Karawane 2010 gegen Armut und Ausgrenzung

Ein Reisebericht -Teil I-

von Günter Melle

Inhalt:

Die Akteure – Ein Menschenrecht auf Wohnen – Arm und Reich – Die 13 Forderungen des Volkes – Meditation und Kloster/Menschen am Rande – Ausgrenzung/Wissenschaft + Betroffenheit/Ausladung –

Meinem Freund Dirk Adam gewidmet!

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Im Mai 2010 zog über zehn Tage hinweg eine Armutskarawane durchs badische Land. Sie machte Abstecher nach Basel in der Schweiz und nach Mullhouse in Frankreich. Ich möchte an dieser Stelle von ihrer Reise berichten. Dies geschieht nicht ohne die Anmerkung, dass der Blick auf das Geschehen, von der eigenen Betroffenheit geschärft, Akzente setzt, welche Befindlichkeiten der Armuts- und Stigmatisierungserfahrungen reflektieren. Unsere Region, die scheinbar in ihrem Reichtum niemanden die peinliche Frage aufdrängt „Und, was ist mit der Armut?“ antwortete spontan und mit klarer Sprache. Denn überall, wo die Karawane hinzog, fand sie Oasen der Armut: ein raffiniertes, verfeinertes Netz, welches das Gewissen der Politik betäubt und die Volksmeinung zu der verengten Aussage kommen lässt, dass doch hierzulande niemand verhungern muss.

Die Akteure

Der dritte Leitsatz der Aufklärung des politisch an die Macht strebenden Bürgertums war immer das Aschenbrödel. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit waren ihre Ideale. Die Freiheit scheint zur Freiheit des Konsums zu verkommen, die Gleichheit zu einer medialen Fata Morgana. Die Brüderlichkeit jedoch kommt wie eh und je in Lumpen daher. Sie ist dort zu spüren, wo das Leben aus der Not heraus zu gestalten ist. Sie hat keine  eigene Stimme und diejenigen, die vorgeben in ihrem Namen zu sprechen, tun es zumeist in eigener Sache.

Die Karawane ist ausgezogen, um daran etwas zu ändern. Freilich nicht ohne Stützpunkt und professioneller Unterstützung. „Ganz unterschiedliche Menschen, diverse Organisationen und Bündnisse tragen die Aktion von unten vom 13.05.10 bis 22.05.10“ (Flyer: Karawane 2010). Sie wollten im europäischen Jahr gegen Armut und Ausgrenzung für die Situation wohnungsloser und prekär lebender Menschen mit öffentlichen Aktionen für ein Recht auf Wohnen sensibilisieren. Ein Mitmachprojekt, das über Monate von wohnungslosen Menschen und Aktivisten geplant wurde. Es war ein Projekt, das mich ansprach und meinen Vorstellungen in der täglichen gewerkschaftlichen Erwerbslosenarbeit begegnete.

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Im Vorfeld fanden Treffen in Radolfzell, Freiburg und Offenburg statt, auf denen die organisatorischen und inhaltlichen Details der Karawane festgelegt wurden. Die Betroffenen wählten sich ein Komitee, bestehend aus fünf Betroffenen, die während der Aktion die Karawane in der Öffentlichkeit repräsentierten.

(Bild: Treffen im St. Ursulaheim Offenburg am 22.03.2010)
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Als weitere Akteure seien noch die Aktivisten der französischen Organisation DAL (Droit au Logement) erwähnt, die mit ihrem Aktionsbus aus Toulouse anreisten. Er diente als Blickfang, Transportmittel für Akteure und Gepäck, als Bühne für Kundgebungen und auch als Schlafplatz.

Ein Menschenrecht auf Wohnen

Immer mehr Menschen in Europa werden unmittelbar von Armut, Erwerbslosigkeit und Wohnungslosigkeit bedroht und betroffen. Der lange schleichende Weg in die Armut als Massenphänomen hat viele Gesichter und Namen – aber nur eine Ursache: der beständige Abbau sozialer Standards und die Hinwendung zu einer neoliberalen Gesellschaftspolitik mit dem Grundsatz: Profit vor Mensch. Seit einigen Jahren kann die Politik die Konsequenzen ihres Handelns nicht mehr ignorieren, doch anstatt wirksam entgegenzusteuern, bedient sie sich lieber kosmetischer Korrekturen und ignoriert die Warnungen, Studien und Vorschläge derer, die Alternativen zum neoliberalen Crashkurs eines Katastrophenkapitalismus aufzeigen. Es war naheliegend als erste Station der Karawane am 13. Mai Strassbourg, den Sitz des Europaparlaments und des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte, aufzusuchen. Es war ein nasskalter Tag, dazu Feiertag, was ein offizielles Zusammentreffen mit Vertretern der Stadt, des Parlaments und des EGH verhinderte.

Am Place Brogli, vor dem Theater, begann die Karawane ihr Aktionsdebut. Unterstützt wurde sie an diesem Tag von der lokalen Gruppe von Droit au Logement. Mit Straßentheater, Demonstrationen ins Stadtzentrum zum Münster und Place Kléber und musikalischen Einlagen wurden über sechs Stunden Öffentlichkeitsarbeit bestritten. Leider konnten die französischen Freunde wenig zur aktuellen sozialen Lage in Strassbourg berichten, was sicherlich das inhaltliche Anliegen der Karawane bereichert hätte. So bleibt dieser Tag, an dem auch Erwerbslose von ver.di Offenburg teilnahmen, eher als mäßig gelungener Auftakt in Erinnerung.


Arm und Reich

Strassbourg war auch der Tag des Sichkennenlernens. Ich hatte meinen Spitznamen „Genosse“ schneller als das Gefühl voll in die Gruppe integriert zu sein. Das Aufeinanderzugehen ist gar nicht so einfach, besonders dann, wenn die Lebensumstände und Biographien scheinbar doch erhebliche Unterschiede aufweisen. Als Gewerkschaftsaktivist in der Erwerbslosenarbeit ist das Handeln in die vertikalen Strukturen des Gewerkschaftsapparats eingebettet. Über aller ehrenamtlichen Arbeit wacht das hierarchische Geflecht aus hauptamtlichen Funktionären und hierarchisch gegliederter Gremienarbeit mit ihrer engen Verbindung zur Parteienlandschaft. Hier ist die Beherrschung der sozialen, politischen und sprachlichen Codes unabdingbare Voraussetzung zum Überleben des eigenen Bewegungsaktivismus. Sie beschreiben in ihrem ideellen Gehalt die Anlehnung an die reformistische Tradition einer mit beiden Beinen (ökonomisch und ideologisch) in der Mittelschicht stehenden Gewerkschaftsbürokratie. Ihr Blick auf das Gemeinwohl liegt in der Sichtweise einer vom sozialen Abstieg gefährdeten Mittelschicht.

Anders die von Wohnungslosigkeit betroffenen. Marginalsiert und in der Gesellschaft kaum wahrgenommen, organisieren einige von ihnen den  täglichen Kampf ums Überleben in den Wohlfahrtsstrukturen kirchlich karitativer Verbände. Nicht alle erhalten Hartz IV und bestreiten ihre existentiellen Bedürfnisse mit Schnorren auf der Straße. Nur wenigen von ihnen gelingt noch ein soziales Handeln entlang der eigenen kollektiven Interessenlage. Im Rahmen der karitativen Wohnungslosenhilfe, können sie sich in Betroffeneninitiativen organisieren. Hier stößt man auf flache Hierarchien, die im besonderen Fall des St. Ursulaheims in Offenburg mit partizipativen Elementen belegt sind. Ein demokratisches Verständnis von Sozialarbeit und aktiver Betroffenheit ermöglichte so ein Projekt wie die Armutskarawane an der sich nicht wenige Berber (also Menschen, die beständig auf der Straße wohnen) beteiligten.

Auf dem Weg nach Baden-Oos, zum Nachtquartier im Wohnungslosenheim, schließe ich eine neue Bekanntschaft. Es ist Jan, der neben mir sitzt und von seinem Leben erzählt. Nicht der voyeuristische Blick auf das Leben am Rande charakterisiert das Gespräch. Es geht um Hartz IV, um Sanktionen, die ihm dem Berber, das Leben zusätzlich erschweren. Die Bürokratie verweigerte ihm das Minimum, das derzeit zur Sicherung einer menschenwürdigen Existenz per Gesetz definiert ist: 11,96 € staatliche Hilfe täglich fürs Leben. Nach 11 Jahren Platte (Code für das Überleben auf der Straße) hat Jan seine eigene Philosophie entwickelt: Er liebt die Freiheit, hält sich eher fern von Menschen und pfeift auf die Bürokratie, die ihn zwingen will,  sich einem Armutsregime von Angst und Repression zu unterwerfen. Jan hat gelernt auf der Straße zu leben und zu überleben, er reist nicht nur in badischen Landen mit seinem Fahrrad umher und auch im Winter übernachtet er auf der Platte.

Ich denke, dass ich keine Nacht in der Kälte überleben würde. Schon jetzt bei 10° ist der Gedanke in einem Großraumzelt auf dem Asphalt schlafen zu müssen äußerst unangenehm. Ich probiere es nicht, schlafe auf der unbequemen und harten Küchenbank der Wohnungslosenhilfe Baden-Oos.

Der nächste Tag, der 14.05.2010, ist ein voller Arbeitstag in Sachen Armut. Wie das Frühstück mundete, das trotz meiner schlechten Zähne und der ständigen Schmerzen beim Kauen, nicht an Appetitlosigkeit leidet. Hier brauche ich mich meiner gesundheitlichen Defizite nicht zu schämen. Es ist ein ausgewogenes Arbeitsfrühstück, liebevoll zubereitet und ausgewogener als ich es mir über Hartz IV leisten könnte.  Die Karawane hat sich in fünf Gruppen aufgeteilt, um Demonstration und Aktion in der Innenstadt von Baden-Baden vorzubereiten. Jan ist mit in meiner Gruppe und übernimmt sofort die Initiative. Er ist  korrekt angezogen, frisch rasiert, dass er hinterm Haus in seinem kleinen Zelt übernachtete, ist ihm nicht anzusehen.

Bis zum Mittag sind drei Plakate fertigstellt, deren Aufschrift ebenfalls in der Gruppe entworfen wurde. Die Unterschiedlichkeit in der Gruppe war ein Abbild des Prekariats: zwei junge Frauen, die zu einer 1-€-Job Maßnahme abgestellt waren (sie ließen sich für die Karawane beurlauben), Jan der Berber, ich der Genosse und Rene´, der irgendwo am Rhein-Rhone Kanal ein Hausboot liegen hat, in dem er wohnt, wenn die Liegegebühren bezahlt sind. Wenn die Liegegebühren bezahlt sind! Aber von was? Früher, erzählt er, ist er mit seinem Boot oft unterwegs gewesen und fischte dabei den Müll aus dem Wasser: „Ich will nicht, dass die Erde zur Müllhalde wird.“

Die Demo geht durch die Fußgängerzone der Innenstadt zum Kurpark von Baden-Baden. Bernd, der mit den Problemen der Stadt vertraut scheint erklärt, dass Baden-Baden seinem Ruf der reichen Stadt schon lange nicht mehr gerecht werden kann. Die Stadt der Reichen unterscheidet sich mit seinen Problemen nicht von denen anderer Städte Deutschlands. Die kommunalen Aufgaben müssen finanziert werden und sie können es immer unzulänglicher, da die Kommunen Einnahmerückgänge zu verzeichnen haben und unter hohem Finanzdruck stehen.  In dieser Hinsicht macht Baden-Baden keine Ausnahme, wenn auch die Fassade noch Hochglanz bietet.

Am Kurpark organisieren die Karawaneteilnehmer einen öffentlichen Workshop. Mit Plakaten und Filzstiften machen sie sie sich Gedanken zu den Thesen: „Ich bin reich an: …“ und „Ich bin arm weil: …“ Zur anschließenden Kundgebung wird das Ergebnis des Ideenwettbewerbs präsentiert. Auf den Plakaten war zu lesen, was die Einzelnen so als Reichtum ansahen: Ideen, Kreativität, Freunde, Herzlichkeit, Hilfsbereitschaft, kurzum Befindlichkeiten des Lebens, die dem marktradikalen Gedanken immer mehr zum Opfer fallen. Ideen wurde zu Innovation, Kreativität zu Prekarität, Freunde zu Geschäftspartner, Herzlichkeit und Hilfsbereitschaft zur Kundenfreundlichkeit. Die Armut aber, so ist immer wieder auf den Plakaten festgehalten, steht hierzulande im Zusammenhang mit den Hartz Gesetzen des Herrn Schröder.

Baden_Baden Trinkhalle

Wenn sich die Stadt auch weltmännisch zu geben versucht, bleibt sie doch nur badisch provinziell. Sie hat es gerade mal auf einen parteilosen Bürgermeister in den Jahrzehnten der Nachkriegsrepublik gebracht, während weitere fünf zuvor und danach die CDU-Parteimitgliedschaft mitbrachten. In der Blüte der 68-iger Revolte war es ein Bürgermeister Schlapper, der  von sich reden machte, indem er 1967das Verbot einer Kundgebung des SDS mit Rudi Dutschke durchzusetzen versuchte. Seither scheint sich die Stadt nur noch über Rennbahn, Trinkhalle und Spielcasino ins Gerede zu bringen und dabei nicht einmal bemerkt zu haben, dass die Globalisierung von unten die Tünche der Stadt verändert hat. Der eigentliche Reichtum, die Banken, drängen sich nicht hervor.  Das Stadttheater spielt keine starken Stücke und auch die Prokopfverschuldung liegt mit 15984 € im Mittelmaß. Längst schon ist die verschlafene und satte Beschaulichkeit der Stadt eingeholt worden: Montagsdemo, Antinatodemo, Antinazidemos, Armutskarawane 2010 sind Ausdruck des Widerstandes gegen die sozialen und politischen Missverhältnisse, der zusammen mit den Neureichen auch hier angekommen ist.

Die 13 Forderungen des Volkes

13 Forderungen des Volkes - Flugblatt 1847

Offenburg erreichte die Karawane am Samstag, den 15. Mai. Der Tag brachte etwas mehr Wärme und die Hoffnung, dass das Wetter dem weiteren Verlauf günstig gewogen bleibt. Die Frauen und Männer, die sich am Vormittag am Lindenplatz versammeln, tun es im Bewusstsein der radikalen demokratischen Tradition dieser Stadt. Sie haben sich Plakate umgehängt, auf denen die 13 Forderungen des Volkes, die auf einer Versammlung in Offenburg von 900 Bürgern und Bürgerinnen am 12. September 1847 beschlossen wurden. Die Versammlung leitete der Bürgermeister Gustav Ree´. Anwesend waren die Revolutionäre Friedrich Hecker, Gustav Struve und Christian Kapp sowie Leute aus allen Schichten des Volkes. Höhepunkt der Versammlung bildet eine Rede Heckers, in der er die „13 Forderungen des Volkes“ vorträgt. Im ersten Abschnitt seiner Ausführungen verlangt er die Wiederherstellung der von der Regierung so häufig verletzten Badischen Verfassung und beschäftigt sich anschließend mit der Weiterentwicklung der Rechte des Volkes. Auf Flugblättern verbreitet finden die Forderungen den Weg bis nach Berlin.

Karawanen kennen das Phänomen der Fata Morgana. Wie, wenn der Hecker auftauchte, oder ein Georg Herwegh über die deutschen Zustände spottete:

Deutschland – auf weichem Pfühle
Mach dir den Kopf nicht schwer!
Im irdischen Gewühle
Schlafe, was willst du mehr?

Es besteht kein Zweifel: sie würden die gesellschaftspolitischen Verhältnisse so schön vertraut finden. Der Herwegh würde dichten:

Ich habe ihr zur Freud geschrieben
zur Schlacht – das Bundeslied
was haben sie getrieben
es war so nah der Sieg

Dann wieder mal auf’s Neue
Mann der Arbeit aufgewacht
damit der Tag gedeihe
erkenne deine Macht

Alle Räder stehen still
Behörden, Bank, Fabriken
wenn es dein Gedanke will
wird es diesmal glücken

15.5.2010 Offenburg-Lindenplatz: 13 Forderungen des Volkes
15.5.2010 Offenburg-Lindenplatz: 13 Forderungen des Volkes

Dass es heute wieder Männer und Frauen sind, die im nicht musealen Stil, sondern im Bewusstsein ihrer Aktualität an die 13 Forderungen erinnern, Männer und Frauen aus dem Volk, Pöbel, Proletariat, Prekariat und wie damals vor 163 Jahren, Männer und Frauen, deren soziale Stellung bewirkt, dass sich die Armen artikulieren, bezeugt die Notwendigkeit einer demokratischen Erneuerung im Sinne der sozialen Gerechtigkeit.

Ich habe die Nacht auf den Samstag zuhause geschlafen, die Bequemlichkeit der Wohnung genützt. Die nächsten 7 Tage gibt es keinen Rückzug mehr von der Straße. Als ich am Vormittag am Lindenplatz ankomme, spielt schon bald darauf das Straßentheater St. Ursulaheim der Wohnungslosen. Es hat Biss und handelt von den heutigen Ursachen der Armut. Eine Karawane zieht durch’s Land und was sie über Armut und Reichtum zu berichten hat, beschreibt auf ansprechend lustige Weise die Entwicklung zur heutigen Ellenbogengesellschaft. Ein Bänker, der im Beruf Bänker war, der die Leute mittlerweile bis auf’s Hemd auszieht. Ein Orakel, das eine Karawane sieht, die durch’s Land reist und die Idee der sozialen Gerechtigkeit mit sich im Gepäck führt. Der Platz ist heute voll, es ist auch Markttag, die Leute kommen und gehen, beschauen neugierig das bunte Treiben der Aktion.

Am Mittag geht es dann zum nahe gelegenen Salmen, dem Ort der radikaldemokratischen Versammlung von 1847. Es kommt dort zum Empfang mit dem Sozialdezernenten der Stadt Offenburg. Das einstmalige Gasthaus mit revolutionärer Tradition wurde 1875 zum Bethaus der jüdischen Gemeinde, dessen Einrichtung im Novemberprogrom von 1938 zerstört wurde.

1933 lebten 271 jüdische Einwohner in Offenburg (1,5 % von 17.976 Einwohner). Auf Grund der Folgen des wirtschaftlichen Boykotts, der zunehmenden Repressalien und der Entrechtung wanderte ein Teil der jüdischen Einwohner aus oder verzog aus der Stadt.

1939 wurden noch 98 jüdische Einwohner gezählt (0,5 % von 19.200), nach der Deportation der badischen Juden im Oktober 1940 waren es zum 1. Februar 1941 noch 45 jüdische Einwohner (großenteils mit nichtjüdischen Familien). Zu hässlichen Szenen kam es bei der Oktoberdeportation 1940: die jüdischen Personen wurden zunächst in den Offenburger Schillersaal als Sammellager verbracht, später zum „Verhör“ in das Gefängnis in der Grabenallee, bis der Fußmarsch zum Offenburger Bahnhof mit Abtransport folgte. Auf der Hauptstraße mussten die jüdischen Personen dabei unter der Verspottung des Offenburger Mobs „Muss I denn, Muss I denn zum Städtele hinaus“ singen.

Offenburg Salmen - Gedenkraum an die Opfer der Naziherrschaft -

Auf der Empore der nunmehr umgebauten und restaurierten  historischen Stätte, ist ein Raum dem Schicksal der jüdischen Gemeinde Offenburg gewidmet. Ein Historiker des Stadtarchivs führte die Teilnehmer der Karawane durch die so unterschiedlichen Epochen des Ortes. Es macht einem Angst wie nahe doch in diesem Land Irrationalismus und Rationalität der Geschichte beieinander liegen. Schleppt sich doch die unvollendete demokratische Revolution von 1848 bis in die heutige Zeit hinein und feiert fröhliche Urständ, einvernehmlich mit der neoliberalen Ideologie vom Ende der Geschichte.

Dabei verweist sie uns doch auf durchaus homogene Entwicklungsstränge zur heutigen Zeit: die Klage der 1848iger über das Regieren der Bürokratie, die fehlende progressive Steuer zur Finanzierung des Gemeinwohls, der fehlende Ausgleich von Kapital und Arbeit (ein Gedanke, dessen Realisierungsmöglichkeit durch den Marxismus verneint wurde), die Pressefreiheit, die Volksvertretung Gerechtigkeitspflege, persönliche Freiheit etc.

Der Nachmittag ist zu kurz, um solche Gedanken zu diskutieren. draußen, im Vorhof des Salmen, hat sich ein Teil der Karawaneaktivisten an den Tischen niedergelassen. Ihnen ist nicht an Empfängen noch an Belehrungen gelegen. Was sollte auch für einen Berber dabei herauskommen, wenn der Sozialdezernent der Stadt Offenburg freundliche Worte spricht. Als es dann zur Demonstration zum Platz der VerfassDemo zum Platz der Verfassungsfreundeungsfreunde geht, sind sie wieder dabei. Es haben sich auch Offenburger Bürger angeschlossen, von denen man es zunächst mal nicht erwartet hätte. Von den Gewerkschaften war wenig zu sehen, von den Parteien einige Vertreter der Grünen und der SPD. Die Linke glänzte durch Abwesenheit.

Es tat dann gut, in Räumen der Kirche empfangen zu werden, auszuruhen, etwas in den Magen zu bekommen und sich auf eine anstrengende Woche vorzubereiten.

Meditation und Kloster – Menschen am Rande

Mannheim -Schwestern der Nächstenliebe-

„Hunde dürfen hier nicht rein!“ war die meditative Einstimmung der Oberschwester für die ankommende Karawane. Wir sind somit bei den Schwestern der Nächstenliebe in Mannheim angekommen. Nach längerem Disput dürfen die Hunde dann doch in den Innenhof. Die Missionarinnen der Nächstenliebe sind ein Orden, der von Mutter Teresa mit zwölf Schwestern in Kalkutta gegründet wurde. Der Orden wurde 1950 vom Vatikan anerkannt. Am 1. Februar 1965 bewilligte Papst Paul VI dem Orden das Decretum Laudis. Der Orden leistet Dienst an den Ärmsten der Armen und ist nahezu auf der ganzen Welt verbreitet. Mehr als 4.500 Schwestern arbeiten in 133 Ländern, der Orden unterhält 710 Häuser. Darunter sind Heime für Sterbende, Lepra- oder Aidskranke, Obdachlose und Kinder.

Es ist Sonntag, früher Nachmittag und es laufen Vorbereitungen für die Messe. Ich überlege, wie ich mich davor drücken kann. Solche Situationen hatte ich vor fünfzig Jahren schon nonchalant lösen können. Hier war aber kein Entkommen möglich. Was, wenn es dem Priester hier ebenso erginge wie dem in Dino Buzzatis Erzählung Accelerazione ? Er brauchte geschlagene drei Stunden für das Zelebrieren eines Hochamts, was sogar den anwesenden Bischof äußerst beunruhigte. Nicht, dass der eine Häresie dahinter vermutete, nein es war ihm unverständlich wie der alte Priester das dreifache der Zeit einer Messe benötigte. Der Priester in Mannheim war in meinem Alter, und in diesem Alter fordert die Zeit mehr Tribut für die alltäglichen Aufgaben.

Er benötigte  eine knappe Stunde, nicht ohne die Anwesenden zur Einstimmung zu fragen, wer alles katholisch sei. Artig hoben die Katholiken die Hände und der Priester mahnte die Nichtkatholiken, dass sie von der Kommunion ausgeschlossen seien. Ausgrenzung! sagte Michael. Mit der könnten wir leben – meinte Dirk. Die Messe hatte etwas von der langweiligen Liturgie, die mich schon als Kind in Schlaf versetzte. Auch die Predigt, die das Karawaneevent hervorhob, hatte wenig mit den prekären Realitäten in den industriellen Kernländern zu schaffen.

Ich erinnere mich an die Kritik von Cristopher Hitchen in seinem Buch The Missionary Position. Er kritisierte Mutter Teresa als Begründerin eines Kults, der sich auf Tod und Leiden stützt. Selbst den heilbar Kranken werde kaum medizinische Hilfe zuteil. Die Zustände in den Heimen seien katastrophal.

Mutter Teresa sagte dazu, dass sie und ihre Helfer keine Ärzte und keine Sozialarbeiter seien. „Was wir tun, tun wir für Jesus.“ Ihre Kritiker hielten ihr vor, nichts gegen die Ursachen von Armut und Leid zu tun. Trotz des hohen Bevölkerungswachstums in Indien trete sie strikt für die katholische Lehre zur Empfängnisverhütung ein. In ihrer Dankesrede für den Nobelpreis in Oslo verurteilte sie die Abtreibung als „größte Bedrohung für den Weltfrieden“.

Im Atrium versammelten sich dann nach der Messe die Karawaneteilnehmer zu Kaffee und Kuchen. Draußen auf der Straße, vor verschlossenem Tor, standen Bedürftige, die auf eine warme Suppe warteten. Später nahm ich etwas Gebäck und schwarzen Kaffee, setzte mich neben eine Siebzigjährige. Nicht nur das Alter auch die Armut war ihr anzusehen. Sie erzählte mir, dass ihre Rente nicht ausreiche, um genügend satt zu werden. Eine kleine Gruppe diskutierte über das gerade Erlebte. Die Realität kirchlicher Wohlfahrt trug in diesem Haus die Prägung vergangener Zeiten. Hier war nichts von dem rebellischen Geist zu spüren, den die Befreiungstheologen Lateinamerikas in Peru, Bolivien oder Nicaragua und Brasilien verbreiten. Ihr Thema ist, die Gläubigen zu motivieren, sich für soziale Veränderungen einzusetzen, gegen Armut und soziale Ungerechtigkeit den Widerstand zu organisieren. Für sie ist Armut kein Naturereignis, sondern politisch verursacht.

Viele von uns verlassen am späten Nachmittag mit einigen düsteren Gedanken den Ort der Nächstenliebe. Die Karawane2010 zieht an diesem Tag weiter nach Heidelberg, zur Übernachtung im Paul Klotz Haus.

Ausgrenzung – Wissenschaft – Ausladung

Wir bekommen noch warmes Essen. Es ist die erste richtige Mahlzeit heute und ich nehme -was selten vorkommt- einen Nachschlag. Die Stimmung ist gut, die organisatorischen Einzelheiten für die nächtliche Unterkunft werden bekanntgegeben. Der Tag war warm heute und auch die Nachttemperaturen scheinen erträglich zu werden. So entschließe ich mich, im Freien zu nächtigen. Wir sitzen vor dem Haus unter dem Chalet und besprechen die Erfahrungen des heutigen Tages. Das Auftauchen zweier Punks bringt Unruhe in den Abend. Er wird vom Diensthabenden vom Hof verwiesen. Die Karawane gegen Armut und Ausgrenzung hat plötzlich ein Problem als er laut gegen den Verweis protestiert: Ausgrenzung!

Einige der Karawanemitglieder intervenieren, wollen den Vorwurf so nicht stehen lassen. Ein leitender Sozialarbeiter verweist auf den Konsens, die Spielregeln der Gastgeber zu tolerieren und bekräftigt nochmals den Verweis vom Gelände des Karl Klotz Hauses. Der Konflikt hat es in sich, wühlt auf, da das Anliegen der Karawane pervertiert scheint. Warum soll jemand ausgegrenzt werden, der offensichtlich zu uns gehört? Mir fällt Herbert Marcuses Essay zur repressiven Toleranz ein. Toleranz ist nach ihm durch den strukturellen Rahmen der Gesellschaft festgelegt. Sie verkehrt sich dort in ihr Gegenteil, wird zur repressiven Toleranz, wo die Spielregeln als reaktionäre erkannt und nicht mehr akzeptiert werden.

Heruntergebrochen auf diesen scheinbar harmlosen, jedoch nicht leicht lösbaren Konflikt, war in der Tat die Erkundigung nach dem Grund des Verweises, die Möglichkeit seiner Auflösung. Es stellte sich heraus, dass beide öfters die Wohnungslosenhilfe in Heidelberg aufsuchen, dass sie selbst bei der Vorbereitung des Empfangs der Karawane mit beteiligt waren und die Karawane an diesem Abend des Eintreffens begrüßen und kennenlernen wollten.

Dennoch bestimmte der leitende Sozialarbeiter, dass sie nicht bleiben dürfen: Er berief sich auf die anerkannten Spielregeln. Es kam etwas Aggressives in den Diskurs, was die Gruppe davon abhielt, die Spielregeln zu durchbrechen und zu beschließen, dass Tom und Uwe bleiben können. Interessant war, dass nur wenige der Gruppe, darunter die Leute von Droit au logement sich trauten, offen dagegen zu sprechen. Ich selbst hatte eher den Status des Gasts in der Gruppe und wollte mich weder zum Wortführer der nun offensichtlichen Minderheit machen, noch den Konflikt über Maßen verschärfen. Was war also zu tun?

Ausgrenzung?Die beiden Punks, Tom und Uwe, verließen das Gelände. Das Tor wurde geschlossen und sie setzten sich draußen auf den Bürgersteig, nicht ohne nochmals gerufen zu haben: Ausgrenzung! Ich begab zu Ihnen draußen vor’s Tor, Lars aus Baden-Baden war schon anwesend und hatte das gleiche Gefühl wie ich. Wir folgten mehr unserem Gefühl als rationalen Erwägungen, da die Gruppe selbst durch die Intervention des Sozialarbeiters  keine Entscheidung herbeigeführt hatte. Ich bereute diese Handlungsweise nicht, da ich die beiden im gemeinsamen Gespräch näher kennenlernte und dadurch mehr Klarheit für die Richtigkeit meines Gefühls und Handelns geschaffen wurde.

Die heutige Gesellschaft hat im Gegensatz zu der 68iger Zeit die repressive Toleranz völlig verinnerlicht. Es gibt weder für sie noch für die Selbstzensur ein ansatzweise kritisches Bewusstsein. Die kleine radikale Minderheit von damals durchbrach bewusst die Spielregeln der repressiven Toleranz und wurde dadurch auf den Klassencharakter von Herrschaft und Macht verwiesen. Diese unmittelbare Feststellung ist heute infolge des Mangels einer kollektiven Rezeption und Vermittlung kritischer Theorie, auf Grund identischer Erfahrungen der Repression, ungleich schwerer zu erhalten. Die Gesellschaft ist zerstückelt in kleinste Einheiten der Repression, in denen eine Orientierung über ihre systemimmanente Voraussetzungen hinaus, nicht vermittelbar scheint.

Tom erzählte mir, dass er mit der der Wohnungslosenhilfe gegenüberliegenden ARGE seine eigenen Erfahrungen gemacht hat. Er beantragte dort im Winter einen Schlafsack und eine Luftmatratze, was ihm allerdings nicht genehmigt wurde, obwohl er sie zum Schutz gegen die nächtliche Kälte benötigte. Er ist 23 Jahre alt, seine Familie hat ihn auf die Straße gesetzt und da abhängig von Drogen und Alkohol, hätte die Behörde ganz andere Verpflichtungen als nur die beantragten Utensilien zu finanzieren. Was ihm widerfahren ist, interpretiert er als willkürliche Schikane einzelner Sachbearbeiter. Bei nur etwas Gegenwehr oder mit Hilfe der Sozialarbeit hätte er seinen Schlafsack erhalten. Er bliebe aber weiter im Netz repressiver Toleranz zappelnd, ohne sich dessen überhaupt bewusst zu werden. So sitzt er auf der Straße und entwickelt mit Uwe bei einigen Flaschen Bier seine eigene Art das Leben als Outsider auszuhalten. Morgen, sagt er, will er mit Uwe auf den Stadtfriedhof, das Grab einiger Leute, die er aus der Szene kannte, aufsuchen.

Platte hinter'm Haus der Wohnungslosenhilfe HeidelbergIch verkrieche mich etwas später in den Schlafsack. Ich mache Platte. Die Nacht ist kalt und die Feuchtigkeit dringt durch die Kleider. Es braucht gewöhnlich seine Zeit bis der Schlaf kommt, wenn die Ereignisse des Tages Revue passieren. Doch diese Nacht stellt sich der Schlaf gleich ein.

Heidelberg, Wohnungslosenhilfe, 17.05.2010: Die Vielfältigkeit des Frühstücks ist erfreulich, die sanitären Anlagen für die morgendliche Toilette weniger. Ein Waschbecken, eine Toilette, eine Dusche für ca. 50 Personen. Ich versuche nach dem Frühstück noch mal mein Glück, irgendwann klappt dann auch den Druck täglicher Bedürfnisse loszuwerden. Früh am Morgen ist mit der Kälte zu kämpfen. Bruno hat sich mit seiner Familie einen Campingtisch in den ersten Sonnenstrahlen hergerichtet. Er ist wie immer gut gelaunt, ein Mann des Südens, der den frühen Morgen melodisch begrüßt. Seine Partnerin hält das Kleine auf dem Schoß. Sie wohnen unterm Jahr im Karawanebus von Droit au logement, der durch Frankreich zieht und vor Ort mit Betroffenen Aktionen gegen ihre Wohnungslosigkeit wie z.B. Besetzungen freier Wohnungen organisiert. Ohne die Action direct wäre auch in Frankreich nicht das durch die Verfassung garantierte Recht auf Wohnen unmittelbar zu erreichen.

Vorbereitung des Aktionstages in HeidelbergUm 10:00 Uhr ist ein Meeting angesetzt, die Aktionen des Tages durchzusprechen. Nochmals entfaltet sich die Diskussion um den Vorfall von gestern Abend. Tom und Uwe sind auch dabei, sie haben Gelegenheit, ihren Standpunkt darzulegen. Tom sagt, dass er gestern gekommen ist, die Karawane gegen Armut Ausgrenzung zu begrüßen und was er erlebte, war Ausgrenzung. Er ist ein gutmütiger Kerl, nicht nachtragend und will sich an den heutigen Aktionen beteiligen.

Die sind in Vorbereitung, vor dem Chalet werden die Aktion notwendigen Utensilien angesammelt. Bis zum Aufbruch zur Demo ist noch mehr als eine Stunde zu verbringen. Wir warten. Warteräume geben Zeit. Man wartet auf Godot, … darauf, dass der Eismann kommt, … führt Flüchtlingsgespräche irgendwo zwischen Nowosibirsk und Berlin, … bietet sich höflich selbst gedrehte Zigaretten an und fragt nach der Uhrzeit. Rene´ erzählt, dass sein Vater ihm prophezeite, irgendwann im Gefängnis zu landen. Und? Rene‘ kam ins Gefängnis – wegen Geringschätzung von Privateigentum. Ich gehe im Wartesaal umher, treffe auf Bodo, der sich darüber beklagt wie er beim Arzt behandelt wurde, und Uwe, der es im Altersheim nicht aushielt und erst mal die Straße zur weiteren Lebensgestaltung ausgesucht hat. In einem sind sie sich einig: Dass sich das Warten auf die Demo lohnt!

Gegen ein Uhr Mittags brechen wir auf, von der Kaiserstraße zum Römerkreis und die Römerstraße entlang, vorbei an der Polizeidirektion zum Soziologischen Institut der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg. Gegründet 1386, ist sie die älteste Uni Deutschlands. Semper Apertus, stets geöffnet, ist ihr mittelalterlicher Wahlspruch. Seine Verwirklichung variierte mit der Auslegung und den Ereignissen der Zeitläufe. Ob sie jemals wirklich offen war? In der jüngeren Geschichte hatte sie größte Schwierigkeiten ihrem Wahlspruch gerecht zu werden. Sie nannte sich nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten als erste im Deutschen Reich Nationalsozialistische Universität, im Mai 1944 waren es v.a.  Akademiker, welche sich an der Bücherverbrennung beteiligten. Der lebendige Geist der Pallas Athene wurde durch den deutschen Geist des deutschen Adlers ersetzt.

Heidelberg 17.05.2010
Wann ziehen Sie ein?

Aber auch die Nachkriegsrepublik hatte ihre Schwierigkeiten bis heute das Semper apertus zu garantieren. Immer dann, ob 68iger oder Studistreiks von heute, wenn die Grenzen der repressiven Toleranz erreicht waren, hieß es Semper clausus. Immer geschlossen für jene, welche die Paradigmen dieser Gesellschaft hinterfragen und die „Kritik der Waffen“ (K.Marx, Feuerbachthesen) sprechen lassen. Wir wollen es ausprobieren das Semper apertus, nachdem schon in nächster Nachbarschaft der Wohnungslosenhilfe, in der Belfortstraße, mit menschenfreundlicher Einladung geworben wird: Wann ziehen Sie ein? Sofort würde mancher von uns erwidern, selbst die Sterilität eines Bürokomplexes ist einem kalten Winter vorzuziehen.

Soziologisches Institut in Sichtweite

Wir nehmen die Uni nicht im Sturm. Zunächst werden die Schützengräben ausgehoben. Der Karawanenbus wird auf der Straßenseite des Campus in Stellung gebracht. Zwischen uns und den Studenten, die gerade Mittagspause zelebrieren und es sich an den Tischen beim Portal bequem gemacht haben, liegt Niemandsland: der Campus. Dann beginnen die Verhandlungen. Die Studenten und das akademische Personal nimmt diese sonderbare Truppe mit 50 m Abstand als willkommene Abwechslung im akademischen Alltag. Wenn sie uns nur nicht zu nahe rücken!

Vom Karawanenbus her wird über Lautsprecher unsere Anwesenheit begründet. Das von der Europäischen Kommission ausgerufene Jahr 2010 gegen Armut und Ausgrenzung ist Anlass der Reise durch die Badischen Lande. Heute, erfahren die erstaunten Anwärter soziologischer Disziplin, soll ein Austausch zwischen Praxis und Wissenschaft stattfinden. Ob jemand dabei wohl etwas lernen wird? Aber zunächst wird verhandelt, wo dieser Austausch stattfindet. Der Dekan weist uns ein lauschiges Plätzchen hinter dem Seitentrakt des Gebäudes zu, das uns wohl fernab vom profanen Universitätsbetrieb, schützen soll. Die Karawane hat schon einiges an Aufsehen erreicht, jedoch auch nicht so viel, dass es die Studenten in der Masse gereizt hätte, dem angesagten Kolloquium beizuwohnen. Außerdem hat die Mainstream- oder Exzellenzsoziologie als Lehrfach ganz andere Aufgaben als sich theoretisch mit der Beseitigung der Ursachen sozialer Widersprüche und dem Erarbeiten sozialer Gesellschaftssysteme auseinander zu setzen.

Der Linguist und Verfasser des Romans „Im Namen der Rose“ Umberto Eco beschreibt eben dort die Einberufung eines Disputs in einem Konvent der Kluniazenser zur Frage, ob Christus irdische Güter besaß. Der im 14. Jahrhundert unter Anwesenheit eines Vertreters der Inquisition geführte Disput war eher gedacht, dem mittelalterliche Pauperismus und seinen Umtrieben ideologisch ein Ende zu setzen. Seine radikalen Vertreter (Fra Dolcino), die militante Formen des Kampfes gegen die besitzende Kirche anwandten, waren zu dieser Zeit schon besiegt.  Die zum Disput anwesenden Franziskaner, die dem Pauperismus nicht abgeneigt waren, standen unter inquisitorischem Verdacht. Im 14. Jahrhundert besaß die Kirche das Privileg auf Wahrheit und die Deutungshoheit über die Welt. Dieses Privileg reklamiert heute die Wissenschaft für sich – in Sachen Armut: die Armutsforschung.

Es ist seltsam, dass mir gerade während der zehn Karawanetage dieser Roman mehrmals in den Sinn kam. Die Dolcinianer der soziologischen Wissenschaften wurden besiegt und der politische wie praktische Disput trägt Spuren des Inquisitorischen und es bleibt damals wie heute ratsam, seine Worte sorgsam zu wählen. Das Glaubensbekenntnis heute heißt immer noch: „Ja, Christus führte einen Geldbeutel mit sich!“ Das Gegenteil zu behaupten, wäre politischer Selbstmord. Die These kommt heute aufgeklärt daher und bekennt sich als Modernisierungstheorie oder Trickle-down Theorie, oder: Reichtum ist auch für die Armen zu etwas nütze. Es liegt in der Natur merkantilen Handelns, dass Reichtum und Wohlstand auch den Armen zu Gute kommt.

Ein Disput zwischen Wissenschaft und Betroffenheit

Man konnte nur gespannt sein, was die Wissenschaft an einer der Geburtsstätten der Soziologie (Max und Rudolf Weber) den Armen über Armut sagen konnte. Die kleine Sommeruniversität für Arme, hinter dem Seitentrakt der Alma Mater Heidelberg begann mit der Einführung derer, die sich „berufsmäßig mit Armut befassen.“

Erstaunt hörten die frischgebackenen Studis, dass Prof. Kohl, der sich zum Gespräch bereit erklärte, sich schon mehr als 15 Jahre wissenschaftlich mit Armut beschäftigt. Manch einer fragte sich, was dabei herausgekommen ist. Immerhin war die Bereitschaft zur Diskussion auf Augenhöhe vorhanden, wenngleich empirisch soziologischer Forschungsansatz: „Sie erzählen uns, wie sie da rein gekommen sind, was Sie unternommen haben wieder herauszukommen, was Sie sich erwarten, von dieser öffentlichen Diskussion.“ Der Leser bemerkt sofort, dass die empirische Forschung das Opfer auf’s Korn nimmt und nicht den Täter. Sie beschäftigt sich allerhöchstens mit der Frage, wie den Strategien der Täter zu entkommen sei.

Die Opfer der unsichtbaren Hand, die von Adam Smith, dem Begründer der Nationalökonomie,  nicht einkalkuliert waren, denn nach seiner Wissenschaft werden die Reichen unbewusst zur Wohltätigkeit an den Armen gelenkt, gaben offen am Mikrophon Auskunft zu den vorgegebenen Themen. Es hatte fast etwas therapeutisches, vielleicht auch etwas Befreiendes, sich für seine Situation nicht zu schämen zu müssen, sondern endlich mal angehört zu werden. Jörg erzählte, dass er fünf Jahre im Knast saß, dann abgestürzt sei, weil er draußen außerhalb der Mauern keine Chance hatte. Dass er erst nach dem Knast abgestürzt ist, dieser Widerspruch lässt sich auflösen. Der italienische Komiker Toto hat dieses Thema auf sympathische Weise in einem Film behandelt. Manchmal ist die Welt draußen grausamer als drinnen, innerhalb der Mauern. Drinnen verdient einer 1,80 € die Stunde, draußen wenn er Pech hat nichts. Jörg plädierte dafür, dass sich die Leute zusammentun, denn „einzeln das bringt nichts“. Dabei wäre es ihm lieb, wenn die Reichen auch mitmachen. Dass seine Anmerkung dennoch nicht so abwegig ist wie sie auf den ersten Ton daherkommt, und entsprechend Anklang und Honorierung findet, wird sie von den Protagonisten der Sozialstaatsideologie vorgetragen, kam bei seinen einfachen, direkten Wünschen nicht ins Bewusstsein. Jörg tat nichts anderes als in seinen Worten an die gesellschaftliche Verpflichtung des Privateigentums zu erinnern. Dass er dafür Gelächter im Publikum erntete, ist nicht unbedingt ein Beweis dafür, dass das tägliche Spiel des Kapitalismus durchschaut wurde.

Prof. Kohl war vermutlich erleichtert, dass die an ihn gerichtete Frage von Jörg zunächst auf ein Feld führte, wo die wenigsten im Publikum mitreden konnten. Er erkundigte sich nach den Finanzierungsmöglichkeiten des Studiums. Dennoch war die Beantwortung der Frage in zweierlei Hinsicht aufschlussreich. Der Herr Prof., der beteuerte, nichts mit einem gleichnamigen Kanzler zu tun zu haben, beschreibt über einen Zeitraum von vierzig Jahren die Veränderungen in den statistischen Werten der Bafögbezieher, also derjenigen, die ihr Studium durch staatliche Finanzierung sicherstellen. Und die stellen sich immens dar. Zu Zeiten seines Studiums, führte er aus, lag die Anzahl der Befögbezieher bei 50%, sie hätte über die Jahre auf 20% abgenommen und sei „erstaunlicherweise“ um die Jahrtausendwende wieder etwas – „das wird sie jetzt wundern“ – angestiegen. Das erstaunliche Phänomen kommentiert er mit der Verbesserung der Studienbedingungen. Dass und wie sie sich verschlechtert haben, erfahren wir also nicht. So ist für ihn die Einführung der Studiengebühren ein minimaler Bruchteil dessen, was die Ausbildung kostet. Dabei wäre gerade jetzt die Möglichkeit gegeben gewesen, zum Thema Armut und Ausgrenzung deutlichere Töne anzuschlagen. Sicherlich wusste er auch von der Studie, welche über die Soziologiestudenten Heidelbergs zu berichten weiß, dass 60% von ihnen das Studium durch Nebenerwerbstätigkeit finanzieren muss.

Man könnte in Abänderung von Wittgensteins Aphorismus in seinem Werk über Gewissheit, aus dieser Begegnung mit einem Wissenschaftszweig der Armutsforschung folgende Schlussfolgerung ziehen:

„Ich sitze mit einem Soziologen im Park; er sagt zum wiederholten Male: ‚Ich weiß, das ist ein armer Mensch‘, wobei er auf einen Berber in der Nähe zeigt. Der Berber hört es, und ich sage ihm: ‚Dieser Mensch ist nicht verrückt: Er ist von Beruf Soziologe.‘“

Stellenweise wurde der Disput dennoch pikant, v.a. in einem Beitrag von Jette, der die Konkurrenz von Studenten und Hartz IV-Betroffenen auf dem Wohnungs- und Arbeitsmarkt thematisierte. Weitere Beiträge bewirkten, Gemeinsamkeiten in den Lebenslagen der doch so unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen festzustellen, wenn auch das klassenspezifische Misstrauen der Straße überwog. 25 Jahre Forschung und nichts bewirkt – war eine Bemerkung am Rande, die aber auf große Zustimmung stieß. Der Wissenschaftler verteidigte so gut es ging seine Zunft gegen die Stimme der Armut. Die Politik sei das Problem – die Umsetzung wissenschaftlicher Ergebnisse in den Kontext der gesellschaftlicher Entwicklung.

Nach den verbalen Schlachten mit der akademischen Zunft, ging es dann am späten Nachmittag zum Bismarckplatz. Ich hatte wahrscheinlich wie die meisten der Teilnehmer das Gefühl, dass Prof. Kohl gerne noch weitere 15 Jahre über Armut forschte, was aber für sein Alter unwahrscheinlich bleibt, dass wir jedoch im Vertrauen auf die soziologischen Wissenschaften unserer Situation keine Wende werden geben können. Wie ein deutliches Zeichen der Auspizien kamen wir auf dem Weg zur Endetappe dieses Aktionstages an einem Werbeplakat vorbei, auf dem strahlende Gesichter von Studierenden zu einer Infoveranstaltung über Bachelor Abschluss Informatik einluden: Eingang rechts von McDonald. Die Werbung des privaten Unternehmens in Sachen höhere Ausbildung, brachte das Erlebte nochmals auf den Begriff. Es beschreibt die Misere der heutigen Gesellschaft, die Bildung als Ware anpreist und wer weiß, in 15 Jahren wird der Herr Prof. Kohl vergeblich nach der Mensa fragen. Man verweist ihn auf die Fastfoodketten, vor denen Menschen um ein Almosen bitten.

Zur Demo rief ein Bündnis auf: Wohnungslosenhilfe und Montagsdemo, die hier in Heidelberg noch überlebt hat. Abschließend war ein Empfang beim Oberbürgermeister vorgesehen, der aus Zeitgründen kurzfristig abgesagt wurde.

Wird fortgesetzt!

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