Der Partisan Johnny in der Nacht Allendes

09/09/2013 15:36 | POLITICAINTERNAZIONALE | Quelle: la Repubblica | Autor: Luis Sepulveda

deutsche Übersetzung  G.Melle

Der Partisan Johnny.pdf

Der schwärzeste Tag in der Geschichte Chiles brach mit wolkenbedecktem Himmel an. Das Frühjahr stand vor der Tür, entsetzt über das herannahende Grauen, zog er vor, die erste Wärme zu ignorieren. Um sechs Uhr morgens erhielt der Genosse Präsident, Salvador Allende die ersten Nachrichten über den ungeheuerlichen Putsch und er gab seiner Eskorte, der Gap, den Befehl die Residenz am Calle Tomás Moro zu verlassen und den Palast La Moneda aufzusuchen. Eine Abteilung der Gap (grupo de amigos del presidente/Freundeskreis des Präsidenten) blieb zurück, um die Sicherheit der Residenz zu gewährleisten und der Rest setzte sich, mit Kalashnikov bewaffnet, in Marsch. In der Gap, die zusammen mit dem Genossen Präsidenten die Residenz verließen, gab es drei sehr junge Männer: Juan Alejandro Vargas Contreras, dreiundzwanzig Jahre alt, Student; Julio Hernán Moreno Pulgar, vierundzwanzig Jahre, Student und Angestellter im Präsidentenpalast sowie Óscar Reinaldo Lagos Ríos, einundzwanzig Jahre, Student und Arbeiter auf einer Azienda für Agrarlebensmittel. Alle drei waren sie Mitglieder der Federación Juvenil Socialista (sozialistischer Jugendverband). Heute, vierzig Jahre nach dem Staatsstreich, der dem schönsten kollektiven Traum ein jähes Ende setzte, will ich über einen von ihnen sprechen, über Óscar, einem jungen Chilenen, der voller Mut und Selbstlosigkeit war.

Óscar war zwei Jahre jünger als ich. Wenn man aber unseren intensiven Einsatz für die chilenische Revolution, unsere völlige Hingabe und die Strenge berücksichtigt, mit der wir die tausende Aufgaben der Volksregierung erledigten, verliehen mir die knappen zwei Jahre Unterschied eine gewisse Autorität des Alters. Auch ich hatte die Ehre – die größte Ehre, die mir das Leben gewährte – Mitglied der Gap zu sein. Nachdem ich jedoch vier Monate in der Eskorte des Genossen Präsidenten zugebracht hatte, wurde mir größere Verantwortung übertragen. So wurde ich mit zweiundzwanzig Jahren Supervisor einer Azienda für Agrarlebensmittel im Süden Santiagos. Dort lernte ich den jungen Sozialisten Óscar Reinaldo Lagos Ríos kennen, der seine Arbeit als Mechaniker in der Azienda mit dem Studium an einem Industrieinstitut und seiner sozialistischen Militanz verband. Óscar liebte die Drehbank und die Fräsmaschine. Er wollte unter anderem ein guter Dreher und Facharbeiter werden. Von Anfang an wurde er zu meiner rechten Hand und oft genug bekämpften wir zusammen die Attacken der faschistischen Organisation Patria y Libertad, die die Ermordung von Gewerkschaftsführern und Brandanschläge auf unsere Arbeitsplätze plante.

Öfters führte Óscar meinen Sohn Carlos Lenin spazieren, der damals gerade zu laufen begann. Dafür lieh er sich von mir alle zwei oder drei Tage ein Buch, einen Roman oder Gedichtband oder eine soziopolitische Abhandlung aus. Eines nachmittags, als wir unsere Wache hatten, sah ich ihn lesen und weinen. Seine Tränen versteckte er nicht. Er las Blut und Hoffnung des mittlerweile vergessenen chilenischen Schriftstellers Nicomedes Guzmán. Plötzlich schloss er das Buch, wischte die Tränen ab und rief: „Genosse, jetzt habe ich begriffen, warum wir Revolution machen“.

Óscar ist als Arbeiter immer durch seinen Sinn für Humor aufgefallen, der aus den Liedern der Iracundos klang, die er bei der Reparatur der Maschinen sang und wegen seiner beispielhaften Solidarität (er war immer der letzte beim Kauf von Lebensmitteln, die wir zubereiteten und die die Bourgeoisie hamsterte, um Lebensmittelknappheit zu erzeugen). Er unterschied sich aber auch als Aktivist durch seine durchdachten Analysen, die Dank ihrer noch präziseren Argumente überzeugten. Und weil die Gap sich aus den besten Aktivisten zusammensetzte, erzählte ich eines Tages von ihm, empfahl ihn und erhielt den Auftrag, ihn auszubilden. So lernte Óscar den Umgang mit der Waffe, sie zu reinigen, erhielt die ersten Grundlagen der Selbstverteidigung und der Sicherheitsverfahren. Als er dann in die Gap eintrat, die größte Ehre für einen Aktivisten, feierten wir in seinem Haus, zusammen mit seiner bescheidenen und großherzigen Familie. Danach verloren wir uns aus den Augen. Die vielen Aufgaben der chilenischen hielten uns ständig beschäftigt und der Tag war viel zu kurz, sodass wir wenig schliefen. Die Bedeutung dessen, was wir taten, hatten wir aber immer immer im Sinn. Wir hatten kein Recht auf Müdigkeit noch auf Niedergeschlagenheit. Wir waren im Begriff ein gerechtes, brüderliches und solidarisches Land aufzubauen, indem wir dem chilenischen Weg folgten, respektierten wir alle Freiheiten und Rechte. Darüber hinaus hatten wir einen Präsidenten, der uns in seiner moralischen Haltung ein großes Beispiel gab.

Eines Tages traf ich Óscar in El Cañaveral, einer Landresidenz an den Hängen der Cordillera de los Andes wieder, wohin der Genosse Präsident zur Erholung fuhr. Zusammen mit zwei anderen Gap bewachte er den Nordflügel. Wir umarmten uns. Als ich ihn nach seinem Organisationsnamen fragte, – ich war und bleibe für die Überlebenden der Gap Iván – antwortete er: „Johnny, das ist mein Name in der Organisation. Ich habe ihn mir aber nicht ausgesucht: Doktor Allende hat ihn mir gegeben als er mich morgens singen hörte.“

An jenem 11. September betraten Salvador Allende und seine Eskorte, die aus 13 Mitgliedern der Gap bestand, kurz vor sieben Uhr morgens die Moneda. Der faschistische Staatsstreich hatte begonnen. Truppen und Panzer umstellten den Palast. Der erste Schusswechsel zwischen Verteidiger und Putschisten waren zu hören. Die Luftstreitkräfte bombardierten die Antennen der Rundfunkanstalten. Es blieb schließlich nur eine übrig, jene von Radio Magellanes, der die letzten Worte des Genossen Präsidenten sendete.

Allende gab die Anordnung aus der umstellten Moneda alle herauszulassen, die es wünschten. Er selbst würde bleiben als Schutzwall der Konstitution und der demokratischen Legalität. Inmitten des Schusswechsels und der abgefeuerten Artillerieprojektile beschloss eine Handvoll sozialistischer Polizisten zu bleiben und auch die Gap erklärte eindeutig, dass sie sich nicht ergebe noch den Präsidentenpalast verlasse. Es waren nicht mehr als zweiundzwanzig Leute, die tausenden Putschisten Widerstand leisteten, darunter Allende, die treu gebliebenen Polizisten, der Arzt des Präsidenten, der Journalist Augusto Olivares und dreizehn Mitglieder der Gap.

Gegen Mittag bombardierte die Luftwaffe die Moneda. Im Palast begannen die Flammen sich auszuweiten, doch die Gap gab nicht auf. Dieser Augenblick ist in einem Photo für immer festgehalten: Antonio Aguirre Vásquez, Mitglied der Gap und heroischer Patagone, schießt mit seiner Maschinenpistole, Kaliber 30, vom Hauptbalkon, solange bis die Bomben die Fassade der Moneda komplett zerstören. Das Symbol der chilenischen Demokratie, die sogenannte Casa di Toesca brannte. Allende und Óscar Lagos Ríos waren tot.

Johnny wurde von zwei Kugeln getroffen, war aber noch am Leben. Um zwei Uhr nachmittags verließen die Überlebenden, über keine Munition mehr verfügten, das Trümmerfeld. Sie wurden sofort in einem Militärlastwagen weggefahren. Wohin, ist nicht bekannt. Den Polizisten gelang es nach grauenvollen Torturen mit dem Leben davon zukommen. Die dreizehn Gap verschwanden.

In Chile spricht die Erde immer noch. Und so wurde auf dem Gelände eines verlassenen Militärcamps in Fuerte Arteaga, ein verborgenes Massengrab entdeckt. In diesem Grab befanden sich mehr als vierhundert Teile menschlicher Knochen, manche nur ein Zentimeter groß. Diese kleinsten Teile erzählten, dass die Gap gefoltert, verstümmelt und im Blutrausch von der Soldateska ermordet wurden und dass sich daran die Offiziere des Regiments Tacna beteiligt hatten. Die Gap wurde auf dem Kasernengelände begraben. Als jedoch einige Zeugen erklärten, den verborgenen Ort zu kennen, wurde die Reste der heroischen Kämpfer der Moneda nach Fuerte Arteaga gebracht. Dort wurden sie in ein zehn Meter tiefes Loch geworfen und mit Dynamit in die Luft gesprengt, schließlich dann mit Erde bedeckt.

Es ist unmöglich die Stimme dieser Kämpfer zu ersticken. Die Überreste ihrer Gebeine haben ihre Namen preisgegeben. Sie haben gesagt: „Ich bin das, was von Óscar Reinaldo Lagos Ríos, einundzwanzig Jahre alt, übrig blieb. Mein Organisationsname war Johnny, ich war ein Mitglied der Gap und wurde am 13. September 1973 ermordet.“ An einem Morgen 2010, bewegte sich ein Trauerzug, an der Spitze drei Leichenwagen, am Palast La Moneda vorbei. Es waren Männer und Frauen, die über sechzig Jahre alt waren, die an ihrem linken Arm stolz das rote Band mit dem Zeichen der Gap trugen.

Sie bildeten das letzte Geleit für Juan Alejandro Vargas Contreras, dreiundzwanzig Jahre, Julio Hernán Moreno Pulgar, vierundzwanzig Jahre und Óscar, jener Johnny der das Gewehr aufnahm, als es notwendig wurde.

Unsere Genossen ruhen heute im Mausoleum der Helden neben dem Genossen Präsidenten. Die Gap ergibt sich nicht. Ehre und Ruhm den Kämpfern der Moneda.

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