Jahresbescherungen 1/18

Prognosen

Autor: Robert Emminger

Zum Ende des „alten“ Jahrs war den Ritualen nicht zu entkommen. Das ist nichts für sensible Gemüter, wenn die leeren Regale nach christlichem Fest wieder aufgefüllt werden, um mit neuer Munition die unzulänglich befestigten Bastionen der Lohnarbeit im Handstreich zu erobern. Jedoch nicht, ohne dass zuvor die Hohepriester des Konsums von der Kanzel ihre Prognosen verkünden. Für den Einzelhandel stehen die Profite im Zeichen der Schere, was soviel heißt, dass die herzlose Kundschaft ihr Einkommen dahin transferierte, wo ohnehin schon der Umsatz reibungslos lief, also zu den Haifischen des Kommerz.

Jedenfalls ist zu erfahren, dass letztere vorteilhaftere Fangmethoden entwickelt haben, um  die Planktonschlucker dazu zu zwingen, ihre „Überlebensstrategien“ zu entwickeln. Doch einige behaupten, was eventuell in der Natur funktioniert, wird in der Ökonomie zur bloßen Ideologie. Das glaub‘ ich nicht, nicht zuletzt auf Grund der Tatsache, dass „Überlebensstrategien“ en vogue sind. Typische Planktonschlucker wie die Banken zum Beispiel…

… haben im Lauf der Zyklen ihre Kenntnisse erweitert. Sie sind unter den Top Ten in der Entwicklung theoretisch und empirisch fundierter  Methoden des Überlebens.

Wenn Herr K. einen Menschen liebte  (B.Brecht)

„Was tun Sie“, wurde Herr K. gefragt, „wenn Sie einen Menschen lieben?“ „Ich mache einen Entwurf von ihm“, sagte Herr K., „und sorge, dass er ihm ähnlich wird.“ „Wer? Der Entwurf?“ „Nein“, sagte Herr K., „Der Mensch.“

Keine Frage auch Banken lieben die Menschen, insbesondere wenn sie zur Steigerung des BIP beitragen. Der Entwurf, dem sie sich annähern sollen, ist der des homo –  oeconomicus, d.i. die ideelle Konstruktion rationalen Verhaltens des Menschen, das auf der materiellen Grundlage der kapitalistischen Gesellschaft und seiner Gesetzmäßigkeiten agiert. Die Verkörperung der Idee läuft darauf hinaus, dass die Unterschiede zwischen den Homines oeconomici außerhalb ihrer Rationalität nicht klassifizierbar sind. Die Denk- und Sichtweisen, die kulturellen- und die materiellen Lebensbedürfnisse, ja selbst die Kritik der Kritik scheinen nicht in der Lage dem verhängnisvollen  circolo vizioso zu entkommen. Während Zeile um Zeile über die Tastatur in die Maske fließen, mag der Text noch so rebellisch, die Worte noch so absonderlich gegenüber einer literarischen Welt von Gebrauchsanweisungen und Verhaltensratgebern wirken, es hilft nichts: die Tastatur, der Bildschirm wie der PC wie die Software geben zu verstehen, dass das moderne, in wenigen Jahrzehnten großgewachsene Alter Ego, zufriedenstellend dem Entwurf zeitgemäßer Menschenliebe näher gebracht wurde.

mammothDer dänische Spielfilm „Mammoth“ bietet in detaillierten Zügen einige Sequenzen aus dem Leben der Spezies homo oeconomicus. Die Handlung des Films zeichnet in vielfältigen Farben das Bild eines jungen, gutsituierten Ehepaars mit Einzelkind in seinen Beziehungskonflikten. Obwohl beide Partner signifikante Parameter westlicher Lebensweise, wie Wohlstand, Bildung, Liberalität, Arbeit…etc. mehr als erfüllen, sind die Protagonisten auf den Zerrspiegel des Eindimensionalen reduziert.  Zum Ambiente des Ehepaares wäre noch anzumerken, dass es keinerlei genealogische Spuren hinterlässt im Gegensatz zur Kinderfrau, die über das in den globalen Strudel geratene Thailand in der westlichen Welt angespült wurde und als weitere Anmerkung, dass das politische Bewusstsein nicht einmal marginal vorhanden ist, was auch die ideologische Funktion des Films als TINA-Produkt und Propagandist des Grundsatzes „laborando et consumendo procedere“ bestimmt.

Der Film ist das Erzählen eines Alptraums der Ausweglosigkeit im Gegebenen, der umso mehr wirkt wie er die Kommunikation im Grauen der Plattheiten erdrückt. Sie ist weder weiß noch schwarz, einfach nur Grauen.

Telefongespräch des Paares:

Er: Hallo
Sie: Hallo, Hallo
Er: Hei, Hei
Sie: dezentes Lachen
Er: Hei
Sie: Ich hoffe du hast ein Kondom benutzt.
Er: Ein Kondom?
Sie: Na, mit dieser Frau, die an deine Tür geklopft hat … etc.

Der Leser kann sich ja bei weiterem Bedarf an zwischenmenschlichen Dialogen der Spezies „seine eigenen Gedanken machen“.

Zu Anfang des Jahres 2018 hier jedoch eine Sprache, die vielleicht daran erinnert, dass die Fäden von hundert und von fünfzig Jahren artikulierten kollektiven Bewusstseins von Ausbeutung und Unterdrückung noch nicht durchschnitten sind.

68igerit

Champagner und Tomaten

Kinder, wenn sie ein neues Notizbuch mit leeren Seiten haben, machen tausend Projekte, um es in Ordnung zu halten, und um uns in der besten Handschrift zu schreiben. Im Kalender der Fabrikbesitzer hat die Silvesternacht diese Funktion: Denjenigen, die täglich ausgebeutet, und von der kapitalistischen Herrschaft erfasst werden, wieder einmal den letzten Betrug anzubieten. Das alte Jahr hat Elend, Entlassungen, Superausbeutung, Knechtschaft gebracht: Nun, können sie alles wegwerfen, wie alte Stücke aus den Fenstern: Vor Ihnen steht das neue Jahr, und das schöne weiße Buch ist zu beschreiben. Das ist die Rede, die den Chefs am besten gefällt: Lassen Sie uns die Feindseligkeiten begraben, das was war und was gewesen ist: im neuen Jahr wird alles anders. Aber unser Büchlein wurde uns im voraus bereits geschrieben, in der gleichen Sprache wie immer: Elend, Redundanzen, Superausbeutung und Ergebenheit.

Aber das Ungeheuerliche ist genau das: der Versuch, uns zu Komplizen unserer Ausbeutung zu machen, uns zu glücklichen Sklaven zu machen. Die große Silvester-Show ist fertig. Protagonisten sind die Ausbeuter, die Mächtigen, die Parasiten, die nun ihren Reichtum zeigen, der durch das Elend und die Arbeit anderer angesammelt wurde, um an einem Abend das zu verschwenden, was für Tausende von Familien ausreicht, um ein ganzes Jahr zu leben. Doch ihr Vergnügen verlangt nach  Öffentlichkeit, es besteht Bedarf an denjenigen, die täglich ihres Reichtums und ihrer Macht beraubt werden. Die Premieren des Theaters, die luxuriösen Nachtclubs in der Bussola, im Golf Hotel von St. Vincent, die müssen in den Häusern aller ankommen: über Fernsehen, Zeitungen voller Fotografien und Chroniken der schönen Welt, über Tiefdrucke, die Paraden von Models für Hausfrauen abbilden, die deren Kleider nie tragen werden.

Aber es ist nicht sicher, ob das Spiel erfolgreich ist. Wer heuchlerisch fragt: „Was bringt uns das neue Jahr?“ Als ob es darum ginge, Naturereignisse, Erdbeben, Dürren vorherzusagen, der erhält nur eine Antwort:

„Das neue Jahr wird uns das bringen, was wir uns zu nehmen wissen!“

In ihrem weißen Notizbuch wollen die Kapitalisten ihre alten, fetten Konten retten. Es liegt an uns dieses weiße Buch mit einer anderen Geschichte zu füllen.

„Lassen wir den Kapitalisten den Champagner, denn wir haben die Tomaten!“

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