Was braucht der Widerstand? Oder: von der Partizipation direkter Demokratie!

Demokratiebewegung in Bologna

Quelle: I ragazzi d’Italia cominciano a indignarsi

Versammlungen und Vorschläge die zur Abstimung gestellt werden. Die Bologneser halten neugierig an, wenn sie bei ihrem Spaziergang vorbeikommen. “Wir wollen unserer Empörung den Ausdruck einer ganzen Generation verleihen, die riskiert, ausgelöscht zu werden.” Gibt es Bindungen mit der Bewegung von Beppe Grillo? “Reale Demokratie heißt jetzt die Verbindung mit anderen Jugendlichen auf den anderen Plätzen suchen. Wenn die Politiker mit uns diskutieren wollen, sollen sie hierherkommen.” Das Wort “Revolution” wird vorsichtig gebraucht. Für die Zeitungen ist lediglich ein Maghrebiner interessant, der betrunken, nur in Unterhosen, die Statue des Neptun in Bologna erkletterte. Von den Jugendlichen, die ihre Hoffnungen austauschen, wird nicht geschrieben. Vor was haben die Medien Angst?

Die italienischen Jugendlichen beginnen sich zu empören: es sind zwar noch wenige, die sich auf den Plätzen einfinden, aber auch in Spanien hat es so begonnen
von Enrico Pelluco
 

Demokratie jetzt!

 

Bologna – “Was braucht ihr, um in der Besetzung des Platzes durchzuhalten? Medienaufmerksamkeit? Unterstützung der Politik?”

“Wir brauchen Matratzen, Essen und Zelte, um uns vor der Sonne zu schützen … Wir haben die Unterstützung der Bürger, sie kommen, um sich zu informieren und sie sind auf unserer Seite. Die Presse kümmert sich um etwas anderes: um den Betrunkenen in Unterhosen, der gestern 10 Meter  von unserem Camp entfernt, die Statue des Neptun bestieg. Heute spricht die Presse nur von ihm, aber nicht von uns. Und die Politiker? Na ja, die haben sich noch nicht blicken lassen, sollten sie kommen, werden sie sich zu uns setzen und sie werden warten müssen, bis sie in der Versammlung mit dem Reden an der Reihe sind .” 

Daniele, dreißig Jahre, Trevisaner, Diplomphilosoph; er arbeitet Part time und organisiert mit Begeisterung Straßentheater. Enrico, 21 Jahre, Neapolitaner; er ist Student an der Dams in Bologna (FB Musik, Kunst, Theater). Zusammen mit weiteren Jugendlichen haben sie seit sechs Tagen die Piazzale Nettuno in Bologna besetzt.

“Alles begann vor 10 Tagen mit den Initiativen der `Indignados`von Madrid, welche von unseren spanischen Kommilitonen aufmerksam verfolgt wurden. Sie sympathisierten mit ihren Landsleuten.” 

In der Folge wurde im Bündnis italienischer Jugendgruppen diese Form des Protestes gewählt. Er wurde vom iberischen Protest inspiriert, hat aber genügend eigenen Anlass, die Empörung auch auf unsere Plätze zu tragen: gegen prekäre Arbeits- und Lebensbedingungen, gegen die Einschnitte in der Forschung, gegen die ökomische – politische Lobby, gegen die heutigen Formen der Vertretung, die alles andere als vom Geist der Demokratie beseelt sind.

Der Modus operandi der Versammlungen, auf den Plätzen dieser Tage, ist die partizipative Form der ‘direkten Demokratie’: “Jeden Abend um acht beginnt die Versammlung; es wird die Tagesordnung diskutiert, die Mittags von allen beschlossen wurde; es wird über Anträge abgestimmt und die Arbeitsgruppen für den nächsten Tag organisiert.

Die Jugendlichen schreiben auf große Kartons Punkt für Punkt die Arbeitsergebnisse ihrer Versammlungen: während des Tages und in der Nacht wird über die einzelnen Anträge abgestimmt. 

“Wir möchten der Empörung einer ganzen Generation Ausdruck verleihen, die keine Zukunft für sich sieht. Wir schreiben schwarz auf weiß von unseren Problemen und von unseren Vorschlägen, die wir zu ihrer Lösung erarbeiten. Die Plakate, die wir auf der Piazza anbringen, sollen der Bürgerschaft die Augen öffnen; sie sollen Interesse wecken und zur Teilnahme aller anregen.”

Das  Auge der Piazza ist wichtig. Sie ist die ‘Bühne’, wo die Jugendlichen den Protest vielfältig und lebendig in Aktion umsetzen: Matratzen, Sonnenschutz, eine Kulturzone mit Büchern und Zeitungen, die auch für die Passanten bereitstehen, Essensvorräte, Decken, Transparente mit den Forderungen, Hinweisschilder  zu den unterschiedlichen Aufgabenbereichen.

Darja, eine junge Frau aus der Slowakei erzählt: “Es gibt unterschiedliche Arbeitsgruppen: sie kümmern sich um Essen, koordinieren die Versammlungen, pflegen Kontakte mit anderen Städten und bringen die Plakate auf den neuesten Stand. Sie hat in Bologna studiert und ist nun arbeitslos. Sie sucht Arbeit, damit ihr Traum hier zu bleiben, nicht platzt. “Wir müssen uns gut organisieren, um so lange wie möglich auf dem Platz zu bleiben. Wir zeigen, dass wir nicht zum Vergnügen hier sind, sondern weil wir wissen, dass unsere Zukunft auf dem Spiel steht.”

Die Abendversammlung ist ein wichtiges und unentbehrliches Ereignis. Unter dem Neptunbrunnen, wo sich der ganze Tag der Jugendlichen abspielt, versammeln sich hunderte Personen. Sie sitzen im Kreis. Eine Tonanlage, die an einen Generator angeschlossen ist, wurde von Bürgern zur Verfügung gestellt. Es ist die Stimme eines spanischen Jugendlichen zu hören, denn man ist mit der Placa Catalunya in Barcelona verbunden. 

Er berichtet über Neuigkeiten in Spanien, ermuntert die Italiener, dass sie auf den Plätzen bleiben, dass sie diese Bewegung am Leben erhalten, die von Nordafrika aus, die Straße von Gibraltar überquert hat. Es war eine regelrechte Invasion Spaniens, die aus der Stärke der Social Network schöpfte und Madrid mit Paris, Marseille, Mailand, Bologna und Neapel verband.    

Die Versammlung von nunmehr dreihundert Jugendlichen wird zur Attraktivität bei den vorübergehenden Passanten. Manche verweilen aus Neugier, manche stellen Fragen und lesen die Info-Plakate. Einige der Teilnehmer protokollieren die verschieden Redebeiträge, andere erneuern die Plakate und es gibt v.a. das Mikrofon, das die Stimme derer verstärkt, die etwas zu sagen haben und Vorschläge zur Abstimmung stellen.

“Ich gebrauche das Wort ‘Revolution’ mit Vorsicht. Sie kommt immer von unten, von der Straße, den Plätzen, von den Schwächsten, den Arbeitslosen und den Jugendlichen. Was in Nordafrika geschah, ist es nicht der Beweis!? Diese Bewegung kommt nicht von Parteien. Auch diejenigen, die sich solidarisch mit uns erklären, machen es prinzipiell nur wegen der medialen Wirkung. Vertreter der Parteien, die hier bei uns sitzen, gibt es nicht.

Es scheint, dass diese anfänglich spontane Bewegung Tage und Nächte organisierter wurde und transversalen wie horizontalen Charakter hat. Es fehlt die Parteienrhetorik, die Ideologien und Stellvertretung. Es ist Demokratie von unten, organisiert von der Zivilgesellschaft.

Mit wem habt ihr Verbindung? Bewegungen, Gewerkschaften, Komitees? Bürgerbewegung von Beppe Grillo?” Die Antwort ist klar und deutlich: “Das ist nicht der Punkt: ‘Reale Demokratie, jetzt!’ bedeutet, das Verbindungen mit anderen Jugendlichen auf den anderen Plätzen bestehen, mit denen die auf dem Boden sitzen.”

übersetzt von Günter Melle

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