Interview mit Wu Ming: „Grillo wächst auf den Trümmern der Bewegungen“

1/03/2013 15:08 | POLITICAITALIA | Fonte: wumngfoundation| Autore: wuming

Intervista a Wu Ming: «Grillo cresce sulle macerie dei movimenti»

Eine vertikale Baumstruktur, entwickelt aus unseren Niederlagen

[Dieses Interview geführt von Robert Ciccarelli, dem wir dafür danken, erschien am 01.03.2013 auf einer ganzen Seite von Il Manifesto]

Klarer und direkter als hier, gelingt es uns nicht zu sein. Das Interview ist die Synthese all dessen, was wir über die Bewegung M5S (Movimento 5 Stelle/Bewegung der 5 Sterne) und ihrer Beziehung zur Krise/Abwesenheit der Bewegungen, denken.

Wir haben weder Zeit noch Energie eine Übersetzung in andere Sprachen anzufertigen. Sollte es Freiwillige geben, übersetzt ohne Bedenken.

Übersetzt von Günter Melle

Grillo’s Strategie ist ein Ablenkungsmanöver. Es dient dazu, die Empörung, die so sehr in den spanischen Zeltstätten oder bei den amerikanischen Occupy zelebriert wurde, weit weg von den italienischen Plätzen zu halten. Je grausamer die Krise zuschlägt, desto mehr Ausschüttungen an Ressentiments kommen in einem bequemen Format, im Blog des Chefs von M5S, zusammen. Letzterer kitzelt den jakobinischen Gerechtigkeitsfanatismus gegen die „Kaste“ und ihre Masken. Für Wu Ming, dem Kollektiv der 5 Autoren von „Q“ (steht für Luther Blisset), von „54“ und von „Altai“, hat die 5 Sterne Bewegung Energien und Potentiale der Revolte gegen das Spardiktat in einen Käfig des Diskurses eingesperrt, der eine Parodie des politischen Konflikts darstellt. Er wird von einer „sektenartigen verlegerischen Organisation“ (Casaleggio¬Associati) unter der symbolischen Leitung von Beppe Grillo verwaltet. Für Wu Ming „verwaltet“ der 5sternige Radikalismus „das Fehlen radikaler Bewegungen“ in Italien. Diese These wurde in einem Artikel auf der Webseite Internazionale vorgestellt und wurde auf dem einflussreichen Blog Giap von Wu Ming vertieft. Wu Ming unterbrach damit das verlegene Schweigen der Bewegungen, die von Genua bis zur Kampagne für das Gemeinwohl im vergangenen Jahrzehnt vernehmbar waren.

Ihr sagt, dass Grillo kein Brand ist, sondern die Feuerwehr, weil er die systematische Besetzung des diskursiven Raums der Bewegungen bedeute. Bewegungen wie No-Tav, Wasser ist Gemeinwohl, wie die Schüler- und Studentenbewegung, das Grundeinkommen. Und er reihe den Diskurs wieder in einen Rahmen ein, den ihr als „rechts“ definiert. Könnt ihr das ausführen?

Die Geburt des Grillismus ist eine Konsequenz der Krise der altermondialistischen Bewegung (Bewegungen für eine andere Welt, Übers.) zu Beginn des Jahrzehnts. Nachdem dieser Fluss allmählich austrocknete, begann der Grillismus sich in seinem alten Bett breit zu machen. Zuerst waren die Flüssigkeiten noch vermischt. Das verhinderte die Wahrnehmung zu sehen, was sich in der Mischung bewegte und verminderte darüber hinaus gewisse Gerüche. In der Folge wurde das laute Wachsen des M5S seinerseits zur Ursache – oder wenigstens wichtige Mitursache – von Abwesenheit radikaler Bewegungen in Italien durch die systematische Vereinnahmung der Instanzen territorialer Kämpfe, vor allem jener, die am „photogensten“ schienen.

Da gibt es keine „zivile“ Auseinandersetzung, auf die das M5S nicht aufspringt und sich zum alleinigen Protagonisten erklärt. Themen, Forderungen und Losungen werden kooptiert und in konfusem Diskurs des typischen „Weder … Noch“ redekliniert. Das bedeutet, dass man sich jenseits von rechts und links präsentiert. Dieser Diskurs verstrickt sich in immer mehr Widersprüche. Er verbindet Ultraliberalismus und Verteidigung von Gemeinwohl, demokratische Rhetorik und grillozentrisches „Führerprinzip“. Er unterstützt die No-Tav und betreibt gleichzeitig den kleinlichsten Legalismus, derart dass er Moral mit Vorstrafen verwechselt. Dieser Aspekt wurde schon sichtbar beim ersten Vaffanculo Day, als Grillo Daniele Farina vom selbstverwalteten Sozialzentrum Leoncavallo wegen seiner „Vorstrafen“ in die Nähe der Mafia rückte. All dies ist schon der Mief rechter Kultur, aber was Grillo rechts werden lässt, ist vor allem seine Beschreibung Italiens.

Wie beschreibt Grillo Italien?

Es gibt ein „ehrenhaftes Volk“ (nach innen unteilbar, keine Klassen, keine entgegengesetzten Interessen) und es gibt weiterhin eine „korrupte Kaste“. Sie wird als dem „Volk“ außen stehend beschrieben. Um die Probleme Italiens zu lösen, sind „ehrliche Personen“ zu wählen, die „weder rechte noch linke Entscheidungen“, sondern die „richtigen Entscheidungen“ treffen.

Darin ist die Rhetorik des Grillismus der der so sehr gehassten Regierung Monti ähnlich. Die Fragen sind technischer und nicht politischer Natur. Es ist ein sehr einfaches und tröstliches Frame, das die Widersprüche verwischt, die Ursachen der Krise nicht berührt und leicht erkennbare Feinde liefert.

Aber warum erhält der M5S auch von Personen der Linken und Aktivisten vorangegangener Bewegungen einen starken Konsens?

Wenn dies alles Grillo und Casaleggio gelungen ist, dann nur deshalb, weil die Bewegungen keine Auswege aus der Krise zu finden wussten, die sie vor einem Jahrzehnt ereilt hat: es fand keine reorganisierende Arbeit statt und die folgenden Zyklen des Kampfes haben sich nicht im allgemeinen Bewusstsein niedergeschlagen. Grillo personifiziert das Scheitern der Bewegungen. Das ist von uns prinzipiell zu hinterfragen. Die Tatsache, dass viele Personen der Linken, auch der radikalen Linken (direkt Protagonisten der vorangegangenen Kämpfe) Grillo gewählt haben, „weil es nichts anderes gibt“, ist verständlich. Wir sind deshalb nicht auf sie wütend, wir sind jedoch überzeugt, dass der M5S einen falschen Weg darstellt. Dieses „es gibt nichts anderes“ ist eine Konsequenz der Vereinnahmung von der wir sagten: wenn jeder Bewegung das Gesicht von Grillo übergestülpt wird, ist es unvermeidlich, dass der Eindruck entsteht, es würde sich nur er bewegen. Dieser Bann gehört gebrochen und es muss gleichzeitig mit der harten Arbeit der Rekonstruktion begonnen werden.

Ihr habt von den No Tav gesprochen. Am 23. März werden alle Parlamentarier des M5S ins Val Susa fahren, um gegen die Tav zu demonstrieren. Das ist ein starkes Signal, dass sich M5S die Forderungen des Val si Susa zu eigen macht. Das könnte sich bei anderen Bewegungen wiederholen. Wie kann eine solche Entscheidung des Einverständnisses zu einer realen Bewegung kompatibel sein mit dem rechten Touch des M5S?

Das müsste das M5S erklären, warum man die Unterstützung einer Bewegung empfiehlt, die keine Angst hat in die Illegalität gedrängt zu werden und auch die Anwendung von Gewalt praktizierte, wenn man selbst eine Konzeption der „Ehrenhaftigkeit“ hat, die sich auf ein „sauberes“ polizeiliches Führungszeugnis beschränkt. Auch das ist ein Widerspruch, den der hektische und auffällige Aktivismus zu verbergen sucht: man rennt hier und da hin, um sich wirklich mit keinem grundsätzlichen Problem zu beschäftigen.

Könnt ihr ein Beispiel für ein „Schlüsselproblem“ geben, das sie nicht anpacken wollen?

Das „Bürgereinkommen“: Sie nennen es unaufhörlich, und das war schon ein altes Laster der antagonistischen Bewegung, vor allem von einem gewissen Postoperaismus etwas … „flower power“. Was ist denn unter „Bürgereinkommen“ zu verstehen? Die Frage teilt sich letztlich in zwei: Was versteht man unter „Einkommen“? Ist es eine Arbeitslosenunterstützung? Ist es ein Mindestlohn? Sind es pro Kopf 1000 Euro? Und dann, finanzieren wir sie durch Besteuerung der Reichen oder dadurch, dass wir die Renten abschaffen und die öffentlichen Gehälter kürzen? Sicherlich zielt der Ultraliberalist Casaleggio in Richtung der zweiten Variante. Aber sind da alle einverstanden? Und weiter, was versteht man unter „Bürgerschaft“? Ist es das universalistische Prinzip aus der Französischen Revolution oder ist seine Deklination nationalistisch und rechts? Ist es das ius soli oder das ius sanguinis? Ist mein dunkelhäutiger Nachbar, dessen Kinder mit den meinen zur Schule gehen, eingeschlossen oder nicht? Nach bestimmten rassistischen Äußerungen von Exponenten des M5S und von Grillo persönlich zu urteilen, würden wir behaupten, dass der Nachbar nicht eingeschlossen ist und das „Bürgereinkommen“ nach chauvinistischen Kriterien verteilt wird.

Begeistert Euch“ für die Revolte der Bewegungsbasis gegen die Spitze des M5S und die Basis. Aber von welcher Basis sprechen wir, sind doch im M5S sowohl Prekäre wie Umsatzsteuerzahler, aber auch der kleine, in Krise geratene Unternehmer oder der Rentner.

Darüber gibt es Missverständnisse. Um der Revolte innerhalb des M5S das Wort zu reden, meinen wir die Hoffnung, dass sich die Widersprüche zuspitzen und explodieren. Es ist deshalb nicht zu verwechseln mit einem spießbürgerlichen Diskurs über die Basis, die von sich aus „gut“ ist. Denn in dieser Basis gibt es einige Faschisten und Leute, die sich gestern noch für Bossi oder Berlusconi begeisterten. Da gibt es Hinz und Kunz im M5S von Pontedera, die ein fürchterliches rassistisches Kommuniqué verbreiteten oder diesen sardischen Grillino, der die Gay-Ehe mit der Kopulation von Tieren verglich. Die „Basis“ ist „weder gut noch schlecht“. Das wäre ein Frame der Rechten, ein insgeheimes Wiedereintreten in einen Diskurs „Volk“ gegen „Kaste“, wobei in diesem Fall die Kaste Grillo und Casaleggio wären. Nein, wir wünschen uns vertikale und horizontale Risse, entlang konkreter Problemstellungen. Es werden spezifische Kämpfe sein, welche die „linken“ Grillini vor Entscheidungen stellen, die dann nicht mehr verschoben werden können.

Glaubt ihr, dass Grillo das Angebot zu „regieren“ annehmen wird, um nicht „wie Griechenland zu enden“?

Casalegio, der mit Sicherheit Lehrbücher über Marketing (wie z.B.: Kreatives Chaos von Tom Peters) verdaut hat, fragt sich anbei, wie das Image des M5S als „großer Maulwurf“ in einer Phase wie dieser zu wahren sei, wo eine konkrete Entscheidung getroffen werden muss und irgendeiner konkreten Entscheidung irgendetwas geopfert werden muss. Jedenfalls, welchen Weg sie auch gehen werden, die oben angesprochenen Widersprüche werden nicht mehr lange verborgen bleiben.

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