Polen: Nazikollaborateure mit Partisanen gleichgesetzt

Autor: Matteo Zola
Matteo Zola
Mit Schnee bedeckte Gräber. Auf dem Granit, Lorbeer für die Märtyrer und eine rot-weiße Kokarde. Der polnische Premierminister, Mateusz Morawiecki, ehrt stillschweigend die Gefallenen. Nationalhelden? Eine Spezies davon. Es sind Angehörige der Brigade Heiliges Kreuz (Świętokrzyska Brigade), die in den komplexen Ereignissen des Zweiten Weltkriegs mit den Nazis zusammengearbeitet haben. Es ist kein Zufall, dass sie auf einem deutschen Soldatenfriedhof bei München begraben sind. Hier wollte der polnische Ministerpräsident am Rande eines offiziellen Besuchs in Deutschland verweilen und einen Blumenstrauß ablegen. Warum?

Die vielen Gesichter des polnischen Widerstands

In Beantwortung der Frage hilft wenig, daran zu erinnern, wieviel Leid Polen durch die Naziaggression erfahren hat und wieviel Blut der polnische Widerstand zur Befreiung des Landes vergoss. Jedoch, dass der polnische Widerstand kein Monolith war und nach dem Einmarsch der Nazis und der Niederlage der regulären Armee, fast jede Partei ihre eigene Streitmacht aufzubauen versuchte: Die Bauernpartei hatte ihre bäuerlichen Bataillone, die Sozialisten die Volksmiliz, die Kommunisten die Volksarmee, die Nationalisten die Militärische Organisation der Nation (NSZ).

Die wichtigsten Einheiten jedoch waren die unter dem Befehl der Exilregierung, die berühmte Armia Krajova (nationale Armee, AK). Die meisten Parteiformationen fusionierten vor 1942 in die Armia Krajova, mit Ausnahme der NSZ.

Antisemitische Partisanen

Die NSZ-Operationen richteten sich sowohl gegen die deutschen Besatzungstruppen als auch gegen die kommunistischen und sozialistischen Partisanenformationen. Bald jedoch kamen die Nazis aus dem Blickfeld der NSZ und begannen gleichzeitig von der deutschen Unterstützung im Bereich der medizinischen und militärischen Versorgung zu profitieren. Dies gilt insbesondere für die Heilige Kreuz Brigade, die umstrittenste von den der NSZ angeschlossenen Formationen. Die Kämpfer der Heiligen Kreuz Brigade operierten nie gegen den deutschen Besatzer, sondern zuerst nur gegen die linken Partisanenformationen, und später auch gegen die Rote Armee. Nach der Eingliederung Polens in das Sowjetimperium erlitt die NSZ daher eine Damnatio Memoriae, die es bis heute schwierig macht, ihre Operationen zu bewerten. Die Beteiligung an den Judenverfolgungen scheint sich jedoch zu bestätigen. Historiker wie Tadeusz Piotrowski und Wlodek Goldkorn definieren deren Aktivitäten explizit als „antisemitisch“.

Unterstützung der Nazis

Es ist schließlich eine Tatsache, dass die Brigade Heiliges Kreuz 1944 das polnische Territorium verließ, um sich im Einvernehmen mit den deutschen Behörden in die Gebiete des Protektorats Böhmen und Mähren zurückzuziehen. Hier unterstützten sie deutsche Betriebe auf polnischem Gebiet. Im Mai 1945, als der Krieg dem Ende nahte, befreite die Brigade das Nazi-Konzentrationslager Holýšov und wurde am Ende des Konflikts von den Amerikanern in den besetzten Gebieten Deutschlands genutzt. Eine Entscheidung, die von der polnischen Exilregierung in London nicht begrüßt wurde, auch weil die Brigade sich weigerte, die Autorität der Exilregierung anzuerkennen und an der Operation Tempesta, dem großen Aufstand des polnischen Widerstands, teilzunehmen.“.

Rehabilitierung

In den neunziger Jahren, im patriotischen Klima der wiedererlangten Unabhängigkeit, wurde die Geschichte der Heilig Kreuz Brigade neu bewertet. Es wurde der Gedanke bekräftigt, dass sie den Kommunismus für einen Feind hielten, der sich nicht von den Nazis unterschied. Die Beweise für das Massaker an jüdischen Partisanen wurden minimiert. Der auffälligste Fall war der von Worczyn im Jahre 1943, wo 120 Partisanen jüdischer Herkunft von Kämpfern der NSZ getötet wurden. Diese Aktion wurde Anfang der neunziger Jahre als „patriotisch“ bezeichnet, mit der Begründung, dass die Juden diejenigen waren, die mehr als alle anderen in den Reihen des kommunistischen Widerstandes kämpften und die sowjetische Aktion begünstigten. Kurzum, Verräter (zumindest potentielle Verräter) aus Polen wurden getötet. Eine Motivation mit starken antisemitischen Adern. 1992 wurden die Führer der NSZ rehabilitiert und ausgezeichnet.

Das heutige Wiederaufleben des Nationalismus

Dies ist ein sehr kontroverses Thema, jedoch keine Anomalie. Mittel- und Osteuropa, gefangen zwischen den beiden Bränden des Nationalsozialismus und des Stalinismus, hat viele Partisanenformationen gesehen, die davon überzeugt waren, dass sie ein Übel mit dem anderen bekämpfen können. Doch Morawieckis Geste ist nicht nur ein Gedenken. Im Gegenteil, sie ist Teil der nationalistischen Wiederbelebung, die die PiS-Regierung in Polen durchführt. Eine Erweckung, deren Ziel es ist, die Existenz eines makellosen, jungfräulichen Polens zu bestätigen, das immer ein Opfer der Geschichte war. Kurzum, Polen war immer von Feinden umgeben, gegen die es sich zu vereinen galt. Und der heutige Feind Polens ist die Europäische Union. Um sie zu bekämpfen, braucht es die Sammlung unter der Flagge einer Bruderschaft, die alles vergisst und wenn nötig auch die Verräter Polens, die „verfluchten Soldaten“ der Heilig Kreuz Brigade – Verbündete des Faschismus, der nicht gefällt, aber auch seine Berechtigung hat – feiert.

übersetzt von Roberto Greco/18.04.2018

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