Ein vergessener Aufstand

von Mateo Zola, Quelle: EaST Journal

powstancyHierzulande sucht der Leser vergeblich in memoriam den Aufstand, der das Ende der Naziherrschaft in Polen besiegelte, bevor die Rote Armee die Hauptstadt erreichte. Im folgenden der Artikel von Mateo Zola von EaST-Journal über die Augustrevolte 1944 in Warschau.

Der erste August 1944 ließ Warschau in seinen Grundfesten erbeben. Die Insurrektion steigt aus den Abwasserkanälen, aus dem Untergrund heraus und überrascht die deutschen Besatzer. Die Untergrundarmee Armia Krajowa will die Stadt befreien, bevor die sowjetischen Truppen eintreffen. Die Rote Armee steht vor den Toren der Hauptstadt, östlich der Weichsel im Vorort Prag. Von dort aus zeichnete im 18. Jahrhundert  Bernardo Bellotto eine Ansicht der polnischen Hauptstadt. Um 17 Uhr, der Stunde W beginnen 42000 schlecht bewaffnete Widerstandskämpfer die Schlacht gegen die Nazis mit alten Maschinengewehren der österreichisch-ungarischen Armee. Schnell fielen deutsche Waffen in ihre Hände und die Nazis von der Wucht des Aufstandes überrascht, verschanzten sich in ihren Kasernen. Ihre Antwort ließ nicht lange auf sich warten: belorussische Kosaken der 111. aserbaidschanischen Infanterie wurden sofort in Marsch gesetzt, um die Revolte von Warschau zu unterdrücken.

Die Polen, die mit ihren Exiltruppen an mehreren Fronten kämpften, von Italien (sie besiegten die Deutschen in Montecassino, befreiten Ancona unter dem Befehl des legendären General Wladislaw Anders)  bis in die Himmel Deutschlands (polnische Piloten steuerten Flugzeuge der britischen RAF), wollten als Kombattant den Weg zum Verhandlungstisch  ebnen. Aus diesem Grund  verteidigten sie Polen an den Fronten Europas. Am 1. August kam die Stunde für Warschau. Die Armia Krajowa, unter dem Kommando von Tadeusz Bòr Komorowski, erhielt die breiteste Unterstützung der Bevölkerung, die Schützengräben aushob und Barrikaden baute, Komitees zur Lebensmittelversorgung organisierte, Brände löschte, den Flüchtlingen Obdach besorgte, Verwundete versorgte und Tote bestattete. Der Aufstand 1944 war der letzte in einer Reihe von vielen: seit 150 Jahren organisierten die Polen verschiedene Aufständen gegen ihre Besatzer. Dieser war der erste, der von der gesamten Bevölkerung unterstützt wurde.

Am 7. August erfolgte die Befreiung des Konzentrationslagers in der Gesiagasse. 150 ungarische und tschechoslowakische Juden schlossen sich dem Kampf an und verstärkten den Aufstand im Warschauer Ghetto. Es war der einzige Fall einer bewaffneten jüdischen Revolte im zweiten Weltkrieg.

Die Untergrundpresse versorgte die Bevölkerung mit Nachrichten von den verschiedenen Fronten des Krieges. Polnische Mädchen trugen die Post durch die Reihen der nazifaschistischen Artillerie. Von den britischen Basen starteten die ersten Flugzeugen mit Waffen und Lebensmittel. Der lange Flug über feindliches Territorium verursachte viele Verluste unter den britischen und polnischen Piloten.  Von 306 Missionen waren nur 192 erfolgreich.

In der zweiten Augusthälfte erreichte die Verbreitung der Revolte ihr Limit: die Altstadt, Srodmiescie, Powisle und der Stadtteil Czerniakowska war in Händen der Aufständischen. Und außerhalb des Zentrums waren Sielce (im Süden) und Zolyborz (im Norden) in polnischen Händen. Auf der anderen Seite der Weichsel wartete die Armee Stalins ab.

Am 23. August stand in der Untergrundzeitung “Walka” (das Gefecht): “Jeden Tag sterben in Straßen von Warschau junge Menschen, der momentane Krieg ist ein Krieg der Jugend, es ist der Kampf von Millionen Jugendlicher, die keine Sklaven mehr sein wollen.” Denn Sklaven waren sie über viele Generationen hinweg. Schon die Preußen und Russen versuchten die polnische Kultur auszuradieren. Sie verboten die Sprache, Religion und Besitz. Die nazifaschistische Okkupation mit ihren Deportationen, wöchentlichen Erschießungen und ihrem Terror konnte die Polen nicht in die Knie zwingen. Sie organisierten als Antwort darauf, den Widerstand: in den Abwasserkanälen errichteten sie ihre Universität.

Am 1. August kamen sie dann aus dem Untergrund, jedoch vergeblich. Mitte September eroberte die Rote Armee den Stadtteil Prag. Aber sie unterstützte nicht die Aufständischen. Die Anordnung Stalins war klar: Polen und Deutsche sollten sich gegenseitig umbringen. Die Eroberung und v.a. die Liquidierung der Armia Krajowa würde leichter werden und es gäbe auch niemand mit dem er verhandeln müsste. Der Hass Stalins auf die Polen war nicht geringer als der Hitlers.  22000 Angehörige der polnischen Elite wurden von den Sowjets in Katyn niedergemetzelt und in einem Massengrab verscharrt.

Am 3. Oktober 1944 ist Warschau ein Haufen Trümmer und der Aufstand niedergeschlagen. Die Schlacht ist vorbei und Stalin besetzt ohne Anstrengung die nunmehr zu 93 % zerstörte Hauptstadt. Für Polen bedeutet dies weitere fünfzig Jahre der Sklaverei.  

 

Der Dichter Krzystof Kamil Baczynski starb am Anfang des Aufstandes, am 4. August mit 23 Jahren. Er verfasste einfache und unbeschwerte Liebesgedichte. Sie zirkulierten in den Schützengräben während der 63 Tage des Aufstandes und begeisterten mehr als die patriotischen Gedichte: Diese jungen Leute kämpften, lebten und starben für die Liebe. Ganz ohne rhetorische Schnörkel – es war einfach so. Auf einfache und unbeschwerte Art, so wie die Gedichte von Baczynski.

Die ausbleibende Unterstützung von außen durch die Sowjets für die Aufständischen, die das Todesurteil von über hunderttausend von ihnen bedeutete, ist der Grund des langen Schweigens um das tragischste Ereignis während des 2. Weltkrieges. Bis zum Mauerfall in Berlin wurde es von der westlichen Geschichtsschreibung auf Grund der starken ideologischen Konditionierung verdrängt. Die Armia Krajowa, die den kämpfenden polnischen Kontingenten in Europa gleichgestellt war, war Teil der polnischen Armee, die der Exilregierung in London unterstand. Sie war die Regierung eines Phantomstaates, der in Polen verborgen und am Leben gehalten wurde und den die Bevölkerung voll unterstützte. Es handelt sich um ein einzigartiges Phänomen.

In den Nachkriegsjahren wurde die Altstadt identisch rekonstruiert und sie zählt heute zum Weltkulturerbe. Als Modell der Rekonstruktion diente u.a. die Ansicht, die Bellotto vom Stadtteil Prag aus malte. Es ist der Stadtteil von dem aus die Sowjets der Zerstörung Warschaus zuschauten – der heroischen Sirene des Ostens.

Übersetzt von Roberto Greco

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