8. Mai – Tag der Befreiung vom Faschismus

Eine Reise der Erinnerung

Kommentar: Robert Emminger

Der 8. Mai 1945 hat mich ein Leben lang begleitet.  Seit in mir politisches Bewusstsein für die Entwicklung der Menschheitsgeschichte heranreifte, stellte sich jedes Jahr, gerade an diesem Tag,  erneut die Frage, was war und ist dein persönlicher Beitrag, an einer Welt des Friedens, der Freiheit und der sozialen-ökologischen Gerechtigkeit und an einer demokratischen Gesellschaft mitzuarbeiten.

Letzteres sind heute hohle, so oft missbrauchte und geschändete Begriffe geworden und es ist gerade dieser Tag, der einem im Rückblick auf das Vergangene verdeutlicht, wie wenig wir uns doch diesen Idealen nähern konnten. In den Jahrzehnten nach Beendigung des zweiten Weltkrieges wurden Schlachten geschlagen, die so befürchte ich, uns weiter denn je von ihrer Verwirklichung entfernt haben.  Aus Frieden wurde strategisches Gleichgewicht und später die Strategie der Abschreckung, aus Freiheit die Eindimensionalität des westlichen Menschen, aus sozialer Gerechtigkeit eine wirtschaftliche Ordnung, die in ihrem unersättlicher Hunger nach Kapital mit ihrer Produktion von Tod, Leid und Elend vorangegangenen Geschichtsepochen den Rang an Barbarei streitig macht. Die Demokratie schließlich ist zu einem rein utilitaristischen Ansatz der Herrschaft von Reich über Arm verkommen, in dem der oder die Einzelne beliebig manipulierbar wird.

So bleiben mittlerweile Tage wie der 8. Mai 1945 mit seinen ehemaligen Erkenntnissen und seinen Schwüren hierzulande bedeutungslos und man trifft sich an solchen Tagen mit einer geringen Anzahl vermeintlich Gleichgesinnter, um festzustellen, dass selbst das Gedenken an diesen Tag ganz unterschiedlichen Prämissen folgt.

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In Offenburg hat dazu die VVN-BDA Ortenau auf dem alten Stadt – Friedhof eingeladen. “

“Am Gedenkstein für die ermordeten jüdischen Bürgerinnen und Bürger der Stadt Offenburg, spricht unsere Kameradin, Frau Prof. Dr. Sabine Prys zum Thema: Jüdische Erinnerungskultur & Erinnerungskultur in der Gesellschaft.
Ihr Gatte José Prys (Kantor) wird die Gedenkfeier mit Gesang umrahmen.”

Es wäre sicherlich ein interessantes Thema gewesen, wäre es nicht reduziert worden auf die der Frau Professor eigenen schon fast infantilen religiösen wie politischen Überzeugungen, die ja jedem und jeder erlaubt, aber nicht unbedingt bei solchem Anlass angebracht sind.  Sie berichtete von jüdischen, religiösen Feiertagen zur Dokumentation jüdischer Erinnerungskultur fast so wie ein katholischer Priester die katholischen Feiertage ins Licht rückt; die Erinnerungskultur der Gesellschaft fiel noch magerer aus, da sie auf wichtige Stränge der Nachkriegsgeschichte zur Schaffung und zum Scheitern  einer antifaschistischen Erinnerungskultur in Deutschland überhaupt nicht einging.

Es ist aber nur wünschenswert, dass die VVN-BDA-Ortenau diesen Beitrag auf ihrer Website veröffentlicht, um ihn diskutabel zu machen. An sie wäre gleichzeitig die Frage gerichtet, ob sie ebenfalls wie die Professorin der Ansicht ist, dass Kritik am Staat Israel über die Behandlung “der armen Palästinenser” zu den “neuen Formen des Antisemitismus” zählt.

Zur Erinnerungskultur sollen hier an dieser Stelle einige von Primo Levi’s Gedanken anlässlich seines Buches “Se questo è un`uomo” wiedergegeben werden. Er hat im Nachtrag zu diesem Bericht über das Inferno des Massenvernichtungslagers Auschwitz zu einigen Fragen Antwort gegeben, die immer wieder in seinen Gesprächen mit Jugendlichen in den Schulen Italiens gestellt wurden.

“Sind Sie nach der Befreiung jemals nach Auschwitz zurückgekehrt?

Ich bin nach Auschwitz wieder anlässlich einer Gedenkfeier zur Befreiung der Lager im Jahr 1965 zurückgekommen. Wie ich in meinen Büchern erwähnte, bestand das Imperium von Auschwitz nicht nur aus einem Konzentrationslager. sondern aus ungefähr vierzig: das eigentliche Lager Auschwitz war am Rande der gleichnamigen Stadt (polnisch: Oswiecim) errichtet. Es war für ca. 20000 Gefangene ausgelegt und war sozusagen das administrative Lager des gesamten Komplexes. Es gab dann das Lager Birkenau (oder besser, die Gruppe von Lagern: drei bis fünf, je nach Kriterium), das bis zu sechzigtausend Gefangene erreichte. Davon waren 40000 Frauen. Hier kamen die Gaskammern und Verbrennungsöfen zum Einsatz. Schließlich gab es noch eine Anzahl variabler Arbeitslager, die z.T. hunderte Kilometer vom Hauptlager entfernt lagen. Mein Lager nannte sich Monowitz und war von ihnen das größte. Es erreichte 12000 Gefangene und lag 7 Kilometer östlich von Auschwitz. Ich habe bei der Besichtigung des Hauptlagers keine starken Emotionen  verspürt. Die polnische Regierung hat das Lager in eine Art nationales Monument verwandelt. Die Zellen wurden gesäubert und neu gekalkt, es wurden Bäume gepflanzt und Blumenbeete angelegt. Auschwitz ist ein Museum, das Berge von menschlichen Überresten ausstellt: Tonnen menschlicher Haare, hunderttausende Brillen, Kämme, Rasierpinsel, Spielzeug, Kinderschuhe. Es ist ein Museum, weil es etwas statisches, wiederhergestelltes, künstliches an sich hat. Die ganze Anlage scheint mir ein Museum zu sein.

 

Angesichts der traurigen evokativen Macht dieser Orte, reagiert jede und jeder von uns Überlebenden unterschiedlich. Es sind jedoch zwei typische Muster zu beobachten. Zur ersten Kategorie gehören diejenigen, die sich weigern wieder hierher zu kommen. Sie wollen auch nicht darüber reden. Sie wollen vergessen. Es gelingt ihnen jedoch nicht und sie werden von Alpträumen geplagt. Jene, die vergessen haben, haben alles verdrängt und von null angefangen. Ich habe festgestellt, dass sie generell Individuen sind, die “unglücklicherweise” ins Lager geraten sind. Es sind unpolitische Menschen und für sie war das Leiden eine traumatische Erfahrung, die keinerlei Bedeutung für sie besaß und auch keine Lehren nach sich zog. Es war für sie wie ein Unglück oder wie eine Krankheit. Die Erinnerung ist für sie etwas fremdes, ein schmerzhafter Gegenstand, der in ihr Körper eingeführt wurde und sie haben versucht oder versuchen es immer noch, ihn zu beseitigen.

Die zweite Kategorie setzt sich jedoch aus den ehemaligen “politischen” Häftlingen zusammen. Es waren Häftlinge mit einer politischen oder religiösen oder starken moralischen Überzeugung. Für diese Überlebenden, ist die Erinnerung eine Pflicht. Sie wollen nicht vergessen und vor allen wollen sie nicht, dass die Welt vergisst. Sie haben begriffen, dass ihre Erfahrung einen Sinn hatte, dass die Lager nicht etwas zufälliges, unvorhergesehenes waren, ein Unfall der Geschichte.

Die nazistischen Lager waren die Spitze, die Krönung des europäischen Faschismus, die monströseste Art seiner Darstellung. Der Faschismus jedoch war schon vor Hitler und Mussolini da und er lebte in anderen Formen und Masken nach dem zweiten Weltkrieg weiter.  Überall in der Welt, wo die fundamentalen Freiheiten und die Gleichheit des Menschen negiert werden, begeht man den Weg zum System der Konzentrationslager und es ist schwer auf diesem Weg anzuhalten.”

Noch eine Bemerkung zur Erinnerungskultur

Gedenkstein an die Ermordung sowjetischer Zwangsarbeiter

 

 

 

 

 

 

 

Kein Kranz, keine Bekundung der Gemeinde erinnert an die Verantwortung der Stadt am Tod der Zwangsarbeiter. Der Gedenkstein wurde von der sowjetischen Vertretung in Baden-Baden erstellt. Bis heute hat die Gemeinde darauf verzichtet ihn zu restaurieren und an den Orten des Grauens, den Besuchern des Friedhofs zu erklären, was sich im Mai 1945  in Offenburg ereignete.

 

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