Der Tomatenstreik der Landarbeiter von Nardò

Quelle: 1/08/2011

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Am 31. Juli ist auf dem Land bei Nardó etwas unvorhergesehenes geschehen. Vierzig Arbeiter, Migranten, ernteten Tomaten, für 4 € die Kiste, was ungefähr einer Stunde Arbeit gleichkommt. Als der Vorarbeiter verlangte, dass sie mehr arbeiten, forderten sie einen adäquaten Ausgleich. Offensichtlich erhielten sie ihn nicht, das war nichts neues.

Doch dieses Mal beschlossen alle vierzig Arbeiter sich nicht schon wieder der Willkür auszusetzen und spontan entschieden sie sich, die Ernte zu unterbrechen und das Feld zu verlassen.

Seit zwanzig Jahren kennt dieser Landstrich das strukturelle, verbreitete Phänomen der Ausbeutung hunderter Saisonarbeiter. Die Bedingungen extremer Armut treiben sie jeden Morgen zum Sklavenhändler, in der Hoffnung, wenn auch für einen Hungerlohn, eingestellt zu werden. Die Menge an verfügbaren Arbeitskräften übersteigt bei weitem die reale Nachfrage und produziert so den Effekt einer Lohnspirale nach unten und der Verschlechterung der Arbeitsbedingungen. In anderen Worten, für jeden Migrant, der sich weigert für die wenigen Euro die Stunde zu arbeiten, stehen zehn weitere an, die darum betteln eingestellt zu werden, sei es nur, um das Geld für etwas Essen zu verdienen.

Seit gestern Morgen aber machen die Migranten des Landguts Boncuri gemeinsame Front und verschränken ihre Arme zum einheitlichen Protest. Es ist das erste Mal, dass sie sich versammeln und ihre Forderungen beschließen. Für jede Gemeinde benennen sie einen Vertreter: Den Sudanesen, Frankophonen, Nordafrikanern ist es geglückt die ethnischen Differenzen und die der Arbeitsbedingungen zu überwinden und sie beschlossen eine gemeinsame Plattform der Forderungen und des Protests. Sie prangern die Ausbeutung in der Schwarzarbeit und das System der fingierten Einstellungen an, die dem Sklaventreiber erlauben, mehrere Migranten unter einer einzigen gefälschten Einstellung arbeiten zu lassen. Sie verlangen die Respektierung der Löhne, die sich an den regionalen Tarifen zu orientieren hat, also ein tariflicher Mindestlohn zwischen 6 und 10 € pro Kiste, je nach Art der Tomaten. Sie verlangen von den zuständigen Behörden systematische Kontrollen auf den Feldern und die Einführung von Mechanismen, die im Spiel von Angebot und Nachfrage, die Vermittlung des Sklavenhändlers zwischen Unternehmer und Arbeiter ausschaltet. Sie verlangen Arbeiterrechte im Bewusstsein, dass sie täglich erpressbar sind und sie sind entschlossen solange zu streiken, bis sie konkrete Signale einer Änderung erhalten.

Der Protest, der gestern begann, ist völlig spontan und selbstbestimmt. Heute hat sich der größte Teil der Arbeiter geweigert, die Arbeit anzutreten. Die Kampagne “Arbeitsverträge statt Schwarzarbeit”, die seit letztem Jahr geführt wird, informiert über soziale Dienstleistungen, sensibilisiert und informiert die Arbeiter über das Phänomen der irregulären Arbeit sowie über die tariflichen Normen, die in der Landwirtschaft gültig sind. Die Kampagne zielt darauf ab, die notwendigen Instrumente zu einem kollektiven Bewusstsein der Migranten bereitzustellen, um sich gegen die Ausbeutung ihrer Arbeitskraft wehren zu können. Heute können wir feststellen, dass zum Bewusstsein über die Rechte, Prinzipien der Selbstbestimmung entwickelt werden können, die bei der entsprechenden Unterstützung von außen, den Landarbeitern erlaubt, sich gegen die Bedingungen der Sklaverei zu wehren, auf denen zum größten Teil das System der italienischen Landwirtschaft aufbaut.  

Wir sind zuversichtlich, dass die bis jetzt erhobenen Forderungen der Beginn eines Prozesses von unten ist, der die zuständigen Institutionen zum Handeln zwingt.

von: Brigate di solidarietà attiva a Nardò
Auszug aus: controlacrisi.org
Übersetzt von Roberto Greco

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