Die Stadt und die Zurücknahme des Wachstums

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von: Serge Latouche

Quelle: Città e Decrescita

Zusammenfassung: Das Desaster der Städte, das jeder wahrnehmen kann, ist Resultat von Denkweisen, die offensichtlich Architekten und Stadtplanern abhanden gekommen sind. Immerhin haben sie  dazu Komplizenschaft geleistet und sie haben gleichzeitig versucht, ein Gegenmittel zu erfinden. Aber die nachhaltige Architektur [oder das bioklimatische Habitat] ist nicht die Lösung, wenn sie auch ein hypothetisches Element der Lösung bildet.

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Die ehrenwerten Versuche von Architekten und Städteplanern, der städtischen und sozialen Krise mit einfallsreichen Entwürfen Abhilfe zu schaffen, bleibt unwirksam, da ihnen die globale Analyse des Scheiterns der Wachstumsgesellschaft fehlt. Die Krise ist eine politische und ergo muss das Gegenmittel ebenfalls ein politisches sein. Aus diesem Grund verläuft das Projekt der Zurücknahme von Wachstum notwendigerweise über die Wiederfindung des Politischen, also der Polis, der Stadt und ihrer Beziehung zur Natur. 

Der städtische Entwurf bezieht sich notwendigerweise auf den sozialen, der architektonische Entwurf auf den städtischen. Das “Desaster” der Stadt ist nicht das Resultat eines  fachlichen Mangels von Architekten und Städteplanern, sondern es ist das Resultat einer Zivilisationskrise. Die “decroissante” Stadt wird eine Stadt mit deutlich reduzierter ökologischer Auswirkung sein, die eine starke Beziehung zum Ökosystem aufweist [eine Bio-Region]. In einem ersten Schritt wäre sie die jetzige Stadt, aus der die Reklame, die Autos und die Großvertriebe beseitigt wären. Eingeführt wären Gemeinschaftsgärten, Fahrradwege, eine öffentliche Verwaltung öffentlicher Güter (Wasser, Basisdienstleistungen) sowie Wohngemeinschaften und Läden des Stadtviertels. Es wird ein Umdenken aber auch eine gewisse Deindustrialisierung notwendig sein. Zusammengefasst, bedeutet der erste Schritt einer “decroissanten” Stadt zu einer Gesellschaft des bescheidenen Wohlstands, dass die Umwelt als Grundlage allen Lebens bewahrt wird. Dabei wird der Zugang zu einer demokratischeren Ökonomie geschaffen, was die Arbeitslosigkeit reduziert, die Partizipation und die Solidarität  [und auch die Integration] stärken wird. Die Gesundheit der Bürger/innen wird, dank der Verbreitung von Genügsamkeit und des Abbaus von Stress, verbessert werden.

Das städtische Desaster der Wachstumsgesellschaft

Das Desaster der Städte, das jeder wahrnehmen kann, ist Resultat von Denkweisen, die offensichtlich Architekten und Stadtplanern abhanden gekommen sind. Wir haben eine Menge qualitativ ausgezeichneter Architekten und Städteplaner [einschließlich jener auf dem Gebiet des ökologischen Wohnens], was das augenblickliche städtische und landschaftliche Chaos nicht verhindert, in das die Welt eingebunden ist.  Es gibt das Problem, dass diese Architektur sehr oft verführerisch bleibt, wenn es sich um einzelne Villen oder reiche Paläste handelt, aber sich sehr enttäuschend auf das Gesamtbild auswirkt. Die Gestaltung der Stadt bleibt auf der Strecke und v.a. scheiterte das Verhindern der Auflösung städtischer Struktur und der Zersiedelung des Landes, scheiterte das Zubetonierens von Landschaft, dass Anwachsen von Trostlosigkeit in den Lebensentwürfen und die Zerstörung von Umwelt zu verhindern. Ich möchte gar nicht vom Scheitern der Reduktion  des Energiekonsums und der ökologischen Folgen sprechen.

Nichtsdestoweniger machten sich diese Architekten dabei der Komplizenschaft schuldig, während sie gleichzeitig versuchten ein Gegenmittel zu finden. Wir haben es mit einer Art Schizophrenie zu tun. Das städtische Desaster ist auch von dem großen Architekten Alvaro Siza festgestellt worden: “Das Schlimmste ist die Zerstörung der Landschaft, die Schlappe dieser Disziplin ist der Gebrauch der Erde… Wir erleben das Ende der Ordnung der Dinge, was vielleicht etwas anderes vorbereitet, das wir noch nicht kennen. Und zweifellos, war dies nicht zu verhindern. Aber derzeit ist die Qualität ausgegrenzt und wir stehen vor einem  Desaster.” Noch leben wir in der produktivistischen Stadt, die in Bezug auf das Automobil in Formen gedacht und strukturiert wurde, die für sich beanspruchten, als rational zu gelten (es reicht an die radiale Stadt von Le Corbusier  zu denken), mit ihrer Aufteilung der Räume, in industrielle Zonen und Wohngebiete ohne Leben.

Man sollte richtigerweise von der Zerstörung der Stadt in Friedenszeiten sprechen: mit der Zerstörung des alten historischen Stadtkerns, mit der ungezügelten Immobilienspekulation, welche die Unter- und Mittelschicht auf die  Peripherie verweist, mit dem Wuchern von kommerziellen Zentren, der Ausdehnung von Wohngebieten, dem Errichten von Wolkenkratzern, mit den räumlichen Rissen durch Autobahnen und der Vermehrung von Nicht-Orten [Bahnhöfe, Flughäfen, Supermärkte, etc.]. Das Ersticken im Autoverkehr ist eines der Symptome einer weitergehenden Krise, die durch die “Super-“ oder Hypermoderne [ein Begriff, den ich  angebrachter finde als den der “Postmoderne”] erzeugt wurde. Sie bedeutet den Triumph der Hässlichkeit. 

Um eine Andeutung dessen machen zu können, was Städteplanung und Architektur in einer Gesellschaft der Wachstumsrückführung bedeutet, ist zunächst das Verständnis  dieser Gesellschaft  und ihrer  architektonischen wie städteplanerischen Folgen notwendig. Es wird dann möglich sein, zu präzisieren, wem die “decroissante” Stadt ähnlich ist.

Der Entwurf einer Wachstumsrücknahme und seine urbanen Folgen

Was bedeutet Wachstumsrückführung? Der Ordnungsruf nach Wachstumsrückführung hat vor allem das Ziel, mit aller Kraft, die Notwendigkeit hervorzuheben, den unsinnigen Entwurf Entwicklung wegen der Entwicklung, Wachstum wegen des Wachstums, beiseite zu legen. Man kann die Wachstumsgesellschaft als eine Gesellschaft beschreiben, die von einer Wachstumsökonomie beherrscht ist und die danach strebt, sich selbst aufzuzehren. Wachstum wegen des Wachstums wird so zum prinzipiellen Ziel, sogar zum einzigen des Lebens. Der Krebs des Wachstums zerstört nicht nur die Stadt, sondern auch den Sinn der Orte, indem er die Landschaft zerstückelt. Das ist, nach der Soziologin Tiziana Villani, die urbane Explosion. Es handelt sich dabei um einen Prozess der Verkünstlichung des Lebens. Der Mensch beabsichtigt besser als Gott und die Natur die Welt wiederzuerschaffen. Die GVO, die Nanotechnologien, das Klonen, die industrielle Aufzucht von Fischen etc. Die Illustration dazu wäre Cyberman, der künstliche Mensch. Das sichtbarste Resultat  ist heute die Transformation der realen Welt, eine Welt in der wir verurteilt sind, zwischen Müllhalden und Abfallbehältern zu leben.

220px-Dubail21_thumbDas Scheitern von Dubai mit seinem achthundert Meter hohen, unbewohnten Turm, ist ein Symbol des Scheiterns des amerikanischen Traums und seiner Städteplanung. Der Plan, einen Turm von einem Kilometer Höhe zu bauen, wird vermutlich nie ausgeführt werden. Die produktivistische Stadt gehört der Vergangenheit an, die Zerstörung der Welt jedoch läuft weiter.

Offensichtlich ist der Zweck einer Gesellschaft der Wachstumsrückführung nicht eine karikative Umdrehung zu einer Predigt Wachstumsrücknahme um der Wachstumsrückführung willen. Vor allem bedeutet Wachstumsrücknahme nicht ein negatives Wachstum.

Es ist bekannt, dass einfach eine Verlangsamung des Wachstums unsere Gesellschaft durch Anwachsen der Arbeitslosigkeit und der Streichung von Sozial-, Kultur- und Umweltprogrammen, die ein Minimum an Lebensqualität sichern,  in Trostlosigkeit versetzt. Man kann sich gut vorstellen, welche Katastrophe eine Rate von Negativwachstum auslösen würde! So wie nichts schlimmer ist als eine auf Arbeit begründete Gesellschaft, die keine Arbeit hat und nichts ist schlimmer als eine Entwicklungsgesellschaft ohne Entwicklung.  So reden wir rigoros dem Ohnewachstum das Wort [so wie man von A-Theismus] spricht, statt dem Negativwachstum  (a-crescita versus de-crescita, d.Ü.). Es handelt sich genau genommen, um das Aufgeben einer Religion: der Religion der Ökonomie.

Der reale Wechsel zur notwendigen Perspektive, eine autonome Gesellschaft der Wachstumsrückführung zu konstruieren, kann mittels  eines radikalen, systematischen und ehrgeizigen Programms der acht “R” realisiert werden:
rivalutare <=> neu bewerten
ridefinire <=> neu bestimmen
ristrutturare <=> restrukturieren
ridistribuire <=> neu verteilen
rilocalizzare <=> neu lokalisieren
ridurre <=> reduzieren
riutilizzare <=> neu verwenden
riciclare <=> wieder verwerten

Diese acht zusammenhängenden Zielsetzungen erzeugen einen Circulus virtuosus der Wachstumsrückführung. Er ist unbeschwert, heiter und nachhaltig.  Es handelt sich nicht um ein Programm, denn noch befinden wir uns auf der Ebene der Konzeption. Der Entwurf einer Gesellschaft der Wachstumsrückführung artikuliert sich also innerhalb des Circulus virtiosus der acht “R”. Man kann von den acht “R” sagen, dass sie noch in weiterer Hinsicht wichtig sind. Mir scheint jedoch, dass drei von ihnen, gegenüber den anderen eine  strategisch weitaus wichtigere Rolle spielen: die Revaluation, weil sie den Ursprung jeglicher Veränderung darstellt; die Reduktion, weil sie in sich alle praktischen Gebote der Wachstumsrückführung enthält; die Relokalisation,  weil sie mit dem täglichen Leben von Millionen Menschen und ihrer Arbeit zu tun hat.  Das Problem der nunmehr zerstörten Städte und Landschaften ist völlig neu zu überdenken. Es schreibt sich ein im weitesten Kontext einer zerrissenen Welt, dem Verlust von Bezugspunkten und der Krise des Lokalen. Das urbane Desaster ist gleichzeitig ein ländliches und landschaftliches. Jedoch im Blickwinkel der Konstruktion einer heiteren “decroissanten” Gesellschaft, kann die Relokalisation nicht bloß ökonomisch stattfinden. Es ist die Politik, die Kultur und der Sinn des Lebens, die ihre erneute territoriale Verankerung finden müssen. Das Schlüsselwort ist Autonomie.   

Die Relokalisierung  nimmt also eine zentrale Rolle in der konkreten Utopie ein und befruchtet die Rückführung, und sie artikuliert sich quasi sofort als politisches Programm.  Die Wachstumsrückführung scheint die alte Formel der Ökologisten wieder zu beleben: global denken, lokal handeln. Die Relokalisierung der Ökonomie und des Lebens ist eine nicht zu vernachlässigende Voraussetzung von Nachhaltigkeit. Wenn die Utopie der Rückführung das globale Denken voraussetzt, ist sie heute nur territorial realisierbar. Es handelt sich um eine Reterritorialisierung [Alberto Magnaghi], einen Platz finden und ihn neu zu bewohnen.   

image_thumbDennoch, die ökologisch bewusste Architektur oder das bioklimatische Habitat stellt nicht die Lösung dar. Bestenfalls bilden sie ein hypothetisches Element der Lösung. Die “zukunftsbeständige Stadt”, wie sie in der Charta von Aalborg (1994) projektiert wird, ist eher eine moderne ökologische Form des Kapitalismus [greenwashing] als kein wirkliches Gegenmittel zum Desaster des Produktivismus. Die Ökostadtteile – Vauban in Freiburg [Deutschland], Houten [Peripherie von Utrecht, Holland] und von Bedzed [Beddington zero energy developement]  Stadtbezirk Sutton, im südlichen London – sind letztendlich Inseln der Nachhaltigkeit in einem Meer von städtischer Umweltverschmutzung, und es wird ihnen nicht gelingen, eine Transformation voranzubringen. Das Scheitern und die glamourösen Schlappen der chinesischen “Ökostädten” sind symptomatisch. Die wenigen Projekte, wie Chongming, mit Trompeten und Fanfaren begrüßt, sind in image_thumb2der Sackgasse.

Die Ökostadt Dongtan auf Chongmin, gegenüber Shanghai, ist in den Jahren 2006-2008 mit aller Macht, als ökologisches Schaufenster der Weltausstellung,  vorangetrieben worden. Der Vater des Projektes wurde 2008 wegen Korruption beseitigt und danach wurde das schlecht konzipierte Projekt aufgegeben. Die anderen Projekte [Huangbaiyu und Tianjin] gehen nicht gut. Die Ökonomie hat die Ökologie besiegt. Bei diesen Projekten geht es immer darum, besser zu wohnen aber nicht, die Beziehungen zu Kultur, Landschaft und zum Konsumismus zu verändern. Die ehrenhaften Versuche der Architekten und Städteplaner,  der städtischen und sozialen Krise ein Gegenmittel zu verordnen – Städteregionen, Gartenstadt, totale Stadt, urbane Netze, Ballungsräume [Geddes], Broadacre City [Wright], kompakte Stadt, Flächenstadt etc, – sind Entwürfe, welche eine neue Artikulation zwischen Stadt und Land versuchen. Sie sind zum Scheitern verurteilt, weil ihnen die globale Analyse des Scheiterns der Wachstumsgesellschaft fehlt.

Der formalisierte Funktionalismus in der Charta von Athen [1943, federführend unter Le Corbusier verfasst], der vorgab den Kampf gegen die “urbane Unordnung” zu führen, generierte letztendlich eine noch größere zum Preis der Explosion des ökologischen Fußabdrucks der Stadt.  Lewis Mumford prophezeite, dass Megapolis sich in eine Tyrannopolis transformiert und in einer Nekropolis enden wird. Dies scheint das Schicksal der virtuellen Hyperpolis zu sein, die sich über die  globalisierte Finanz- und Medienwelt  formiert.

Die Krise ist politisch und deshalb kann das Gegenmittel nur eine politisches sein. Das ist der Grund, warum sich der Entwurf der Wachstumsrückführung notwendigerweise über eine Neugründung des Politischen definiert, also der Polis, der Stadt und ihrer Beziehung zur Natur. Das urbane Projekt ist notwendigerweise dem sozialen Projekt nachgeordnet und das architektonische Projekt ist dem städtischen nachgeordnet. Das urbane “Desaster” ist nicht das Resultat eines Mangels auf Seiten der Architekten und Städteplaner, es ist das Resultat einer Zivilisationskrise. Nur durch das Beschreiten des Projekts der Konstruktion einer Gesellschaft der Wachstumsrückführung, kann das lokale und städtische Gefüge  neu zusammengesetzt werden.

Mit was hat die Stadt der Wachstumsrücknahme Ähnlichkeit?

Die “decroissante” Stadt sollte einen reduzierten ökologischen Fußabdruck und eine enge Beziehung zum Ökosystem besitzen [eine Bio-Region]. Anstatt von der Konstruktion einer neuen Stadt zu träumen, wird es notwendig sein zu lernen, die Stadt auf andere Art zu bewohnen, dies im Norden wie im Süden. Die Stadt verbraucht niedere Entropie [Energie, Ressourcen, Lebensmittel, etc.] und exportiert massiv hohe Entropie [Abfälle, Verschmutzung].  Es handelt sich um einen ökologischen Räuber, der eine “phantasmagorische” Oberfläche verbraucht, die um ein mehrfaches größer ist als seine reale Oberfläche.

«Pourqu’un mètre carré de surface urbaine fonctionne dans les villes espagnoles, il faut 60 mètre carrés d’espace rural, de sol agricole, forêt ou prairie, pour permettre aux troupeaux de produire les biens et services réclamés par les grandes villes. L’empreinte écologique urbaine n’arrète pas de croître. Il y a 50 ans, les villes n’avaient besoin pour chaque mêtre carré que de 25 m2 de campagne. Si on fait une projection, à ce train là, en 2050, il faudra 500 m2 de sol rural par m2 urbanisé. L’empreinte écologique du citadin espagnol représente 4 fois l’empreinte soutenable [6ha 395/1,8]».

Je ausgedehnter und “funktional” [Le Corbusier] die Stadt ist, desto stärker ist dieser ökologische Fußabdruck. Türme sind Energiefresser und vermehren nicht wirklich die Dichte. Es ist sicherlich notwendig die “kompaktere” Stadt wieder zu erfinden. Das individuelle, isolierte Habitat ist, selbst wenn es ökologisch gut geplant ist, aus Sicht der Wachstumsrückführung  eine städtebauliche Häresie: denn jedes Jahr verschwinden Hektare landwirtschaftlicher Nutzfläche unter Asphalt und Zement. Gruppenbauweise und kollektives Wohnen besitzen eine höhere energetische Effizienz.

Anstatt der momentanen Megalopolis ist die Vorstellung einer ökologischen Stadt nötig, die sich aus urbanen Dörfern zusammensetzt, wo Radfahrer und Fußgänger sich erneuerbarer Energien bedienen. In der “decroissanten” Stadt, werden die Einwohner wieder Gefallen am Bummeln finden, wie es Baudelaire oder Walter Benjamin träumten. Die Wiederaneignung des Bewohnens der Welt ist also ein Imperativ.

Man könnte daran denken, eine städtische Bioregion zu organisieren. Die städtische Bioregion besteht aus einem gemeinsamen Komplex territorialer und lokaler Systeme, die mit einer starken wirtschaftlichen Tragfähigkeit ausgestattet sind und die darauf abzielt, den Energiekonsum und externen Disökonomien [oder die negativen Externalitäten] zu reduzieren. Politisch könnte eine Bioregion als eine Stadt der Städte , Stadt der Gemeinden, Gemeinde der Gemeinden oder auch Stadt der Dörfer konzipiert werden, kurz ein polyzentrisches oder multipolares Netz. Man könnte das Areal der Untergrundbahn als ein Auffächerung der autonomen Stadtteile betrachten, die nach dem Vorschlag von Murray Bookchin als Verbund von Kommunen funktionieren. Yona Friedman schreibt: “Die Stadt, die seit Jahrhunderten nach der Formel ‘Der Ort wo alles getauscht wird’ funktionierte, wird zur Arche Noah, die bestimmt ist, trotz der Flut, das Überleben der Art zu garantieren. Eine große Autonomie, eine große Autarkie werden deshalb notwendig werden.” Die Autonomie bedeutet jedoch nicht vollständige Autarkie. Sie könnte den Handel mit denjenigen Regionen stimulieren, welche die gleiche Entscheidung, den Produktivismus zu verwerfen, vollzogen haben. Man wird auch die lokale Energieautonomie anstreben: Die erneuerbaren Energien sind den dezentralisierten Gesellschaften, ohne große menschliche Konzentration, adäquat. Die Auffächerung hat den Vorteil, dass jede Region der Welt über ein natürliches Potential verfügt, um ein oder zwei Versorgungsketten an erneuerbarer Energie  zu entwickeln.

“Werden wir eines Tages fähig sein, mit den Bürotürmen, den Stadien, den Kreuzungen, Einkaufszentren, Müllhalden und all den Vergnügungsparks in poetischer Weise zu wohnen, mit dem, was Rem Koolhaas Junkspace nennt?” So fragt Christophe Laurens, der Architekt und Städteplaner. Die Antwort gibt vielleicht Yona Friedman: “Um das Schlechte in Gutes zu verwandeln, werden wird uns von der Konditionierung lösen müssen, die wir mitgemacht haben.” Es geht darum, die Stadt anders zu bewohnen. Man denke an das Paris [Paris/Versprechen] der Wachstumsrücknahme.

In einem ersten Schritt wäre sie die jetzige Stadt, aus der die Reklame, die Autos und die Großvertriebe beseitigt wären. Eingeführt wären Gemeinschaftsgärten, Fahrradwege, eine öffentliche Verwaltung öffentlicher Güter (Wasser, Basisdienstleistungen) sowie Wohngemeinschaften und Läden des Stadtviertels. Dazu wird ein Umdenken nötig sein, aber auch eine gewisse Deindustrialisierung. Das Resultat dieser realisierten Deindustrialisierung wäre, dank differenzierter aber konvivialer Arbeitsmittel, der Beweis, dass man alternativ produzieren kann.  Auch wenn der Anteil der Eigenproduktion nicht total ist, ist er nichtsdestoweniger  wichtig.

In seinem herrlichen Buch “Manifest vom Glück. Wie aus einer Gesellschaft des Wohlhabens in eine Gesellschaft des Wohlseins kommen.” [Donzelli 2010]”, beschreibt Stefano Bartolini  die “relationale” Stadt, die quasi exakt dem Entwurf der Wachstumsrücknahme entspricht, wie folgt: “Die relationale Stadt ist eine der Knackpunkte meines Vorschlags, den Kindern eine weitaus höhere Priorität einzuräumen als dies augenblicklich der Fall ist, denn sie sind das Paradigma der engen Beziehung von Raum und Mobilität in der Bestimmung der relationalen Erfahrung.  Die Kinder benötigen Bewegungsbereiche in der Nähe ihrer Wohnung und der Möglichkeit, sie alleine zu erreichen. Die Schlüsselelemente einer relationalen Stadt sind: eine drastische Limitierung des privaten Autogebrauchs als strukturelles Maß, um den Gebrauch der öffentlichen Verkehrsmittel durch die Bürger zu erreichen; eine hohe Dichte der Einwohnerzahl; man benötigt viele Plätze, Parks; Fußgängerzonen von Qualität, Sportanlagen etc.; die idealen Fußgängerbereiche sind am Meer, an einem See, einem Fluss, einem Bach, einem Kanal: sie müssen in Form von Fußgänger- und Radfahrzonen durch die Stadt führen; es muss möglichst viele breite Fußgänger- und Radfahrwege geben; weite Ländereien in öffentlicher Hand müssen die Stadt umgeben, um dort Parks und Häuser bauen zu können.

Und der Süden? Gehen wir von der Realität aus. Zwei Milliarden Menschen leben in Barackenstädten [Bidonvilles] oder selbsterrichteten Favelas und sie werden nie in die produktivistische Stadt eintreten. Die Vision von Yona Friedman über die Architektur und Städteplanung des Überlebens ist sicherlich realistischer für den Süden und darüberhinaus für die “decroissante” Stadt des Nordens. Die Stadt der Armut ist ein Gemeinsames an Bidonvillages. “Die Bidonvillage”, sagt Friedman, “ist die anarchische Gesellschaft der Armen, die nichts mit einer ideologischen oder politischen Entscheidung zu tun hat;  Dieser Gesellschaftstyp konstituiert sich einfach deshalb, weil die Erfahrung gezeigt hat, dass dieser den Bidonvillages die besten Möglichkeiten des Überlebens garantiert.”

Und schließlich: “Die Antwort der Überlebensarchitektur auf die laufenden Probleme würde also lauten: weniger bauen, jedoch mehr lernen, auf eine andere Art zu wohnen; weniger unsere Felder ausbeuten und dafür lernen, unsere Kriterien für Essbarkeit zu revidieren; in der Stadt leben, in der wir wohnen, uns aber mit weniger Veränderungen organisieren und in unserem urbanen Dorf, isoliert von den anderen urbanen Dörfer  leben, die wir nicht mehr frequentieren, da sie für uns zu weit entfernt sind.”

In Erwartung notweniger Veränderungen in der weltweiten Governance und dem zunehmenden Machtantritt von nationalen Regierungen, die auf das Ziel Wachstum eingeschworen sind, werden die lokalen Akteure zahlreicher, die implizit und explizit die fruchtbare Straße der Utopie der Wachstumsrücknahme beschritten haben. Wenn das lokale Projekt an evidente Grenzen stößt, darf man die Möglichkeit nicht unterbewerten, dass auf dieser Ebene politische Schritte nach vorn gemacht werden können. Als Beispiele sind zu erwähnen: das Netzwerk neue Gemeinden, das Netzwerk Slow City oder Stadt im Übergang [Transition towns], die post-carbone Stadt.  Es sind die zahlreichen Erfahrungen ganz unterschiedlicher Städte, wie die Erfahrungen der Gemeinde Mouans Sartoux unter der Regie des Bürgermeisters André Aschieri, die Erfahrungen von Barjac und von Correns, die alle verbunden sind mit kleineren Initiativen [Gruppen des solidarischen Handels, Amap etc.]. 

Die Bewegung Städte im Übergang [Transition Towns], ist vielleicht die Form einer Basiskonstruktion, die sich am meisten einer Gesellschaft der Wachstumsrücknahme annähert. Diese Städte streben, laut ihrer Charta, nach Energieunabhängigkeit unter der Perspektive der Endlichkeit fossiler Brennstoffe; allgemeiner ausgedrückt, streben sie nach Resilienz. Der Begriff, der aus Physik entlehnt ist und in die wissenschaftliche Ökologie eingeführt wurde, kann als die Fähigkeit des Ökosystems definiert werden, gegenüber den Wechseln seiner Umwelt resistent zu bleiben. Wie  können beispielsweise die großen städtischen Agglomerate mit dem Ende des Rohöls, dem Ansteigen der Temperatur und allen vorhersehbaren Katastrophen  fertig werden? Die Antwort, die sich aus ökologischen Erfahrungen ergibt, wäre, dass Spezialisierung zwar die Performance auf einem Gebiet verbessert, jedoch die Resilienz des Ganzen mehr zerbrechlich werden lässt. Dagegen stärkt die Verschiedenheit die Resistenz und die  Fähigkeit zur Adaption. Die Wiedereinführung von Gemüsegärten, der Polikultur, der Landwirtschaft in unmittelbarer Nähe, kleiner handwerklicher Einheiten, die Multiplikation von Quellen der erneuerbaren Energie – all dies stärkt in der Konsequenz die Resilienz.

Zum Abschluss seien zwei Zitate von Architekten wiedergegeben:

Enrico Frigerio [in Slow Architecture] – “die ästhetische Architektur, als Schöpfung von Formen, ist, denke ich, quasi anachronistisch.”

Yona Friedman – “Nach allem, sind wir dabei zu festzustellen, dass der Kampf ums Überleben auch ein Fest sein kann.”

In Synthese: Die “decroissante” Stadt, als erster Schritt zu einer selbstgenügsamen Gesellschaft des Wohlstands, wird die Umwelt beschützen, die letztendlich die Basis allen Lebens darstellt. Sie wird jedem/jeder den demokratischsten Zugang zur Ökonomie gewähren, die Arbeitslosigkeit reduzieren, die Partizipation stärken [und daher die Integration] und ebenfalls die Solidarität. Sie wird die Gesundheit der Bürger/innen stärken, dank des Wachsens von Genügsamkeit und der Verringerung von Stress. Der landschaftliche Einfluss, auch wenn er nicht Gegenstand einer spezifischen Politik wäre, wird notwendigerweise positiv sein.

[Dieses Essay ist der Text eines Beitrags von Serge Latouche auf dem internationalen Meeting am 19. und 20. Mai in Rom, das unter dem Thema «The architecture of well tempered environment – Un’armonia di strumenti integrati» stattfand. Es wurde von der internationalen Architektenunion und der Union internationale des architectes, architecture and renewable energy sources  organisiert.]

Übersetzung aus dem Italienischen von Günter Melle     

   

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