Nationalversammlung der Riders: neue Kampf- und Organisationsformen


von Paolo Scanga, 18 aprile 2018

bei DINAMOPRESS: unabhängiges Informationsprojekt, das am 11. November 2012 aus der Zusammenarbeit zwischen verschiedenen sozialen Räumen in Rom, professionellen Journalisten, Universitätsforschern, Videoproduzenten und Aktivisten entstanden ist.

übersetzt von Roberto Greco


Foodora, Deliveroo, Glovo und JustEat. Das sind die Lebensmittelketten, die von mehr als hundertfünfzig Arbeitern bei der Nationalversammlung der Riders vertreten wurden. Aus Bologna, Mailand, Turin und vielen anderen Städten haben die Fahrer, wie auch viele Unterstützer, auf den Aufruf des Kollektivs Riders Union Bologna reagiert. Außerdem waren Vertreter des Collectif des livreurs autonomes de Paris (CLAP) und des Collectif des coursier-e-s aus Belgien anwesend. Ein Baustein, der darstellt, wie zentral der kontinentale Raum ist, um zu versuchen, eine organisatorische und fordernde Plattform zu diesen Ketten der multinationalen Ausbeutung aufzubauen.

Die letzten zwei Jahre  waren in ganz Europa geprägt durch eine spontane Geburt von Gruppen und neuen Kollektiven von Arbeiterinnen, die durch ihren Zusammenschluss, ihren Kenntnissen, Aktionen und Streiks die neoliberale Rhetorik der Gig-Plattform enthüllt und umgestoßen haben. Sie kippten die Erzählung, dass die Gig-Ökonomie mehr Freiheit für junge Leute erlauben würde, zu arbeiten und dabei Spaß zu haben und möglicherweise den Lebenslauf zu bereichern. Diese diente auf Unternehmensseite dazu, die Fahrer als Selbständige zu klassifizieren, d.h. alle Betriebskosten an die Arbeiter weiterzugeben. Hinter dieser Geschichte von Freiheit und Glück beim Transport von Lebensmitteln verbirgt sich jedoch die harsche Seite des Algorithmus, die eine endgültige Verweigerung selbst der kleinsten Rechte bei der Arbeit, einen völligen Mangel an Schutz und Sicherheit und mehr oder weniger beschämende Gehälter beinhaltet.

Der Sonntag diente in erster Linie dazu, sich kennenzulernen, zu sozialisieren und zusammen zu verbringen – die erste Subversion eines Algorithmus, der einen zu Einsamkeit und Konkurrenz zwingt. Die Präsenz, Reife, Bewusstheit und Vorbereitung verschiedener Realitäten wie dem Deliverance Project in Turin oder Delivenrance Milan, zusätzlich zu der von Bologna, hat die Geschichte von Arbeitserfahrungen, die Erzählung von Solidaritätsprojekten, Zusammenarbeit und Organisation, die in den verschiedenen Metropolen aufgebaut werden, ermöglicht. Diese Reife wurde durch eine gemeinsame Plattform von Forderungen zum Ausdruck gebracht, einschließlich der Abschaffung der gefährlichen (für die Gesundheit und Sicherheit der Fahrer) reinen Akkordarbeit, der Forderung nach einem garantierten und angemessenen Mindestlohn, Versicherungsformen, Beseitigung des Rankingsystems, das übermäßig schädliche Arbeitszeiten erfordert, den Schutz personenbezogener Daten, die von den Unternehmen über das Geolokationssystem in der App erfasst werden, aber auch Forderungen, deren Ausrüstung und Wartung zu gewährleisten. Diese Forderungen werden von Velo-Dienstleistern in ganz Europa, in Frankreich, Spanien, England und Belgien sowie in zahlreichen italienischen Städten und Metropolen gestellt.

Städte und Metropolen sind auch ein Ort, an dem sich die verschiedenen kommunalen Verwaltungseinrichtungen der Stadt befinden, wie z.B. in Bologna, wo die Selbstorganisation der Beschäftigten in der Lebensmittelversorgung die Stadtregierung gezwungen hat, die „Charta der Grundrechte der digitalen Arbeit im städtischen Kontext“ zu unterzeichnen, die zwar keinen unmittelbaren rechtlichen Wert hat, aber einen wichtigen politischen Sieg darstellt, da sie ein Mindestmaß an Rechten für alle „digitalen Arbeitnehmer“ unabhängig von ihrem Status als Selbstständige oder Angestellte vorsieht. Was die Bologneser Versammlung hervorgebracht hat, ist diese Fähigkeit zu kämpfen, die in der Lage ist, sich auszudehnen, anzustecken und sich zu erneuern. Der Pariser CLAP erklärte und zeigte, dass das Arbeitsgerät nicht nur das Fahrrad oder der Roller war, sondern auch die App und das Kontrollwerkzeug. Und es ist auch die Wiederaneignung der App diskutiert worden, nicht als eine Anwendung von Arbeit und Befehl, sondern als eine Anwendung, die Formen der Zusammenarbeit, Solidarität und Gegenseitigkeit zwischen den Arbeitern und Arbeiterinnen ermöglicht. Aber es geht auch um die Räumlichkeit des Kampfes, nicht nur um die Metropolen, in denen Menschen arbeiten, sondern auch um den europäischen Kontinent, auf dem Unternehmen präsent sind. Es ist kein Zufall, dass man beschlossen hat, den 1. Mai, den Tag des Kampfes gegen die Arbeit, als europäischen Moment zu nutzen, um eine kontinentale Mobilisierung gegen die food delivery aufzubauen. Aus Frankreich, Belgien und Italien werden Tausende von Fahrradkurieren versuchen, Formen des Protestes gegen diese neosklavenartigen Arbeitsformen aufzubauen.

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