Liebe G8, ihr habt die Banken gerettet…

Frei Betto
Frei Betto

Sind die Hungrigen für euch Abfall?

Frei Betto

Er ist eine der freien Stimmen der Befreiungstheologie. Er ist Dominikanermönch, der während der brasilianischen Militärdiktatur eingesperrt und gefoltert wurde. Sein menschliches Wirken ist unvermeidlich politisch. Es gilt den Millionen Enterbten, welche am Rande der Städte und auf dem Lande leben. Das machte ihn in den Augen der regierenden Militärs Brasiliens gefährlich. Betto Frei schrieb 53 Bücher. Seine direkte und faszinierende Prosa analysiert Ökonomie und Politik sowie das Leben der Menschen mit einer – nicht nur für die starken Regierungen Lateinamerikas – „subversiven“ Rationalität. Darum kümmert er sich jedoch nicht. Die Bewunderung, die ihm die Jugend aller Kontinente schenkt, entschädigt ihn für das Misstrauen, das ihm die Mächtigen entgegenbringen. Vor 25 Jahren traf er sich mit Fidel Castro zum Interview. Er schrieb darüber ein Buch, das in der Welt die Runde machte. Der brasilianische Präsident Lula machte ihn zum Ratgeber für sein Programm „Hunger Zero“. Heute ist Frei Betto Berater verschiedener kirchlicher Basisgemeinden und der Bewegung Sem Terra (Ohne Land) Er gewann verschiedene Preise. Der brasilianische Schriftstellerverband benannte ihn als den Intellektuellen des Jahres. Sein Buch Bluttaufe wurde als Film gedreht. Der folgende aus dem Italienischen ins Deutsche übersetzte Artikel wurde am 25. März 2010 veröffentlicht und sollte auch hier im trüben Lande zur Kenntnis gebracht werden.

***

Die ökonomische Krise, die im September 2008 begann, verlangt von allen ein Nachdenken über unsere Gewohnheiten, die zu verändern wären. Denn hinter dieser Krise versteckt sich eine noch wichtigere Überlegung: wie ist das zivilisatorische Modell zu verändern. Wollen wir eine Welt der Konsumisten (wie es vor der Krise angesagt war) oder eine Welt der Bürger/innen? Die Schwankungen des Marktes haben die Regierungen zum Eingreifen gezwungen. Die unsichtbare Hand, die unser Leben konditioniert, ist amputiert worden. Das Zerbrechen der Ökonomie verlangt die dringliche Präsenz des Staates. In gewissem Sinne kehrt man in alte Zeiten zurück und vergisst den ungezügelten Liberalismus. Für ihn hat der Markt – völlig auf sich selbst bezogen – den Blick auf ethische Werte verloren und folgt nur den Erfordernissen des Profits. Nun ist er sein eigenes Opfer geworden und schreit nach Hilfe.

Deshalb verlangt die Krise einen Wechsel der Regeln. Was für einen Sinn kann Solidarität mit den Banken angesichts von Milliarden chronischer Hungernden haben? Warum haben die G8-Regierungen mit 180 Milliarden Dollar interveniert, um den Kollaps des kapitalistischen Finanzsystems zu verhindern und warum haben sie gerade mal knapp 20 Milliarden für den Hunger in der Welt vorgesehen? 20 Milliarden haben sie auf dem Treffen in Aquila (Juli 2009) versprochen, die bis heute nicht gezahlt wurden.

Ist es wichtiger das Finanzsystem oder die Menschheit zu retten? Eine Ökonomie, die auf ethischen Werten basiert, hat als erstes Ziel, die Verringerung der sozialen Ungleichheit und das zivile Überleben aller Menschen. Wir wissen, dass heute unter der Armutsschwelle 1 Milliarde und 300 Millionen Menschen leben. Der Mangel an Nahrung tötet jeden Tag 23 000 Personen. 80 % des Weltreichtums indessen liegt konzentriert in Händen von 20% der Weltbevölkerung. Wenn sich die Relation nicht ändert, ist die Menschheit auf dem Weg zur Barbarei. Die Regierungen sollten sich um ein Wachstum der menschlichen Entwicklung kümmern – ein würdiges Leben für alle -, anstatt um das Bruttoinlandsprodukt. Die Mehrheit der Menschen verlangt nicht reich, sondern glücklich zu sein. Die Krise regt zu Antworten auf die Frage an: Welches Gesellschaftsprojekt zeichnen wir für die Zukunft? Was nützen die wissenschaftlichen und technologischen Fortschritte, wenn Millionen sich nicht behandeln lassen, essen, studieren, öffentliche Transportmittel benützen können; wenn sie keine anständige Wohnung haben und keine Stunden der Lektüre oder der Unterhaltung zur Erbauung des Lebens? Ein System kann nicht als ethisch und umso weniger als human bezeichnet werden, wenn es den privaten Gewinn begünstigt und vor die Interessen der Gemeinschaft setzt; wenn es mit der Produktion spekuliert, um den Wohlstand von wenigen zu fördern. Ein System ist nicht ethisch, wenn die Minderheiten üppig auf Kosten der Misere von Mehrheiten leben.

Die Ethik einer Welt nach der Krise muss als Fundament das Gemeinwohl im Auge haben, das den individuellen Interessen vorsteht. Der Staat hat die Ökonomie zu regeln, damit die Bevölkerung Zugang zu unverzichtbaren Dienstleistungen hat. Sie benötigt sie nicht nur zum Leben, sondern auch um Kultur und Spiritualität zu erweitern. Frau und Mann von heute sind nicht nur verdauende Körpertrakte, sondern geistige Wesen, die ein Recht haben, nicht materielle Bedürfnisse zu befriedigen.

Die Ethik des neuen zivilisatorischen Projektes schließt den Respekt vor der Natur mit ein. Es basiert auf nachhaltiger Entwicklung, auf den Werten der solidarischen ökonomischen Netzwerke. Sie sind unverzichtbare Elemente zur Stärkung der Zivilgesellschaft und der Orientierung öffentlicher Macht.
Aristoteles hat uns gelehrt, dass das höchste zu erstrebende Gut – bevor wir uns dem Schlechten ergeben – nicht auf dem Markt zu kaufen ist: es ist das Glück, das wir in uns haben. Der Markt versucht uns zu überzeugen, dass es kein absolutes Glück gibt. Für ihn existiert nur eine Summe der Vergnügen, die uns zufrieden stellen sollen. Diese Illusion ruft Frustrationen, spirituelle Desaster und Niedergeschlagenheit hervor, die wir versuchen mit der Chemie der Antidepressiva oder mittels Drogen zu bekämpfen. Zur
Weltkrise: Das Schlimmste bei einer Krise ist, nichts aus den Leiden zu lernen, die uns aufgezwungen werden. Leider bewirkt das Bemühen die Effekte abzuschwächen, dass wir uns nicht darum kümmern, die Ursachen zu beseitigen.

Wer weiß, ob die Religion uns helfen kann, neuen Werten zu begegnen die in der Welt der Nachkrise zu gebrauchen wären. Eines aber ist sicher: wer sich einer profunden inneren Spiritualität anvertraut, bezieht sich auf einen kostbaren Ausgangspunkt der Kraft. Es ist die Spiritualität, welche das Profil und die Kraft der Menschen beschreibt. Jeder Mensch hat Durst nach dem Absoluten.

Wenn ich durch die Straßen oder einen Markt gehe, antworte ich den Verkäufern, die mir ihre Ware anbieten mit den Worten von Sokrates. Um den Geist auszuruhen liebte er es zwischen den Verkaufsständen Athens zu spazieren. Wenn die Verkäufer ihn bedrängten, antwortete er: „Ich kaufe nichts. Ich überzeuge mich nur, wieviele Dinge es gibt, die ich nicht benötige, um glücklich zu werden.“

Übersetzung Günter Melle

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