Die halbierte Revolution

imagePrag verabschiedet sich von  seinem Dramaturgen und Statisten Václav Havel. Über zwei Jahrzehnte war der berühmte Sohn Prags einer der Protagonisten des internationalen politischen Geschehens.

Übersetzung: Il Manifesto online 24.12.2011, Roberto Greco

Autor: Francesco Leoncini (Slavist und Historiker – Università Ca’Foscari)

circoli il manifestoGestern gab die Stadt Prag, diese Synthese der Geschichte aus Glanz und Tragödie Mitteleuropas sowie der zeitgenössischen gesellschaftlichen Widersprüche, ihrem Dramaturgen und Statisten Václav Havel die letzte Ehre. Mehr als zwei Jahrzehnte war ihr berühmter Sohn einer der Protagonisten des internationalen politischen Lebens. 

Zum Schluss eines Interviews, das am 22. August 2010 in der Tageszeitung La Repubblica erschien, antwortete er auf die Frage, was von ihm erin-nerungswert sei: “Als Politiker würde ich sagen, der einzige Präsident in unserer Geschichte gewesen zu sein, der nicht aus Schande ausgeschieden ist. Das gefällt mir.”

Der Leserschaft, die vermutlich nicht mit der tschechoslowakischen Geschichte vertraut ist, ist diese Bemerkung offensichtlich unbemerkt entgangen und hat nochmals in letzter Zeit zur Konsolidierung des Mythos um seine Person beigetragen, der sich infolge der sogenannten samtenen Revolution in Italien und in der Welt festigte. Die samtene Revolution kennzeichnet eine gewaltlose politische Strategie des Einkreisens der Macht, ihres Bloß-stellens und steht im Gegensatz zu einer Strategie der frontalen Konfrontation. 

Wen mochte Havel mit dieser so triumphalen Bemerkung wohl gemeint haben? Sicherlich nicht Edvard Beneš, dem es gelang, dass die 1938 in München durch ein feiges Diktat verratene Tschechoslowakei, unter den Siegern des 2. Weltkrieges Platz nahm. Von Havel selbst wurde Beneš als “unser De Gaulle” bezeichnet. Umso weniger konnte er   Tomáš Garrigue Masaryk gemeint haben, der eine der leuchtenden Figuren europäischer Demokratie darstellte. In den 30iger Jahren wurde er zum vierten Mal ins höchste Amt des Staates wiedergewählt und zum Präsidenten der Befreiung ernannt. Vermutlich bezog er sich auf seine kommunistischen Vorgänger, v.a. auf Gustáv Husák, der den Begriff des unglücklichen Landes (die Tschechos-lowakei) prägte, das oft auch als “künstlich”, nur von seiner Gestalt erlöst, bezeichnet wurde (gibt es natürliche Staaten?).

Es hat in dieser Zeitspanne von `89 bis zum Gedenken, aus Anlass seines Ablebens, auf den Seiten der Tageszeitungen eine Glorifizierung seiner Person gegeben, die uns zu dem Ausruf veranlassen könnte: ein plötzlicher Heiliger mit dem Erinnerungsvermögen eines Woytila. In dieser ganzen Zeit stieß derjenige, der durch Prag spazierte, öfters auf sein Konterfei und in den Büchereien auf politische Drucke über seine Person und um seine “Epopöe” -für Ausländer (also nicht in tschechisch).

Diese Havelmanie, wie sie ein deutscher Autor schon in den neunziger Jahren definierte, durch-drang einen Großteil der Publi-zistik. Zweifellos vermittelte seine erste Neujahrsansprache eine Bot-schaft, die große Wirkung zeigte, eine mutige und generöse Herausforderung, in der abseits der geschuldeten Erinnerung an Masaryk, ein Hauch  Kennedy mitzuschwingen schien.

Offensichtlich rückte er die Moral ins Zentrum seines politischen Handelns. Vor allem aber bekannte er sich zu dem unabdinglichen Anspruch nicht nur eine Politik des Möglichen, sondern eine Kunst des Unmöglichen zu machen. Schließlich lernte er von seinem Lehrmeister, dass sie dazu beitragen soll “uns selbst und die Welt zu bessern.”.

Nach und nach jedoch, geblendet von der plötzlichen Befreiung,   änderten sich nicht nur in der Tschechoslowakei sondern auch im gesamten ehemaligen Sowjetblock die Dinge. Jener Drang zu einer authentischen und radikalen Demokratie, der durch profunde moralische Werte gespeist wird, versteifte und verengte sich. So reduzierte sich die Demokratie auf den Parlamentarismus, die Freiheit auf die Freiheit des Marktes und die Kollektivität, als Faktor autonomer politischer Initiative, auf die Nation.

Dieser unvermittelte Wechsel des allgemeinen Klimas, das die Wende von `89 bewirkte, würde ich in diesem Rahmen als “halbierte Revolution” definieren. Sie ist insgesamt reduktiv und regressiv bezüglich ihrer Ausgangslinie und sie bereitet Havel die erste große Niederlage: die Trennung von Tschechen und Slowaken. Es ist der Verrat an dem, was die Basis der entwickelten Aktion seiner demokratischen Vorgänger bildete. Die Teilung war nicht unvermeidlich und es hätte darüber ein Volksentscheid geben müssen, der jedoch nicht stattfand.

Stattdessen verhandelten die Partei-chefs der Mehrheitsparteien beider Nationalitäten über die Teilung des Landes, schrieb Tommaso Di Francesco. In dieser Zeit waren die Tschechen und ihr Prophet Havel leichtfüßig den Standards des westlichen Kapitalismus zugeneigt, während die Slowaken noch den Atem der alten Nomenklatura spürten.

Der Begriff “Sozialismus”, mit dem speziellen Zusatz “mit menschlichem Antlitz”, ist eine Tautologie, da der Sozialismus aus der Förderung und Befreiung des Menschen resultiert, wie Carlo Rosselli lehrt. Nichtsdestoweniger wurde der Begriff vor allem durch den tschechoslowakischen Frühling in aller Welt bekannt und wurde unter Havel durch ein politisches Vokabular aufgeweicht, das den Neoliberalismus zum “Einheitsgedanken” in der Führung der postkommunistischen Gesellschaft machte.

Zum Zwecke des politischen Wechsels nahm Havel zuerst eine rein moralische und individualistische Position ein. Aus Mangel einer kritischen Position gegenüber dem Marktsystem, führte dies Mitte der 90iger Jahre dazu, die Demokratie mit der Achtung der unternehmerischen Freiheit zu identifizieren und die Aufgabe der Regierung war es, Bedingungen der vollen Unterordnung unter die ökonomischen Kräfte zu schaffen. In der Konsequenz entfernt er sich von der humanistischen tschechischen Tradition eines Jan Hus, Comenio bis T.G.Masaryk, der er sich ursprünglich verpflichtet fühlte und wird zum Anhänger neokapitalistischer Ideo-logie.   

Gerade Masaryk hat sich in seinen berühmt gewordenen Gesprächen mit dem Schriftsteller Karel Čapek offen zum Sozialismus bekannt. Hier präzisierte er, dass der Humanismus nicht mit der einstmals sogenannten Philanthropie gleichzusetzen sei, “Die Philanthropie hilft nur hier und dort, während der Humanismus versucht, die Lebensbedingungen durch Gesetze und Regierung zu verbessern: Das ist der Sozialismus.”  

Gegen Ende seines Lebens gestand Havel zu  seiner ersten Neujahrsan-sprache: “Sollten wir sie als konkretes Versprechen begriffen haben, müssten wir feststellen, dass ich es nicht gehalten habe. Ich selbst sehe dies innerlich und emotional als meine größte Niederlage an. Und ich stelle mir unaufhörlich die Frage, die man schwer beantworten kann, ob es Sinn gehabt hat, sich auf das alles einzulassen und ob ich die geeignete Person war. (…) Manchmal habe ich den Eindruck, dass das letzte Ziel unseres Staates darin bestehe auszubeuten und unsere Erde von Grund auf zu entstellen. Dies alles im Interesse eines fragwürdigen Konsumparadieses, das für die gegenwärtige Generation errichtet wird  unter Bestrafung all derjenigen mit Schlägen und Tritten, die versuchen, sich dagegen aufzulehnen. (V.Havel, Ein Mann im Schloss, Interview mit  Karel Hviždala, Santi Quaranta 2007, S. 175). Hier ergibt sich der grundsätzliche Widerspruch, der seine Persön-lichkeit auszeichnet, bestehend aus Tatendrang und Eingeständnis der Machtlosigkeit.

Sein kostbarstes Vermächtnis, das er uns hinterlassen hat, ist sein antitotalitärer Gedanke, wie er sich bei der Gründung der Charta 77 und in seiner Schrift “Die Macht der Ohnmächtigen” manifestiert. Sie wurde 1979 in italienisch in dem kleinen Verlagshaus der Herz Jesu Priester, völlig unbeobachtet von vielen seiner heutigen Bewunderer, publiziert und 1991 erneut bei Garzanti aufgelegt. Sie war zwei Jahre nach der Biennale del Dissenso (Venedig 1977, Biennale der Widerstandskultur), die von der KPI stark behindert wurde, sehr nützlich, um die Philosophie der oppositionellen Bewegungen zu verstehen, die sich in jenen Ländern entwickelte und mit Solidarnosc ihren augenblicklichen Höhepunkt der Sichtbarkeit erreichte. Einige Auszüge fügte ich sofort jener Sammlung von Quellen und Dokumenten hinzu, die ich damals gerade zu diesen Themen vorbereitete und die genau 1989 bei Lacaita herauskam (Die Opposition im Osten 1956-1981, nunmehr Cafo-scarina 2007). Es ging, nach Aussage des tschechischen Dissidenten darum, v.a. eine “moralische und persönliche Revolte” ins Leben zu rufen, eine “existentielle Revolution” voranzutreiben, die auf einem Leben der Wahrheit basiert, das infolge einer autonomen Entscheidung, die eigene Umgebung zur Diskussion stellt und nach dem Aufbau von “selbstorganisierten”, sozialen Strukturen strebt, nach einer wirklichen “parallelen Polis” mit dem Ziel, zu einem postdemokratischen System zu gelangen (von ihm unterstrichen).

Havel hat in diesem Büchlein (gerade mal hundert Seiten in Taschenformat) ausgeführt, dass “es kurzsichtig sei,  auf eine traditionelle parlamentarische Demokratie als politisches Ideal abzuzielen und der Illusion anheim zu fallen, diese ‘reife’ Form könne beständig eine würdige und unabhängige Verfassung garantieren. Ich sehe einen Kurswechsel in der politischen Auffassung vom konkreten Menschen  als etwas zutiefst Substantielles  durch eine  simple Wendung hin zu den gewohnten Mechanismen der westlichen Demo-kratie (oder – wenn Sie wollen – bürgerlichen Demokratie)” (S.97, 2.Aufl.)

Seit geraumer Zeit unterstütze ich die Notwendigkeit – und il Manifesto ist dabei der Gesprächspartner. Rossana Rossanda hat in der Zeitung die Debatte zum Thema “Europa wohin?” eröffnet – die von den Oppositionsbewegungen gegen das Sowjetsystem formulierten Inhalte von ihrem räumlich-zeitlichen Rahmen, in dem sie sich manifestierten, zu lösen und sie in eine periodisch lange Perspektive zu projektieren, welche die politische und kulturelle Transformation der aktuellen Gesellschaft, die vom neoliberalen “Einheitsgedanken” dominiert wird, erlaubt. 

Um diese interpretative Linie geht es auch in meinem, in den letzten Wochen, erschienenen Band Desillusioniertes Europa – Von Prag 1968 bis zur Krise des Neoliberalismus (Verlag Rubbe-tino). Havel spricht tatsächlich von der Notwendigkeit einer “an-deren” Kultur  und von einer “anderen” Gesellschaft, von einer sozialen Alternative zur kommunistischen Diktatur und gleichzeitig zu den traditionellen westlichen Demokratien. Sie zeigen sich heute mehr als je ihrer Merkmale entkleidet, die sie als “repräsentativ” charakterisieren.

Es ist ein extrem aktueller Gedanke, der sich mit den Protestbewegungen verbindet, die sich gegen die neue Diktatur der ökonomischen Machtzentren in aller Welt ausbreiten und die eine Kontrolle der Regierungsstrukturen “von unten” fordern.

Der “Sozialismus mit menschlichem Antlitz” aus dem Prager Frühling und er “alternative” Gedanke von Havel und der Charta 77, die Idee der “Selbstregierung der Citoyens”, der zu seiner Zeit von der Solidarnosc vorangetrieben wurde, sind primäre Quellen für die Aktion, die auf die Transformation der aktuellen sozialen Lage abzielt. Diesen Bewegungen und Persönlichkeiten, die diesen Ideen Leben verliehen, sind nicht zu “zelebrieren” oder zu “verherr-lichen”, sondern man kann aus ihnen Sinn und Substanz für die Empörung schöpfen zu der der alte französische Widerstandskämpfer Stéphan Hessel die neuen Generationen eindring-lich ermuntert.  

 

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