Ach ja– die Wahlen

Fast hätte ich sie vergessen, wäre da nicht dieses Gespräch gewesen, dessen Zuhörer ich rein zufällig wurde. Ich saß in der Cafeteria des Obdachlosenasyls, schlürfte an dem billigen Kaffee und blätterte in den ausgelegten Tageszeitungen.  Drüben am Nebentisch wurde gewürfelt.

Ansonsten waren im Raum noch zwei Leute, die hinter der Theke Dienst schoben. Der eine, eine hagere Gestalt, war von Beruf Versicherungskaufmann. Wie er hierher geriet, war sein Geheimnis, das er treu wie einen Schatz hütete, den er mit der ihm eigenen Aggressivität verteidigte. Hier wusste jeder über jeden Bescheid, ausgenommen über den Bänker, wie er genannt wurde. Selbst jetzt im Elend des Wohnungsverlusts,  legte er immer noch auf standesgemäße Kleidung wert, die, wenn auch stark abgetragen, immer noch Distanz signalisierte. Einige sagen, er hätte in fremde Kassen gelangt, wie immer war auch eine Frau mit im Spiel. Doch in einer anderen Version wird behauptet, dass er “rübergemacht habe”, irgendein hohes Tier, das niemand mehr haben wollte, was wahrscheinlicher schien und mir freundlicher herüberkam, um vielleicht einmal mit ihm ins Gespräch zu kommen.

“Na Sozi, gehst du wählen?” Wenn die Gespräche politisch wurden, hieß der Bänker auch Sozi. Der würdigte den Fragenden mit keinem Blick und keiner Antwort. “Sie haben ihm doch seine Partei geklaut!” sagte die Frau neben dem Fragenden, einem Sechziger, der bei jeder Gelegenheit erzählte wie er aus der Fremdenlegion desertierte. Der Legionär lachte und meinte: “Wer hätte das gedacht, dass die euch mal so alle machen.” Er zwinkerte seiner Nachbarin zu und alle warteten wir auf eine Regung des Bänkers. Es war zu sehen wie es in ihm arbeitete, in seinem Gesicht eine leichte Färbung hochstieg und er damit kämpfte, seine Gedanken herauszulassen.

“Ihr habt keine Ahnung, keine Ahnung habt ihr!” Das kam so befreiend heraus gleich einem Ructus oder Flatus, die schon lange fällig gewesen wären.  Es war eher ein Flatus, der auf den Legionär mit den besten Schimpfworten eindrang. Es war von Kapitalistensöldner die Rede, von Kinderficker, Frauenschänder – schlichtweg, das gesamte Vokabular eines in Heftigkeit geratenen interessanten Diskurses, der den bürgerlich akademischen Kreisen  in ihrer so unendlichen Bildungslangweile abgeht,  dessen sich der rhetorisch geübte und psychologisch versierte Bänker bediente. Ich erwartete nur noch eine Steigerung dieser Unterhaltung, die aber zur Verwunderung aller nicht stattfand.

Es war der Legionär selbst, der Konfliktmanagement betrieb und sagte: “Reg`dich ab, lass uns mal richtig darüber quatschen… Gehst du nun wählen?” Und ohne eine Antwort abzuwarten, machte er uns mit einer Sicht der Dinge vertraut, die es nicht nötig hatte, die rituellen Formeln nachzubeten, die bei solchen Anlässen ihre Vervielfältigung aus den präparierten Winkeln der Schulzeiterinnerungen finden. Klaus, der Legionär – es ist an der Zeit seinen Namen zu erwähnen – erzählte von seinem ersten Einsatz in Algerien, von den Greuel, die er im Namen der Grande Nation und ihrer Ideale Egalitè, Libertè, Fraternitè ausführte und dabei in keinem Augenblick daran zweifelte, dass die Fellachen es nicht verdient hätten, “so hart hergenommen zu werden”.

“Es ist das Gequatsche, das ständige Gequatsche, das mir auf die Senkel geht…“  Er sagte das mit soviel Gutmütigkeit im Ton wie sie zu seinem Bauch und vollen Gesicht passte. Er hätte uns zuvor alle Scheußlichkeiten der Welt, die er begangen hat erzählen können, ich fühlte mich in seiner Nähe geborgen und behütet vor allen Gefahren, die der zivilisierten Welt in diesen Tagen drohen. Wählen ginge er nicht, das wäre was für gutgläubige Kinder, die eben so gut die Heiligen, den Adel und den Papst anriefen, damit sich  für sie etwas zum Besseren bewege. Die Entscheidungen der Macht, über Krieg und Frieden, über Hunger und Elend, über Wohlstand und Dummheit, die sich Bildung nennt, gingen von oben nach unten. “In unserem Metiers ist die Frage schon längst gestellt… Entweder du wirst ihr Schlächter oder ein Heiliger. Aber wehe du wirst einer.!”

Die Frau neben Klaus begann hysterisch zu lachen. “Ausgerechnet du… ein Heiliger… ein Heiliger, du bist doch schon als Gauner auf die Welt gekommen.” Das schmeichelte ihm sichtlich und er schaute sinnlich lächelnd in das Gesicht der jungen Frau. Im Verlauf des Disputs spielte der Bänker nur noch eine Nebenrolle. Er zappelte nervös hinter der Theke fuchtelte mit seinen langen Armen durch die Luft, kommentierte manchmal die Argumente mit der Bemerkung: “Ja, wenn das so ist, was soll man dann machen?”

“Ja, wenn das so ist, was soll man dann machen?” Eine Antwort darauf kann ich nicht geben, zu schwer ist das Naheliegende zu machen. Der Weg nach Hause führte wie gewöhnlich an den Bettlern in der Fußgängerzone vorbei. Sollte ich ich sie fragen? Ich gebe ihnen schweigend etwas von meinen eigenen Brosamen ab. Ihre Antwort kenne ich schon.

Günter Melle

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