Revolte in Tunesien

In Tunesien und Algerien greift die Generation Präkariat zum Widerstand, geht auf die Straßen und wehrt sich dagegen, dass sie für die Kosten der Krise bezahlen soll. 

Der soziale Widerstand in den Mittelmeeranreinerstaaten, so das Kommando, das auch von verschiedenen europäischen Staaten unterstützt wird, muss mit allen Mitteln der Gewalt zerschlagen werden.

El General, der tunesische Rapper, wurde am 8.Januar verhaftet, weil er der Revolte seine Stimme gibt, das korrupte Regime entlarvt und die verzweifelte Lage seiner Leute schildert.

El General–tunesischer Rapper am 8.1.2011 verhaftet

13.01.2011 – Die Revolte in Tunesien geht weiter voran. Im Monat Dezember 2010 wurden die Straßen der tunesischen Hauptstadt noch hauptsächlich durch die Mobilisierung von Rechtsanwälten und Gewerkschaftern im Protest belebt, zu denen sich dann Studenten der Universitäten und Schüler der Gymnasien gesellten. Seit gestern haben sich der Bewegung die Arbeiterviertel der Stadt angeschlossen. Es gab eine lange Nacht des Widerstandes, in der Banken und die Parteibüros von Ben Ali gestürmt wurden und die sogenannten Ordnungskräfte mit Gasgeschossen und scharfen Schüssen nicht sparten.

Die Ausweitung des Widerstandes auf die Arbeiterviertel ist das Ergebnis der Wut über die gewalttätigen Übergriffe des Staatsapparates in deren Folge Demonstranten ums Leben kamen. Die schwarzen Tiger des Präsidenten Ben Ali sorgten die vergangenen Tage dafür, dass bei den Demonstrationen Blut floss. In Tunis wurden fünf Demonstranten erschossen, darunter ein Universitätsdozent. Es gab viele durch Gasgeschosse Verletzte als  die Demonstranten versuchten, ins Zentrum der Stadt vorzudringen. Am Nachmittag gelang es hunderten Jugendlichen bis zur Porte de France zu ziehen, die am Fuß der Medina, in der Nähe der Avenue Bourguiba liegt. Dort wurden sie von Einsatzkommandos der Polizei und ihren Gasgranaten empfangen. Die Polizei ist mittlerweile in der Hauptstadt dazu übergegangen, besonders Gewerkschafter und Kommunisten ins Visier zu nehmen und ihre Aktivisten in den Geschäftsstellen und Wohnungen zu verhaften. Verhaftet wurde u.a. Hamma Hammami, Chefredakteur der inzwischen verbotenen Zeitung Alternatives und Sprecher der Kommunistischen Arbeiterpartei Tunesiens. Eine offizielle Begründung der Inhaftierung von Seiten der Behörden liegt nicht vor. Von Gewerkschaftsseite ist zu hören, dass mit der Verhaftung versucht wird, den für morgen, am Freitag, ausgerufenen Generalstreik zu unterbinden.

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Die Hoffnung auf einen Erfolg der Repressionsstrategien dürften gering sein, da sich bereits im Zentrum, an der Küste und im Süden Tunesiens zahlreiche Städte im Streik befinden. In Sfax folgten Tausende dem Aufruf der Gewerkschaften  unter der Losung “Freiheit” auf die Straße zu gehen. Die Polizei schoss wahllos in die Menge und tötete einen 14 jährigen Jungen. Die friedliche Demonstration verwandelte sich in Revolte.

Streiks und Demonstrationen u.a. auch in den Städten Touzer, Douze (hier hat die Polizei ebenfalls einen Jugendlichen erschossen), in Nabeul und Monastir, in Thala und Kesserine. Radio Kalima berichtet unter Berufung auf Gewerkschaftsquellen, dass die Polizei von Kesserine unter den Augen der Eltern ihre Töchter vergewaltigte, was den Zorn dieser seit Tagen massakrierten Stadt weiter anheizte. Während ganz Tunesien von den Brutalitäten des Staatsapparates, den Streiks, Demonstrationen und den Toten spricht, beginnt die Armee die wichtigen Städte des Landes zu besetzen.

In Tunis sind Einheiten rund ums staatliche Fernsehen, vor der französischen Botschaft und vor Institutionen in der Avenue Bourghiba  positioniert. Der Chef des Generalstabs hat am Morgen seine Demission bekannt gegeben, die vom Präsidenten angenommen wurde. Wenig später gab Ben Ali die Entlassung des Innenministers und seine Ersetzung durch den Staatssekretär Achmed Fraa, einem ehemaligen Universitätsdozenten,  bekannt. Der ließ verlauten, die Freilassung aller während der Revolte Verhafteten  anordnen zu wollen.

Der tunesische Präsident versucht somit sein in der internationalen Öffentlichkeit ramponiertes Image wieder aufzupolieren.  Nicht rein zufällig ist die Tochter des Diktators Mittwochnacht nach Kanada geflogen und seine Frau in die Vereinigten arabischen Emirate. Es scheint, dass die Wochen der Massenmobilisierung auch auf die polizeilichen Institutionen ihre Wirkung ausübten. Die Gewerkschaften haben auch wegen der Ausgangssperre ab acht Uhr abends zum einwöchigen Generalstreik aufgerufen. Sie verlangen die Einstellung des Schusswaffengebrauchs und die Einsetzung einer Regierung der nationalen Einheit, welche die notwendigen Reformen durchsetzt, welche die Redistribution des Reichtums an die Bevölkerung und die freie Meinungsäußerung garantieren. 

Während in den Städten die Revolte weitergeht, sind die Soldaten von ihren Lastwagen abgestiegen und warten insgeheim auf die Befehle in einer weiteren Nacht der höchsten sozialen Anspannung.

Quelle: Il Manifesto, Autor: Fulvio Massarelli

Übersetzung: Roberto Greco

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