Gaza–der erste Tag ohne Vittorio

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logo_peacereporter Luca Galassi

übersetzt von Günter Melle

Gaza ist aus der Nacht nach dem Mord benommen aufgewacht. Da war ein Sarg, aus Karton gefertigt, mit den palästinensisch italienischen Fahnen geschmückt, der ins Zentrum des Parks bei der Jundy Bar, am Platz des unbekannten Soldaten, getragen wurde. Ein Trauerzug für den Helden und Märtyrer, heißt es hier.

Ein symbolischer Abschiedsgruß. Der Körper Vittorios liegt im Shifa-Hospital bis die Erlaubnis eintrifft, dass er nach Hause transportiert werden kann. Der Weg: durch den Gazastreifen, das Rafah-Tal, die Wüste, Kairo; vom Mittleren Orient über das Mittelmeer nach Italien.

Die Leute rufen: “Vittorio ist einer von uns!” Es sind wenige internationale Vertreter auf dem Platz des unbekannten Soldaten anwesend: höchstens ein Dutzend. Der Trauerzug besteht aus hundertfünfzig oder zweihundert Palästinensern und den Freunden. Unter ihnen befinden sich der Vorsitzende der Fischergewerkschaft und Familien der Bauern, denen Arrigoni half, die er unterstützte und die er kannte. Anwesend sind auch Polizisten, welche verschämt ihre Kalaschnikow und die Pistole versteckt tragen. 

“Die Bevölkerung ist bestürzt, diese Sache hat sie hart getroffen,” sagt eine ausländische Frau. Und sie fährt fort: “Es wurde ein Zelt am Hafen errichtet, wo  heute morgen die Leute ihr Beileid bekunden können. Auch die Regierung bewegt sich und sie kümmert sich um den Transport des Toten durch das Rafah-Tal, wie es seine Familie will. Die Hamas weiß, dass sie betrogen wurde, denn was man sagen wird ist, dass Vittorio naiv war, weil er den Palästinensern vertraute, dass ihn die Palästinenser verraten haben und die Hamas nicht in der Lage ist, ihr Territorium zu kontrollieren.”

Jemand anderes erzählt, dass er am Abend der Entführung Vittorio hinter dem Restaurant treffen wollte. “Er hat mich um acht angerufen, dann  hörte ich nichts mehr. Ich hatte ihn von Italien aus kontaktiert, dann aus Kairo…, wir hätten uns dort letzte Woche treffen sollen. Er hat dann im letzten Augenblick seine Reise verschoben. Ich bin früher angekommen und habe ihm Zigarren, das Geschenk eines Freundes, mitgebracht.”

Das Gallery Café ist das letzte säkulare Bollwerk in Gaza City. Einst war es Treffpunkt von Künstlern und Intellektuellen, heute ist es Bezugspunkt für die Ausländer. Draußen sind einige Bäume und ein Garten. Es ist der einzig grüne Platz im Stadtzentrum. Hier sind hunderte –vielleicht werden es tausend- Personen, die sich getroffen haben, um ihre Trauer und ihre Solidarität zu bekunden und gemeinsam gegen den Schmerz anzukämpfen. Unter ihnen sind viele Jugendliche der Gybo (Gaza Youth breaks out). Das ist die Bewegung, an deren Aufbau sich Vittorio beteiligte, um der palästinensischen Jugend eine Stimme zu geben, welche für ein Ende der Spaltung zwischen Hamas und Fatah und für die nationale Aussöhnung plädiert.

Shaed, 19 Jahre: “Victor war einer meiner besten Freunde, ein mutiger Junge, voller Hoffnung, langem Atem und vertrauensvoll. Es gelang ihm, einer von uns zu werden, ein richtiger Palästinenser, nicht einer von der Sorte, die ihn getötet haben. Die gehören nicht zu unserer Familie, ich möchte, dass dies aufgeschrieben wird, ich möchte dass die internationale Gemeinschaft erfährt, dass es ein großer Fehler ist, die Palästinenser mit seinen Mördern zu verwechseln. Die Palästinenser sind etwas anderes, dass sollte die internationale Gemeinschaft wissen.”

Silvia Todeschin ist die Freundin von Vittorio und Mitglied des International Solidarity Movement.

Sie sagt, dass die Leute sehr warmherzig und teilnehmend sind. Die Polizei kommt in den Garten. Es wird der Regierungschef der Hamas, Ismail Haniyeh, erwartet und am Abend wird ein Fackelzug für Vittorio stattfinden. Der  Premier hat die Begleitung des Sarges durch das Volk im Augenblick seiner Überführung angekündigt. Es wird nicht vor Sonntag sein, wenn der Weg über das nördlich gelegene Tal Eretz, durch den Gazastreifen und Israel, erfolgen soll. Der Übergang dort ist in der Regel von Freitagnachmittag und den ganzen Samstag über geschlossen.  Wenn es gelingt, freien Zugang über den südlichen Übergang von Rafah zu erhalten, welcher die palästinensische Enklave mit Ägypten verbindet, ist die Überführung schon am Samstagabend möglich.

Die Lichter des Hafens gehen an. Der Lärm erlischt. Gaza bereitet sich auf die erste Nacht nach Vittorios Ableben vor. Es fehlt ein Stern über seinem Himmel.

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