Die Zukunft der arabischen Jugend, die ihre Freiheit gewonnen hat

von Adel Jabbar

Während die Diktatur Gaddafis in Agonie liegt und sich die Diktatoren im Bund mit den Ölmagnaten beeilen die Regierungen und Konstitutionen zu verändern, verwandelt die Gewaltfreiheit die arabischen Nachbarn Europas.

Quellen:

The future of arabic youth who have gained his freedom

 Il futuro dei ragazzi arabi che hanno conquistato la loro libertà

28-02-2011

Autor:  Adel Jabbar

image_thumb

14. Januar 2011: ist das Datum, welches den in der Mehrheit der arabischen Länder herbeigesehnten Wendepunkt markiert und an dem der Despot (al-taghiya) Ben Ali geflohen ist. Der Tyrann, der Tunesien über 23 Jahre als Geisel genommen hat, ist nicht mehr.

25. Januar 2011: ist der Tag an dem die Jugend Ägyptens die Einladung der Jugendbewegung 6. April zu demonstrieren angenommen hat, mit dem Ziel, der Herrschaft eines weiteren arabischen Diktators ein Ende zu setzen, der Ausnahmegesetze zur systematischen Praxis der Regierung machte. Sie verwandelte das ganze Land mit seinen 60 Millionen Bürger und Bürgerinnen in Familienbesitz.

Diese beiden Daten deuten einen radikalen Bruch mit Jahrzehnten der Stagnation an, welche zum besonderen Merkmal der arabischen Gesellschaften zu werden drohte. Die Proteste (al-tadhahurat), die Insurrektion (al-wathba), der Aufruhr (l’intifada) und die Revolution ((al-thawra), welche den gesamten arabischen Raum von Mauretanien bis zum Jemen durchziehen, drücken das Verlangen  der Völker nach einem Frühling der Renaissance (nahdha), nach Öffentlichkeit, nach Entschädigung und Erneuerung (tajdid) aus.  Diese Ereignisse sind Folge einer äußerst langen Periode, die  nicht aufhörende Ängste, Repressionen und Verfolgungen   sowie eine allgemeine Verarmung der Gesellschaft  kennzeichnet, von der ein enger Familienkreis und seine Höflinge ausgenommen sind. Es sind Jahre der politischen und soziokulturellen Rückständigkeit gewesen, Jahre schwerer Niederlagen auf der Ebene der Außenpolitik und des Verlusts an Souveränität. Die ganze arabische Welt fand sich tatsächlich erneut unter Bedingungen wieder, welche die koloniale Epoche in Erinnerung riefen.

Dank der Jugendbewegungen beginnen dieser Tage Millionen der Bewohner im arabischen Raum das Ende des Tunnels zu entdecken und das Licht eines neuen, notwendigen Erwachens (sahawa) zu erblicken.

Die Ereignisse, welche die arabischen Gesellschaften erschüttern und die verschiedenen Vasallen und Satrapen wegschwemmen zeigen:

1. dass die Völker ihre Angst überwunden haben, die sie seit Jahren paralysierte und dass sie den Mut gefunden haben die Kultur der Einschüchterung und des Terros zu bezwingen. Die Tyrannen haben sie benützt und benützen sie als einzigen Modus ihres Regierens;

2.  dass die oft säkularen Eliten nichts anderes darstellen als Familienclans der mafiosen Art; 

3. dass die Mächte des demokratischen Westens die korrupten und gewalttätigen Regimes unterstützten. Sie setzten an die erste Stelle ihre eigenen materiellen Interessen und vergaßen dabei in Gänze ihre Kultur der Menschenrechte, von der sie  nicht  selten  als rein instrumentalisierte Begrifflichkeit  Gebrauch machen; 

4. eine Reife und ein Bewusstsein der jugendlichen Schichten ohne ideologische Anleihen im 20. Jahrhundert;

5. dass weite Teile die Gewaltlosigkeit und den zivilen Ungehorsam praktizieren, um ihre Rechte und ihre Würde einzufordern; und sie verweigern sich dem Allgemeinplatz, der die arabische Gesellschaften im Blut und religiösen Fanatismus ertränkt und sie auf das Bild der Figur Bin Laden und der al-Qa´aida reduziert;

6. das Fehlen antiwestlicher Rhetorik  (es dienten weder Interessen noch Personen oder westliche Symbole als Zielscheibe) und die Fähigkeit eine transkulturelle Sprache zu sprechen, die in der Lage ist, in einer Welt der Widersprüche und der Vielfalt zu kommunizieren mit den Slogan wie Würde, Freiheit und Gerechtigkeit.

Viele fragen sich, welches die Konsequenzen der Revolten sein werden. Man kann zusammenfassend versuchen auf zwei offensichtliche Veränderungen hinweisen: eine interner und die andere externer Natur. Bezogen auf die innere Realität, könnte dies der Beginn eines politischen Kurses bedeuten, der die unterschiedlichen politischen Subjekte anerkennt, die zunächst versuchen werden, sich in dem neu geschaffenen Szenario zu positionieren und die dann um einen Konsens in der Bevölkerung mittels der Wahlurne ringen werden. In diesem Panorama werden die verschiedenen und unterschiedlichen Visionen islamischer Prägung sicherlich eine Rolle spielen, jedoch wird es sich nicht um eine totalitäre und hegemonisierende Rolle handeln wie es einige Analysten behaupten. Selbst wenn eine islamische Partei eine bestimmende Position in den neuen Zusammensetzungen einnehmen würde, wäre sie sehr nahe an der Erfahrung mit der aktuellen türkischen, demokratisch-islamischen Komponente. Sie wäre daher vergleichbar mit den christdemokratischen Erfahrungen in Europa.

Was den zweiten, den externen Aspekt betrifft, werden die Veränderungen langsamer sein und sich vorsichtiger entwickeln. Eine der vorhersehbaren Veränderungen wird das Überdenken der interarabischen Beziehungen betreffen. Es wird um eine bessere Zusammenarbeit mit dem Ziel gehen, sich eine Rolle auf der Weltbühne zu sichern und politisches Gewicht zu bekommen bezüglich einiger heißer und sensibler Themen wie z.B. das Palästinenserproblem, die Situation Somalias, und die Beziehungen zum Iran. Weiterhin wird versucht werden, sich von einigen Entscheidungen der us-amerikanischen Politik zu distanzieren und eine autonome Stimme zu finden, ohne sich von den Entscheidungen Washingtons überrollen zu lassen wie es in letzten Jahrzehnten geschehen ist (z.B. die Teilnahme am Krieg gegen den Irak, die Unterstützung des Krieges gegen Afghanistan und die Teilnahme an einem eventuellen Angriff gegen den Iran).

Was sicher ist und das beweisen die derzeitigen Geschehnisse, dass die Völker Arabiens bereits eine bestimmende Rolle in der politischen Agenda, sei es national oder internationale eingenommen haben. Sie haben ein perfektes Bewusstsein über ihre eigene Rolle, ihre eigenen Rechte und ihre eigene Würde.

(Übersetzung Günter Melle)

3 Comments

  1. Die „arabische Jugend“ gibt es so wohl nicht. Aber immerhin: ein erster, wichtiger Schritt wurde gemacht, und zwar von den jungen Leuten in den jeweiligen Ländern. Aber, es war nur der erste Schritt. Alle weiteren Schritte werden schwieriger, viel schwieriger werden, denn es gilt, die alten, eingefahrenen, gefestigten und über Generationen „bewährten“ wenn auch kontraproduktiven, Strukturen zu brechen. Das wird viel mehr Geduld, Beharrlichkeit und auch Konsens verlangen. Meine besten Wünsche begleiten jedenfalls diese Jugend.

    Liken

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s