Inselbriefe: Erste Proteste der sizilianischen Schäfer

logoinfoautCorrispondenze isolane: cronache dalle prime proteste dei pastori in Sicilia

Le migliaia di litri di latte ovino versato a terra in Sardegna hanno scosso tutto il paese.


NACHRICHTEN von den ersten Protesten sizilianischer Schäfer

Tausende Liter an weggeschütteter Milch auf dem Inselland Sardiniens setzten die italienische Halbinsel in helle Aufregung. Bilder, die empörte Schäfer ablichteten, welche das Produkt ihrer Arbeit vernichten, erreichten jeden Winkel der Gesellschaft. Allgegenwärtig waren sie in den Wohnstuben, den Büros der Regierung, den Plätzen der Stadt und den Gesprächen in der Bar. Die Bilder der revoltierend Schäfer haben auch Sizilien erreicht …

Duft von frisch gemolkener Milch setzt sich gleich in der Nase fest, wenn man in Poggioreale ankommt. Nicht weit entfernt davon liegt die Abzweigung Palermo-Sciacca, wo nun das erste Treffen sizilianischer Schäfer angesetzt wurde. Bis jetzt gab es nur die Vereinzelung. Als dann aber die sardischen Schäfer ihre Protestaktionen durchführten, ihre Videos über die Milchströme, die sich aus den Tanks auf die Straße ergossen,  in neu eröffneten Facebookgruppen veröffentlichten, waren auch die ersten Schritte zum gemeinsamen Kampf der Schäfer Sardiniens und der Schäfer Siziliens getan. War man früher allein in der Auseinandersetzung mit den Milch verarbeitenden Industriellen, und wurde gezwungen die eigene Arbeitskraft zum Schleuderpreis zu verkaufen, hat sich jetzt das Bewusstsein, nicht allein zu sein, verbreitet.

In der, dem Treffen an der Abzweigung nach Palermo, darauf folgenden Nacht, ereignet sich dann an der bei Giarre, an der Autostrada, ein spektakuläres Vorkommnis. Eine Gruppe ausgehärmter Schäfer erscheint unangekündigt am Ort, errichtet eine Blockade und verwandelt die Straße in einen Fluss weggeschütteter Milch. Das ganze wird aufgenommen und per Social Media veröffentlicht. Es funktioniert! Spontan entschließen sich einige Schäfer der Provinzen Trapani und Palermo, zu einer Demonstration aufzurufen. Und am Freitagmorgen liegt in Poggioreale der Geruch von Milch in den Straßen. Er stammt von den damit getränkten Kleidern und den auf dem Boden gebildeten Lachen weggeschütteter Milch. Sie reflektieren im Licht der Sonne in einem blendenden Weiß.

Ein Schäfer kommentiert:

„Wir schütten weißes Gold weg! Unsere Frucht der Arbeit.
Ich gehe zur Arbeit, wenn es Dunkel ist, und ich komme nach Hause, wenn es Dunkel ist.
Und ich komme nach Hause, um mir anzuhören, wie sich die Familie beklagt, dass ich heute wieder nichts verdient habe.“

An diesem Freitagmorgen sind die Familien der Schäfer in Poggioreale zum Protest. Darunter sind kaum erwachsene Kinder und junge Frauen – alle sind sie gekommen, um zu demonstrieren. Die Jungen sind geradezu besessen darauf, die Milch auszuleeren. Ihre Gesichter signalisieren Entschlossenheit. Es scheint vielleicht, dass sie der kindliche Leichtsinn dazu bewegt, aber sie tun es in vollem Bewusstsein ihres Handelns.  Schaut man auf ihre zerschundenen Hände, in ihre abgehärmten Gesichter, ergibt das einen Roman über Entbehrungen und Opfern, die sie in ihrer Jugend erbringen müssen.

Die Arbeit des Schäfers ist die immer gleiche Routine. Er steht um 4 oder 5 Uhr auf und geht zum Weideplatz. Dort angekommen, beginnt er mit all dem, was für den Erhalt der Schafherde notwendig ist: Das Weiden, Melken, Füttern. Nach Hause kommt er erst wieder zum Abendessen. ABER: 

Für die Milch erhalten wir weniger als uns unsere Herde und unsere geringe Arbeit an Kosten verursacht. Besser wir schütten sie weg oder verfüttern sie an die Schweine als sie für so wenig Geld zu verkaufen. Was wir tun, ist unsere Art, uns hörbar zu machen. Es steckt mehr Würde darin, wegzuschütten als zu verkaufen.

2019 02 15 Poggioreale

Das Handeln der Schäfer ist in Sizilien und in Sardinien gleich. Das Wegschütten der Milch ist ein Akt der Arbeitsverweigerung und der Verneinung der Selbstausbeutung. Innerhalb der Produktionskette der Milchverarbeitung, muss der Schäfer seine Arbeitskraft an den Milch verarbeitenden Industriellen verkaufen und der ist sein unmittelbarer Feind im Bemühen um bessere Verhältnisse.

Und es wird auch so gehandelt!

Denn plötzlich taucht am Ort des Geschehens einer Besetzung, nach Liter um Liter weggeschütteter Milch, ein gut aussehender und gekleideter Mann auf. Er ist keine städtische Krawatte, doch ein blauer ländlicher Bomber mit Polo und Jeans. Sofort haben ihn die Schäfer eingekreist. Wer er ist begreift man sofort:

Tu si tradituri! Verräter! schreit ein Schäfer.
Ta stari sulu mutu! Du hältst immer nur still! sagt ein anderer.
É vero, t’accattasti i me agneddi a 2 euro l’uno! Stimmt, du verdienst ja schließlich an  meiner Herde 2 € pro Schäfchen! rechnet der erste Schäfer wieder vor.

Die Bomberjacke in Blau wird von den geeinten Schäfern in nur kurzen Augenblicken in die Flucht geschlagen. Der nun das Fürchten lernte, ist ein Händler, der sich mehrmals für die Interessen der Industriellen stark gemacht hatte.  Die Nachricht, dass sich die Schäfer mit der Kommandolinie anlegten, verbreitete sich in Windeseile. Doch sind es nicht nur die Industriellen, die das Sagen haben. Der Staat verlangt von den Schäfern den Erwerb des Antimafia Zertifikats, um in diesem Metier arbeiten zu können. Das bedeutet den Zwang einer bürokratischen Prozedur mit endlosen Wartezeiten, und mit der Tausende Schafzüchter in Schach gehalten werden.

Während immer noch Liter um Liter auf den Boden fließen, erreichen zwei Nachrichten die Revolte. Aus Sciacca hat sich ein Protestzug von Traktoren in Richtung Menfi gebildet und in Regalbuto haben  mehr als 30 Schäfer, ohne große Bekanntgabe der Aktion, den Eingang eines Straßentunnels besetzt, um auch dort ihre Milch auszuschütten.

Die Nachrichten kreisen im Netz und sie erfahren auch alle, die an dieser Besetzung teilnehmen. Worauf sich die Schäfer zunächst leise, dann aber vernehmlich über die Tatsache unterhalten: „Hier sieht uns doch niemand, … das hier ist zu abgelegen, wir sollten die Milch nicht in dieser Gegend ablassen.“  Und es kommt der Vorschlag: „Gehen wir doch besser zur Tankstelle.“  Er wird jedoch nur, angesichts der polizeilichen Auflagen zur Demonstration, teilweise begrüßt. So entschließt man sich erstmal, in der Bar der Tankstelle, Kaffee zu trinken.

[An dieser Stelle sind von Seiten des Übersetzers einige Anmerkungen für sog. Ausländer*innen angebracht. Denn die 5 Sterne Bewegung Italiens kommt jetzt ins Spiel und deshalb auch dazu einige Erläuterungen. Wer will, kann sich im Netz genügend Infos besorgen. Es sei nur soviel gesagt, dass die neue rechte Linke, also die 5 Sterne, mit der neuen linken Rechten die Regierung in Italien bildet und gerade erst in Regionalwahlen eine Wahlschlappe einzustecken hatte, weil all ihr Getöse gegen das politische Casino Italien, selbst schnellstens  zum Gang an den Spieltisch des Kapitals führte.]

An der Tankstelle taucht ein Parlamentarier der 5 Sterne Bewegung auf. Er versucht die Schäfer zu beruhigen, versichert ihnen seine Solidarität, erzählt von runden Tischen in Bezug auf die sardische Frage der Käseproduktion und er beteuert, dass auch in der sizilianischen Kommission  für Agrikultur, der Abschluss neuer Verträge fällig wäre.

Ein junger Schafzüchter kommentiert:

„Was wir besitzen, ist Gold.  Weißes Gold. Es wegzuschütten, ist  unseren Kindern, Familien und der Welt gegenüber eine Sünde. Aber sie ist notwendig. Ein Euro plus Steuer: das brauchen wir, und wir beabsichtigen nicht aufzuhören, bevor wir das erreicht haben. Wir schütten die Milch weg, und während wir das tun, kaufen die Industriellen die Milch in Rumänien für 20 Cent den Liter. Ich will Ihnen sagen, warum: Ihre Ländereien sind von radioaktivem Müll verunreinigt; der europäische Markt drängt diese Vorgehensweise nahezu auf. Solange wir uns von all dem nicht befreien und unsere Arbeit gerecht bezahlt wird, wird es keine Lösung in der Frage geben. Wir müssen unser Land vor den Produkten schützen, die aus dem Ausland kommen.“

Er erhält während seines Beitrags mehrmals Beifall. Das Thema Großhandel ist auch in Sardinien eine konstante Größe. Der bezüglich Sizilien voran geschrittene Zustand des Kampfes, führte innerhalb der Bewegung dazu, das Problem wahrzunehmen, das nun taktisch durch eine Blockade des Warenflusses angegangen werden soll.

♦♦♦

Es ist Sonntagmorgen und es liegt nur ein Tag zwischen dem Freitag, dem Beginn des Protests, dass die Schäferorganisationen den Ball aufgenommen haben. Sie haben beschlossen, zum Autobahnknoten Dittaino, in der Provinz Enna, zu ziehen. Anfangs waren es 300 Schäfer, das dreifache der Aktion in Poggioreale. Von Beginn an gab es aber Spannungen zwischen den Schäfern und ihren Funktionären. Obwohl die Demonstration nicht genehmigt ist, wollen die Schäfer dennoch zur Autobahn ziehen. Sie haben vor, die Zufahrt zum Gewerbezentrum, die kürzlich gebaut wurde, zu blockieren. Dagegen wenden sich die Funktionäre, doch können sie wenig ausrichten, da die Leute sich schon im Abmarsch befinden. In nur kurzer Zeit und wenig zurückgelegten Weges, wuchs die Anzahl der Demonstranten auf über 600 Personen an.

Gleichmäßig verteilt ist die Zusammensetzung zwischen jungen  Schäfern und älteren Demonstrant*innen. Auch ist der Anteil an Frauen im Protestzug größer geworden. Es werden Transparente mitgeführt. Ihre Slogans:

FÜR DIE WÜRDE DER SCHÄFER!
BEDINGUNGSLOSER KAMPF FÜR EIN EURO!
EIN EURO PRO LITER SOFORT!
WIR SIND MÜDE, DEN REICHTUM DER MULTINATIONALEN KONZERNE ZU VERMEHREN!

„SICILIA, SICILIA, SICILIA“

Der Ruf ist immer wieder weit vernehmbar. Unterwegs wird Halt gemacht, um die Milch wegzuschütten. Einige junge Schäfer haben sich mit einer Kette aus Schafsglöckchen verbunden, und sie sind äußerst rege. Zu erfahren ist, das zur gleichen Zeit in Capizzi Schäfer ihre Milch wegschütten. Die Bewegung wächst und verbreitet sich, dafür steht die heutige Anzahl der Teilnehmer. Und die Bewegung gewinnt an Bewusstsein und beseitigt tagtäglich die lähmenden Hindernisse in ihren Reihen.

An der ersten Abzweigung versuchen die Funktionäre mithilfe einiger Abteilungen der DIGOS [Abteilung für allgemeine Ermittlungen und Sondereinsätze; d.Ü.] den Zug zu stoppen. Doch nach einer ersten Phase der Unentschlossenheit zieht er weiter. Dasselbe auch an der nächsten Kreuzung. Man ignorierte die Versuche der Einschüchterung seitens des Polizeikommandanten, mit Strafverfolgung gegenüber jedem der Teilnehmer zu reagieren. So wurden auch die Einschüchterungen der Polizei, die noch in Poggioreale vor zwei Tagen wirkten, überwunden, und die Schäfer haben sich autonom gegenüber den Funktionären (deren Organisationen beherrschen seit Jahren das Feld der Schafzucht) gezeigt, indem sie sich ihren Anordnungen widersetzten. In direkter Auseinandersetzung machten sie klar: „Keine Mediation, wir wollen weiter!“ In diesem durch starken Individualismus und Konkurrenz geprägten Arbeitszweig, sind selbst einfache kollektive Entscheidungen wie diese ein Fanal.

Geschlossen zieht die Demonstration weiter. Die Autobahnauffahrt wurde von einem Polizeifahrzeug gesperrt. Außerdem war die Zufahrt von einer Reihe Celerini [mobile Polizei] gesichert. Auf dem Weg war das Geschimpfe auf die Funktionäre, die Ruhe predigten, schon groß. „Wir wollen unser Geld und nicht Ruhe!“ und „Wo bleibt unsere Würde! waren nur einige ihrer aufgeregten Bemerkungen. Zu allem Überdruss erschien auch noch der Senator Antonio Trentacoste auf der Bildfläche, um seine Ansprache an die Protestierenden loszuwerden. Es wäre für ihn wahrscheinlich besser gewesen zu schweigen und abseits und unerkannt von der Menge zu bleiben. Sofort attackierten ihn die Schäfer, verwiesen auf ihre Autonomie und darauf, dass die Demonstration weder Parteien noch Gewerkschaften, weder Politiker noch Gewerkschafter dulde. Die Worte des Senators sind nur mit Mühe zu verstehen, so laut ist der Lärm der Leute, und sie schreien „Geschwätz“. Der Senator begreift schließlich, dass sein Reden nicht bei den Schäfern ankommt, doch zu spät. Einige halten zwei große Milchkübel in ihren Händen, drängen sich in die erste Reihe. „Senator, Senator, wo ist er denn?“  ruft die Menge und dem Senator auf dem Rückzug fließt die Milch über seine Füße. Die Demonstranten begleiten die Aktion schadenfroh mit der lauten Aufforderung: „Hau jetzt ab!“

Was bei diesen ersten Schritten des Kampfes auffällt ist nicht nur die Desillusionierung bezüglich der Berufsverbände und Gewerkschaften, die es in den vergangenen Jahren zu dieser Situation haben kommen lassen. In Bezug auf die Politik glaubt man nicht mehr, dass sie Verbesserungen möglich macht. Nur im im direkten Kampf sehen die Schäfer eine Lösung der Probleme ihres Wirtschaftszweigs. Sie bestehen deshalb auf Autonomie, auch weil sie sich durch keine politische Partei oder Person repräsentiert fühlen.  Nach der „Jagd auf den Senator Pentacoste“ besprechen sich die Schafzüchter untereinander. Sie sagen, dass das Versprechen, ihre Forderung nach einem Euro pro Liter zu erfüllen, von keinem dieser Politikaster eingehalten wurde. Es ist ein für sie tödliches Europa , ein Markt, der zu blockieren ist… Der Geruch von weggeschütteter Milch und Kampfbereitschaft  liegt über der Landschaft von Dittaino, als wir in Gruppen zu unseren Fahrzeugen zurückgehen.

übersetzt von FHecker

siehe auch den Beitrag: Mellusu a du fuliai che a si du fai furai

… : Ein Bericht zu den Protesten der sardischen Schäfer.

 

 

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