Die Linke Afghanistan gegen die US- und Nato-Besatzung

Interview mit dem Sprecher der laizistischen und progressiven Partei Hambastagi (Solidarität), die am vergangenen Sonntag (13.03.2011) hunderte Personen auf die Straße brachte und in Kabul gegen die USA und Nato protestierte.

Quelle: peaceReporter

Autorin: Milena Nebbia

Am Sonntag, den 13.03.2011, fand im Zentrum Kabuls eine große Demonstration statt (siehe auch das Video). Sie war die Antwort auf das Massaker an neun Kindern, das am ersten März ein Luftangriff der USA in der Provinz Kunar anrichtete. Hunderte Demonstranten zogen durch die Stadt mit dem Ruf: “Amis raus! Taliban raus!”. Sie trugen Schilder und Bilder mit sich, welche die blutigen Gesichter von verwundeten und toten Zivilisten der Nato Angriffe zeigten.

Bildgallery Solidaritätspartei

Die Demonstration wurde von Aktivisten der Hambastagi (Solidarität) organisiert. Sie ist eine Partei der Linken, laizistisch und progressiv. Gegründet wurde sie 2004 ehemaliger Exponenten der Maoisten und gewann schnell an Popularität, v.a. unter den Frauen. (unter ihren Gründerinnen sind Malalai Joya und Habiba Sarabi).

Das von Hambastagi auf der Demonstration verteilte Flugblatt ist eine scharfe Anklage gegen die ausländische Besatzung und wendet sich gegen die Absicht der USA, in Afghanistan dauerhafte Militärbasen einzurichten.

“Es wird immer offensichtlicher, dass der Rückzug der Nato bis 2014 nichts anderes als ein Lüge ist. Jeder einzelne Afghane weiß sehr gut, dass die Vereinigten Staaten Pläne einer permanenten Präsenz von langer Dauer in unserem Land haben. Die Marionettenregierung Karzai versucht die Massen zu überzeugen, dass die Präsenz der ausländischen Streitkräfte notwendig sei. Sie rechtfertigt so die Abkommen über neue permanente Militärbasen. Praktisch rechtfertigt sie aber die Kolonisierung des Landes. Die 737 Militärbasen der USA in 130 Ländern der Welt, einschließlich Afghanistan, haben nirgendwo Wohlstand und Glück gebracht. Für uns zeigte sich die us-amerikanische Besatzung schlimmer und grausamer als jene der Sowjetunion.” (Auszug Flugblatt der Partei der Solidarität) 

Said Mahmud (auf dem Foto) ist der junge Sprecher der Hambastagi. Er gab PeaceReporter das nachfolgende Interview.

Grundsätzliche Prinzipien Ihrer Partei sind Freiheit, soziale Gerechtigkeit und ökonomischer Fortschritt: ein nicht gerade häufiges Programm im zersplitterten politischen Panorama des Landes…

Es scheint utopisch, dennoch müssen wir an die Möglichkeit einer Veränderung glauben. Wir beabsichtigen die Leute in Demonstrationen, wie die von  heute, einzubeziehen, um verständlich zu machen, dass der friedliche Widerstand nicht verschwunden ist. Heute sind viele Familien der Opfer von Angriffen der NATO Truppen und der Taliban anwesend, die nicht militärische Ziele treffen, sondern die armen Leute, die Kinder. Die Leute sind müde, sie können nicht mehr!

Wie kommt es, dass Hambastagi sich nicht an den letzten Wahlen beteiligte?

Solange die Besatzung andauert, solange in der Regierung die War Lords sitzen, solange es keine Garantien für transparente Wahlen ohne Betrug und Zwang gibt, solange werden wir nicht an den Wahlen teilnehmen. Das ist eine prinzipielle Entscheidung. Viele der Parlamentsabgeordneten sind War Lords oder Leute, die ihrem Clan verbunden sind oder Kriminelle, die mit Heroin, Waffen, Menschen ihre Geschäfte treiben. Im Parlament fehlen Vertreter des demokratischen Teils im Lande. Es gibt keine Repräsentanten jener Gesellschaft, die auf das Verlangen nach individuellen und kollektiven Rechten Antwort geben könnten, da vielen von ihnen die Wahl, mit Hilfe der Wahlfälschungen, verwehrt wurde. 

Sie können auf circa 30000 Mitglieder im ganzen Land zählen:Wie ist das Aufnahmeverfahren, wie können Sie die Leute überzeugen, die gleichzeitig von den Taliban Arbeit und Geld als Gegenleistung für ihre Rekrutierung angeboten bekommen?

Wir können und wollen den Eingeschriebenen nicht Geld anbieten. Allenfalls bieten wir Alphabetisierungskurse an oder Kurse zu den Menschenrechten.  Dies v.a. in den am meisten bewegten Provinzen. Wir akzeptieren als Gegenleistung das, was kommt: Geld, Eier oder auch nichts. Wir haben einige Gönner, darunter auch Ausländer. Unser Ziel ist, eine Art Netzwerk weltweiter demokratischer Organismen zu schaffen.

Welche Rolle spielen die Frauen in Ihrer Partei?

Die Beziehungen zwischen Mann und Frau in der Partei sind über eine absolute Gleichberechtigung reguliert. Wir lehnen eine symbolische Rolle der Frau ab: Die Vizerepräsentantin von Hambastagi ist eine Frau, die Leitung der Partei, die 2009 erneuert wurde, zählt drei Frauen. In den Funktionen haben wir insgesamt 45%  Frauen. Es ist klar, dass sich die gestuelle Begegnung von Mann und Frau auf ein Händedruck begrenzt. Wir haben unterschiedliche Traditionen, verglichen mit den Euren. Aber ich würde nicht ausschließen, dass unsere Aktivistinnen zufriedener sind als die im Westen.

Wie begann Ihre Militanz in der Partei der Solidarität? Sind Sie sich bewusst, dass Sie mit Ihrer Aktivität ständig auch Ihr Leben riskieren?

Ich habe an der Universität begonnen , wo ich an der Studentenunion teilnahm. Dann habe ich Materialien der Partei gelesen, die gerade gegründet wurde und mir gefiel hauptsächlich ihre säkulare Matrix und die Einbeziehung des Volkes. Sicherlic ist mir klar, dass ich mein Leben riskiere, jeden Tag erhalte ich Drohungen über Emails und Telefonate im Parteibüro. Ich riskiere es auch am heutigen Tag, aber jeder Afghane riskiert täglich sein Leben, selbst wenn er nur auf der Straße geht.

Was halten Sie von den revolutionären Bewegungen in vielen arabischen Ländern? Sind Sie der Meinung, dass sich eine ähnliche Bewegung gegen das Regime auch in Afghanistan entwickeln könnte?

Wir nehmen Anteil am Kampf unserer arabischen Brüder gegen die Diktatur und wollen von ihnen lernen. Wir glauben, dass dass er auch hier möglich ist. Sicherlich bedarf es dazu mehr Zeit, da Afghanistan in der bezüglich der Bildung der Leute im Rückstand ist, dies auch bezüglich des Bewusstseins der eigenen Rechte und der Fähigkeit die Realität zu interpretieren. Sicherlich erhalten wir mehr Entgegenkommen bei den Jugendlichen, bei den Erwachsenen ist es schwieriger: es ist nicht leicht, die Mentalität von Menschen zu ändern, die unter repressiven Regimes aufgewachsen sind, zwischen Bürgerkrieg und militärischer Besatzung.


(Übersetzung Roberto Greco)

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