Amazonien ohne Regen

Wenn die Lunge der Erde zu einer Gaskammer wird

AmazonasbeckenDie großen Dämme, welche die Flusslandschaften beschneiden, produzieren Methan, das zwanzigmal giftiger ist als Kohlendioxyd. Das Abbrennen von Bäumen, um Holzkohle herzustellen, um Ölpalmen  und Soja zu kultivieren, verschlingt jedes Jahr hunderte Kilometer einheimischer Pflanzen. “Wir Indigene brauchen kein Forum für Indigene: wir wollen an den Klimaweltforen partizipieren, denn wir sind die ersten, welche für die Untätigkeit der fortgeschrittenen Zivilisation zahlen müssen.” 

von Azzurra Carpo, Quelle: domani

Geboren an einem Ort, den es nicht mehr gibt

Es schien, dass das Wetter in Amazonien ein Luxus und ein Vergnügen sei, das man langsam, nach präzisen Regeln,  genießen sollte. In einigen Kulturen bedeutet einfach so zu fragen “Wie geht*s?”, ein Zeichen der schlechten Erziehung. Das ist zu direkt und an der Grenze des Brutalen. Das Prinzip ist folgendes: Das “Wie geht es Dir?” ist Konsequenz des Befindens all dessen, was dich umgibt. In primis, das was wir Umwelt nennen, aber die indigenen Kulturen nicht als eine separate Dimension einführen.

An diesem Nachmittag am Ufer des Rio Calleria, in der Region Ucayaly, die  an der Amazonasgrenze Peru-Brasilien liegt. Ich sprach mit einer Indigenensignora. Sie war weder jung noch alt, so würde Grazia Deledda sagen. Die Signora hieß Jesbe Guimaraes Tananta. Am Fluss wuschen wir gemeinsam, eine neben der anderen, die Wäsche. Wir schauten uns nicht an und verjagten die gleichen Stechmücken, die einmal auf meinen einmal auf  ihren Armen niederließen. “Wie war der Regen dieses Jahr, Signora?” “Stark, zu arg, das war noch nie so.”  Sie wartete höflich auf die weiteren zwanzig oder dreißig Fragen. Die bezogen sich auf die Ernte, Neuigkeiten aus den nahegelegenen Gemeinden, ob der Fischfang während der Überschwemmungen schwierig war,  was die Hühner und Gänse machen, etc. Dann erst kam das Gespräch auf Gesundheit und Wohlbefinden der gesamten Familie, von den Ururgroßeltern bis zu den schwangeren Urenkeln. Schließlich, als sich der Sonnenuntergang violett und orangefarben ankündigte, konnte ich sie fragen: “Und Ihnen Jesbe, wie geht es Ihnen?”. “Bien, gracias a diosito”; Selbst Gott wurde mit einem zärtlichen Diminutiv belegt.

Ich fragte sie auch nebenbei, ob sie in der Gemeinde geboren sei, in der wir uns befanden und die wie alle Gemeinden, den Namen eines Heiligen trug. Es waren die katholischen Missionare, die sie zum Zwecke der Evangelisierung und nicht ausbleibenden “Zivilisierung” erfanden. “Nein, ich komme aus der Gemeinde San Fernando." Aber auf dem Rathaus in der Stadt, sagten sie, dass sie meinen Personalausweis nicht akzeptieren könnten, weil ich an einem Ort geboren bin, den es nicht mehr gibt… Wie soll ich sagen, ich bin in Atlantis geboren.” “Und warum gibt es San Fernando nicht mehr, Signora?” “Die Regenzeit war ein gewaltiges Unwetter. Nicht so wie früher, als sie kräftig, schön und gesund war. Jetzt ist sie nur noch wütend. Sie ließ den Fluss ansteigen, der die Gemeinde verschlang, die Häuser wegspülte und die Palmen, die Ernte und die Leute. Und den “Sandial”, das Wassermelonenfeld, wo ich Rubén traf. Als wir jung waren, träumten wir dort Tag und Nacht, sufriendo de amor. Und auch das Büro des Bürgermeisters wurde weggerissen, wo sich das Geburtsregister befand.

Klimawandel in indigener Sprache 

Die Signora, deren Welt um das Leben ihrer Gemeinde kreiste, hatte vielleicht nichts vom Fachbereich Physik der Universität Oxford und der Feststellung gehört, dass der globale Effekt der Veränderungen im Niederschlag noch bedeutender ist als der bezüglich der Temperatur. Nicht weiter schlimm. sie wusste schon, dass Amazonien unter der Furie der Flüsse zu leiden hat, die jetzt alles Leben verschlingen – wie die Anakonda. Es leidet ebenso entgegengesetzt unter dem Mangel an Wolken, welche die Ernte bewässern. Sie hätte dem Businessman der Firmengruppe Romero schon einiges zusagen. Sie ist der größte Waldvernichter im peruanischen Regenwald. Allein im Distrikt Barranquita, Region San Martin,  hat sie dreitausend Hektar Waldfläche für die Monokultur der Ölpalme “gesäubert”. Die Signora würde auch sagen, dass die Indigenos immer die Biodiversität der Wälder berücksichtigt haben, ob bei der Kultivierung der Landwirtschaft oder der genetischen Verbesserung, um sich gegen Katastrophen zu schützen: beispielsweise im Falle einer Pflanzenkrankheit. Stirbt eine Pflanze, kann sich eine andere retten. Und wenn sie sich rettet, rettet sie auch uns.  Sie tut es für “uns”, die keinen Dollar haben, aber in Würde von dem leben, was sie aussäen. “Arm sind die, welche vom Geld abhängig sind.", sagte Jesbe.

Jetzt oder nie

Laut Pedro Gamio, ehemaliger Energieminister von Peru und Regionaldirektor der GVEP Internacional Lateinamerika und Karibik, könnten die Erdölvorräte in den nächsten fünfundvierzig Jahren aufgebraucht sein. Über weitere zwei Generationen wird der Ölpreis der fixe Gedanke von Ökonomen sein, die delirant auf eine globale Entwicklung setzen, die auf der Ausbeutung fossiler Brennstoffe beruht.  Wenigstens üben die Zivilgesellschaft und Akademien Druck auf die Politiker aus. Dieses Netzwerk ökologischen Bewusstseins umfasst auch diejenigen, die vor einigen Jahrzehnten noch marginalisiert wurden. Vielleicht, weil jetzt die Zeit zum Nachteil der Wälder läuft.

Seit Jahrzehnten läuft das Abholzen der Bäume in Amazonien, um an die Gas- und Ölvorkommen heranzukommen. Jetzt werden auch Monokulturen für Biobrennstoffe vernichtet, die als Alternative zur Ökonomie des Öls verkauft wurden. Wie Manuel Pulgar-Vidal, Direktor der peruanischen Gesellschaft für Umweltrecht signalisiert, sei es nötig, die ökonomischen, energetischen, ökologischen und sozialen Folgen bei der Entwicklung von Biobrennstoffen zu bestimmen. Das kommerzielle Kriterium  kann nicht das einzige sein. Das, was aus Erwägungen des Profits als “saubere Energiequelle” verkauft wurde, erweist sich jetzt als ein Mittel, schlechter als das Problem selbst. Laut der Journalistin Milagros Salazar, erzeugen die Megadämme in Amazonien große Mengen an Methan, ein Treibhausgas, das zwanzigmal schädlicher als Kohlendioxyd ist. Man konstruiert Schritt für Schritt, für die, die in Amazonien leben, das Ende des hydrobiologischen Gleichgewichts. D.H. für 20 Millionen Einwohner in sieben lateinamerikanischen Ländern. Ohne Bäume kein Regen. Die Verringerung von 20% Niederschlägen betrifft die Trockenzeit, was Trockenheit vervielfacht.

Die Kinder von Jesbe: Ethnoökologisten auf der Seite britischer Wissenschaftler

Santiago und Agustín Guimaraes Tananta sind die Söhne von Jesbe. Sie leben in der peruanischen Hauptstadt und arbeiten bei Umweltschutzorganisationen. Sie sind anerkannte Experten für die Zusammenhänge von klimatischem und globalem Wandel und dem “Fortschritt”, der mit der Umweltvernichtung in Amazonien verbunden ist. Sie erklären mir während eines Gesprächs über Skype mit Lima: “Wir Indigene beobachten den Wandel. Wir kennen die Klimatologie, die Unterschiede in der Ergiebigkeit und die Verteilung des Regens während der Jahreszeiten. Ebenso kennen wir die Interaktionen zwischen Pflanzen und Tieren in ihrer Beziehung zum Klima. Wir wissen wie wir uns anpassen können. Deshalb entwickeln wir unterschiedliche Strategien um durchzuhalten: wir kultivieren immer verschiedene kleine Pflanzen zur Subsistenz, die im Schatten von Bäumen wachsen, so dass die Erde durch die Sonne nicht austrocknet. Wir pflanzen in verschiedenen Zonen, um die Wahrscheinlichkeit einer Ernte zu erhöhen. Der Ackerbau zur Subsistenz wird durch Jagd und Fischfang ergänzt.  Für uns ist es nicht klug, das ganze Jahr über zu jagen und zu fischen, wie es die tun, die den Wald nicht lieben. In unserer Kultur ist jagen nur nach der Zeit der Paarung erlaubt: die Jungen werden nicht gegessen. Wir praktizieren den traditionellen Austausch der Lebensmittel, der bei uns auf heiliger Gegenseitigkeit beruht. Geld kann nie auf Gegenseitigkeit beruhen. Habt ihr das inzwischen auch erkannt?” Ich nicke mit einem traurigen Lächeln. Dann frage ich, welche Herausforderung sie im Augenblick bewältigen. “Wir Indigene brauchen nicht auf Foren für Indigene geschickt zu werden. Wir müssen am Weltklimaforum teilnehmen, weil wir die ersten sind, welche die negativen Konsequenzen der selbstmörderischen Untätigkeit zu spüren bekommen. Wir müssen eine Stimme bekommen im Kapitel der Politik Abschwächung. Wir arbeiten in vielen Netzwerken zusammen mit westlichen Wissenschaftlern, die den Klimawandel erforschen. Speziell mit Botanikern und dem Enviromental Change Institute der Universität Oxford: Wir sind ‘Ethnoökologisten’ mit  Erfahrungen von Generationen und Generationen. Der Austausch von Wissen könnte uns alle retten. Es bedarf jedoch der Einheit von Forschung und politischer Aktion. Überschwemmungen und Trockenheit werden über kurz oder lang alle betreffen, auch jene, welche sie im Fernsehen ausblenden und auch jene, die immer noch glauben, dass Gott ein auserwähltes Volk hat, das gerettet wird.

übersetzt von Günter Melle

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