Somnambulie

2adafcac86_thumb.png… mit einer Somnambulie könnte der gegenwärtige Zustand dieser Gesellschaft verglichen werden. Da scheint nichts, was sie aufweckt und ihren Schlafwandel beendet. Die Arbeitslosen arbeiten, die Studenten studieren, die Schüler befassen sich mit Nathan dem Weisen, die Politiker, Bänker und all die feinen Leute mit ihren geplatzten Finanzblasen. Die Gewerk­schaften organisieren Tarifrunden und das Gros ihres Klientels überlegt schon, ob wohl das Geld für einen vom Staat subventionierten Neuwagen reicht. Natürlich reicht es nicht und die Welt ist schon deshalb nicht in Ordnung, weil die Kopeke fehlt.

Nur, die Kopeke bei Nebbes und Co fehlt nicht beim Schmalz und auch nicht beim Wintermantel, den Schuhen, den Neumöbeln, Laptops und der Software. Sie fehlt grundsätzlich, weil es nicht reicht, so richtig reich zu werden. In der Dönerkneipe um die Ecke gibt ein Nebbes dem aufmerksa­men Piddabäcker betriebswirtschaftliche Nachhilfe wie sich Kapital vermehrt. Es sind aber Zweifel erlaubt, ob es der drahtige kleine Mann jemals schafft, mit Hefeteig und Brot­schaufel zu einer Million zu kommen. Denn darunter, weiß Nebbes zu belehren, ist nichts zu machen. Eine Million muss es schon sein, damit das Kapital für einen arbeitet. Som­nambulie…Herr Schöler wohnt gegenüber. Er hat es aufgegeben zu schreiben. Heute schreibt je­der und gelesen wird überall. Hallo, Sie suchen einen Job, da sind Sie bei uns richtig. Grei­fen Sie zu, beste Schnäppchen. Haben Sie schon geriestert, wir zeigen Ihnen den Weg zum Erfolg, Sie haben gewonnen, spielen Sie mit, kein Sieg ohne Niederlage, immer nur lächeln, achten Sie auf Ihre Frisur, wählen Sie, Sonderangebot, Sommerschluss, Winter­schluss, Darmverschluss. Kein Problem, wählen Sie, wählen Sie. Vorsicht beim Kumulie­ren. Herr Schöler liegt auf der Couch, da liegt er tage- und nächtelang. Das macht er schon seit Jahren so. Zumeist sind die Rolläden geschlossen, die Türen verriegelt und das Telefon abgestellt. Er dichtet und schreibt in sein Gehirn wie ein Wahnsinniger. Vordem ist er geflüchtet und dann irgendwo zwischen Wladiwostock und Capri hängen geblieben. Pech gehabt, dass es ausgerechnet hier passieren musste. Doch die Wege sind hier kurz, zur Behörde, zur Bibliothek, zum Fressnapf, zum Park, zum Friedhof. Von Menschen will er nichts wissen, vielleicht, weil sie schwer zu finden sind. Das wird mit der Zeit anstrengend. Immer, wenn er meinte welche entdeckt zu haben, werden sie zu Kakteen oder zu Men­schenfreunden, Naturfreunden, Tierschützern, Kinderarmutbekämpfern, Stadträtinnen, Bi­bliothekarinnen, Sozialarbeiterinnen, Angestellten, Bürokauffrauen, Verkäuferinnen, Direk­toren, Lehrern, Facharbeiterinnen, Gewerkschaftssekretärinnen. In eine Verkäuferin im Discount um die Ecke hat er sich verliebt, nichts Schlimmes, es reichte nur bis zur uralten Frage „Ist das eine Menschin?“ Sie hat schöne Augen, eine gewölbte von dunklen, luftigen Haaren gezierte Stirn und ein Gesicht, das einlädt, ein Buch des Lebens aufzuschlagen. Er hatte den Eindruck, dass sie mit mehr Aufmerksamkeit den digitalen Preiscode seiner Wa­ren über den Scanner schiebt. Sie hat auch noch nie eine dumme Bemerkung wegen sei­nes übermäßigen Verbrauchs an Cognac fallen lassen. Aber sicher ist er sich nicht, denn sie sagt nur Hallo, Auf Wiedersehen, Frohe Weihnachten, ich wünsche einen schönen Nach­mittag. Bei den Bettlern vor der Tür, könnte es sich auch um Menschen handeln. Sie sind so sanftmütig bei ihrem Tun. Eigentliche Menschen kennt Schöler nur aus Filmen oder Bü­chern. Sie leiden, lieben, fühlen, entdecken, denken, führen heroische Dialoge und das in einem Bruchteil des Lebens einer Verkäuferin. Maja zum Beispiel. Während des schönsten Streiks entführt sie den begehrten Aktivisten in ein leeres Bürozimmer, um ihn zu lieben. Aber das sind Gedanken auf der Couch. Somnambulie…
Kontakt hat Schöler sonst nur noch mit Frau Flügelhub. Durchwahl 0346; Email: Gertrude.Flügelhub@viamala.org. Bei ihr ist er sich sehr sicher, dass es sich nicht um eine Men­schin handelt. Sie hat ihm eine achtstellige Nummer verpasst, die nicht einer gewissen Symbolik entbehrt. Ihre Zusammensetzung besteht aus einer Abfolge von Ziffern aus eins, null und zwei. Einmal hatte er mit ihr telefonischen Kontakt. Ihre Stimme war von ei­nem unangenehmen hysterischen Unterton belegt und er vermied es seitdem, sie anzuru­fen. Persönlich kennengelernt hat er sie nie. Als das Schreiben kam, er habe seine Kontoauszüge vorzulegen, ging er persönlich in das Glasgebäude aber die Türen waren verschlossen. Über dem Hauptein­gang war eine Kamera angebracht. Als er läutete, und den Grund seiner Anwesenheit un­sicher in die Sprechanlage artikulierte, wurde er in das 4. Stockwerk, Büroraum 412 verwie­sen. Im Fahrstuhl war das Stockwerk nicht ausgezeichnet und er war überfüllt mit Behör­denkunden. Eine freundliche Frauenstimme bedankte sich beim Betreten für die Benutzung. Die Ecke, gleich an der Aufzugstür, war noch frei. Es war sinnlos, jemanden um Auskunft zu bitten. Die Leute neben ihm und um ihn herum telefonierten, starrten auf ein Display oder an die Decke. Die Stimme von vorher begann nun beruhigend auf die Leute einzureden. Jede Ar­beit ist besser als keine. Jeder Mensch ist seines eigenen Glückes Schmied. Nur der Kunde ist König. Sie suchen einen Job, da sind Sie bei uns richtig. Greifen Sie zu, beste Schnäpp­chen. Haben Sie schon geriestert, wir zeigen Ihnen den Weg zum Erfolg, Sie haben ge­wonnen, spielen Sie mit, kein Sieg ohne Niederlage, immer nur lächeln, achten Sie auf Ihre Frisur, wählen Sie, Sonderangebot, Sommerschluss, Winterschluss, Darmverschluss. Kein Problem, wählen Sie, wählen Sie. Vorsicht beim Kumulieren. Die Leute neben ihm und um ihn herum telefonierten immer noch, starrten auf ein Display oder an die Decke. Dort stand: Beachten Sie beim Vorlegen Ihrer Kontoauszüge den Sozialdatenschutz! Schö­ler umschloss bei dieser Aufforderung den Stick mit den Kontodaten noch fester mit seiner in der Jackentasche versenkten Hand. Sicherheit geht vor, dachte er, und er stellte sich vor, was angesichts seiner über drei Monate verteilten Bankdaten alles feststellbar war. Das oberste Gericht für soziale Armenentsorgung hat gerade geurteilt, dass es erlaubt ist, die Adressdaten von solchen Kontodaten unkenntlich zu machen, aus denen politische, se­xuelle oder weltanschauliche Neigungen hervorgingen. Natürlich war es eines der Manöver der Macht, die dem Einzelnen keine Garantie vor der totalen Durchleuchtung der Lebens­gewohnheiten gaben. Im Gegenteil, wäre die Inanspruchnahme eines solchen Rechts ge­radezu der Beweis für eine der drei Anomalien. Schöler hatte schon lange auf Realgeld umgestellt. Er wunderte sich, dass Frau Flügelhub das so einfach übersehen konnte. Oder irgendjemand in diesem verdammten Amt hätte doch merken müssen, dass mit der bezo­genen Existenzsicherung alleine, schon längst alle Sicherungen durchgeknallt wären. Mit etwas logischem Vermögen und mathematischer Grundbildung war zumindest der notwen­dige Gesamtbedarf zu errechnen und der Betrag, der im Monat fehlte, um über die Run­den zu kommen. Seltsamerweise kam bisher niemand auf den Gedanken, etwaigen Kanä­len zur Schwarzmarktökonomie nachzuspüren, die diesen Fehlbetrag ausgleichen halfen. Oder doch? Der Allparteienkoalition für redundante Wohlfahrt musste doch klar sein, dass ihre Regie­rungspolitik geradezu eine Herausforderung zum Entstehen solcher Marktwucherungen bedeutete. Mit Ignoranz konnte das nichts zu tun haben. Sicher sind sie gewollt. Schließlich könnten erbettelte Einnahmen das Sozialbudget entlasten helfen. Somnambulie?

Roberto Greco 2009

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