Trommeln in Genua

von  Wu Ming 1 – Romanauszug –

Erster Mann: Sicher schlagen sie die Trommeln.
Zweiter Mann: Teufel auch! Und das in unserem Stadtteil!
nach B.B. Trommeln in der Nacht

Piazza Alimonda: 20. Juli 2001 Es spielte sich damals auf der Piazza Alimonda ab, und es war damals, dass ich die Maschine wahrnahm. Piazza Alimonda: Omphalos und letzter Vorposten, Treffpunkt der Lebenden und Toten. Es ist ein Ort, den ich immer und immer wieder als Pilger aufsuchen muss. Denn das Schicksal von Carlo Giuliani könnte auch das meine sein und das von allen, die dort gewesen sind. Carlo Giuliani war, bevor er von einem Carabiniere erschossen wurde, einer von uns oder präziser ich,  dem   im Augenblick der unendlich vielen Möglichkeiten das gleiche hätte passieren können.

Am Abend des 20. Juli 2001 zogen Reporter und Carabinieri satt und etwas zerstreut ihre Kreise während schrill die Sirenen tönten, ein Haufen Sirenen wie schreiende Esel, während in den Seitenstraßen allmählich die blauen Lampen, die wir alle kennen, erloschen und irgendeiner schrie noch. Dort sah ich die Maschine, den gepanzerten Körper mit seinen hundert Köpfen auf einziehbaren Hälsen.

Sofort habe ich verstanden, als ich sie so in Ruhestellung sah. Sie war noch heiß wie die Spalte eines geraden benützten Toasters. Ich dachte nach und ich verstand, dass sie den ganzen Tag lief und zuvor auch Monat für Monat, brüllend und lachend schlug sie den Takt zu den Diskursen, welche die Leute nach Genua führten, diese “Vielfalt” wie meine Genossen auf der Flucht und im Versteck. Ich habe sie vorher noch nie gesehen und habe den ganzen Tag mit ihnen das Brot und die Ausdauer geteilt.

Ich verstand, was sie war, denn der zu Ende neigende Tag hat mich viel gelehrt. Ohne zu zögern erkannte ich sie. Die mythologische Maschine.

Verstehen wir uns recht. Erst Jahre später bin ich in der Lage, sie so zu bezeichnen. An diesem Abend hatte sie noch keinen Namen. Es war für mich zunächst einmal ein Schauspiel: die bedrohliche Präsenz, die niemand bemerkte, schwer aber dennoch geschmeidig wie eine riesige Katze, die vor sich hin schlummert. Die Köpfe hatten die Augen geschlossen und den Rachen ruhiggestellt.  Der gepanzerte Körper schien die Energie all derer aufzusaugen, die ihm näher kamen, spürten im Kopf ein Kreisen und wussten nicht warum. Es war paradox, sie war so hart und doch schmächtig und durchschaubar. Durch sie hindurch sah ich den Platz und die Leute, die um Atem rangen. Die Maschine schnurrte und wer weiß, vielleicht träumte sie ein weiteres Desaster. Unglücklicherweise geriet ich dort in die Fänge während der großen Jagd auf die Menschen in den Straßen Genuas. Es war ein Aufstand im Gange, aber einer, den ich mir so niemals vorgestellt habe.

Es war ein Aufstand der Bullen. Die Bullen waren die “Subversiven”, die völlig unerwartet das Gesetz vergewaltigten und die bisherigen Gewohnheiten, die Übereinkünfte bei Demonstrationen, den “minimalen Anstand”, von dem –unnötigerweise – jemand gesprochen haben soll, unter den Stiefelabsätzen zertraten. In ihrer Revolte, die zu dieser Zeit ungewöhnlich war, blieb keiner von ihnen allein, alles machten sie gemeinsam, jeder Fußtritt wurde von allen verabreicht, jedes Gasgeschoss in die Menge und jeder Knüppeleinsatz war gemeinsame Sache. Jeder Einsatz, gleich in welchem Stadtgebiet war die Schlacht aller, mit den gleichen Waffen, gegen den gleichen Feind – die Zecke, der Kommunist, der No Global – im gleichen symbolischen Raum. In diesem Aufstand der Unterdrücker schien alles endgültig zu geschehen, so als gäbe es kein morgen, kein künftiges Urteil, dem es sich unterziehen gilt. Es gab keine wirkliche Taktik und keine wirkliche Strategie. In Genua regierte das jetzt oder nie und das ein für alle mal. Draufschlagen, in Gesichter treten, grölend die Hilflosen verfolgen, sich mit Drogen betäuben – stricto & lato sensu – als wäre die Welt selbst am untergehen. Jede Aktion war unwiderruflich und wunderbarerweise Zweck ihrer selbst. Die Demonstranten demonstrierten nichts, sie hatten einzig und allein den Aufstand der Bullen zu erleiden, die Unterbrechung des Kontinuum, in dem sie lebten. Ende der “Normalität”.

Am Morgen des 20. Juli wusste ich von all dem noch nichts. Ich kam in Brignole mit dem Zug an, vermied die roten und gelben Zonen und zwischen Polizei und Carabinierikolonnen hindurch ging ich in einer Wolke aus Stimmen und Radiogeräuschen zum Haus von Anna, meiner Verlobten. Ich platzte in medias res in die Stadt, nachdem ich ein Jahr lang als Gefangener in einem afrikanischen Staat verbrachte. Eine Guerillagruppe hatte mich zusammen mit weiteren zwei Italienern, Ingenieurskollegen, entführt. Sie wollten damit Druck auf die Ölgesellschaft ausüben, die ihre Umwelt zerstörte, Armut schuf etc. Drei oder vier mal haben sie uns gefilmt und fotografiert und unsere Nachrichten erreichten die Heimat zusammen mit den Lösegeldforderungen. Meine Familie und Anna haben mich in den Fernsehnachrichten gesehen. Abgerissen und voller Schweiß sah ich lächerlich aus mit meinem Schild um den Hals.

Ich weiß nicht wie, aber die Regierung hat unsere Freilassung erreicht.  Aus dem Scheißloch, in das sie uns gesteckt haben, brachten sie uns in die Hauptstadt. Es waren Stunden der Reise hinten in einem stinkigen Nissan Kastenwagen. In der eintönig gefärbten Peripherie schmissen sie uns wie Müllsäcke raus und benachrichtigten die Polizei. Die sammelte uns ein und nahm uns in die Mangel, schlimmer noch als unsere Entführer. Als wir das wenige gesagt hatten, was wir wussten, vertrauten sie uns unserer Botschaft an. Drei Tage später landeten wir in Ciampino.

In der Heimat angekommen, hatten die Zeitungen über uns einige blasse Artikel veröffentlicht, wenig mehr als eine Kurznachricht. In den Schlagzeilen war der wichtige G 8 – Gipfel und die angekündigten Proteste. Die Blicke waren auf Genua, meine Geburtsstadt, gerichtet. Seit mich die Guerilla frei ließ, ist es mir nicht gelungen, mit Anna zu sprechen. Ich wählte ihre Nummer und eine Stimme sagte, dass der Anschluss vorübergehend nicht erreichbar sei, dass ich es nochmals später versuchen solle. Ich schickte SMS raus, war mir aber nicht sicher, ob sie überhaupt ankamen.

Das Außenministerium, La Farnesina, hielt den Kontakt mit meiner Familie, aber nicht mit Anna, die keine Verwandte war. Soviel ich wusste,  gab sie, in den ersten Tagen meiner Entführung, einmal einem Fernsehsender ein Interview. Meine Promessa Sposa hatte dann aber jede diesbezügliche Nachfrage der Medien abgelehnt. Zum Fernsehen ist dann immer nur mein Bruder gegangen. Von Rom aus konnte ich meine Mutter anrufen. Als ich sie nach Anna fragte, begann sie etwas zu murmeln. Auf meine Hartnäckigkeit reagierte sie in rätselhafter Weise: “Aber nein, was bildest du dir ein. Es ist nichts”. Was war nicht? Auch mein Bruder schwieg. Warum? Ging es Anna schlecht? Ist ihr etwas zugestoßen?  “Aber nein, Anna geht es sehr gut… Setz dir da nichts in den Kopf”. Sie behandelten mich wie eine unter Schock stehende Person, die unfähig ist, zu begreifen. Hat mich Anna verlassen? War sie von einem anderen schwanger? Ich entschied mich für einen Überraschungsbesuch. Aufbrechen ohne Aufschub, in Genua ankommen, ohne davon jemand  etwas zu sagen. 

Im Roulette des G 8 fiel Annas Haus auf rot, in die abgesperrte Zone. Hohe Zäune zerteilten dort die engen Gassen, die Caruggi. An den wenigen Checkpoints verlangten die Polizisten einen Passierschein. Ich hatte ein ruinöses Aussehen, welches die Ordnungshüter misstrauisch zu machen schien. Die Luft roch nach Ärger. Ich wollte nicht weiter auf Einlass insistieren und schweifte etwas perplex umher, bis ich meinen Namen hörte: “Aber ist das nicht Kragler? Aber ja! Hey Andrea.!”

Es waren zwei alte Kindheits- und Schulfreunde. Zu Zeiten des Lyzeums zogen sie immer zusammen umher und erhielten schließlich den Spitznamen Primo und Secondo. Sie zogen in der Nähe der verbotenen Zone ihre Kreise, waren Entdecker ihrer Stadt. Sie beobachteten  die Truppenbewegungen, hörten auf die Stille und die unerwarteten Kakophonien. Sie würden warten, sagten sie mir. Auf was ? “Mit Sicherheit auf etwas Brutales,” antwortete Secondo. Primo nickte nur. 

Wir gingen zusammen weiter. Ich erzählte hastig von meinem afrikanischen Missgeschick und sie ergänzten mich um die die letzten Ereignisse, die Demonstrationen von Seattle, von Prag und Quebec, sprachen von den Tute Bianche und den Black Bloc, vom Ansteigen der Spannungen in der Stadt, den Paketbomben,  die an die Carabinieri  verschickt wurden, von den possenhaften Kriegserklärungen, von Schriftsteller, die im Web und den Zeitungen den Tod heraufbeschwörten… Der Spaziergang war anstrengend, full immersion, und ich vergaß ganz dabei an Anna zu denken. Es war wirklich so, durch einen Stillstand der Gedanken, kam sie mir wieder in den Sinn. Ich hatte mit Primo und Secondo darüber noch nicht gesprochen und so kam die Frage von selbst: “Wisst ihr etwas von Anna, meiner Verlobten?" Ich habe sie bisher noch nicht sprechen können…” Verlegene Blicke.

Einsatz der Carabinieri an der Piazza Manin

Mittlerweile hatten wir, ich weiß nicht wie, die Piazza Manin erreicht. Ich war mitten im Abgrund und wusste es nicht. Jenseits des Platzes begann mein neues Leben, alles was ich gewesen war, verlor seine Gültigkeit. Von dort würde der Platz bald mit Schreien, Blut, getretenem Fleisch und Glasscherben gefüllt werden. Die Flucht trennte mich von meinen Freunden, die ich nicht mehr sehen werde. An jenem Nachmittag lernte ich Furio, einen Ägyptologen aus Turin, kennen. Es war unser erstes und einziges Zusammentreffen während der Anabasis, dem Aufmarsch im Herzen der Revolte. Ich habe von ihm nichts mehr gehört, er verschwand kurz bevor ich an der Piazza Alimonda ankam. Ich drehte mich um, wollte mich mit ihm beraten, aber plötzlich war er nicht mehr da, aufgesogen in eine andere Dimension. Vielleicht, wer weiß, hat es ihn nie gegeben. Vielleicht war er eine Halluzination, eine Einbildung, “ein imaginärer Freund”. Habe ich ihn erfunden, damit ich mich nicht so allein fühle? Dieser bärtige Junge hat mir doch in den Pausen unserer Flucht wahre  Begebenheiten erzählt. Er zeigte mir die Phantasmen, eines nach dem anderen, wie sie durch die Straßen marschierten. Er erklärte mir mir, in welche Falle die Demonstranten geraten sind und wie es dazu kam. Dank ihm konnte ich die Maschine am Ende dieses zwanzigsten Juli erkennen; und als ich sie erkannte war der Grund, der mich wieder in die Stadt führte vergessen, vergangen wie das Pfeifen eines Zuges vor hundert Jahren, ins Nichts zurückbefördert. Anna war nicht mehr wichtig… 

übersetzt von Günter Melle

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