und Streik, initiiert durch die YFC (Youth for Climate), bei denen eine gute Dynamik zu sehen war. Und es gab auch interessante Diskussionen um eine Abstimmung der Strategien des Kampfes während der Versammlung in Bercy am Nachmittag. Am 21. September dann die gemeinsame Klimademonstration und der große gelbe Samstag, zu dem alle aufgerufen wurden, nach Paris zu kommen. Man hatte eine gleiche Konfiguration wie am Samstag, den 16. März, wo die Manifestation an der Place d’Opéra begann und wieder zur Place République zog. Die Gilets Jaunes zogen massenhaft zu den Champs-Élysée. Im Vorfeld erfolgten diesmal  schon wichtige Vorbereitungen der verschiedenen Gruppen um Gemeinsamkeit, was zu einem Treffen am Samstagmorgen um 9h in Madeleine führte, zu dem alle eingeladen waren.

 

 

Ist die Erinnerung an die Mobilisierung vom 21. September noch aktuell, die ein so ganz atypisches und erstaunliches Format entwickelte und die die etablierten Regeln der Klimademonstrationen über den Haufen warf? Ist eine neue Art Hybridisierung, zwischen der Offensivität der GJ-Manifestationen und dem Pazifismus der großen Klimamärsche entstanden, um das gleiche Ziel zu erreichen? Man wird sich nunmehr auch fragen müssen, ob es jetzt noch notwendig ist, diese unhandliche Unterscheidung zu machen, wenn es in Zukunft um die ernsthafte Organisierung geht.

Was den Morgen vom 21. September betrifft: Mehrere Gruppen der GJ und Ökos versammelten sich bei Madeleine. Die 9h-Versammlung wurde sofort aufgelöst und es beginnen einige ungenehmigte Demonstrationen im Westen von Paris mit dem Ziel, zu den Champs-Èlysée vorzudringen. Dort waren die GJ, trotz der starken Polizeipräsenz (7.500 Polizisten wurden für diesen Tag in der Hauptstadt bereitgestellt), besonders konzentriert.
Das Treffen in Madeleine war, wenn auch an einigen Punkten kritikwürdig, dennoch für die Leute derart verlockend, dass sie hierher kamen und die Gemeinsamkeit vorzogen. Es war interessant festzustellen, dass die Organisatoren des Klimamarsches ihre Teilnehmer/innen dazu ermutigten, auch wenn die Präfektur die Versammlungen verboten hatte, nach Madeleine zu kommen.
Kritikabel jedoch, weil die Konvergenz lediglich aus Vorsätzen bestand. Um auf der Höhe der Aktion zu sein, hätte es seitens der Klimademo einer Route bedurft, die nahe an den Orten der Macht vorbeizieht, wie es die Gilets Jaunes öfters praktiziert haben. Man hätte beispielsweise an der Place de la Concorde beginnen können. Wenn der Konvergenz von den verschiedenen Umweltorganisationen zugestimmt werden konnte, so nur deshalb, weil sie den reibungslosen Ablauf der für den Nachmittag geplanten Demo, die vom Place de Luxembourg ausging, nicht infrage stellten – sie verlief wieder einmal in entgegengesetzter Richtung zu den Champs-Èlysées. Es ist wichtig zu erwähnen, dass es nie zu einer Konvergenz während der Nachmittagsdemo gekommen wäre, wenn die Versammlung wie gewollt auf den Champs-Èlysées stattgefunden hätte: D.h., wenn die Champs_Èlysées den ganzen Tag über, so wie am 16. Märzbesetzt gewesen wären.
Man kann sich jedenfalls über das Entgegenkommen zwischen den Demonstrant*innen, das zu bemerken war, freuen: Die gleiche Wut und der Wille weiterzukommen, Verteilung von Serum Phi, Antirep-Flugblätter, Verbreitung von Infos, wie es unter diesen Umständen üblich ist.
Aufgrund der Unmöglichkeit, sich auf den Champs in größerer Zahl zu versammeln, haben daher GJ und junge Ökos am Vormittag entschieden, sich gemeinsam dem Klimamarsch anzuschließen. Das Treffen um 13 Uhr am Place du Luxembourg war in aller Munde. Man muss aber auch darauf hinweisen, dass diese unterschiedlichen Formen der Demonstration mittlerweile innerhalb der Stadt koexistieren: Die GJ betrachten die Ökoaktivisten mehr als Weggenossen denn als Konkurrenten oder als Papieraktivisten. Und umgekehrt kann man vermerken,  dass die Youth for Climate IDF, bisher einmalig, als Bewegung sich in einem Tweet bei den GJ, für ihre Unterstützung der Route vom Place du Luxembourg bedankte. Einzig Greenpeace forderte seine Aktivisten auf, die Demonstration, wegen der Gewalttätigkeiten, zu verlassen. Alle anderen Öko-Organisationen setzten die Demonstration fort.
Bevor die Demo losging, wurden von den Demonstrant*innen zahlreiche Slogans aller Couleur skandiert, welche die praktizierte Konvergenz ankündigte: gelb, grün und schwarz. Vor dem Abmarsch am Luxembourg, formierte sich spontan am Kopf der Demo ein Zug, der sich aus Klimat-Demonstrant*innen und GJ zusammensetzte.
Kommen wir zurück auf das, was die Medien als „Infiltration des Klimamarschs durch die Black Blocks“ beschrieben haben: Es gab an der „Demonstrationsspitze“ – d.h. in der Masse von Demonstrant*innen, die nicht in dem vom Ordnungsdienst der Organisatoren reglementierten  Hauptzug laufen wollten – sowohl schwarz gekleidete Teilnehmer wie auch Gilet Jaunes, aber auch Militante, die einfach unabhängig von ihren Bewegungen sein wollten. Der dem offiziellen Zug verordnete Rhythmus konnte tatsächlich einengend und wenig stimulierend empfunden werden, da er keinen Raum für verschiedenste anderweitige Aktivitäten zuließ.
Es gab also, wie behauptet wurde, keinen Block, der sich deshalb formierte, um zu „infiltrieren“ oder den Klimamarsch „für seine Zwecke zu nützen“. Deshalb sehen wir die Art und Weise als sehr problematisch, wie die Medien, Greenpeace und Behörden versuchen, in dieser Unterscheidung von Demonstrant*innen, die einen gegen die anderen auszuspielen. Es gehört schon einige Bösartigkeit dazu, die erfreuliche Konvergenz von Personen mit Begriffen wie „Infiltration“ oder „parasitär“ zu belegen. Sie alle sind angetreten, den Planeten zu retten und ein würdiges Leben einzufordern. Es waren junge, weniger junge, Ökos oder Gilets Jaunes, Personen unterschiedlicher Provenienz.
Der Demonstrationszug wurde aber nach einigen Hundert Metern von der Polizei angehalten, was die Demonstration in ihrer vielversprechenden Dynamik spaltete. Beim Rückzug, verursacht durch Einsatz von Tränengas, hat der Ordnungsdienst  von Alternatiba und ANV-COP21 den Rückzug der Spitze behindert, und seine Reihen erst unter dem Druck der Demonstrant*innen geöffnet. Das wiederum bewirkte einen Effekt der Beengung, was vielen gefährdeten Personen erschwerte, sich zurückzuziehen. Das sind zumeist sehr gefährliche Situationen, bei denen die individuelle Absicht zu fliehen, die Menge ebenfalls zur Flucht bewegt. Die Gaspatronen können direkt die Leute treffen und das Risiko niedergetrampelt zu werden, ist groß. Es schien, dass die Polizei diejenigen bestrafen wollte, die sich jenseits des Transparents über die Spitze des Zuges hinaus bewegten. 
Wie am 1. Mai 2018 bestand das Ziel der Polizei darin, die Demonstration zu ihrem Ausgangspunkt zurückzutreiben. In „enger Zusammenarbeit mit dem Polizeipräsidium“ warteten einige Klima-Orgs geduldig auf das Ende der Polizeiaktion, in einer der Straßen senkrecht zum Boulevard Saint-Michel. Dieser Aufschub ermöglichte es den Organisatoren, ihren Marsch entschieden fortzusetzen, sodass die anfangs an der „offiziellen“ Prozession beteiligten Personen, nunmehr als Schlusslicht der Polizei ausgeliefert waren, die sie auf dem Boulevard Port-Royal bedrängte. Zum Beispiel beschossen die Polizisten kurz nach den ersten Auseinandersetzungen auf dem Boulevard Saint-Michel die Riesenbiene (Attac mythical tank) mit Gas, die sich darauf zum Ausgangspunkt des Marsches zurückzog. Ah, gut gemacht, Polizei!
Der chaotische Beginn (Acte 45) hat die Bildung einer „offiziellen“ Demonstration unmöglich gemacht, was einer Art Demonstration Platz einräumte, die zumindest für den Klimamarsch  neu war. Sie war familiärer für diejenigen, die bereits mit den Gilets Jaunes demonstrierten. Mehrere sogenannte „wilde Demonstrationen“ (also außerhalb der angegebenen Strecke) wurden rund um den Boulevard durchgeführt. Sie wurden von ständigen Polizeieinsätzen begleitet, insbesondere in der Rue Mouffetard und im Parc Bercy, der als Endpunkt der Demonstration angekündigt war.

 

Den Kurs der Präfektur nicht zu respektieren, ist sinnvoll, da hier Handlungsweisen und kollektive Umsetzungen experimentiert werden konnten, die im Klimamarsch noch unerprobt waren. Viele kleine Sabotage- und Akte des Ungehorsams wurden während der Demo durchgeführt, die auch mehr oder weniger Anerkennung fanden: Barrikadenbau (um die Mobilität der Polizeikräfte zu erschweren und sich gegen die von ihnen ausgehende Gewalt zu schützen), systematische Antipub-Aktionen (Aktionen, die gegen die sichtbaren Reklamefeldzüge des Kapitalismus in der Stadt geführt werden), Tags mit expliziten politischen Botschaften, Elektroroller, die außer Betrieb gesetzt werden, Lagerfeuer auf dem Boulevard, Banken, die besprüht oder mit anderen Projektilen konfrontiert werden… Aber auch Solidaritätsbekundungen mit dem Notfallteam am Hospital Cochin, wo medizinisches Personal vom Balkon aus dem Zug applaudierte, ebenso auch mit den vorbeifahrenden Ambulanzen.

Gegen Ende herrschte in allen Zonen entlang der Demoroute ein einziges Wirrwarr, die es den Ordnungskräften schwer machte, sich zu organisieren. Diese Art des Vorgehens scheint gute Perspektiven für die Oktoberwoche der Extinction Rebellion zu bieten.

Eine Aktion des zivilen Ungehorsams, die von ANV-COP21 organisiert wurde, sollte um 17 Uhr stattfinden. So konnten wir eine Blockade an der Pont de Tolbiac erleben, die sehr enthusiastisch war und der allgemeinen Unordnung noch etwas mehr hinzufügte.

Für mehrere Stunden wurde der Verkehr aufgehalten: Aus einem Lautsprecherwagen tönte Musik und ein gezündetes DJ-Set, umgeben von grünem und gelben Rauch, sorgte für wundervolle Szenen und nicht zuletzt für Begeisterung. Es bildeten sich Diskussionsgruppen und es gab Gruppen, die sich nach diesem anstrengenden Tag ausruhten. Dieser Typ Aktion des zivilen, völlig gewaltfreien Widerstands, ist interessant, da er als ein Ort des Rückzugs  (und der verdienten Ruhe) angesehen werden könnte, der jeder Art Militanz, unabhängig von ihrer Ausdrucksweise, dienlich wäre. Doch diese Bemerkung bedarf einer weiteren: Um diese Bedingung zu erfüllen, müsste die Besetzung der Orte länger andauern, um schließlich allen die Möglichkeit zu geben, sich der Blockade anzuschließen.

In der Folge entschloss sich ANV-COP21 eine „wilde Demonstration“ zu organisieren. Mit ihren eigenen Worten ist dies eine mobile Handlungsweise, die sich in die Kategorie offensive Demonstration einreihen lässt, weil sie per definitionem völlig spontan und daher auch nicht angemeldet ist. ANV-COP21 experimentiert mit Aktionen, die ihr gewöhnliches Repertoire verlassen: Diese Art der Kundgebung mobilisiert Methoden kollektiver Umsetzung der Aktion.

Schließlich kann die Präsenz eines Lautsprecherwagens mit seiner Elektromusik an die Bewegung Reclaim the Streets erinnern. Diese Bewegung blockierte die Konstruktion von Straßen, indem sie sie in Form eines Festes sich wieder aneigneten und den subversiven Aspekt bestimmter künstlerischer Kreise auf intelligente Weise wiederverwendeten. Diese freundliche und annähernde Art ist in ihrer festlichen und einigenden Tendenz nur zu begrüßen. Und ihre Weiterentwicklung scheint uns neue Möglichkeiten des Agierens zu geben, welche die Komplementarität der verschiedenen Arten militanter Mobilisierung stärken. Aber heißt das nicht, dass der Weg nur dann zu halten ist, wenn die Orgas der ANV-COP21, ihren gewaltfreien Aktionsmodus den anderen Aktionsformen zur Verfügung stellen? Und ist dies denkbar?

Eine „wilde Demonstration“, sicher, aber in ihrem eigenen Saft schmorend: was soviel heißt wie,  gezähmt und gelenkt durch die Polizei, bis zur Bastille zu marschieren. Dort wurden die Demonstrant*innen vom Ordnungsdienst aufgefordert, sich aufzulösen (auch den Verkehr wieder passieren zu lassen und vom Ende eines Week-End der Mobilisierung zu träumen). Kurioserweise kümmerte sich der gleiche Ordnungsdienst, dass die Müllbehälter wieder an ihrem Platz landeten, die Demonstrant*innen auf ihrem Weg verstellten.

Wenn es auch lobenswert ist, den Aktionsmodus vielseitiger zu gestalten, ist doch anzumerken, dass dieser neue Akt zivilen Ungehorsams entschärft wird durch den Aspekt der Kontrolle, und er ist deshalb auch in der Konsequenz weniger wirksam. In Wirklichkeit stellt es sich eigentlich als Disziplinierung der „wilden“ Demo heraus: Polizeikontakt, um über die Route zu verhandeln; Fahrräder und E-Roller bleiben während der Demo abgestellt; Reihen von Aktivisten, die den Zug eingrenzen; Demoroute und Slogans werden im Voraus geplant; perfekte Animation; verordnete Auflösung zum Ende der Demo – das alles lässt den Demonstrant*innen wenig Raum für Spontaneität.

Wenn man an der Wirksamkeit einer „wilden“ Demonstration zweifeln kann, bei der gerade noch der Begriff darauf hinweist, sind wir aber v.a. beunruhigt über den Gebrauch von Techniken seitens der Organisationen, die sie völlig aufweichen und sie ihres revolutionären Gehalts entleeren. Es fehlt nicht viel, dass solche Initiativen zum «Lutte-washing» konvertieren, was ein Bekenntnis zur Subversion in Worten aber nicht in Taten bedeutet: Die Deklaration der Absicht darf der Aktion nicht vorausgehen.

Es ist ebenfalls bemerkenswert, dass Militante der ANV-Cop21 eine gleiche Aktion machten, wie im vergangenen Juni Extinction Rebellion: Sie sperrten eine Brücke, in der Art als wollten sie beweisen, dass sie dazu auch in der Lage seien. Diese Initiativen verschiedener ökologischer Kollektive sind willkommen: Sie sind eigentlich eine Zunahme des Einflusses während der wöchentlichen Aktionen; Wird XR die von ANV-COP21 letzten Samstag gesetzte Herausforderung  annehmen?

Die Schlussfolgerung zum gestrigen Tag ist die Feststellung, dass das Resultat einer perfekten Konvergenz nicht erreicht wurde und sicherlich auch nicht das der Solidarität in der Aktion unter den verschiedenen Organisationen; dennoch haben die gemeinsame Erfahrung von Unterdrückung und die Unschärfe der Leitlinien friedlicher Demonstrationen jede/n von uns auf eine echte Konvergenz der Aktion vorbereitet. Diese erfahrene Herausforderung wird zweifellos diejenigen Aktivisten befriedigen, die es satthaben, allein wegen des Klimas zu marschieren. Es gilt jetzt zu organisieren, um zu handeln, aber nicht mehr zu marschieren, und abzuwarten.

Désobéissance Ecolo Paris

[red.Anm.: Der Artikel ist als Diskussionsbeitrag zur beabsichtigten Konvergenz unterschiedlicher Organisation der GJ und Ökos bei den wöchentlichen Aktionen zu sehen.]

übersetzt v. G.Melle

 

 

 

 


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