Der morgendliche Mythos:

Radio
               Alice
                              werdet ihr nicht tot kriegen!

40 Jahre nach der ersten Rundfunksendung: Warum ist #Radio Alice noch von Interesse?


Quelle: 

Un mito di stamattina. A 40 anni dalla prima trasmissione, perché vi interessa ancora #RadioAlice?

Autor: Valerio Minnella


non_ucciderete_radio_alice_thumbVor einigen Tagen besuchte mich ein Schriftsteller-Journalist, um mit mir ein Interview zu führen. Es war Luca Rota, der momentan an einem kleinen Band über Radio Alice arbeitet. Das Buch wird demnächst im Handel erhältlich sein. Luca fragte mich unter anderem: «Was ist nach 40 Jahren heute noch von Radio Alice übrig geblieben? Als mediales Vermächtnis, und auch thematisch, philosophisch, „gedanklich“ … »

Ich antwortete ihm gleich «Diese Frage sollte ich eigentlich Dir stellen. Und den vielen anderen, die mich seit Jahren nach Informationen über Radio Alice ausfragen, weil sie einen Artikel, Diplomarbeiten oder andere Texte unterschiedlichster Art schreiben … Mir scheint, dass über Radio Alice mehr Material im Umlauf ist, als über irgendein anderes mediales Ereignis, dennoch ist es nach vierzig Jahren anscheinend immer noch interessant, darüber zu schreiben und zu reflektieren.  Ich bin aber zu sehr darin verwickelt, um zu begreifen, warum immer noch so viele Leute über das, was wir damals machten, sprechen wollen.»

Dieser Tage haben Nino, ein ehemaliger Mitstreiter und ich mit der Wiederherstellung der Website www.radioalice.org begonnen. Sie stammt aus den 90iger Jahren und wurde 2002 aufgegeben. Bei der Zusammenstellung einer Seite aller Bücher, die sich mit Radio Alice, grundlegend aber auch nur zitierend befassen, kam ich auf mehr als zwanzig Bücher und denke, dass noch etliche fehlen.

Jedenfalls kam mir dadurch die Frage von Luca wieder in den Sinn.

Es sind nun vierzig Jahre her, dass Radio Alice ins Leben gerufen wurde. Mittwoch, 9. Februar, ist der Jahrestag der ersten offiziellen Rundfunksendung. Im Cinema Europa in Bologna wurde dieses Jahr, zusammen mit der Assoziation Kinodrom, der Dokumentarfilm Alice im Paradies, von Guido Chiesa, erneut vorgeführt.

Es muss noch erwähnt werden, dass immer, wenn wir dieser Tage Einzelnen oder Gruppen, eine Initiative vorschlugen, wir nur freundliche und enthusiastische Bereitschaft zur Mitarbeit und Zufriedenheit, etwas für Radio Alice zu tun, erlebt haben.

Ich weiß nicht, wie viele Rundfunksendungen in Italien morgens um 9 Stücke von Alice übertragen werden. Und ich weiß auch nicht, wie viele sich an der Initiative beteiligten. Mit Sicherheit sind es Città del Capo und Città Fujiko in Bologna. Doch auch viele andere in Italien. Warum? Selbst wenn fast alle, die heute beim Rundfunk arbeiten, damals noch nicht dabei waren, heute den großen Wert unserer Erfahrungen schätzen.

In letzter Zeit hatten wir mit verschiedenen Journalisten Kontakt, was logischerweise vorhersehbar war. Zeitschriften wie Zeitungen haben jeher Jahrestage dazu genützt, ihre Seiten zu füllen und, im Grunde, ist es auch angebracht, die historische Erinnerung aufzufrischen.

Die vergangenen vierzig Jahre wurden jedenfalls Millionen Worte auf Print- und digitalen Medien über das Radio geschrieben, und es scheint, dass der Schreibfluss noch nicht erschöpft ist.

Diplomarbeiten sind über Alice mit Sicherheit Hunderte geschrieben worden und dies nicht nur in den Kommunikations- und Geschichtswissenschaften, sondern auch in den Sprach- und Musikwissenschaften und in der Kunstgeschichte.

Es wurde zwei Filme über Radio Alice gedreht. Ein Dokumentarfilm mit Interviews und ein Scienze Fiction, der auf der Seite eingebunden wurde [auch abrufbar unter archive.org]. Das Drehbuch hat „leider Gottes“ Wuming geschrieben. Aber man kann nicht alles im Leben haben 🙂. Beide Filme hat Guido Chiesa gemacht. Es haben jedoch noch weitere Regisseure ihr Interesse bekundet, einen Spielfilm zu drehen.

Neben diesen Arbeiten gibt es auch mehrere Fernsehinterviews und andere Kurzdokumentationen, die auf verschiedenen Fernseh- und Satellitenkanälen ausgestrahlt wurden und nun im Netz sind.

Es handelt sich nicht nur um die inzwischen legendäre Tonaufnahme der Schließung des Radios per „manu militari“ durch die Polizei; die jedoch  ist sicherlich die am häufigsten wiederholte Radiosendung in Italien und vielleicht auch in der Welt. Ich glaube nicht, dass die berühmte Marsinvasion von Orson Welles so oft übertragen wurde.

Jedenfalls ist immer, wenn wir über die Geschichte des Rundfunks und die Kämpfe der Siebzigerjahre sprechen, meine Stimme zu hören, die ruft „wir haben die Hände oben“. Und dann waren wir immer gegen das Copyright und wirklich für ein Copysemper ?!

Ich begreife schon, dass wir „törichte Überlebende“ einer Vergangenheit sind, in der wir uns absolut als Protagonisten wähnten: Es blieb die Lust darüber zu sprechen, doch frage ich mich, warum interessiert das, was wir damals machten, noch so viele.

Und dieses Phänomen ist übrigens nicht nur national begrenzt: Vor Jahren entdeckte ich, dank einer Studentin, die ihre Diplomarbeit über die ersten freien amerikanischen Radios schrieb, ein Buch zum Thema (verlegt durch die New York University 2001). Es widmete Alice ein Kapitel und beschrieb wie es uns gelungen ist, in der täglichen Praxis die Thesen Marshall McLuhan’s anzuwenden, die für andere lediglich ein Studienthema waren.

Das Buch Die zerstreute Avantgarde des Österreichers Klemens Gruber hingegen, eine 1989 erschienene wichtige Studie zu Radio Alice, ist in deutscher Sprache herausgekommen und erst sieben Jahre später übersetzt auch in Italien veröffentlicht worden.

Man begreift auch gleich, warum 1977 Umberto Eco an der Sorbonne mehrere lectio magistralis anbot, die zum Bersten voll waren: Die Ereignisse waren taufrisch, waren teilweise noch im Gange und sie wurden jenseits der Alpen gerade bekannt (Ich kann euch sagen, als ich die französische Übersetzung von „Ecco qui Beethoven, se vi va bene, bene. Se no, seghe.“ in „Voici Beethoven, si vous l’aimez, bien. Si non, masturbez vous“ hörte, hatten meine Worte eine völlig andere Eleganz).1

Ich will nicht bescheiden sein und sagen, dass wir nichts Besonderes getan hätten, um all diese Publizität zu verdienen; ich bin im Gegenteil davon überzeugt, dass wir, ich würde sagen, ziemlich gut und innovativ, geradezu explosiv waren.

Was wir getan haben, war kein Zufall, sondern das Ergebnis einer wichtigen Analyse- und Konstruktionsarbeit, auch wenn sie nicht so bewusst war, wie es heute scheint.

Es genügt, an die Kooperative zu erinnern, die wir 1975 gründeten. Sie war Eigentümerin des Radios und nannte sich Cooperativa Studi e Ricerche sul Linguaggio Radiofonico.2    Dadurch wollten wir verdeutlichen, dass wir nicht improvisierten, sondern das wir, selbst wenn wir nicht sicher wussten, was da keimen würde, uns dennoch des Bodens bewusst waren, den wir bepflanzten.

Februar 1976. Franco “Bifo” Berardi (rechts) auf Sendung in der Via del Pratello (Bologna)
Foto: Archivio Studio Camera Chiara.

Es ist klar, dass wir Kinder unserer Zeit waren. Soweit mir bekannt ist, erfindet niemand etwas außerhalb des kulturellen Vermögens, mit dem er lebt. D.h., wenn wir es nicht gemacht hätten, hätte es ein Tag später jemand anders gemacht. Die Zeit war damals reif dafür. Wie auch immer, all das sollte inzwischen seit Jahren gut verdaut worden sein.

Für Jugendliche von heute sollte diese Sache als paläolithisch angesehen werden.

Wie wahr: Radio Alice war das erste soziale Netzwerk, und das dreißig Jahre, bevor man sich soziale Netzwerke vorstellte: Jeder konnte mit jedem in der Stadt sprechen, indem er zum Radio ging oder einfach nur dort anrief. Horizontale und multidirektionale Kommunikation, wie das Netzwerk, wenn auch nur lokal.

Im Radio wurde ununterbrochen von Politik, Kunst, den wohltuenden Eigenschaften beim Yoga und dem „eigenen Scheiß“ gesprochen. Das war so ein Gemisch, wo nicht einmal Facebook oder Twitter mithalten können.

Die Jugendlichen von heute, die mit ihren ständig angeschlossenen Devices essen und schlafen von Alice zu sprechen dürfte für sie nicht aufregender sein als ein Vortrag über Sumerer und ihre Keilschrift.

Trotzdem bitten mich hin und wieder Schüler-Gruppen eines Gymnasiums, auf einer ihrer Initiativen über das Radio zu sprechen. Das ist ein Augenblick, wo sie aufmerksam unsere Kommunikationstheorien folgen, u.a. auch wie wir das Sendeprogramm gestalteten oder wie wir als erste das Telefon mit dem Radiomischer verbanden.  Die Leute gingen damals, unsere Sendung hörend, durch die Stadt, schalteten selbst bei den grauenhaftesten Beiträgen nicht ab, um nicht jene guten und unvorhersehbaren zu versäumen, die unsere Beständigkeit auszeichneten.

Radio Alice: Eine Bewegung der Befreiung von der Arbeit schaffen

Ich frage euch jetzt ernsthaft: «Warum seid ihr heute noch so sehr daran interessiert über Radio Alice zu reden? Was bleibt für euch nach 40 Jahren heute noch von Radio Alice? Was ist darüber hinaus an diesem medialen Vermächtnis thematisch, philosophisch, „spirituell“ derart bedeutend, dass euch seine wichtigen aber uralten Erfahrungen interessieren?

Der größte Teil derer, die heute meinen Erzählungen zuhören, die Diplomarbeiten oder Artikel über das Radio schreiben oder Bücher darüber lesen, hat Franco nicht gehört, wie er live mit Andreotti telefoniert und sich dabei als Umberto Agnelli ausgibt. Er sagte Andreotti, dass Arbeiter draußen vor dem Fenster stünden und demonstrierten und riefen „Andreotti, du bist verrückt, die Arbeiterklasse wird keinen Cent mehr zahlen!. [*]

Keiner von ihnen hat Luciano mit seiner Radiochronik gehört, wie er „live“ von der Rückkehr Lenis nach Moskau und der Einnahme des Winterpalastes berichtet.

Keiner kann sich die Stimmung vorstellen, die an jenem Abend, während der Livesendung herrschte, als wir den Hörer abnahmen, um auf einen eingehenden Telefonanruf zu antworten und anstatt der Stimme eines Zuhörers, ein ergreifendes Saxofonsolo zu hören bekamen.

Keiner von ihnen hat die poetischen Sendungen von Stefano zum Eigentum an Wasser gehört oder die gelehrten Lektionen von Paolo zur Modalmusik im Gegensatz zur tonalen Musik.

Keiner hat je die unverständlichen Geschichten verflucht, die von einer Gruppe Studenten aus dem Val Camonica in bestem rätoromanischem Dialekt erzählt wurden.  Es war faktisch pures Ostgotisch, bei dem der einzig in Italienisch begreifbare Satz, der beständig quälend wiederholt wurde, lautete: «… perché noi camunisti…».

Sie hätten auch nicht gerne zu mittagessen wollen, wohl wissend, dass das Essen von „Erzählungen zur Verdauung“ begleitet wurde, da Filippo Stories von Ambrose Bierce zum Besten gab, in denen Blut, Innereien, und allerlei Zerteiltes aus den Lautsprechern bröselte.

Man muss nicht besonders die morgendlichen Sendungen der „wütenden Feministinnen“ hervorheben, Pendant zu „Dicht an der Mauer“ in der Rubrik Männer, die von ihren Freundinnen verlassen wurden. Und dies, weil sie einen feministischen Standpunkt eingenommen, und sie sich entschieden haben, ihre Paarbeziehung nicht mehr fortzusetzen.

Im Übrigen kann sich heute niemand mehr vorstellen, dass das „Schwulenkollektiv Bologna“ fast die ganze Nacht für gewöhnlich sein libertäres Theater sendete.

Meistens konnten die wenig Jüngeren jeden Abend die von Alessandra und Elio vorgetragenen Fabeln hören, bevor sie schlafen gingen.

Gewöhnlich meinen die Leute „Ihr habt Geschichte der Kommunikation gemacht“ (wie wahr), aber das einzige, was sie wissen ist, dass das Radio von der Polizei geschlossen und wir arretiert wurden (ein wenig oberflächlich). Sie wissen fast nichts von der Realität des Radios und kennen auch keine, so wie die oben erwähnten, Einzelheiten.

Der einzig bekannte Aspekt ist der heroische der Schließung. Die Wahrnehmung aber ist die Feststellung, dass wir die Kommunikationsgeschichte verändert haben, so als gehörte die Festnahme zur medialen Methodologie. Ich muss sagen, dass das ein befremdlicher Kurzschluss ist: Trotz aller Anerkennung und Wertschätzung, die uns, auch von den unmöglichsten Leuten, entgegengebracht wird, ist das wahre Gesicht von Radio Alice zumeist verkannt. Es bleibt jedoch der Mythos.

Viele waren zu dieser Zeit noch nicht geboren. Doch so wie sie mit mir sprechen, scheint mir oftmals, dass niemand von ihnen Alice als alte, sondern als jüngere Vergangenheit ansehen. So sind wir also zum Mythos geworden, jedoch zum zwiespältigen morgendlichen Mythos.

Im Grunde wäre aber auch dies eine Lesart: Radio Alice ist deshalb noch so beliebt, weil es vor dem Altern starb.

Doch sicherlich können vierzig Jahre Interesse an unserer Arbeit damit nicht genügend umschrieben werden.

So frage ich euch erneut: Wenn ihr euch heute noch für Alice interessiert und damals nicht persönlich dabei ward, was seht ihr, was interessiert euch, dass ihr über Radio Alice sprechen wollt?


[*]. * Nota redazionale di Wu Ming: quando inserimmo questa beffa nel film Lavorare con lentezza, con Fausto Paravidino nel ruolo che era stato di Bifo, alcuni recensori e spettatori del genere adesso-vi-faccio-vedere-io scattarono, col ghigno sulle labbra e gli occhi sbrilluccichini: «Ah! Ah! “Senatore Agnelli”? Che sfondone stavolta, i Wu Ming! Ih! Ih! Nel 1977 Gianni Agnelli non era ancora senatore!»
Infatti era Umberto Agnelli.

[*]. * Redaktionelle Anmerkung von Wu Ming: Als wir diese Posse in den Film Lavorare con lentezza (Übers.: gemütlich arbeiten) einarbeiteten, Fausto Paravidino spielte Bifo, empörten sich einige Rezensenten und Zuschauer nach dem Motto Jetzt-zeigen-wir-es-euch und bemerkten hämisch und mit leuchtenden Augen: «Na! Na! „Senator Agnelli“? Was für ein Schnitzer von den Wu Ming! Ih! Ih! 1977 war Gianni Agnelli noch nicht Senator !.“
Es handelte sich aber um Umberto Agnelli.

1. Die deutsche Übersetzung bleibt ebenso vulgär und gepfeffert wie das italienische Idiom: „Hier also nun Beethoven, wenn er euch gefällt, ist gut. Wenn nicht, holt euch einen runter.“ 

2. Kooperative für Studien und Forschung zum Rundfunk

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