Wie wird ein „moderner“ Putsch gemacht?

In diesen Zeiten ist es die Macht, die Revolutionen durchführt, schlussfolgert Giulietto Chiesa in seinem Artikel vom 18.02.2014. Er gibt einige Anregungen, die evtl. gegen Verdauungsstörungen für Mainstreampatienten nützlich sein könnten.

Aus dem Meer der Lügen, des Unsinns und vor allem der Unterschlagungen, geraten einige, vom westlichen Mainstream verschwiegene Ereignisse, an die Oberfläche.

Miss Victoria Nuland, Assistant Secretary of State im Außenministerium der USA hat daran ihren guten Anteil, weil sie kurz vor dem Sturz des legitimen Präsidenten Janukovic mit dem Botschafter in Kiew telefonierte. Miss Nuland hatte schon über die Zusammensetzung der neuen revolutionären Regierung, die sich in Kiew bilden sollte, entschieden. Dem Botschafter gab sie Anordnungen darüber, wer in die Regierung aufgenommen werden sollte und wer nicht.

Alle europäischen Medien waren äußerst über das Finale dieser Konversation empört, die elegant mit einem „fuck EU“ an die Adresse der europäischen Alliierten beendet wurde. Nach Meinung der Nuland sind sie nicht immer bereit, die Füße Washingtons zu küssen. Bei diesem großen Skandal wurde jedoch der Rest der Konversation unterschlagen, der auf die gesamte Anmaßung der amerikanischen Administration gegenüber einem souveränen Land hinweist. Die Nuland hatte das Fell des Bären verkauft: sie wusste schon im voraus wie er verenden würde.

Aber Miss Nuland, Assistant Secretary of State, -repetita iuvant- hatte sich im letzten Dezember noch besser gegeben als sie im Presse Center von Washington sprach und das verehrte Publikum darüber informierte, dass die Vereinigten Staaten „5 Milliarden Dollar investierten, um der Ukraine die Zukunft zu geben, die sie verdiene“. Was für ein historischer Satz! Dies nicht nur wegen der Summe, sondern der ungewöhnlichen Übernahme von Verantwortung: Die Zukunft der Ukrainer liegt nicht in Händen der Ukrainer, sondern in denen Amerikas. Es entscheidet welches die „verdiente“ Zukunft der Ukraine ist.

Wie diese Dollars ausgegeben werden, ist nicht schwer zu erraten. Zum Teil werden sie die Zukunft derer verbessern, die Maria Rozanova (Witwe des Dissidenten Andrej Sinjawski) als „Kinder des Kapitän Grant“ bezeichnete, wobei sie nett mit dem Begriff „grant“ spielt, der auf Englisch auch „Beihilfe“ bedeutet.

Auf diese Weise wurden hunderte, ja tausende Dozenten, Wissenschaftler, öffentliche Funktionäre, Studenten der osteuropäischen Länder Ukraine und Russland gekauft.Wer konnte der Versuchung widerstehen, sein Gehalt hundertfach zu erhöhen, ein reiches Land zu besuchen und besser gestellt zurückzukehren, vielleicht Geld zu haben für ein westliches Auto? Sicherlich ist, um bei der Rückkehr ein solches Privileg genießen zu können, auch etwas zurückzugeben. Diese von Dutzenden amerikanischen Stiftungen gut finanzierten „Kultur“programme, waren das erste Kontigent einer großen politischen Offensive. Auf diese Weise entstanden tausende „fünfte Kolonnen“ an rastlosen Propagandisten des „American Way of Life“.

Analoge Methoden der Rekrutierung werden bei den Journalisten angewendet. Man könnte sie als Multiplikatoren der Propaganda bezeichnen. Man sah es in Otpor,  Jugoslawien, das hauptsächliche Bühne des „friedlichen“ Sturzes von Slobodan Milošević war. Man sah es bei der „Orangen Revolution“ in der Ukraine, die Viktor Juschenko und Lulia Timoschenko an die Macht brachte. Gleiche Versuche gab es wiederholt in Russland, vor und nach dem Zusammenbruch der UDSSR.

Das sind alles bekannte Sachen – sollten es zumindest sein, obwohl dies von vielen Journalisten ignoriert wird – , welche die Geschichte der letzten dreißig Jahre begleiteten. Aber an was ich an dieser Stelle erinnern will, ist ein ähnliches historisches Ereignis, das der estische Außenminister, Urmas Paet, der Chefin europäischer Diplomatie Catherine Ashton berichtete.

Paet bemerkte Ashton gegenüber, dass glaubwürdige Zeugenaussagen das Massaker vom 20. Februar auf dem Maidanplatz nicht der Polizei von Janukowitsch zuschreiben, sondern Tschekisten, die von der „Opposition“ auf Dächern platziert wurden. Als ich die Worte dieses so geheimen Telefonats – offensichtlich von einem Geheimdienst gestohlen, der die Regeln der NSA gelernt hat – gelesen habe, kam mir das Drama von Vilnius, Litauen,  am 15. Januar 1991 in den Sinn.

Die Analogie ist unter allen Aspekten eindrucksvoll. Ich habe in Youtube nochmals recherchiert, wie dieses Drama beschrieben wird. Der Titel eines Films lautet so: „Sowjetische Truppen gegen unbewaffnete Bürger in Vilnius“. So ist also die sowjetische Verantwortlichkeit für ein Massaker in der Geschichte für immer durch das Web zugeschrieben.

Diese Episode wurde geradewegs zum Gründungsmythos der unabhängigen Republik Litauen. Sie ist heute Mitglied der NATO und einer der 28 Staaten in der Europäischen Union. Wir wissen aber heute, dass die ganze damalige Geschichte aus anderer Feder als die des „lituanischen Volkes“ geschrieben wurde.

Ich berichtete von dieser Entdeckung am 18. Februar 2012 in meiner Rezension des Buches von Gene Sharp „Wie ein Regime zu besiegen ist“. Es trägt den Untertitel „Handbuch zur gewaltlosen Befreiung“. Die Entdeckung verdanke ich dem Ex-Minister Litauens für Verteidigung, Audrius Butkevicius, dem Organisator einer Schießerei, die sich zu einem Massaker an Zivilisten entwickelte. Es ist quasi eine identische Situation zu der auf dem Maidan in Kiew am 20. Februar 2014.

An dieser Stelle zitiere ich hier aus meiner Rezension:

Es war eine von Geheimdiensten kaltblütig vorbereitete Opertation. Sie hatte das Ziel, die Bevölkerung gegen die Okkupanten aufzuwiegeln. Ich bitte den Leser das lange Zitat eines Interviews zu entschuldigen, das im Mai-Juni 2000 in der Zeitschrift Obzor veröffentlicht wurde und kürzlich in der lituanischen Tageszeitung Pensioner nachgedruckt wurde. Es zu lesen ist nicht unnütz, denn das wird belohnt mit einer kostbaren Entdeckung, die uns Verschiedenes in dem Buch, von dem wir reden, erklären helfen.

Ich kann meine Handlungsweise gegenüber den Familienmitgliedern der Opfer nicht rechtfertigen (sagt Butkevicius, der damals 31 Jahre alt war). Ich kann es aber vor der Geschichte, denn die Toten provozierten einen heftigen Schlag gegen die beiden Bastionen der sowjetischen Macht, gegen die Armee und den KGB. Dadurch wurden sie diskreditiert. Ich sage es klar: ich war es, der all das projektierte, was geschah. Ich arbeitete lange am Einsteininstitut zusammen mit Professor Gene Sharp, der sich damals mit ziviler Selbstverteidigung beschäftigte. Mit anderen Worten man beschäftigte sich mit psychologischer Kriegsführung. Ja, ich projektierte die Möglichkeit, die russische Armee in eine schwierige Situation zu bringen, in eine solch unbequeme Situation, die jeden russischen Offizier dazu brachte, sich zu schämen. Das war psychologischer Krieg. Wir hätten in diesem Konflikt mit Anwendung von Gewalt nichts gewinnen können. Das war uns völlig klar. Deshalb entwickelte ich den Modus, den Kampf auf eine andere Ebene zu verlagern, auf die psychologische Konfrontation. Und ich gewann.“

Sie schossen von den nahe gelegenen Dächern mit Jagdgewehren auf die wehrlose Menge. So wie es in Libyen gemacht wurde, so wie es in Ägypten geschah und es in Syrien geschieht. Ist das jetzt klar? Gene Sharp war im Geiste mit dabei. Er lehrte Butkevicius wie man siegt, wenn der Kampf auf psychologische Ebene verlagert wird. Schade, dass entlang des Weges 22 unschuldige Menschen starben. Aber „gegenüber der Geschichte“, was haben da unsere Verteidiger der Menschenrechte zu beanspruchen?

Das Buch von Sharp muss also unter einem anderen Blickwinkel gelesen werden. Und es ist unter diesem Aspekt ein geniales Werk. Es wurde direkt für die jungen Generationen geschrieben, die heute von jeglichem historischen Gedächtnis erleichtert sind. Sie sind angepasst durch das Fernsehen, gefangen in den Social Networks, sie haben nie Politik gemacht und es mangelt ihnen an jeglicher Form der Organisation. Deshalb ist das Buch in überwältigender Einfachheit geschrieben. Es kann von einem Jungen oder Mädchen der Mittelstufe verstanden werden. Sie werden in den politischen und psychologischen Kampf eingeführt, der in modernen Zeiten möglich ist. Das geschieht jedoch so, dass sie Instrumente sind, die nicht in die Lage versetzt werden zu verstehen, was sie tun und für wen sie arbeiten. Es ist ein Handbuch der „inneren Subversion“ in allen „anderen“ Ländern neben Amerika und Europa; um sie als fünfte Kolonne mit der „Gewaltlosigkeit“ zu bewaffnen, damit sie alle Regime zu Fall bringen, die außerhalb des „Washingtonkonsenses“ stehen.

Diese Methoden wurden also sorgfältig vorbereitet und wiederholt ausprobiert. Man muss sagen, dass sie funktionieren. Und sie funktionieren, weil die Mehrheit des Publikums sich soviel List und Grausamkeit gar nicht vorstellen kann. Sie funktionieren, weil die Journalisten zu dumm sind oder zu korrupt, die Wahrheit zu schreiben, sie verstehen nicht und wollen weder verstehen noch sehen.

Miss Ashton reagierte nicht auf die Enthüllungen von Urmas Paet. Sie sagte nichts. Sie präsentiert sich den Journalisten und wiederholt, dass die Verantwortung ganz bei Janukowitsch liegt. Präsident Obama verlangt von Janukowitsch mit der Repression aufzuhören. Solange bis Janukowitsch fallen wird. So machte er es mit Gheddafi und so versucht er es mit Bashar Assad. Wo liegt der Unterschied? Er liegt in der Tatsache, dass bis Februar 2014 die „gewalttätigen und blutrünstigen Diktatoren“, die Regimes der „Schurkenstaaten“ mit dem Handbuch von Gene Sharp bekämpft wurden. Nunmehr geht man darüber hinaus. Mit den gleichen Methoden wird eine Regierung und ein Präsident, die vom Volk durch Wahlen legitimiert waren, abgesetzt. Ich fürchte, dass die Ukraine nur der Anfang einer Serie darstellt. Und Millionen im Westen lesen – und glauben –, dass der Aggressor Vladimir Putin – derzeitiger Diktator vom Dienst – ist, den es gilt abzusetzen.

Das sind Zeiten in denen die Macht die Revolutionen macht.

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