Genua – Piazza Alimonda – Teil I

geschrieben von Roberto Greco

Piazza Alimonda

 

Was ich in diesen Tagen vor zehn Jahren tat?

Beh, die täglichen Details und dann die Vorbereitung auf die geplante Genuafahrt. Und Freude, jede Menge Vorfreude. Ich zelebrierte sie regelrecht, wie es sich für italienisches Gemüt gehört, mit  Cantautori  heutiger und vergangener Tage.

Ich musste dann schauen, dass ich nicht den Regionalzug verpasste, um pünktlich gegen zehn Uhr abends den Reisebus zu erreichen. Im Regio schmiedete ich weitere Pläne. Ich sollte Rina besuchen, vielleicht in Genua bei Don Beppo in die Messe gehen. In Deutschland gehe ich nie in die Messe. Die Priester sind reaktionär und haben keinen Sinn für arme Leute. Sie rümpfen die Nase, halten sie für ungebildet und da sie so gut wie keine Kirchensteuer bezahlen, halten sie jeden Wortwechsel mit ihnen für überflüssig. Mit Don Beppo kann man reden – wenn er Zeit hat. So etwa flogen meine Gedanken im Zug zum Reisebus verso Genua 2001.

Jetzt sitze ich wieder im Regionalzug, gleiche Strecke… nur, dass es nicht mit dem Bus nach Genua weitergeht. Seit Jahren geht es schon nicht mehr weiter. Damals hatten sie uns geholt. Deutsche Beamte saßen in der Camera di Commercio von Crotone und ich unterschrieb den Arbeitsvertrag nach Deutschland. Ich war  gerade 23 und …  “Andrea aveva un’amore, ricccioli neri”. Die schwarzen Locken, in die ich mich verliebte, gehörten zu  Irena und schließlich hatte ich aus eigener Dummheit bald eine Familie zu versorgen. Trotz der deutschen Beamten in Crotone reichte das Geld nur noch zweimal jährlich für eine Reise ins Mezzogiorno. Die Liebe wurde erstickt in monatlichen Überweisungen vom übrigen kargen Lohn und als ich die Arbeit verlor und die Überweisungen ausblieben, war die Liebe tot. Mausetot war sie. “Vattene stronzo!” schrieb Irena mir damals…, was soviel heißt wie verpiss dich, du Idiot.  “Andrea ha perso l’amore, la perla più rara!” und etwas ratlos trat ich der deutschen Gewerkschaft und dem italienischen Circolo Partito Rifondazione Comunista bei. Dass sich dies nicht ganz ohne Berechnung abspielte, ist vielleicht verständlich, drohte Irena mir doch in der ganzen Zeit unserer Überweisungsbeziehung: “wenn du dich bei Hammer und Sichel einschreibst, werde ich mich scheiden lassen.” Ich schrieb von den Beitritten  gleich meinem Freund Francesco, der es brühwarm weiter erzählte. Und Irena ließ sich scheiden. “Ucciso sui monti, sui monti di Trento, alla mitraglia!” Hunderte Male starb ich den Heldentod, ohne dass Irena zurückkam.

Der Zug hält an jeder kleinen Station und vor jedem Halt tönt blechern eine Frauenlautsprecherstimme “Nächster Halt…” Dann nennt sie den  Namen der Station und dann: “Bitte in Fahrtrichtung rechts aussteigen!” Bis Freiburg habe ich es so im Kopf, als gehörte  die Ansage zum Repertoire meiner Lieblingstexte. Zwischen den Stationen versuche ich zu lesen. Es ist nicht einfach, wenn vor mir die Rede der Kids, vom Lidschatten bis zur Bettwäsche, den faden Geschmack eines tristen Tages begleitet. Ich wollte jedes Jahr um diese Zeit  die  Superba, die Herrische, besuchen. In zehn Jahren habe ich es aber doch nur zweimal geschafft, mir die nötigen Mittel dazu anzusparen.   Bei Rina wollte ich auch nicht mit leeren Händen ankommen.

Ich blättere in einer italienischen Tageszeitung, die auf Seite 3 gerade mal eine Spalte den “chilenischen Tagen” von 2001 widmet. Aber als großer Aufmacher, wie in den Tagen des genuesischen G 8 – Gipfels,  wird die mögliche Gewalt von Anarchisten aus dem Val di Susa beschworen. Ihr Schlachtruf, so wird hervorgehoben, sei: “Stecken wir die Kasernen und Banken in Brand, stürmen wir die Gefängnisse!” Um dem Sicherheitsbedürfnis zu genügen, das die Schlagzeile hervorruft, werden 500 Antisommossa und zwei Panzerwagen bereitgestellt. Was für ein Schwachsinn, denke ich. Seit wann kommen Anarchisten aus dem Val di Susa. Vermutlich geht der Seitenhieb an die Adresse derer, die sich in dem kleinen beschaulichen Alpental entschieden gegen den Bau einer Schnellbahntrasse Lion-Turin zur Wehr setzen, gegen die No-TAV.  Ein Carabiniere mehr oder weniger, denke ich, mit oder ohne gepanzerte Fahrzeuge: die “Ordnungskräfte” agieren im Rahmen der vorgesehenen Strategie. Die ist aber wie 10 Jahre  zuvor nicht auf Spannung ausgerichtet. 

Am 20. Juli 2001  wurde  eine militante Strategie der Spannungen durchgesetzt. Wie von unsichtbarer Hand zogen im Vorfeld des Gipfels die potenten  gesellschaftlichen Kräfte an einem Strang, in der Absicht, der jungen “No-Global” Bewegung den Garaus zu machen – zumindest schienen sich das die Stadthalter des Imperiums eingebildet zu haben. Das war schon oben in Chiasso zu spüren, wo unser Bus von einer Kohorte Antisommossa empfangen wurde. Diese martialisch ausgerüsteten Carabinieri dirigierten uns zu einem Platz, wo die gleich einsetzende  nationale  Sicherheitsbehandlung,  abseits von den normalen Urlaubströmen, keinen Makel im Marketing von Meer und Sonne bei den vorüberziehenden,  bräunungssüchtigen europäischen Kleinbürgern hinterließ. 

Zwischen Leibes-, Gepäck- und Busvisitation versuche ich Rina anzurufen. Es ist schon über Mitternacht hinaus  und ihre verschlafene  Stimme meldete sich nach geraumer Zeit: “Pronto! Ah, sei tu!” Ah, du bist es, das hörte sich so an wie hat das nicht Zeit bis morgen. “Es hat nicht Zeit bis morgen!” hörst du, “die Carabinieri spielen hier oben verrückt als wollten sie die Geschichte von der Comunione an der Piazza del Gesù fortsetzen.” “Mannàggia”, schrie sie durchs Telefon, “es gab gestern einen Toten. Im Radio sagten sie, ein Steinwurf der Demonstranten hätte  ihn umgebracht.” Rina glaubte aber, dass diese Aussage gelogen sei. Sie wollte mir bei meiner Ankunft mehr über die Demo der “Tute Bianche” berichten, “schließlich hätten wir genügend Zeit füreinander.” Eine Woche, genau sieben Tage, vor zehn Jahren fast noch eine Ewigkeit.  

Der Tenente der Carabinieri  bot  eher einen futuristischen Anblick, so aufgebläht wie ein Wattebausch in seinem Kampfanzug, hatte er Ähnlichkeit mit einem Androiden einer Science Fiction Szene. Er stolzierte zwischen seiner Kohorte herum, die mit der Kontrolle unseres Gepäcks beschäftigt war, das wir vor uns auf dem Parkplatz ausbreiteten und bereitzuhalten hatten.  In Lederhandschuhe gepackte Polizistenhände tauchten in die mitgeführten Reiseutensilien und beförderten die zwischen Unterwäsche und Reiseproviant versteckten corpi delicti terroristischer Gesinnung zielsicher zu Tage.  Die gesamte Ausbeute der Kontrolle fiel mager aus: Genua war nunmehr gerade mal um fünf Taschenmesser und zehn Fahnenstangen sicherer.

Zufriedenstellender für den Tenente fiel anscheinend das Ergebnis der Personenkontrolle aus.  Nachdem er für einige Zeit nicht zu sehen war, kam er triumphierend mit dem Stapel unserer Pässe und Personalausweise, die er vor einer Stunde eingesammelt hatte und teilte sie unter recht eigenmächtiger Namensnennung wieder an unsere Reisegruppe aus. Kaum vorzustellen, wenn ein der deutschen Sprache nicht mächtiger Tenente Carabiniere einen Namen wie Heugruber oder einfach nur den schlichtdeutschen Müller aussprechen soll. Die augenblickliche Komik, die durch die Aussprache der Namen produziert wurde, transportierte  ein höchst gefährliches Moment des Chaos in die ohnehin bedrohliche Situation, die auf beiden Seiten, den Kontrollierenden und den Kontrollierten jederzeit aus dem Ruder laufen konnte. Der Tenente hatte seine Kohorte in  beängstigendem Abstand zu uns aufgebaut. Die Blicke unter den Baretts, die uns schon bei unserer Ankunft unversöhnlich und feindlich musterten, blickten jetzt noch finsterer und schienen zu jedem Befehl bereit. Und dennoch,  die Reisegruppe konnte ihr Lachen über die einfallsreiche Aussprache des Tenente nicht zurückhalten.

Instinktiv ging ich auf ihn zu, als er im Austeilen der Dokumente innehielt und sagte: “Signor, diese teutonischen Trottel lachen nicht über sie, sondern sind erfreut  ihre neuen italienischen Namen zu hören.” Der Tenente schaute mich etwas verwundert an und fragte dann: “Bist du Italiener?” “Signor, Sì!” antwortete ich. “Von wo kommst Du?” “Kalabrien, genauer gesagt aus Crotone.” “Ein Terrone also, du hast mir gerade noch gefehlt. Dann sag diesen teutonischen Trotteln, dass zwei von ihnen nicht weiter fahren werden".  Die teutonischen Trottel erwiesen sich als Normannen, waschechte gutaussehende Schweden, zumindest was die Studentin betraf. Sie baten mich zu intervenieren. Es gibt außer ästhetischen Verpflichtungen auch historische, so ungefähr dachte ich beim Anblick von Nora.

[wird fortgesetzt]

Der Text ist unter der Lizenz „Creative Commons Attribution/Share Alike“ verfügbar.

 

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