Hommage an Christophe, dem Boxer aus Paris

Quelle:// HOMMAGE À CHRISTOPHE DETTINGER

Omaggio a Cristophe, il pugile parigino


Es folgt die Übersetzung eines Briefes, den die Wochenzeitschrift lundi.am am 7. Januar19 veröffentlichte. Die damit verbundene Hommage gilt dem Boxer Christophe Dettinger, der am vergangenen Samstag (Acte VIII), die Gilets Jaunes mit seinen Fäusten gegen die unmittelbare Repression der auf Bürgerkrieg trainierten Polizei verteidigte.  Als kurze Zeit darauf, ein Video im Internet auftauchte, wie Christophe mit seinen Fäusten Anti-Somossa-Polizisten in die Flucht schlägt, reagierten die Medien in Frankreich und Italien mit heftigen Emotionen. Von Seiten der Politik und des Mainstream-Journalismus kamen einhellige Verurteilung, dem gegenüber stand jedoch die starke populäre Sympathie für einen Ex-Champion im Leichtgewicht. Es wurde für ihn eine Spendensammlung organisiert, die innerhalb 48 Stunden die beträchtliche Summe von 117 000 € erbrachte. Das von seiner Schwiegermutter ins Netz gestellte Video, auf dem Christophe seine Handlung rechtfertigt, hatte über eine Million Visualisierungen.


Der Brief

Dieses Weekend war ich nicht in Paris. Mein Gilets Jaunes trug ich in einer Stadt im Süden, wo wir die letzten Wochen besonders zahlreich auftraten. Was meinen Tag jedoch aufhellte, war nicht der Anblick hunderter phosphoreszierender Westen, sondern der Fund eines Videos im Internet von dem Pariser Boxer. Meinen Brief werde ich nicht mit Namen unterschreiben. Es tut mir leid für diejenigen, die das geschätzt hätten, der Grund jedoch (spitzt eure Ohren Journalisten) ist die Repression. 

Was ich zu sagen habe, wird dem hasserfüllten Haufen von Macronisten nicht gefallen und auch nicht denen, die ihre gelben Westen ausgezogen haben. Aber ja doch, Christophe ist ein Superheld. Er ist es nicht, weil er als Spiderman auftritt oder weil er Schläge austeilt wie Sagat.  Es ist einfacher, jedoch selten, denn er hat uns einen Weg gezeigt, wie es ebenbürtig zu agieren gilt.

Ich werde nicht über den berühmten „Kontext“ schreiben. Die GG und ihre Unterstützer*innen kennen ihn. Er ist der übliche:  tausende Verletzte, Hausarreste, verschränkte Hände und zugekniffene Augen im medialen Verschweigen und mit Segen der Regierung. Der besondere Vorfall: Gendarmen blockieren die Gilets Jaunes auf einer Brücke, die wer weiß was machen (welch gute Idee!). Die Kommentatoren interessiert der Kontext nicht. Besser ausgedrückt, sie bedienen sich seiner wie’s beliebt, und können so die Polizisten als Opfer durchgehen lassen und ihre Gewaltätigkeit entschuldigen.  Filmte die Polizei etwa in Mantes-la-Jolie die  Jugendlichen, die auf Stunden mit den Händen hinterm Kopf knien mussten? Sie sagen, dass der Kontext daran schuld sei (die hässlichen Ausfälle böser Jugendlicher aus den Bonlieus).  Haben in Paris Demonstranten Gegenstände auf die Einsatzpolizei geworfen? Man wird den Kontext und die Gasgranaten (abgeschossen auf eine Mnege, die sie nicht darum gebeten hatte) unter den Teppich kehren.      

Der Kontext interessiert wenig. Es waren die Video, die mich heiter stimmten. Da sah ich Christoph nach vorn stürzen und ganz allein einen Weg durch Robocops bahnen. 

In einer der ersten Sequenzen, sieht man diesen Mann, groß, schwarz gekleidet mit Hut, eine Luftfigur ausführen. Er landet trotz allem wieder auf den Beinen, erneuert seine Deckung und attackiert mit Boxhieben das Schild eines Gendarmen. Der muss der Attacke nachgeben und ist gezwungen, den Rückzug anzutreten, während seine Kollegen keinen Versuch unternehmen, ihn zu unterstützen. Dieses Video erregte Heiterkeit aber auch die übliche Kakophonie: „Gewalt“, „inakzeptabel“, intolerabel“, blablabla. Selbst die Boxföderation verteilte ihr Kommuniqué.

Von welcher Gewalt ist zu sprechen? Von jener eines Mannes, der keinen Schutzanzug und keine Waffen trägt, von einem Kampf eins zu vier. Er attackiert einen schwer aufgerüsteten Polizisten, mit Schild, Visierhelm gegen Projektile, Kniepolster, Schulterschutz, Manganello und Gasgranaten auf dem Rücken und mit Dutzenden Kollegen drum herum. Ein Mann kämpft mit seinen bloßen Händen gegen einen Robot (Wo gibt es den Schlitz, um die Münzen der Gehaltserhöhung einzuwerfen [die Macron gewährte, um die Unterdrückung der weiteren Proteste zu gewährleisten]?). Welche Verletzungen wird man finden?
   
                                                   
Aber man wird sagen, dass der Typ ein Boxer ist, und dass, obwohl unbewaffnet, sein Körper doch eine Waffe sei!  Wie wahr… wie wahr auch, dass man so viele Verhaftungen unter den GG durchführte. Begründung: „bewaffnete Zusammenrottung“, deshalb weil sie einigen Scheiß im Rucksack hatten, nachdem man ihre Gasmasken konfiszierte (offensichtlich zählt nicht, wenn die GG ihre Lunge rauskotzen), Man sollte die Demonstranten wegen ihres Körpers oder wegen ihrer Berufe festnehmen. Ein Punching-ball als Eintrittsgebühr für die Messe und sie testen die GG eine*r nach der anderen. Etwas zu stark? Es ist verboten zu demonstrieren.

Man sollte auch im Demonstrationszug Boxhandschuhe tragen. 
Doch in Wirklichkeit hat man keine Wahl. Im Kampf von Christophe steckt die gleiche Disproportionalität einer übergerüsteten Polizei einerseits und den Demonstranten, die mit bloßen Händen dastehen. 

Es gibt nicht einmal das Ausbrechen von Gewalttätigkeit. Denn was die Mehrheit der Politiker und Journalisten „umtreibt“ (sie haben seit zwei Monaten diesbezüglich fusioniert) ist, dass wir gar nicht so schwach sind. Das wir nicht das Bild schwacher Leute abgeben. Das haben sie erwartet und so wollten sie es sehen. An erster Stelle: in geringer Anzahl. Wie groß war doch die Enttäuschung am Ende des Tages, dass das Ministerium zugeben musste, einer Erholung der Bewegung zusehen zu müssen. Am frühen Samstagnachmittag titulierte der LCI TV-Kanal „Weniger als tausend Demonstranten in ganz Frankreich, Paris ausgenommen.“ Weniger als tausend! Warum tausend“? Warum nicht zwei? „Zwei Gilets Jaunes mit Cric in der Nähe der D332 gesichtet“ wäre fast glaubhafter gewesen.

Sie wollen uns mager an Zahl und defensiv sehen. Die Aktionen zuvor wollte man als Picknick zu sehen bekommen (24. November), darauf im Käfig (1. Dezember), darauf im Stillhaltemodus demonstrieren (8. Dezember) und während der Festtage natürlich nichts. Angesichts dessen, dass wir keine dieser Erwartungen von Polizei und Leitartiklern erfüllten, ist jede neue Demonstration unserer Herkunft, eine Grenzüberschreitung. Und darin liegt der eigentliche Skandal: an diesem Samstag waren wir nicht schwach. Entgegen falscher Vorhersagen, waren wir zahlreich. Und trotz Einschüchterungen, Drohungen, Polizeisperren, Beschlagnahmungen haben wir uns nicht aufhalten lassen. Das trifft vor allem auf Christophe zu. 

In einem zweiten Video sind die Gilets Jaunes und dieselben Anti-Sommossa Agenten dicht an dicht zu sehen. Inmitten des Gemenges, tritt Christophe einen Gendarmen, der am Boden liegt. Ein zweiter Skandal also: Christophe ist nicht nur gewalttätig, sondern ist auch noch ein Feigling. Zugegeben ist dass nicht gerade ein Akt der großen Klasse. Er müsste das wissen, praktiziert er doch ein edles Handwerk. Mit Sicherheit bedeutet das die Disqualifikation. Die Rangelei wird von den Internet-Telekameras eingefangen, und sie verbreiten diese Hollywood-Szenen quasi live, wie einige Wochen zuvor, die Rangeleien zwischen den GG und motorisierten Polizisten auf den Champs. Mit diesen Fliegenfängervideos drehen die Scheißkerle der Regierung ihre Pillen, die sie den Presseagenturen verabreichen: „Lynchjustiz“, „Aufwiegler“, „Antisemiten“! Macron machte am ersten Jahrestag daraus einen Rosenkranz: es ist eine „hasserfüllte Menge“, die gegen die „gewählten  Vertreter, die Ordnungskräfte, gegen Journalisten, Juden, Ausländer und Homosexuelle“ hetzt. In den Salons des Fernsehens lechzt man nach diesen, im Internet gefundenen Zuckerpillen. Sie werden mit Einblendungen im Zungenschlag der Partei des Präsidenten tituliert.  

Die Ungleichheit der Mittel, die den Kriegsparteien zur Verfügung stehen: eine gelbe Weste vor einer Vollpanzerung, kann das Ausrasten erklären. Vielleicht ist es auch die Neugier, die dazu drängt, mit der Spitze der Zehe einen Korpus aus Kunststoff und Metall zu bewegen, um zu überprüfen, ob da wirklich etwas Menschliches drin ist. Natürlich nicht sehr stilvoll, aber feige? Die GGs erinnern sich alle an ein Ereignis, das es ihnen vielleicht erlaubt, Feigheit besser zu verstehen. Am 1. Dezember (Journalisten: Augen zu, ich spreche von Polizeigewalt) wird ein Mann von 8 Anti-Sommossa-Agenten niedergeschlagen. Er wurde eine Straße entlang gejagt. Die Riots schlugen wiederholt mit Schlagstöcken auf ihn ein. Wenn diese Tat eine unaussprechliche Feigheit ist, dann nicht, weil der Mann auf dem Boden lag. Es liegt nicht daran, dass sie 8 gegen 1 waren, weil sie Rüstungen und er nur einen Hut hatte, weil sie Schlagstöcke benützten und er absolut nichts. Es liegt daran, dass diese Polizisten wussten, dass ihr Handeln gedeckt sein würde. Sie konnten ohne Furcht zuschlagen.

Christophe wurde einige Stunden später arretiert. Er war ja leicht zu identifizieren (keine Vermummung). Wenn gewalttätige Polizisten ebenso leicht identifiziert werden könnten bestrafte man sie augenblicklich…nicht wahr? Am gleichen Tag der Einhüllungen über Christophe, ist ein Polizist gefilmt worden, der einen ungeschützten Demonstranten mit Faustschlägen attackierte. Seine Identität wurde rapide in den „sozialen“ Medien bekannt gemacht. Der Staatsanwalt der Republik entschied allerdings, dass gegen ihn kein Verfahren eingeleitet wird. Er ist frei.

Wer sind nun die Schwachen und die Feiglinge? In einer Gesprächsrunde, dann während einer Demo, haben zwei unterschiedliche Polizisten zu mir gesagt: „Kommt bloß nicht auf den Gedanken uns zu rufen, wenn es irgendwelche Attentate gibt“. In den sozialen Medien forderten verschiedene Polizisten Christophe zu einer eins zu eins Boxrunde auf. In Nantes trug am gleichen Samstag ein Polizist die Maske des Punisher.

Es ist eine Tragödie mit den Polizisten: Sie sehen sich als Helden, als starke Männer, als letzte Barrikade in einem Frankreich des Chaos. Und das, was sie seit zwei Monaten jeden Samstag tun, ist Gummigeschosse auf die Köpfe von Gymnasiasten schießen, ohne zu zielen explosive Geschosse in die Menge schmeißen, Alte mit den Manganelli schlagen, Handys wegreißen, die sie filmen, junge Frauen auf dem Boden an den Haaren wegschleifen, Wassermasken konfiszieren, Leute auf einer Brücke blockieren, die zum Parlament wollen. Wir haben hervorragende Supermen erlebt.   

Damit die Dinge klar sind. Schwäche und Feigheit sind keine Sachen von Christophe. Diese Sachen sind Demonstranten entstellen und leugnen auf ihren Kopf gezielt zu haben. Das ist jeden Tag auf Twitter den Provokateur spielen und beim ersten Hupen das Ministerium durch die Hintertür verlassen. Das ist eine Anzeige gegen jemanden erstatten, mit dem man sich gerade geschlagen hat. Und es ist zu rufen „Sie kommen, um mich zu holen“, bei zwei startbereiten Helikoptern auf dem Hof. Es ist das Werfen von Gasgranaten auf die Leute und dann 45 Tage wegen Schock reklamieren, weil man gegen einen Roller gedrückt wurde. Das ist zu sagen „Kraft und Ehre“ und weder das eine, noch das andere zu haben. 

Es wurde mir geraten, „Christophe nicht zu unterstützen, ohne zu wissen, wer er ist.“ Vielleicht ist er ein Pedo-Nazi oder schlimmer, ein infiltrierter Macronist. Die Frage ist nicht wer der Mann ist, noch dass  er Boxer ist, sondern seine Geste. Sie hat Mut gemacht und sollte uns inspirieren. Es bedeutet nicht, sich im englischen Boxsport zu versuchen, sondern: weitermachen, nicht zurückweichen, entschieden kämpfen.

aus: Lundi.am

übersetzt von FHecker

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 

 

 

 

 

 

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